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München 1938: Der Deal mit Hitler

MrWissen2go Geschichte | Terra X12:08

Transcription

Im September 1938 kommen vier Staatschefs in München zusammen. Sie wollen einen Krieg verhindern. So lautet die offizielle Version. Ein aktueller Spionagethriller greift dieses historische Ereignis auf. (Spannungsvolle Musik) (Musik stoppt.) (Nachdenkliche Musik) Männer und Frauen aus dem Vereinigten Königreich und dem Empire. Solange der Krieg noch nicht begonnen hat, besteht immer noch Hoffnung, dass er verhindert werden kann. Aber stimmt das tatsächlich?

Dass Hitler auf Eroberung drängt, ist allen Anwesenden bekannt. Aber vor allem Frankreich und Großbritannien wollen einen Krieg unbedingt verhindern. Ihre Antwort heißt Appeasement, also Beschwichtigung, mit kleineren Zugeständnissen. Und tatsächlich: In München siegt die Diplomatie. Allerdings hält der Friede gerade mal ein knappes Jahr. Haben Frankreich und Großbritannien zu kurz gedacht? Gab es überhaupt eine Chance, Hitlers Angriffskrieg zu verhindern? Die Antworten darauf bekommt ihr in diesem Video. (Rattern, Klingeln)

Starten wir mit dem ersten Kapitel: Hitlers Expansionsplänen. Früh schmiedet Adolf Hitler Pläne für Krieg und Expansion, und zwar lange, bevor er die Macht übernimmt. Schon in seinem Buch "Mein Kampf" hält Hitler Mitte der 20er-Jahre seine Kriegspläne fest. Er will den Osten Europas "germanisieren". Und Krieg ist für ihn dabei von Beginn an ein legitimes Mittel. Schon im Februar 1933, also praktisch sofort nach seinem Antritt als Reichskanzler, weiht Adolf Hitler seine Generäle ein. Deutschland soll zurück zu alter militärischer Stärke. Dafür lässt Hitler aufrüsten und führt die Wehrpflicht wieder ein. Das ist nach dem Versailler Vertrag verboten. Er tritt aus dem Völkerbund aus, und schon 1936 folgt der nächste Vertragsbruch. Hitler lässt Soldaten in das Rheinland einmarschieren, eigentlich eine entmilitarisierte Zone. Zwei Jahre später marschiert die deutsche Wehrmacht in Österreich ein.

Hitler will noch weiter expandieren und dafür die Tschechoslowakei, die jetzt zu großen Teilen an das deutsche Reich grenzt, vollständig zerschlagen. Das Land ist wichtig für den Diktator, vor allem aus ideologischen Gründen. Die Tschechoslowakei ist für Hitler ein Zeichen der Niederlage. Sie entsteht nach dem Ersten Weltkrieg, auch aus Gebieten, die Deutschland und Österreich aufgeben mussten. Damals leben dort viele Deutsche, vor allem im Sudetenland. Zudem würden die reichhaltigen Eisen- und Kohlevorkommen dort Ressourcen für Hitlers Kriegswirtschaft liefern. Auch strategisch hätte eine Zerschlagung Vorteile. So hätten mögliche Gegner keine Möglichkeit mehr, von dieser Seite aus direkt auf deutsches Gebiet einzufallen. Hitlers Griff nach dem Sudetenland soll der erste Schritt sein, um das ganze Land unter seine Kontrolle zu bringen. Als Anlass nimmt er die Klagen über Unterdrückung der dortigen deutschen Minderheit. Das sind etwa drei Millionen Sudetendeutsche. Vor einem riesigen Publikum beim Reichsparteitag spricht Hitler am 12. September 1938 davon, ihnen beizustehen: (Er liest vor.) Aber auch wenn die deutsche Minderheit tatsächlich benachteiligt wird, und die Arbeitslosigkeit hoch ist, ist das natürlich bewusst übertrieben. Hitler setzt der Tschechoslowakei ein Ultimatum. Entweder sie räumt die betreffenden Gebiete und tritt sie ab, oder die Wehrmacht marschiert ein. Insgeheim hofft er auf einen rein lokalen Konflikt. Mit seinen Forderungen setzt er auch andere europäische Mächte unter Druck, vor allem Frankreich und Großbritannien. Die haben ein Verteidigungsbündnis mit der Tschechoslowakei und müssten in so einem Fall militärischen Beistand leisten. Und genau das stellt die Mächte vor ein Dilemma. Die Truppen mobilisieren lassen gegen Hitler? Einen Krieg in Kauf nehmen?

Hitler kennt das Dilemma der Alliierten. Er pokert in dem Glauben, dass sie stillhalten werden. Und falls nicht, ist er jederzeit bereit für einen Krieg. Und damit zu Kapitel Nummer zwei: die Konferenz.

Nach bilateralen Gesprächen, die nicht richtig helfen, kommt es am 29. September 1938 schließlich zum Treffen von vier Staatschefs in München. Wir schauen uns an, wer da eigentlich am Tisch sitzt und warum. Das Wer ist schnell erzählt. Vertreten sind Hitler, der italienische Diktator Benito Mussolini, der britische Premierminister Neville Chamberlain und Frankreichs Premierminister Édouard Daladier. Wichtig ist auch, zu erwähnen, wer nicht dabei ist: Vertreter der tschechoslowakischen Regierung oder sowjetische Verbündete. Die sind nicht eingeladen, ein diplomatischer Affront. Denn die vier Mächte verhandeln über den Kopf der Tschechoslowakei hinweg über deren Gebiete. Über Hitlers Ziele haben wir schon gesprochen. Was versprechen sich die anderen Verhandlungspartner?

Mussolini ist vor allem eingeladen, um zu vermitteln. Aber neutral ist er nicht. Der faschistische Diktator hat gute Kontakte zu Hitler. Es ist eine wohlinszenierte Männerfreundschaft. Beide verfolgen imperiale Ziele, sind politische Bündnispartner. Auch Mussolini verspricht sich von der Konferenz Machtgewinn. Er will seinen Einfluss besonders in den Gebieten mit italienischen Minderheiten gestärkt wissen, Dalmatien oder Korsika. Aber solche Zusicherungen bergen für ihn auch eine Gefahr. Denn auch im italienischen Südtirol lebt eine große deutsche Minderheit, ähnlich wie im Sudetenland. Nach dieser Minderheit könnte Hitler früher oder später die Hand ausstrecken.

Als Verhandler sind außerdem die Briten dabei. Und zwar in Form von Neville Chamberlain. Bei seiner Ankunft wird er von einer jubelnden Menge empfangen. Denn damals fürchten auch viele Deutsche einen Krieg. Zu präsent sind noch immer die Schrecken und die von vielen als Schmach empfundene Niederlage des Ersten Weltkrieges. Deshalb hoffen viele auf eine friedliche Lösung. Chamberlain gilt als Hoffnungsträger, den Frieden zu wahren. Auch wenn er selbst zu alt war, um zu dienen, hat er wie die meisten seiner Landsleute die Schrecken des Ersten Weltkrieges noch vor Augen. Mehr als 700.000 Briten sterben. Dazu kommen etwa 200.000 Tote aus den Gebieten des Empires, unzählige Traumatisierte, Verletzte, Verschollene. Dieser große Krieg von damals, das hoffen viele in England, wird der "war, that ends wars", der Krieg, der die Kriege beendet. Daraus resultiert eine außenpolitische Strategie, die die Briten gegenüber Hitlers Provokationen seit Machtantritt konsequent beherzigen: Beschwichtigung. Diese sogenannte Appeasement-Politik soll eine große Auseinandersetzung vermeiden, in dem man diplomatische Zugeständnisse macht. Wir merken also: So sehr Hitler einen Krieg will, so sehr will Chamberlain ihn verhindern.

Jetzt zu den Franzosen. Auch sie sitzen als Verhandler am Tisch. Sie sehen die deutsche Mobilmachung und Expansion mit großer Sorge und halten nichts vom milden Kurs der Briten. Premierminister Édouard Daladier will die Tschechoslowakei eigentlich schützen. Aber ohne die Rückendeckung aus London kann er keinen Konflikt mit Deutschland riskieren. Das wäre zu gefährlich.

Damit zum nächsten Kapitel, Kapitel Nummer drei: Beschlüsse und Folgen der Konferenz.

Wie läuft denn diese Konferenz konkret ab? Ihr ahnt es vielleicht schon, dass die großen Fragen im Voraus bereits entschieden sind. Die Konferenz an sich kann man vielleicht als Show betrachten, vor allem von Adolf Hitler. Dabei wissen wir, dass im Detail nicht alles so geklappt hat, wie es sich "der Führer" gewünscht hat. Hakenkreuzfahnen und rote Teppiche schmücken den protzigen Führerbau am Königsplatz in München. Uniformierte SS-Männer stehen Spalier. Aber drinnen bei den Verhandlungen fehlt es an Briefpapier, an Stiften und auch an funktionierenden Telefonleitungen. Also außen hui aus Sicht der Nationalsozialisten, innen pfui. Chamberlain versucht wohl, von Hitler eine Entschädigung für die Tschechoslowaken herauszuhandeln. Darüber entbrennt Streit, am Ende kann sich Chamberlain nicht durchsetzen. In der Nacht zum 30. September 1938 liegt der Deal zur Unterschrift bereit. Das sogenannte "sudetendeutsche Gebiet" wird an das Deutsche Reich abgetreten. England und Frankreich garantieren der übrigen Tschechoslowakei Unabhängigkeit und Schutz. Den Tschechen bleibt nichts anderes übrig, sie müssen sich fügen. Schon in den nächsten Tagen rücken deutsche Soldaten ein. In ihrem Windschatten die Männer der SS und der Gestapo, also der Geheimen Staatspolizei. Ohne Zögern fangen sie sofort an, politische Gegner zu verfolgen, darunter auch viele, die vor der Verfolgung aus Deutschland geflohen sind und sich sicher geglaubt haben, Kommunisten und Sozialdemokraten etwa. 20.000 von ihnen werden kurz nach dem Einmarsch festgenommen. Viele kommen in Konzentrationslager, die's damals schon gibt. Der nationalsozialistische Terror regiert auch im Sudetenland.

Für die Tschechoslowakei folgt auf das Münchner Abkommen der Niedergang. Nicht nur an Deutschland verliert sie Gebiete, auch Ungarn und Polen beanspruchen Territorium für sich. Bei der Konferenz setzt sich also Hitler auf den ersten Blick mit seinen Forderungen durch. Der Haken daran ist: Er fühlt sich gar nicht als Sieger. Lieber hätte er schon zu diesem Zeitpunkt einen Krieg begonnen. Am besten ein schneller Schlag gegen die Tschechoslowakei, ohne dass Frankreich und England eingreifen. "Dieser Kerl", also Neville Chamberlain, "hat mir meinen Einzug in Prag verdorben!", soll er kurz nach der Konferenz gesagt haben. Öffentlich lassen er und Mussolini sich als Friedensbringer inszenieren und feiern. Aber in Wahrheit ärgert sich Hitler darüber, dass sich die deutsche Bevölkerung so enthusiastisch über den Frieden freut. Auch Daladier und Chamberlain verkaufen das Münchner Abkommen als Erfolg. Damit sei der Friede gerettet, auch wenn einige Kritiker das schon bezweifeln. Winston Churchill, der spätere britische Premierminister, warnt schon vor dem Abkommen: (Er liest vor.)

Tatsächlich ist es so, dass die Deutschen kein halbes Jahr später das Münchner Abkommen brechen. Am 15. März 1939 marschiert die Wehrmacht in Prag ein. Während sich die Slowakei auf Hitlers Druck hin abspaltet, erhalten die restlichen Landesteile der Tschechei den Status "Protektorat Böhmen und Mähren". Hitler kommt im März selbst nach Prag, freut sich über die Hakenkreuzfahnen, die den Nazis entgegenwehen und spricht vom schönsten Tag seines Lebens. Die Nationalsozialisten entwaffnen die Armee und gehen hart gegen Emigranten, Juden und politische Gegner vor. Unzählige von ihnen sterben in deutschen Konzentrationslagern. Auch die übrige Bevölkerung wird diskriminiert, leidet unter Vergeltungs- und Zwangsmaßnahmen. Und Frankreich und Großbritannien? Hatten die in München nicht Unabhängigkeit und Schutz für die übrigen Gebiete der Tschechoslowakei garantiert? Ja, aber sie greifen nicht ein. Es ist offensichtlich: Ihre Appeasement-Politik gegenüber Hitler ist gescheitert. Als Hitlers Truppen aber im September 1939 Polen überfallen, greifen sie zu den Waffen. Und damit beginnt der Zweite Weltkrieg, den sie so sehr verhindern wollten.

Damit kommen wir zum letzten, zum vierten Kapitel: Bewertung der Appeasement-Politik.

War all die Diplomatie umsonst? Hätte man Hitler früher mit anderen Mitteln stoppen müssen, um einen Weltkrieg zu verhindern? Ich denke, auch wenn die Westmächte unterschätzt haben, wie sehr Hitler Krieg will, waren sie nicht blind für die Zeichen. Die Diplomatie hat Zeit verschafft, sich militärisch auf Krieg vorzubereiten. Sie hatten natürlich auch nicht das Wissen, das wir heute haben. Man muss Chamberlain und Ko. zugutehalten, sie haben bis zuletzt auf eine friedliche Lösung gesetzt. Oder nicht? Auch heute fällt bei internationalen Konflikten immer wieder das Stichwort Appeasement-Politik. Die einen sehen darin die Lösung, die anderen einen fatalen Fehler, eben mit Verweis auf damals. Was denkt ihr denn darüber? Schreibt es gerne unten in die Kommentare, lasst uns das ein bisschen bewerten. Ist ein interessantes und heikles Thema. Damit noch ein Verweis auf zwei Videos neben mir. In einem geht es um die Geschichte der Sudetendeutschen von "MrWissen2go Geschichte". Darunter ein Video von "Terra X" über den Angriff der Wehrmacht auf die Sowjetunion. Schaut gerne mal rein. Danke fürs Zuschauen, bis zum nächsten Mal.