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Disneys Schneewittchen 2.0 ist eine einzige Katastrophe! SPOILER-Review & Analyse

MovieAmphs35:39

Transcription

[Musik] Ja, liebe MS, ich war letzte Woche Donnerstag im Kino und habe einen fast zweistündigen Fehler gesehen. 110 Minuten, in denen sich einfach alles falsch anfühlte: Inszenierung, Optik, Schauspiel, Effekte, Erzählung, Musik, Dialoge. Was war passiert? Disney hat selbstverständlich wieder mal so einen mittlerweile typischen Disney rausgehauen, einen von diesen vielen, vielen aus den vergangenen Jahren, die sich alleamt anfühlen, als seien sie ein und derselbe Film. Dieser Wald, das Zwergenhaus – sieht das alles scheiße aus! Stech mir bitte beide Augen aus! Nur weiter, Disney-Shit, sonderbarer Müll, der brutal floppt! Ein Wahnsinn, dass das keiner stoppt! Wie lang dauert dieser Müll noch? Nur weiter ist nicht Shit, bei dem man Hirnzellen verliert. Nichts macht hier Sinn. Lieber schaue ich „Rings of Power“. Es interessiert kein Schwein. Du sitzt ganz allein im Kinosaal und durchlebst diese Qual. Der Film bringt’s einfach nicht. Alles, was er verspricht, ist, dass man sich erbricht. Keine große Überraschung. Also, Schneewittchen ist, wie vermutet, in erster Linie ein Offenbarungseid an Ideenlosigkeit und schlechtem Storytelling. Lass mich das anhand von nur einer Szene im Vergleich zum Original von 1937 mit Hilfe eines Gedankenexperiments erläutern.

Die Verwandlung der bösen Königin im Klassiker: schaurig schön inszeniert. Die Kamera umkreist die Königin, die zunächst wirkt, als habe sie Schmerzen. Dann Umschnitt auf die Hände, auf den Schatten an der Wand. Der Grusel entsteht also in unserem Kopf, unterstützt von der Stimme der Hexe: Meine [Musik] Hände! Dann ein kurzer Moment der Spannung, als sie ihr Gesicht hinter dem dunklen Gewand verbirgt. So viel zur Originalversion. Jetzt stellt euch einmal die unkreativste Person vor, die ihr kennt, wirklich die unkreativste, die letzte Person, die etwas von Bildsprache oder Film versteht. Gebt ihr ein paar hundert Millionen Dollar und fragt euch: Wie würde diese Person die Szene wohl inszenieren, ohne Beratung, ohne Hilfe, ohne jegliches Gespür für Bildsprache? Die Antwort lautet: Genauso, wie es Disney in der Neuverfilmung getan hat: eine statisch wirkende Halbnah, in der die Hexe mit Hilfe von CG altert, gge zuckt einmal kurz, aber verzieht sonst keine Miene. Kaum eine Emotion zu sehen, keine aufregende Kamerafahrt, kein Gespür für Spannung, kein Hauch von märchenhafter Magie. Wenn ihr den Film seht – was ich euch nicht empfehlen kann – dann vergleicht einmal beide Fassungen, und ihr werdet feststellen: Disney hat alles an Kreativität und filmischem Können verloren. Und das hat nichts mit nostalgischer Brille zu tun, sondern mit der offensichtlichen Lieblosigkeit, mit der Müll wie dieser mittlerweile am Fließband rausgekackt wird. Ich hasse Disney, ich hasse die Filme, und ich gestehe ein, ich bin gar nicht mit so einem ganz schlechten Vorgefühl in den Film gegangen. Ich habe vorher noch kurze WhatsApp-Nachrichten mit unserem Doc für alle Fälle, Dr. Daniel Herzenberger, ausgetauscht. Ich schrieb: Zitat: „Wird das vielleicht die Überraschung des Jahres?“ Aber Schneewittchen ist leider ein weiterer Tiefpunkt im Einheitsbrei der Disney-Marvel-Star-Wars-Milliardengrabfabrik.

Doch bevor wir da ins Detail gehen, ein Blick zurück zum Original von 1937. Dazu eine kleine Anekdote: Vor wenigen Jahren veranstalteten wir auf einer Firmenfeier Karaoke, und wir hatten zu dem Zeitpunkt zwei junge Praktikanten, die gerade von der Schule kamen. Die griffen sich zu später Stunde das Mikro und sangen das [Musik] hier, und alle stimmten mit ein. Warum erzähle ich euch das? Weil ich Bewusstsein dafür schaffen will, dass es außer Schneewittchen von 1937 keinen Film gibt, der jetzt fast 90 Jahre auf dem Buckel hat und bis heute einen so starken popkulturellen Einfluss hat. Menschen jeden Alters – achtjährige, 18-jährige, 80-jährige – erkennen die Figuren auf Anhieb: Schneewittchen, die ikonische böse Königin, die charismatischen Zwerge und natürlich auch ihren unsterblichen Ohrwurmschlager. Man muss sich klarmachen: Das ist einmalig. Kein anderer Film aus den 1930er Jahren hat das geschafft. Schneewittchen und die sieben Zwerge ist ein zeitloses filmisches Monument, entstanden in einer Zeit, als der Tonfilm noch als Gimmick galt und der Farbfilm in den Kinderschuhen steckte. Schneewittchen war ein farbenfrohes, technisches und kreatives Wunderwerk, ein Meilenstein, in dem auch ein großes unternehmerisches Risiko steckte: 1,5 Millionen Dollar Produktionskosten, heute rund 30 Millionen inflationsbereinigt. Das hätte Disney auch ruinieren können, wäre der Film kein Erfolg geworden. Ein Projekt also, in dem sichtlich ungemeine visionäre Schaffenskraft und Hingabe steckte. Und ja, das muss man auch erwähnen: auch ein ungesunder Arbeitseinsatz unter unguten Bedingungen.

Nach heutigen dramaturgischen Maßstäben allerdings kann man schon sagen, dass der Film veraltet ist. Das erkennt man insbesondere darin, dass er keine richtige erzählerische Struktur hat. Disney hatte zuvor in sich abgeschlossene Cartoons episodenhaft aneinander gereiht, um abendfüllende Zeichentrickunterhaltung zu produzieren, und dieser Einfluss ist Schneewittchen und die sieben Zwerge anzusehen. Zudem hatte sich Disney bei dem Original tatsächlich noch an Märchen orientiert. Die sind nämlich, meiner Meinung nach, keine narrativen Gebilde im Sinn tief entwickelter Charaktergeschichten, sondern viel mehr archaische Erzählbausteine, die die Kinderfantasie genau deswegen so sehr anregen, weil sie vom Rezipienten mit Inhalt gefüllt werden müssen. Märchenfiguren agieren weniger als individuell geprägte Charaktere, sondern viel mehr als symbolische Platzhalter archetypischer, die menschliche Entwicklungsschritte verkörpern. Dieses lückenhafte Erzählen hatte Disney von den Märchen übernommen. Das ist dann nach aktuellen Maßstäben nicht gut erzählt, aber funktioniert trotzdem auch heute noch gut bei Kindern. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – versprüht der Klassiker bis heute einen magischen Charm und wirkt unglaublich persönlich. Die visionäre Leidenschaft hinter dem Film ist immer noch zu spüren. Die Produktion war ein Kreativlaborbetrieb. Disney ließ seine Künstler Figuren bis zur Perfektion studieren. Es wurden reale Schauspieler als Bewegungsreferenz gefilmt, und mit dem sogenannten Multiplan-Kameraeffekt schuf Disney eine bis dahin nie dagewesene Tiefenschärfe in der Animation. Schneewittchen und die sieben Zwerge ist also nicht nur irgendein Film, es ist ein Urknall der Animationskunst und ein Denkmal des Märchenerzählens. Und das ist auch der Grund, warum die Aussagen von Rachel Zegler vor ein paar Jahren so unglaublich viele Menschen getriggert haben: Weil jemand, der kaum mehr geschafft hat als einen Katastrophenflop nach dem anderen zu produzieren, sich mit arroganter Attitüde über so ein zeitloses Werk erhebt. Die Tatsache ist: Kinder werden das Märchen und den Filmklassiker immer noch lieben, wenn niemand mehr über Rachel Zegler spricht, wenn Schneewittchen 2.0 schon viele Jahrzehnte im strahlenden Datenmüll der Streamingportale versumpft ist.

Aber trotz aller Kritik wollen wir fair bleiben: Es sind einige wenige Sätze, die eine junge Frau unbedacht in die Kamera gesprochen hat. Was danach jedoch über sie eingebrochen ist, hat sie wegen dieses dummen Interviews sicherlich in dieser Form nicht verdient. Und natürlich: Wir haben heute ein anderes Frauenbild als die Menschen 1937, und das ist auch gut so. Überraschung: Grimms Märchen sind alt, und die Figuren sind dementsprechend aus einem anderen Weltbild heraus erzählt. Das hat sogar einen besonders cleveren Youtuber dazu veranlasst, zum Schluss zu kommen, man solle Kinder nicht mehr dem Märchen oder dem Klassiker aussetzen, weil – so die angedeutete Begründung – kleine Mädchen, die zu viele Märchen lesen, später nur noch das Haus putzen wollen. Das ist ja klar. Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht. Meine Tochter beispielsweise liebt das Original, findet Prinzessin sein aber doof. Einige Studien kommen zum Schluss: Die Auseinandersetzung mit Archetypen und klassischen Erzählstrukturen fördert sogar kritisches Denken und Abstraktionsvermögen, wenn Eltern die Kinder dabei begleiten. Und wenn jener Youtuber meint, der klassische Schneewittchenstoff sei bitte nichts für Kinder, weil zu veraltet, dann muss er da auch konsequent sein. Dann sind auch Filme wie „Lion King“ nichts für Kinder, weil Simba am Ende nicht demokratisch gewählt wird. Das ist ja Monarchie! Nach dieser Logik gilt: Wenn Kinder zu viel „Lion King“ gucken, dann wollen die später noch einen König. Oder aber es ist vielleicht – aber nur vielleicht – so, dass der Zauber der Fantasiegeschichten innewohnt, eben doch von der kurzzeitigen Flucht in eine vergangen geglaubte Welt lebt, in eine Welt, die eben nicht unserer entspricht. Vielleicht wäre es halt langweilig, wenn es in Märchen nicht mehr um eine Prinzessin geht, sondern um die Tochter der parlamentarisch demokratisch gewählten Ministerpräsidentin. Wenn der Schauplatz nicht ein verwunschenes Schloss ist, sondern das Bundeskanzleramt. Wenn Simba nicht um sein Geburtsrecht physisch kämpfen muss, sondern in der Wüste einen Wahlkampfstand eröffnet und wir zwei Stunden sehen müssen, wie er dort Kugelschreiber verteilt. Vielleicht ist man bei einem Märchen ganz einfach an der falschen Adresse, wenn man unbedingt einen Stoff haben will, der die moderne Welt abbildet. Statt also die Stoffe, die von so vielen Menschen geliebt werden, zu hassen und auf Krampf umschreiben zu wollen, könnte man ja auch selber mal kreativ werden und was Eigenes schaffen, was für die Ewigkeit gedacht ist. Tja, das wäre sicher besser. Das Ding ist nur: Disney kann sowas nicht mehr. Und wie sehr Disney sowas nicht mehr kann, das zeigt uns Schneewittchen 2.0 eindrücklich.

Natürlich ist es völlig legitim und sogar gut, Schneewittchen einen aktiveren Part zu geben, mehr Hintergrundgeschichte zu verleihen, sie zu einer echten Figur zu machen. Die Frage ist dabei aber immer nur: Bleibt man der Seele der Vorlage treu? Und ist man überhaupt in der Lage, eine gute Geschichte zu erzählen? Oben benannter Youtuber kommt zu dem Schluss, der Film insgesamt sei schlecht, aber wie man Schneewittchen als Figur modernisiert habe, das habe ihm schon gefallen. Und da zucke ich ehrlich gesagt so ein bisschen zusammen. Denn treten wir doch mal einen Schritt zurück und schauen wir uns einmal in einer Kurzzusammenfassung an, was dieses moderne Schneewittchen charakterlich so ausmacht: In einem fernen Königreich leben eine gerechte Königin und ein gerechter König zusammen mit ihrer Tochter, Prinzessin Schneewittchen, die übrigens weder ihrer Mutter noch ihrem Vater ähnlich sieht. Die heißt jetzt übrigens Schneewittchen, weil sie bei Schneefall geboren wurde, und und nichts mehr ist mit „weiß wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz“. Sherlock Holmes ist zu Hause auf jeden Fall. Woran sehen wir, dass wir es hier mit einer guten und gerechten Monarchie zu tun haben? Die Antwort lautet: Königin und König backen in ihrem Elfenbeinturm Apfelkuchen und verschenken diesen unter dem einfachen Volk. Das ist dankbar dafür, tanzt, singt und lacht auf den Straßen. Doch die Königin verstirbt, und der König lernt eine neue Frau kennen, eine böse Zauberin. Und na klar, er heiratet sie. Denn mal ehrlich: Wer würde Gelged nicht heiraten? Doch dann verschwindet der König plötzlich. Die böse Zauberin übernimmt nun die Macht im Reich und verdonnert Schneewittchen zur Hausarbeit. Immer wieder fragt sie ihren Zauberspiegel, wer die Schönste im ganzen Land ist. Ja, den Teil kennt ihr ja alle. Viele Jahre ziehen ins Land. Schneewittchen ist jetzt Rachel Zegler und singt davon, dass sie viel mehr kann, eine große Anführerin sein will und nicht gerettet werden [Musik] muss. Ja, ach nee, die letzte Zeile hat man übrigens klammheimlich aus der aktuellen Filmversion herausgeschnitten. Warum? Darauf komme ich später noch zu sprechen. Aber obwohl sie nun schon so viele Jahre mit ihr zusammenlebt, hat Schneewittchen immer noch nicht begriffen, wie ihre Stiefmutter so tickt. Das heißt, die moderne Schneewittchen 2.0 ist halt ein bisschen naiv, oder man könnte auch sagen: einfach dumm. Das Volk leidet indes unter der Diktatur der Zauberin. Gut, vorher war ja auch schon Diktatur, aber da gab es gratis Apfelkuchen, also war diese Diktatur okay. Das ist also wirklich ein ganz tolles Weltbild, das da vermittelt wird. Weil sie unbedingt helfen will, geht Segler-Schneewittchen zu ihrer Stiefmutter und fragt, ob man nicht wieder Apfelkuchen backen und unters Volk bringen könnte. Nein, das ist kein Scherz, das ist wirklich so. Schneewittchen 2.0 ist sowas wie eine Verfilmung von „Lasst sie doch Kuchen essen“, Marie Antoinette, völlig reflektiert aus einem ähnlich barock-dekadenten Elfenbeinturm herausgeschrieben. Die böse Zauberin hat aber nun mal keine Lust auf Backen. Als der Spiegel ihr jetzt auch noch sagt, Schneewittchen sei schöner als sie, will sie das Mädchen töten. Schneewittchen entkommt und trifft im Wald auf hässliches CGI, das sieben Zwerge darstellen soll. Weil Schneewittchen die Art und Weise, wie die Zwerge leben, nicht passt, fordert sie, dass sie gefälligst mal ihre Bude aufräumen haben. Dabei hilft Schneewittchen kaum mit, sondern führt an – das heißt im BWL-Führungsdeutsch: Sie koordiniert die Aufräumarbeiten mit einem gewissen Sicherheitsabstand. Sie schreibt also anderen vor, wie sie zu leben haben, macht selber dafür kaum den Finger krumm, aber verteilt großzügig Kommandos. Das klingt schon sehr modern. Selbstredend, dass Schneewittchen den Zwergen auch nicht in der Mine hilft oder sowas. Aber es wird noch besser: Schneewittchen trifft nun auf sieben Räuber, zwei davon sind auch kleinwüchsig. Schneewittchen und die neun Zwerge, also. Und dann gibt’s da noch den Räuberhauptmann, in den sich Schneewittchen verliebt. Denn der Räuberhauptmann ist in Robin-Hood-Tradition davon überzeugt, dass Schneewittchens Vater noch lebt und auf der Suche nach ihm. Als sie dann aber feststellen, dass der gerechte König doch verstorben ist, beschließt Schneewittchen, das Königreich zurückzufordern, weil es ja ihr Geburtsrecht ist. Auch das natürlich sehr modern. Mit diesem Entschluss hält Schneewittchen eine kurze Ansprache vor den neuen Zwergen, fünf Räubern und dem einen Hauptmann, in der sie betont, dass das mit dem Königreich zurückerobern vielleicht nicht leicht wird. Ihr Unterton bei der Ansprache ist klar: Leute, ihr habt für mich zu kämpfen, weil das hier mein Königreich ist. Auch das ist natürlich sehr modern: Einfach mal ganz selbstverständlich davon auszugehen, dass alle bereit sein haben, für einen in den Tod zu ziehen. Die Nuance ist hier entscheidend: Die Zwerge erklären sich rasch bereit, für Schneewittchen zu kämpfen, aber erst nach ihrer Ansprache, in der sie das implizit eingefordert hat. Die Zwerge schleichen also durch einen Tunnel ins Schloss, und alle anderen gehen vorne rum. Ein Kampf bleibt aus. Das Volk erkennt Schneewittchens reines Herz. Die Zauberin verliert ihre Macht und wird in den Spiegel gesogen, und dort wartet gge nun auf eine Fortsetzung, die es aber nicht mehr geben wird. Ein Räuber-Armbrustschütze rettet Schneewittchen bei der Aktion das Leben – also genau das, was Schneewittchen nie wollte. Ich nehme mal an, der Kerl schmort jetzt dafür im Kerker. Alle anderen 14 Begleiter von Schneewittchen eingeschlossen, auch der Hauptmann, haben in diesem Finale gar keine Funktion. Und mit „gar keine“ meine ich nicht mal, dass die eine Wache umhauen oder so. Sie tun im wahrsten Sinne des Wortes nichts. Auch die Zwerge, die ja extra durch den unterirdischen Gang ins Schloss vorgedrungen sind, sind völlig irrelevant für das Ende des Films. Hier stimmt erzählerisch einfach überhaupt nichts. Jedenfalls macht dann Marie-Antoinette-Schneewittchen erstmal Apfelkuchen für alle, woraufhin es dem Volk wieder gut geht, und zieht mit ihrem Hauptmann-Lover ins schicke Schloss. Das heißt: Am Ende haben wir immer noch Diktatur, nur mit Apfelkuchen. Also halt gute, moderne Diktatur. Und das war’s ja schon.

Diese Zusammenfassung zeigt: Die Handlung ist ein totales Chaos, und das ist noch freundlich ausgedrückt. Logiklöcher wie die zwei angeketteten Kerkerinsassen, die erst nach Stunden auf die Idee kommen, zu zweit mal an ihrer Kette zu ziehen, woraufhin die Flucht schon nach Sekunden glückt – geschenkt! Dass der Spiegel am Ende betont, dass er eigentlich innere Schönheit meint, aber am Anfang ja trotzdem immer sagte, die böse Zauberin sei die Schönste im Land – geschenkt! Dass die Zwerge durch das gesamte Schloss bis in den Innenhof latschen können, ohne von nur einer Wache bemerkt zu werden – geschenkt! All dieser unlogische, übliche Disney-Schwachsinn sei geschenkt! Ich gebe euch den Punkt wegen „Kinderfilm“, auch wenn ich der Meinung bin, dass auch Kinder ein Recht auf gute Geschichten haben. Viel entscheidender aber ist, dass das große Ganze bereits einfach grotten schlecht ist. Man spürt, dass der Film nachträglich durch zahlreiche Nachdrehs repariert werden sollte, das aber vergeblich. Neben den Zwergen stolpern halt auch die Räuber durch den Film, die im Vorfeld unter dem Namen „magische Kreaturen“ bereits für reichlich Unmut sorgten. Allerdings ist die Idee, Räuber in einen Schneewittchen-Film zu implementieren, gar nicht so ganz aus der Luft gegriffen, denn immerhin gibt es Fassungen des Märchens, in denen Schneewittchen tatsächlich von Räubern begleitet wird. Dass das aber in dem Kontext eines Remakes des 1937er Filmes gemacht wird, in dem die Zwerge doch so präsent und charismatisch waren, dass es dann schon wieder eine richtig dämliche Entscheidung ist! Wer den Film aufmerksam verfolgt, erkennt sofort: Die Räuber sollten ursprünglich die Zwerge tatsächlich ersetzen. Der Stein kam wohl ins Rollen, als Peter Dinklage, selbst kleinwüchsig, im Vorfeld der Produktion öffentlich Kritik an der stereotypen Darstellung der Zwerge äußerte. Disney reagierte gleich panisch zusammen und verkündete, man wolle jetzt einen neuen Weg gehen. Die Konsequenz: Plötzlich gab es keine Zwerge mehr, stattdessen eben die „magischen Kreaturen“ bzw. die Räuber. Dinklage, der selber Multimillionär durch die Darstellung einer Figur wurde, die als Zwerg bezeichnet wird, hatte somit einer Handvoll seiner kleinwüchsigen Kollegen um ihre Arbeit gebracht. Good Job, Mr. Dinklage! Doch auch daraufhin gab es einen riesigen Shitstorm, also mussten die Zwerge wieder rein. Das Ergebnis: ein filmischer Flickenteppich. Viele Szenen mit den digitalen Zwergen wirken wie Fremdkörper, die nachträglich und ohne Sinn und Verstand in die Geschichte gequetscht wurden. Der Showdown mit der bösen Königin ist so ein Beispiel. Wir sehen die Zwerge hier in drei Einstellungen, die nicht mit anderen Darstellern verbunden sind und nichts zur Handlung beitragen – offensichtlich nachträglich eingebaut. Rachel Zegler hatte noch in Interviews stolz betont… Aber witzigerweise passiert genau das im Film, nur rettet sie halt der Räuberhauptmann und nicht ein Prinz. Ganze dreimal rettet er sie sogar, wenn ich richtig gezählt habe, und alle drei Rettungen wirken so, als habe man sie nachträglich eingefügt, nachdem Zegler mit ihren Aussagen einen Shitstorm produziert hatte. Sie passen denn halt auch nicht so richtig zum [Musik] Gesangstext. Aber das hier war jetzt, wie gesagt, die Originalversion des Songs. Die betreffende Zeile ist nun aus dem Kinofilm rausgeschnitten worden, sichtlich, weil man versucht hat, diesen Film dann doch etwas klassischer zu gestalten. Disney hat sich in weiten Teilen also dem Shitstorm gebeugt, oder aber es hat vielleicht auch etwas mit der Wahl von Trump zu tun. So oder so: Erneut zeigt sich: Dieser Konzern, der sich so gerne als Weltverbesserer vermarktet, hat überhaupt keine Ideale. Offenbar hat Disney jedoch das Budget gefehlt, den gesamten Quatsch neu zu drehen, und so musste man einige der bereits existierenden Szenen zwangsläufig im Film belassen. Das Ergebnis ist ein filmisches Frankensteinmonster, notdürftig zusammengetackert aus Überresten unfertiger Filmleichen. Zahlreiche Plotstränge verlaufen ins Nichts: Eine angedeutete Romanze unter den Räubern, Schneewittchens Amulett, die Suche nach ihrem Vater, das Eindringen der Zwerge ins Schloss – das alles wird angerissen, aber nicht richtig zu Ende erzählt. Da wir es jetzt mit ganzen neun Zwergen, fünf Räubern und einem Räuberhauptmann zu tun haben, wird auch keine der Figuren richtig erzählt. Schlafmütz schläft fast nie ein, Hatchi niest nur mal so am Rande, eher unauffällig. Brumbers besondere Beziehung zu Schneewittchen bekommt so gut wie gar keinen Platz eingeräumt. Die Räuber indes lernen wir einfach gar nicht kennen. Und Kinderfilm hin oder her: Solche Dinge nicht zu Ende zu erzählen, das ist halt einfach schlecht erzählt. Hinzu kommt, dass der Film zweifelsohne eines der hässlichsten CGI-Plastikprodukte der vergangenen Jahre ist. Die Zwerge, im Original noch charismatisch und witzig, sind ausdruckslose Pixelmassen, die aussehen, als habe eine Fünfjährige zum ersten Mal eine Video-Okay gepromptet. Mehr noch: Sie sehen nicht mal sympathisch und witzig aus, sondern nahezu gruselig. Kleine Kinder dürften aufgrund der reinen Optik mehr Angst vor ihnen entwickeln als vor der dunklen Zauberin.

„Sind jetzt gleich die Zwerge von dem neuen Schneewittchenfilm, die du siehst. Und du kennst ja die Schneewittchen und die sieben Zwerge noch aus dem Zeichentrickfilm, ne? Ne, fandest du die cool? Ja, okay. Jetzt will ich – zeige ich dir mal, wie die jetzt in dem neuen Film aussehen, und dann sagst du mir mal, was du denkst, wie du die findest. Ja, kannst sagen, ob du die gut findest oder blöd findest und so, dein Eindruck ist ja… Achtung! Okay, also los geht’s… Blöd! Was hast du gesagt? Wie findest du die? Blöd? Warum? Weil die sehen komisch aus! WST? Du findest du nicht, dass sie niedlich aussehen? Nee! Sehen die denn nett aus? Nee! Die haben neuen Schneewittchenfilm gemacht, und da haben die die Zwerge anders jetzt gemacht, und ich zeig dir mal, wie die aussehen, und dann sagst du mir mal, was du denkst, wie du die findest. Okay, okay. Achtung! Und los geht’s… Ich gut, nicht gut. Warum findest du die nicht gut? Die sind dick! Die sind dick!“ Seppel, der als einziger Zwerg etwas mehr Screentime bekommt, hat auch überhaupt nichts Niedliches mehr, sondern pixelt sich durch den Film wie ein hässliches Gollum-Imitat mit CGI-Stand Ende der Ziger, dass eine Überportion Botox ins Gesicht gerammt bekommen hat. Wir lernen hier übrigens auch, warum Seppel nicht spricht: Weil er unter einer Art posttraumatischen Belastungsstörung leidet und von den anderen Zwergen gemobbt wird – und zwar ernsthaft und nicht nur spielerisch. Kostüme und Kulissen wirken viel zu clean und künstlich. Die Statisten scheinen der U-Bahn-Station einer Metropole entlaufen zu sein. Es wird mal Hoodie getragen, mal Kaftan, mal hochglänzende Plastikkostüme. Romantische Märchenstimmung: absolute Fehlanzeige! Das hier sieht eher aus wie ein Imagefilm über den neuen Google-Hauptsitz. Rachel Zegler wirkt in ihrem Schneewittchen-Kostüm – man kann es nicht anders sagen – die ganze Spieldauer über wie ein einziger Fehler. Da ihre Gesichtsfarbe dunkler ist als die des Originalschneewittchens, passt die Farbkomposition mit dem Kleid überhaupt nicht mehr. Das Gelb des Rocks ist in vielen Szenen nun als Akzentfarbe überdominant, während Zeglers Gesicht im schlecht ausgeleuchteten Brei verschwindet. Hier wusste man tatsächlich bereits 1937 deutlich besser, wie Kontraste wirken, um den Blick zu lenken. An solche Basics denkt bei Disney heute offenbar keiner mehr. Zu Zeglers Performance ist zu sagen: Ehrlich gesagt überraschend okay. Es gibt vereinzelt Szenen, in denen sie Grimassen zieht, die nur knapp an der Galadriel-Ehrenmedaille vorbeischreiben, aber zwischen all den anderen Katastrophen fällt sie kaum negativ auf. Schneewittchen 2.0 ist widererwartend kein Girlboss – das vielleicht noch positiv zu erwähnen –, aber man merkt halt, dass sie in der Urfassung des Filmes mal eine war, bevor man hektisch versuchte, mit den Nachdrehs doch noch klassische Elemente einzubauen. Dadurch sind die Botschaften des Filmes so widersprüchlich, dass man beim Zuschauen das Gefühl hat, dass man jemanden mit einer Persönlichkeitsstörung beobachtet. Die ganze Zeit wird darauf abgestellt, wie wichtig Freunde sind und dass man immer zusammenhalten muss, und so. Aber beim Sieg der bösen Königin dürfen Schneewittchens Freunde dann am Ende doch nur zuschauen. Man will ein modernes Weltbild mit einer starken Frau und einem überdiversen Cast widerspiegeln, aber vermittelt letztlich doch die Botschaft, dass es ehrenhaft ist, für eine Diktatur, in der es gratis Apfelkuchen für alle gibt, in den Krieg zu ziehen. Und wie gesagt: Schneewittchen soll nicht gerettet werden, wird es aber gleich mehrfach. Wer hätte gedacht, dass es sowas gibt: einen Film mit Borderline! Zeglers Stimme ist schon beeindruckend, aber insgesamt wirkt sie in diesem Film, in diesem Kostüm, völlig deplatziert und erweckt eher das Gefühl, man sehe eine dreckige Schneewittchen-Parodie, die unter der Regie von Tom Gerhard entstanden ist. Aber dass das so ist, ist nicht Zeglers Schuld. Gelged als böse Zauberin hingegen liefert eine katastrophale Overacting-Performance ab. Angeblich musste auch hier ordentlich viel nachgedreht werden, was ich mir bei dieser gebotenen Endqualität kaum vorstellen kann. Immerhin sieht Gelgedo aber aus wie Gelgedo. Daher waren ihre Szenen für mich noch das Interessanteste am Film. Mehrmals habe ich mir gewünscht, dass bitte wieder auf sie umgeschnitten wird, weg von den hässlichen Zwergen und der ausdruckslosen Schneewittchen. Dass der Spiegel eine Präferenz für Schneewittchen hat und Gelged neidisch auf Rachel Zeglers Schönheit sein soll – ja, das ist zumindest intellektuell anregend. Das Problem ist aber auch einfach, dass Gelgedo wirklich keine gute Schauspielerin ist. Dafür jedoch hat sie eine angenehme, warmherzige Ausstrahlung, und die versucht sie hier wegzuspielen, quasi aus ihrer Figur herauszudrücken. Und ja, sie dabei so mit sich selber kämpfen zu sehen, das ist ehrlich gesagt schon so ein bisschen peinlich. Und ich gebe zu, ich hätte gern gesehen, wie Gelged in einer FSK-18-Variante das Ende der bösen Hexe spielt, das bei den Gebrüdern Grimm nachzuschlagen ist.

Die Dialoge sind auf typischem Disney-Niveau. Hier muss alles gleich mehrfach erklärt werden, weil man nicht in der Lage ist, vernünftig zu zeigen. Dass Seppel nicht spricht beispielsweise, das wird extra noch erklärt für alle, die das nicht mitbekommen haben. Sehr, sehr peinlich! An jeder Ecke warten dumme, glückliche oder unglückliche Zufälle, die den Plot vorantreiben, weil die Autoren das so wollen. Die Inszenierung ist so fantasielos, wie ich es zumindest im Kino schon lange nicht mehr gesehen habe. In unserer Rage-Review zu „Arielle 2.0“ haben wir anhand einer Szene des Original-Arielle gezeigt, wie gutes Blocking funktioniert und wie Gegenstände eingesetzt werden können, um eine dramaturgische Zuspitzung visuell zu verstärken. Auffällig ist bei Schneewittchen 2.0, dass die Figuren oft einfach nur voreinander stehen und sich kaum bewegen. Ein Albtraum für Schauspieler! Dem Darsteller des Jägers beispielsweise hat mir regelrecht leid getan, weil er in mehreren Szenen einfach nur rumsteht und sichtlich nicht weiß, was er mit seinen Händen anfangen soll. Selten so eine schlechte, ideenlose Regie gesehen! Die neuen Songs sind ja ganz nett, aber nichts fürs popkulturelle Langzeitgedächtnis. Während Filme wie „Lion King“ oder jetzt auch „Wicked“ mit den Songs im Kino Dauergänsehaut erzeugen, ist bei Schneewittchen trockenes Achselzucken angesagt. An mehreren Stellen hört man zudem die massive technische Nachbereitung raus. Besonders auffällig ist das, wenn Gelged versucht, mit ihrer Stimme in tiefe Passagen vorzudringen. Dafür ist offenbar weder ihre Stimme noch die verwendete KI ausreichend trainiert. Das Original von 1937 war überdies transzendent erzählt. Wie gesagt: Figuren, Orte, Handlungen wirken symbolhaft. Die Flucht in den Wald beispielsweise lässt sich verstehen als Initiationsreise, dem Übergang ins Erwachsensein. Schneewittchen 2.0 lässt diesen Fantasieraum nicht zu. Konkret und gewöhnlich sind die computergenerierten Bilder in Playstation-Ästhetik. Aber da, wo kein Raum mehr für Fantasie ist, kann auch kein märchenhafter Zauber entstehen. Die Flucht in den Wald wirkt daher in der modernen Version nur noch sinnlos und langweilig.

Zum Schluss müssen wir feststellen, was wir schon so oft bei diesen Disney-Remakes festgestellt haben: Es fehlt an Talent und an Vorstellungskraft, den Zauber des Originals als auch nur in Ansätzen einzufangen. Die Macher konzentrieren sich eher auf die CGI-Brechstange und pseudomodernen Schwachsinn, anstatt darauf, Menschen mit einer schönen Geschichte glücklich machen zu wollen. Und ja, am Ende ist es einfach langweilig, unfassbar langweilig. Disney hat ein ganz neues Genre geschaffen, das in Videotheken hinten in der Schmuddelecke platziert gewesen wäre: Nämlich den „Langeweile-Porno“. Es ist, als sei das Märchen ein Stück weit Realität geworden, als würde da ein kaltherziger Konzern in den Spiegel schauen und fragen, welche Schneewittchen-Verfilmung die schönste ist. Immerhin hat man ja 200 Millionen Dollar auf das Projekt geschmissen, und der Spiegel antwortet – trotz des Mega-Budgets – na klar: Das Original! Denn der Spiegel, das sind wir, das sind die Zuschauer. Und das Remake, das gibt es eben nur, weil das Original bis zum heutigen Tag von so unglaublich vielen Menschen geliebt und verehrt wird. Eigentlich weiß der herzlose Konzern das auch. Nicht ohne Grund wirbt er im Trailer mit großen Buchstaben damit.

Die klassische Schneewittchen Geschichte zu erzählen. Schneewittchen 2.0 wird also, wie so viele andere Disney-Katastrophen der letzten Jahre, sang- und klanglos an der Kinokasse baden gehen. Die Frage ist nur: Wann gehen der bösen Zauberin endlich die Ressourcen aus, damit die Welt von ihrem dunklen Bann befreit wird?

Vielleicht ist es jetzt Zeit für eine neue Hoffnung. Vielleicht sind wir nun endlich am langersehnten Wendepunkt angekommen, an dem wir feststellen dürfen: Mit Schneewittchen hat Disneys Erfolgsgeschichte begonnen und mit Schneewittchen wird sie wieder enden.

Falls euch das Video gefallen hat, dann schaut mal in unsere Playlist „Disney Remakes sind furchtbar“. Da könntet ihr fündig werden. Und wenn ihr uns unterstützen möchtet, macht ihr das am besten mit einem Abo, einem Like oder einer Spende an die PayPal-Adresse movieamps@gmail.com. Und schaut auch bei den Kanälen unserer lieben YouTube-Kollegen vorbei, die sind hier eingeblendet. Unsere Memes, Songs und diverse Kurzanalysen findet ihr übrigens unter unserem Zweitkanal „S Lounge“.

Herzlichen Dank fürs Zuschauen und bis bald. [Musik]