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Diese 1 Sache stoppt dein negatives Denken (#35 Frag Martin)

Martin Wehrle: Coaching- und Karrieretipps41:49

Transcription

Welche Menschen neigen zum negativen Denken? Das sind überwiegend sehr intelligente Menschen. Ich muss an Erich Kästner denken, der hat mal den weisen Satz geschrieben: „Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Fantasie.“

Da ist also eine Stimme in dir, die sagt: „Mach es Klaus, riskier es, wirf deinen Hut in den Ring.“ Und es gibt eine andere Stimme, die sagt: „Klaus, lass diesen Unfug bleiben, du weißt es, du bist angewiesen auf das Geld.“ [Musik]

Und ich glaube, das ist der größte Fehler, den wir alle – auch die, die jetzt zuhören – den wir alle im Umgang mit cholerischen Menschen machen: Wir nehmen uns vor, diesen Menschen zu verändern. Wir wollen, dass er keine Ausbrüche mehr hat.

Frag Martin, der Podcast, der die Fragen deines Lebens beantwortet, und ich bin fraglos Martin Wle. Hallo ihr Leute nah und fern, von Herzen gern bin ich heute wieder für euch da. Hier spricht euer Martin Wle. Wisst ihr eigentlich, dass ich Fantasien über euch habe? Ich frage mich manchmal: Was sind das wohl für Menschen, die diesen Podcast hören? Was geht in den Menschen vor, während sie den Podcast hören? Kann es sein, dass sie manchmal lächeln, lachen sie sogar an einigen Stellen? Machen die sich Notizen? Wie läuft das eigentlich ab, wenn jemand deinen Podcast hört? Wenn ihr mögt, gebt mir mal ein paar Antworten darauf. Ihr könnt das in die Kommentare schreiben, oder ihr könnt mir auch direkt mailen.

Und jetzt, jetzt steige ich gleich mitten ins Thema ein. Ich habe euch drei Fälle mitgebracht. Der erste Fall, der stammt von der Natascha, die sagt: „Mein negatives Denken, das zerstört mich.“ Immer wieder kommen negative Gedanken in meinem Kopf, die ziehen mich runter, die verderben meine Lebensfreude. Vielleicht kennt ihr das, dass ihr einfach, obwohl das Leben eigentlich ganz gut läuft, dass ihr einfach nicht von den negativen Gedanken loskommt und dass ihr euch fragt: Wie schafft ihr es, positiver zu denken? Ich werde euch einen Vorschlag machen, den ihr in dieser Form vielleicht noch nicht gehört habt.

Dann schreibt mir der Klaus, der hat die Schnauze voll von seinem Job. Der fühlt sich dort, in diesem Unternehmen, ausgenutzt und nicht gut behandelt. Aber die Alternative, sein Herzensprojekt, das würde bedeuten, dass er auf viel Geld verzichtet und sich in materielle Unsicherheit begibt. Auch ihr habt vielleicht einen Traum, der abweicht von dem, was ihr im Moment beruflich oder auch sonst im Leben macht. Und wie schafft ihr es, die Brücke zum Traum dennoch zu gehen oder euch mit dem jetzigen Zustand besser zu arrangieren? Ich gebe euch da ein paar ganz konkrete Tipps.

Und dann schreibt mir die Clara, die hat eine cholerische Mutter, die ihr immer wieder verletzende Vorwürfe an den Kopf wirft, die sie provoziert, und sie fragt sich: Wie gehe ich damit um, dass ich so behandelt werde? Das ist euch vielleicht auch schon passiert, dass ein naher Mensch in eurer Umgebung, dass ein naher Mensch aus der Haut fährt, dass ein naher Mensch euch beschimpft, sich schlecht verhält, und ihr fragt euch: Was kann ich tun, um meine Grenzen besser zu verteidigen und diesen Menschen auch in seine Grenzen zu verweisen? Ich habe da ein paar Vorschläge, ihr werdet sie gleich hören.

Da bin ich beim ersten Fall, der stammt von der Natascha. Die ist 44 Jahre alt und die schreibt mir: „Ich bin gefangen in meinem negativen Denken. Ich habe Angst vor Geldsorgen, obwohl ich als Wissenschaftlerin gut verdiene und zusammen mit meinem Mann auch etwas auf der Seite habe. Ich habe Angst vor Krankheiten, obwohl ich kerngesund bin, und ich habe Angst vor einer Scheidung, obwohl meine Ehe gut läuft. Und auch nach Gesprächen, die scheinbar gut verlaufen sind, denke ich oft darüber nach, ob ich mich nicht blamiert habe. Mein Verstand weiß, dass diese Sorgen unnötig sind, aber dennoch, dennoch werde ich sie nicht los. Wenn ich mir sage, dass ich mir zu viel Sorgen mache und damit aufhören muss, ist das schon wieder eine neue Sorge. Ich hoffe, du verstehst, Martin, wie ich das meine. Warum denke ich so viel Negatives? Warum kann ich mein Leben nicht richtig genießen? Und wie komme ich auf positivere Gedanken? Ich bin dir für alle Ideen dazu sehr dankbar.“

Ja, liebe Natascha, da befindest du dich in einer guten, in einer zahlreichen Gesellschaft, denn ich glaube, das negative Denken, das Sorgenmachen, das Grübeln, das sind Volkskrankheiten geworden, und das hat Gründe, die mit der Evolution zu tun haben. Denn wir waren schon immer aufs Negative fixiert, damit wir überleben konnten. Aber das hat natürlich auch zu tun mit unserer Zeit, denn das, was die Menschen heute serviert bekommen von den Medien z.B., das sind ja fast nur negative Nachrichten. Man denkt ja schon nicht mehr darüber nach, dass auch mal ein Flugzeug ankommen und heil landen könnte, wenn man immer nur die abstürzenden Flugzeuge in den Medien entdeckt. Man kommt ja schon gar nicht mehr auf die Idee, dass man heil über eine Straße oder durch eine Fußgängerzone laufen könnte, wenn man immer nur von Attentaten, von Raubüberfällen und von ganz vielen negativen Dingen liest. Und ich denke, das, was um uns herum ist, das prägt uns auch. Wie hat Karl Marx einmal gesagt? Er hat gesagt: „Nicht nur die Menschen machen ihre Umstände, sondern auch die Lebensumstände machen die Menschen.“ Ich glaube, wir leben in einer Zeit, in der das negative Denken, die Katastrophen im Kopf eben auch durch unsere Umgebung befeuert werden.

Wenn ich eingangs von der Evolution sprach, Natascha, das interessiert dich als Wissenschaftlerin wahrscheinlich besonders, dann meine ich damit: Wer hat denn überlebt in der grauen Vorzeit? Hat der leichtfertige Mensch, der Optimist, überlebt, derjenige, der sagte: „Ach, es hat zwar im Gebüsch hinter mir geknackt, aber wahrscheinlich ist das nur ein kleiner Hase.“ Oder hat der überlebt, der sagte: „Oh, es hat geknackt, vielleicht kommt da gleich ein Säbelzahntiger, ich renn besser mal weg.“ Ja, das kann natürlich sein, dass er weggerannt ist, obwohl es nur ein kleiner Hase war – 20 Mal weggerannt, obwohl es nur ein kleiner Hase war – aber beim 21. Mal, da war es der Säbelzahntiger, und da hat der überlebt, der pessimistischer war, der negativer gedacht hat. Denn dieses negative Denken, das erfüllt eine Funktion, das soll uns schützen, das soll uns bewahren. Es gibt Studien darüber, die haben herausgefunden: Welche Menschen neigen zum negativen Denken? Das sind überwiegend sehr intelligente Menschen. Ich muss an Erich Kästner denken, der hat mal den weisen Satz geschrieben: „Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Fantasie.“ Man könnte auch sagen: „Wenn einer keine Angst hat, dann hat er keinen Verstand.“ Aus Studien geht beispielsweise hervor, dass Juristen besonders negativ denken – nicht nur, weil sie Juristen sind und das von Berufswegen brauchen, sondern auch, weil jemand, der negativ denkt, der intelligent ist, eher zum Juristen wird. Also insofern, dass du Wissenschaftlerin bist, Natascha, und dass du negativ denkst, da sehe ich keinen Widerspruch drin – so nach dem Motto: Sie hat doch eigentlich einen scharfen Verstand, sie müsste wissen, dass das Unfug ist, was sie da denkt – sondern da sehe ich eine innere Verbindung.

Und jetzt stell dir mal vor, ich mache einen Vergleich. Jetzt stell dir mal vor, du stehst am Fenster, du schaust hoch zum Himmel, und du siehst dort oben ein paar richtig dicke Wolken ziehen. Stören dich diese Wolken? Werden diese Wolken deinen Tag verderben, deinen Tag überschatten? Ich vermute mal eher nicht. Ich vermute mal, du siehst diese Wolken, du nimmst sie zur Kenntnis, und du lässt diese Wolken einfach vorüberziehen, und du weißt auch, dass die Sonne wieder rauskommt und dass diese Wolken nur ein vorübergehender Zustand sind. Und jetzt würde ich mal gerne die Parallele bilden zu deinen Gedanken. Ja, diese negativen Gedanken, die sind da. Du hast Angst vor Krankheit z.B., du hast Angst vor Scheidung, du hast Angst vor finanziellen Problemen. Aber ich behaupte jetzt mal ganz frech: Diese Gedanken sind überhaupt kein Problem. Diese Gedanken, die sind wie die Wolken am Himmel, und du entscheidest jetzt, was du machst: Entweder du lässt die Wolken – also in diesem Fall die Gedanken – einfach durch deinen Kopf ziehen, du hältst sie nicht fest, oder du machst eine Standaufnahme und sagst: „Menschenskinder, ich werde geschieden, ich werde geschieden, meine Ehe geht den Bach runter.“ Du wiederholst diese Gedanken, du machst eine Standaufnahme von der Wolke, und damit gerätst du in eine Problemhypnose. Das ist auch interessant für alle, die zuhören: Merkt euch das. Problem ist nicht der Gedanke, den du denkst. Der Gedanke ist nur ein Gedanke, das ist keine Wirklichkeit. Und wenn du unterscheidest zwischen dir als Person, als Mensch, zwischen der Realität und diesem Gedanken, dann hat dieser Gedanke auf dich unmittelbar kaum einen Einfluss, dann ist er wie die Wolke am Himmel, nämlich relativ weit weg, und dann kann er einfach vorübergehen. Ein Problem entsteht dann, wenn wir uns auf einen Gedanken fixieren und wenn wir davon ausgehen, dieser Gedanke könnte wahr sein: Ich könnte wirklich verarmen, ich könnte wirklich geschieden werden, ich könnte wirklich krank werden. Sobald du das glaubst, was deine Gedanken dir zu flüstern, liebe Natascha, dann hast du ein ernstes Problem.

Jetzt gibt es einen Ansatz der modernen Psychologie, das ist die Akzeptanz- und Commitment-Therapie von Stephen Hayes, und die hat eine fantastische Lösung gefunden, wie wir mit Sorgen umgehen können. Es sind im Grunde genommen zwei wesentliche Elemente, die diese Therapie ausmachen, aus meiner Sicht. Das erste Element, das hat zu tun mit Achtsamkeit. Denn diese Gedanken, die schleichen sich ja oft in unseren Kopf ein, ohne dass wir sie bemerken, und dann haben die einfach Macht über uns, so als hätte sich ein Entführer in unser Schlafzimmer eingeschlichen und der überwältigt uns dann, während wir da liegen und schlafen, und wir können uns nicht mehr wehren. Hätten wir ihn vorher gehört, hätten wir die Tür vielleicht abgeschlossen, wären wir vielleicht geflohen. Und durch Achtsamkeit, indem du beobachtest: Was denke ich? In welchen Momenten? Durch diese Achtsamkeit kannst du dir selber auf die Schliche kommen. Ich hatte mal eine Klientin, die hat auch sehr viele Sorgen gehabt, und ich fragte sie dann: Wann genau machen sie sich diese Sorgen? Und es stellte sich heraus: Sie machte sich diese Sorgen oft, wenn sie zu Hause alleine war, für zwei, drei Stunden. Sie kam immer früher als ihr Mann nach Hause, da war sie zu Hause alleine, da hat sie sich mehr oder minder gelangweilt, und diese Langeweile, die wurde dann ausgefüllt mit diesen Sorgengedanken. Als sie das realisiert hatte, da fing sie an, ihre Abende zu gestalten, da fing sie an, ihre Lieblingssongs zu hören, da fing sie an, Sport zu machen. Das heißt, sie hat die Zeit mit etwas Aktivem gefüllt, und da hat ihr eben diese Achtsamkeit, dass sie beobachtet hat: Wann kommen diese Sorgen auf? Da hat ihr diese Achtsamkeit zu einer sehr guten Lösung verholfen. Denn wenn du etwas tust, wenn du etwas tust, was dir wirklich Freude bereitet, Natascha, in diesem Moment werden diese negativen Gedanken nicht mehr auftauchen. Aber wenn diese negativen Gedanken dann doch da sind, in unvermeidlichen Augenblicken, wenn du zur Arbeit fährst, wenn du bei der Arbeit bist, wo auch immer, wenn sie doch auftauchen – das ist jetzt das zweite Element der Akzeptanz- und Commitment-Therapie – dann kannst du einfach mal diesen Gedanken begrüßen, richtig? Also nicht zur Seite schieben, nicht sagen: „Lass mich in Frieden und geh weg, ich will nichts mehr hören davon, dass ich mich scheiden lasse.“ Denn je mehr du dich gegen diesen Gedanken wehrst, desto intensiver wird er sich an dir festsetzen, desto mehr Aufmerksamkeit schenkst du ihm, desto mehr rückst du ihn in den Mittelpunkt deines Universums. Wenn du aber einfach sagst: „Ach, schau mal an, da bist du ja wieder, mein lieber Scheidungsgedanke“, vielleicht nennst du ihn sogar mit einem bestimmten Namen: „Scheidi, hallo Scheidi, na, willst du mir wieder sagen, dass meine Ehe zu Ende geht? Na, erzähl mal, was hast du auf dem Herzen?“ Dann hörst du dem Gedanken zu, und dann antwortest du dem Gedanken und sagst: „Du, ich habe mit meinem Mann gesprochen, wir verstehen uns so gut, ich danke dir für deine Warnung, das ist freundlich, aber ich sehe da keinerlei akute Gefahr.“ Das ist aus mehreren Gründen eine sehr gute Strategie, denn je weniger Widerstand du einem Gedanken entgegensetzt, desto mehr wird er vorüberziehen wie die Wolke am Himmel, und je mehr du ihn identifizierst und ansprichst und mit deinem Verstand konterst, desto weniger wirst du an den Inhalt dieses Gedankens glauben, und desto mehr innere Freiheit wirst du entwickeln, und desto eher gelingt es dir, wieder in ein erfüllteres, in ein glücklicheres Leben zurückzukommen.

Ich glaube, wenn du diese Tipps, die ich dir gegeben habe, in Kombination ausprobierst, wenn du herausfindest: In welchen Momenten denke ich das? Wenn du diese Momente füllst durch erfüllende Tätigkeiten, und wenn du zugleich die Gedanken, wenn sie doch mal kommen, die Negativen, wenn du sie zugleich begrüßt und freundlich behandelst, dann wird sich etwas ganz Entscheidendes in deinem Leben verändern und verbessern. Ich würde gern daran teilhaben, Natascha, schreib mir mal gerne, was passiert, wenn du diese Strategien anwendest.

Und jetzt mein Tipp für alle, die zuhören: Bitte beobachtet mal im Laufe des heutigen Tages, in welchen Momenten eure Laune absagt, wann es euch plötzlich schlechter geht, und dann identifiziert: Welcher Gedanke steht dahinter? Und wenn ihr mögt, könnt ihr eine Strategie entwickeln, wie ihr in der nächsten Situation, wenn ein solcher Gedanke wieder auftaucht, wie ihr darauf reagieren wollt – vielleicht mit Rezepten, die ihr gerade gehört habt. Ich bin sicher, dann könnt ihr es schaffen, positiver zu denken. Und ich zum zweiten Fall.

Noch mal meinen Tipp: Ihr könnt meinen Webinar „Das 3-Minuten-Geheimnis“ kostenfrei nutzen. Das ist verlinkt unter diesem Podcast. Dort erzähle ich euch die Geschichte, wie ich aus dem tiefsten Tal meines Lebens wieder rausgekommen bin. Ich habe mit Übergewicht gekämpft, ich habe mit Sinnlosigkeit gekämpft, und da habe ich eine Methode entdeckt, die hat es geschafft, wieder Licht und Freude und Erfolg in mein Leben zu bringen, und das kann auch bei euch funktionieren. Also probiert dieses Webinar gerne aus, es ist unter diesem Video verlinkt. Und damit bin ich beim zweiten Fall, der stammt vom Klaus. Der ist 60 Jahre alt und der hat mir geschrieben: „Lieber Martin, mein Problem ist, dass ich mit meinem Arbeitgeber mich überhaupt nicht mehr identifizieren kann, aber der Mut zum Wechsel bzw. der Weise zur Veränderung fehlt. Ich bin inzwischen 60, sehbehindert und würde bei einer Kündigung extreme Abschläge erhalten. Die Chance auf einen Wechsel ist gering und mit dem Risiko verbunden, dann in der Probezeit gekündigt zu werden. Ich darf weder Auto noch Fahrrad fahren, deshalb ist für mich eine Wohnung in der teuren Innenstadt mit guten Verkehrsanbindungen wichtig. Die einzelnen Bereiche innerhalb unserer Firma arbeiten nicht miteinander, sondern sind Konkurrenten. Gleichzeitig züchtet sich die Firma eine Schicht von Ja-Sagern als mittleres Management an. Der Versuch einzelner Abteilungsleiter, die Struktur zu ändern, führte zu Kündigungen. Aber trotzdem sind in der Firma Personen, die mir ans Herz gewachsen sind, und ich möchte denen nicht schaden und diese Problematik nicht öffentlich machen. Mit der Führung habe ich extreme Probleme, mit den meisten Mitarbeitern komme ich gut klar. Nach einem Schlaganfall und Reha bin ich mit dem Label ,dauerhaft arbeitsunfähig‘ entlassen worden. Mit Hilfe einer mobilen Reha danach bin ich gegen den Widerstand meines direkten Vorgesetzten wieder in den Arbeitsprozess gekommen. Aufgrund meiner Seeschwierigkeiten bin ich viel zu langsam, aber wenn ich die Oberfläche kenne und weiß, wohin ich schauen muss, geht das Programmieren. Ich muss den Bildschirmschirm kennen. Im Gegensatz zu Erblindeten muss ich nicht jeden Buchstaben einzeln tasten.“

Und jetzt schreibt der Klaus, er sei in einer privaten Fortbildung auf sein Herzensprojekt gekommen. Das sieht so aus: Ich will meine IT-Kenntnisse dazu nutzen, um die Inklusion von wirklich Blinden zu erleichtern. Allerdings lässt sich damit kein Geld verdienen. Fast alle, die sich um die Integration von Blinden kümmern, arbeiten ehrenamtlich. Und jetzt steckt der Klaus in der Zwickmühle, denn seine Rente, die wäre viel zu gering, um seine Wohnung und die nötigen Fortbildungen in seinem Beruf zu bezahlen. Und er schreibt: „Ich bin schon wieder im Hamsterrad und vernachlässige die für mich wichtige Bewegung und die Naturerlebnisse. Ich komme mit einer Welt, die sich immer schneller dreht und dieser rasanten Entwicklung und Änderungen nicht mehr zurecht. Wäre ich ehrlich zu mir selbst, müsste ich eigentlich kündigen, aber es gibt nun mal Zwänge, denen ich mich nicht entziehen kann.“

Das Erste, was ich dir sagen möchte, Klaus, ist: Ich ziehe vor dir sehr, sehr, sehr den Hut. Ich finde das ungeheuerlich, dass du es schaffst, trotz deiner Sehbehinderung einen so komplexen Job wie das Programmieren weiterzumachen. Und nicht nur das: Du hast sogar noch die Energie, dass du private Fortbildungen besuchst, dass du dich also weiterentwickelst, dass du dich um dich als Person und als Persönlichkeit kümmerst. Ich weiß, dass viele Menschen, die es leichter haben, weil sie nicht behindert sind, dass viele Menschen das nicht tun, und das finde ich schon mal sehr, sehr gut. Das macht mir auch Mut, dass in dir etwas steckt, eine Energie steckt, die genau weiß, was sie will.

Ich meine, warum hast du mir diese Nachricht geschrieben? Wenn du die Sache wirklich abgehakt hättest, wenn du hundertprozentig sicher wärest, dass du bis zur Rente deinen Job ausüben willst, obwohl du dich in diesem Umfeld, in diesem Unternehmen nicht wohlfühlst, dann hättest du mir nicht geschrieben. Da ist also eine Stimme in dir, die sagt: „Mach es Klaus, riskier es, wirf deinen Hut in den Ring.“ Und es gibt eine andere Stimme, die sagt: „Klaus, lass diesen Unfug bleiben, du weißt es, du bist angewiesen auf das Geld. Du weißt es, du hast am Arbeitsmarkt keine so guten Chancen, und du weißt es, der Bereich, der dich interessiert, da wird fast nichts bezahlt. Das sind Spinnereien, hör auf damit.“

Ist es etwa so? Ich habe jetzt geraten, aber da ich schon viele Menschen in ähnlichen Situationen beraten habe, weiß ich: Es gibt Anteil in uns, und alle, die zuhören, die können sich jetzt mal fragen, ob es ihnen ähnlich wie dem Klaus geht. Wenn ihr vor einer wichtigen Entscheidung steht und ihr wisst: Mein Herz will in die eine Richtung und der Verstand in die andere Richtung, kann es sein, dass dann so ein innerer Streit entbrennt, dass die eine Stimme dieses sagt und die andere Stimme jenes? Wisst ihr, was so gefährlich daran ist? Das ist so, als wenn ein Tauziehen stattfindet. Da ziehen also zwei Kräfte, aber nicht in eine Richtung, sondern die ziehen in unterschiedliche Richtungen, und das führt oft dazu, dass wir im Leben einen Stillstand haben, und dieser Stillstand ist so gefährlich, weil wir zu keiner Entscheidung kommen.

Ich meine, für dich, Klaus, da gibt es jetzt drei Möglichkeiten, aus meiner Sicht. Möglichkeit Nummer 1 ist: Du sagst: Okay, ich habe da zwar einen Traum, ich habe eine Vision, aber aus Vernunftsgründen bleibe ich weiter in diesem Unternehmen. Immerhin, hier gibt es Kollegen, die ich mag, die mir ans Herz gewachsen sind. Auf diesen Vorteil konzentriere ich mich, und den Rest, dass mir die Struktur nicht gefällt, den Rest den blende ich aus, damit ich hier ein relativ gutes Leben habe. Ja, manchmal müssen wir uns für Dinge entscheiden, die uns nicht zu 100 % gefallen. Aber worin besteht eigentlich das Problem? Das Problem besteht niemals darin, Klaus, wie die äußeren Umstände sind. Das Problem besteht immer darin, wie du auf diese äußeren Umstände reagierst. Und solange du im Kampf bist mit deiner Firma, solange du sagst: Es ist ja unmöglich, was hier passiert, und ich würde am liebsten mal mit dem Hammer dazwischenhauen – solange du in dieser Haltung bist, so lange wirst du leiden. Das Leid resultiert also nicht daraus, dass die Dinge sind, wie sie sind, sondern es resultiert aus der Art, wie du darauf reagierst. Nun habe ich absolutes Verständnis dafür, wenn du siehst, dass da ein Unternehmen sich selber schädigt. Ich habe absolutes Verständnis dafür, dass dich das aufregt, dass du etwas unternehmen möchtest. Nur stelle ich mir die Frage: Was ist für dich, für deine Gesundheit und für deinen Seelenfrieden das Beste? Und das Beste wäre, wenn du dich dafür entscheidest zu bleiben, aus Vernunftsgründen. Das Beste wäre, dass du Frieden schließt mit dieser Firma und dass du dich konzentrierst auf das, was dich dort am meisten beglückt – sei es deine Arbeit an sich, seien es die Kollegen.

Möglichkeit Nummer 2, von der ich gesprochen habe, das ist die, von der du sagst, die sei unrealistisch, ist die, dass du eben doch auf die Karte setzt: Ich verwirkliche einen Traum. Also ich finde diesen Gedanken so charmant und auch so gut, dass du, der du selbst mit dem Sehen Probleme hast, dass du Menschen in einer ähnlichen Situation weiterhilfst. Ich glaube, niemand kann sich so gut in einen Menschen versetzen, der wenig oder nicht sieht, wie jemand, der das aus eigener Erfahrung kennt. Insofern wirst du die Bedürfnisse kennen, und könntest du deine Fähigkeiten als Programmierer so einsetzen, dass sie wirklich einen richtig großen Nutzen ergeben. Damit würdest du wahrscheinlich deine inneren Werte verwirklichen. Ich nehme an, du bist ein Mensch, der ein starkes Gerechtigkeitsgefühl hat, ein Mensch, der gerne hilft und etwas Gutes tut, und genau das könntest du tun. Jetzt schreibst du: „Ja, die meisten, die das tun, die machen das ehrenamtlich.“ Und ich glaube das sofort, weil wir haben in Deutschland für alles Geld. Wenn es darum geht, dass wir Riesenmilliardenbeträge für Aufrüstung brauchen, dann ist sofort ein politischer Wille da. Aber wenn es darum geht, dass wir ein bisschen mehr Geld für Menschen mit einer Behinderung brauchen, dann ist kein Geld da, und das sagt sehr viel über uns und über unsere Gesellschaft aus. Und ich bin richtig traurig darüber, dass das so ist, aber ich möchte schon mal die Frage stellen: Ist das wirklich wahr? Du gehst davon aus, Klaus, da sei kein Geld, du könntest davon nicht leben, aber vielleicht gibt es doch einen Weg. Vielleicht gibt es große Unternehmen, vielleicht gibt es Unternehmensberatungen, die eben sehbehinderte Mitarbeiter in ihren Reihen oder in Reihen der Kunden haben und die sehr profitieren könnten, wenn du sie mit deiner Expertise unterstützen würdest. Darum lautet meine Frage – ich bleibe jetzt mal bei den großen Unternehmen – darum lautet meine Frage: Was könnte in richtig großen, finanzstarken Unternehmen den Mitarbeitern, die nicht gut sehen können oder die gar blind sind, was könnte diesen Mitarbeitern ihre Arbeit sehr erleichtern? Was würdest du da vorschlagen? Was würdest du da anbieten? Spin einfach mal ein bisschen rum. Stell dir vor, es hätte dir ein Vorstandsvorsitzender diesen Auftrag gegeben: Entwickle mal eine Idee. Und wenn du die entwickelt hast, wenn die spruchreif ist, dann kannst du ja einfach mal den Testballon steigen lassen, und du kannst auf eine solche Firma oder auch auf eine entsprechende Unternehmensberatung zugehen. Mag sein, du hast keinen Erfolg damit, aber vielleicht, vielleicht wird es auch ein Treffer, und vielleicht wirst du, wenn das wirklich umgesetzt wird, vielleicht wirst du dann besser verdienen, als du es jetzt tust. Beides ist möglich. Ich finde es ganz wichtig, dass wir auch Dinge probieren, dass du in diesem Fall auch, Klaus, ein Ding probierst, von dem du nicht weißt, ob es erfolgreich sein wird. Das ist wie beim Fußball: Was passiert, wenn ich nur noch aufs Tor schieße in der Gewissheit: Der Ball ist 100prozentig drin? Dann kann ich ja kaum mehr schießen, weil die wenigsten Schüsse gehen rein. Ich muss immer riskieren, dass der Ball abgewehrt wird, dass er am Tor vorbeigeht. Und so finde ich, könntest du auch hier riskieren, dass du es machst, dass du es anbietest und dass du mal schaust, wie der Markt reagiert.

Und ich habe von drei Möglichkeiten gesprochen. Die dritte Möglichkeit, die mir einfällt, ist die, dass du sagst: Ja, ich bleibe jetzt bei meinem Brotberuf, bei meinem Arbeitgeber, aber nichtsdestotrotz werde ich ehrenamtlich etwas tun, um sehbehinderten Menschen weiterzuhelfen. Das hätte erstens den Vorteil, dass du etwas tust, was sinnvoll ist, was dir vielleicht auch dadurch Energie schenkt. Und wer weiß, manchmal öffnet sich durch eine ehrenamtliche Tätigkeit eine Tür, und hinter dieser Tür erwartet etwas, was dann auch finanziell interessanter ist. Also ich glaube, es ist wichtig, Klaus, dass du losgehst, und eine Sache, die sprichst du ja auch noch an, dass du jetzt zu wenig dich bewegst, zu wenig in der Natur bist. Also ich wünsche dir, dass du deine Energiequellen wieder nutzen kannst, dass du wieder in den Zustand einer sehr guten Energie kommst und dass du dann vielleicht ein paar der Anregungen, die ich dir gegeben habe, umsetzt und mal schaust, was daraus entsteht.

Und jetzt noch ein Wort zu deinem Vorgesetzten, der nicht wollte, dass du zurück an deinen Arbeitsplatz kommst mit der Behinderung. Ich kann einfach nur sagen: Solche Menschen, die haben es nicht verdient, Vorgesetzte zu sein. Solche Menschen, die haben offenbar kein Herz an der rechten Stelle, und ich bin richtig, richtig traurig, dass du so jemanden erlebt hast. Und ich freue mich von Herzen, dass du dennoch deinen Rückweg genommen hast, dass du dennoch wieder am Arbeitsplatz bist. Ich wünsche mir, dass mehr menschliche Menschen Vorgesetzte sind und keine solchen Typen wie er. Denn das, was ich da gelesen habe, das genügt mir schon, Klaus. Meine Daumen sind für dich gedrückt. Schreib mir gerne mal, wie es bei dir weitergeht. Ich bin sehr gespannt darauf. [Musik]

Und jetzt meine Aufgabe für alle, die zuhören: Überlegt einmal: Wenn ihr ausgesorgt hättet, wenn ihr in einem Millionenvermögen schwimmen würdet, was genau wolltet ihr dann beruflich noch tun? Und wenn ihr das definiert habt, was ihr beruflich gerne tätet, überlegt einmal: Gibt es vielleicht einen Weg, es jetzt schon wirklich zu tun und anzustoßen? Macht mal einen Plan. Manchmal sind die Dinge, die man sich ausmalt, gar nicht so unrealistisch, wie man es meint. Manchmal lässt sich die Tür zu einem solchen Traum in der Realität öffnen.

Und damit bin ich beim dritten Anliegen. Das stammt von der Clara. Die ist 26 Jahre alt und die schreibt mir: „Ich höre schon seit längerer Zeit deinen Podcast und finde ihn super. Zu meinem Anliegen würde ich gerne wissen, wie du das einordnest und was ich tun kann. Ich leide sehr unter dem cholerischen Verhalten meiner Mutter. Sie ist andauernd negativ eingestellt und schlecht gelaunt, beschimpft mich und andere meiner Familie und hat generell eine sehr negative Sicht auf das Leben. Manchmal habe ich das Gefühl, man redet bei ihr gegen eine Wand. Sie ist sehr stur in ihrer Meinung und ihrem Urteil, teils egoistisch und kann sich nur schwer in die Bedürfnisse von anderen hineinversetzen. Sie neigt zu Wutausbrüchen oder üblen Beschimpfungen, die gerade sehr empfindliche und persönliche Bereiche treffen. Sie provoziert stark und völlig absichtlich, sie reizt andere mit ihrem Verhalten bis aufs Blut, und je nach Sachverhalt sich…“

Selbst auch, sobald sie dann etwas abgekühlt hat, ist ein paar Tage Frieden. Aber dann gibt es ein neues, scheinbar unlösbares Problem, und das ganze Spiel geht von vorne los. Das einzige, was hilft, ist den Raum kurz zu verlassen, wenn sie mal wieder hochkocht, oder kurz wegzufahren, was ich nach Möglichkeit auch tue. Ich finde es einfach grausam, wenn man versucht, über die Aggression Probleme zu lösen, denn Aggression macht alles im Prinzip nur schlimmer.

Ein Beispielfall: Ich male und zeichne unheimlich gern, ein großes Hobby von mir. Vor kurzem habe ich meinen Masterabschluss im Bereich Kunst gemacht und dafür 12 Wochen intensiv an der Abschlussarbeit gesessen. Dementsprechend musste ich ein paar Dinge, unter anderem das Malen, etwas vernachlässigen, weil meine Masterarbeit im Fokus war. Jetzt, wo die Prüfung geschafft ist und ich bestanden habe, wollte ich natürlich all die Dinge nachholen, die in der Prüfungszeit etwas zu kurz gekommen sind: wie Freunde wiedersehen, mehr Zeit mit meinen Hobbys einplanen, unter anderem auch malen und zeichnen. Allerdings macht mir meine Mutter jetzt Vorwürfe deswegen und scheint nicht zu verstehen, warum ich das jetzt brauche. Sie sagt ständig Dinge wie: „Anstatt dass du hier sitzt und malst, solltest du dich lieber mit deinen Freunden treffen, denn malen kannst du ja schließlich noch, wenn du 80 Jahre alt bist.“ Und die Klara fragt mich: „Wie kann – nun sollte ich in Zukunft mit dir umgehen? Was wäre aus deiner Sicht hier die beste Vorgehensweise?“

Das erste, was ich dir sagen möchte, liebe Klara, ist: Ich freue mich so richtig, dass du ein Feld gefunden hast, für das dein Herz schlägt, nämlich die Malerei, nämlich die Kunst, und dass du es geschafft hast, diesen Weg zu gehen. Ich bin mir nicht sicher, ob deine Mutter das von Anfang an unterstützt hat. Ich könnte mir vorstellen, dass sie immer wieder kritische Anmerkungen gemacht hat, aber du warst in der Lage, auf dein Herz zu hören; du warst in der Lage, deinen Weg zu gehen, und das ist eine richtig tolle Leistung. Und ich wünsche dir, dass du als Künstlerin noch sehr viele schöne Erlebnisse vor dir hast. Für alle, die zuhören: Die Klara, die hat ihrer Mail auch ein Bild von sich angehängt, und mir hat das sehr gut gefallen. Ich glaube, ich sehe da künstlerisches Talent, und ich wünsche dir, dass du damit ein großes Publikum erreichen und auch deinen Lebensunterhalt gut bestreiten kannst.

Jetzt schreibst du mir, dass deine Mutter nicht nur mit dir, sondern auch mit Angehörigen so umgeht, wie du es beschreibst; dass sie also immer Probleme sieht, dass sie eine negative Weltsicht hat, dass sie Menschen beschimpft, Menschen angreift und Menschen damit auch klein macht. Jetzt stelle ich dir eine Frage, liebe Klara, und zwar: Kannst du einen anderen Menschen verändern? Kannst du deine Mutter verändern? Kannst du klarer bestimmen, was deine Mutter denkt? Kannst du klarer bestimmen, wie deine Mutter mit dir umgeht? Kannst du, Klara, bestimmen, was deine Mutter sagt und welche Überzeugung sie einnimmt? Ich vermute mal, wenn du etwas über diese Frage nachdenkst, kommst du zu der Überzeugung: „Nein, das alles kannst du nicht. Deine Mutter ist verantwortlich für alles, was sie tut, was sie denkt, was sie sagt, und du, du bist verantwortlich für das, was du denkst, was du tust und was du sagst.“ Und ich glaube, das ist der größte Fehler, den wir alle – auch die, die jetzt zuhören – den wir alle im Umgang mit cholerischen Menschen machen: Wir nehmen uns vor, diesen Menschen zu verändern. Wir wollen, dass er keine Ausbrüche mehr hat. Wir wollen, dass er zivilisiert mit uns umgeht. Wir wollen am Ende des Tages, dass er uns versteht, dass er auf uns zukommt. Und das alles können wir nicht bewirken. Das alles entzieht sich unserem Einfluss.

Ich stelle jetzt einfach mal eine Behauptung auf, liebe Klara: Ich sage, deine Mutter kann dich nicht provozieren. Deine Mutter kann dich nicht beleidigen. Du kannst dich zwar provozieren lassen, du kannst dich zwar beleidigen lassen, aber du kannst dich auch dagegen entscheiden. Du kannst dich entscheiden dagegen, dass du den Schuh, den sie dir hinhält, anziehst. Jetzt weiß ich natürlich, es ist deine Mutter. Jetzt weiß ich natürlich, ihr lebt wahrscheinlich relativ eng zusammen. Und jetzt weiß ich natürlich, es ist nicht so einfach, eine solche innere Distanz einzunehmen. Aber ich frage mich einfach: Was ist die Alternative dazu? Was ich jetzt beschrieben habe, das ist das Denken der Stoiker. Das war ja eine philosophische Schule, die davon ausgegangen ist, dass wir durch Ruhe, dass wir durch Gelassenheit und dass wir durch völlige Verbundenheit mit uns selber sehr, sehr viel erreichen können; dass wir also die wahren Aufgaben nicht in der Außenwelt haben, sondern dass die wahren Aufgaben sich in unserem Inneren abspielen. Wenn du das so definierst, Klara, wenn du sagst: „Ich habe die Hoheit darüber, wie ich auf meine Mutter reagiere“, dann kann es natürlich sein, dass du durch diese veränderte Haltung auch deine Mutter verändern wirst, denn du agierst nicht mehr so wie bislang.

Ich stelle mir das manchmal so vor bei cholerischen Menschen, wie bei einem Spielautomaten. Also so ein cholerischer Mensch wie deine Mutter, der wirft bei dir eine Münze ein, indem er z. B. sagt: „Äh, deine Malerei, da wirst du nie was damit verdienen“, oder: „Mal doch, wenn du alt bist“, und: „Geh jetzt zu den Freunden.“ Also es ist eine Provokation, wie du es ja geschrieben hast. Die Münze wird oben eingeworfen, und jetzt soll unten aus dem Automaten – jetzt soll aus deinem Mund herauskommen, dass du dich verteidigst, dass du dich rechtfertigst, dass du emotional reagierst. Gerade Narzissten lieben es, wenn sie Menschen zu Gefühlsausbrüchen bringen können, dazu bringen können, dass sie sich verteidigen. Dann wissen die: „Also, mein Münzeinwurf da oben, der hat zu einer bestimmten Reaktion, zu einem bestimmten Ergebnis geführt.“ Stell dir das vor wie bei einem echten Spieler im Casino oder wo auch immer der spielt, in der Spielhalle. Wenn der die Münze einwirft und unten klimpert Geld raus, was tut er danach? Freut er sich und fährt nach Hause? Nee, der wird natürlich die nächste Münze einwerfen, damit es wieder klimpert, und noch eine Münze, damit sie – und solange es klimpert, solange es klimpert, wiederholt und wiederholt er das. Und das befürchte ich im Umgang mit deiner Mutter: Solange du widersprichst, solange du emotional reagierst, wird sie immer, immer weitermachen.

Aber spielen wir einfach mal durch: Was passiert, wenn du es schaffst, innere Distanz einzunehmen? Was passiert, wenn du ihr die gewünschten Reaktionen, die Empörung, die Verteidigung, wenn du ihr all das verweigerst? Ich glaube, Klara, dann wird sie irgendwann aufhören, diese Münze da oben einzuwerfen, weil sie einfach an diesem Spiel keinen Spaß mehr hat. Jetzt fragst du mich wahrscheinlich: „Aber Martin, wie soll ich denn so eine Distanz einnehmen? Das ist ja meine Mutter, und es berührt mich doch.“ Diese Distanz, die kannst du z. B. einnehmen, indem du in deinem Kopf eine Fantasie aufbaust, die dir diese Dissoziierung erleichtert. Stell dir z. B. vor, du hast einen Astronautenanzug an, einen absolut dichten Astronautenanzug, und an diesem Astronautenanzug, der schützt dich perfekt. Da prallen alle Worte deiner Mutter zuverlässig ab. Egal was deine Mutter sagt, das alles prallt ab an deinem Astronautenanzug, das alles berührt dich nicht, und das alles kannst du sehr cool erwidern. Das wird dir sehr helfen. Probier das mal aus. Das kann auch ein anderes Bild sein, aber das ist jetzt ein Vorschlag von mir, der Astronautenanzug. Du könntest es dir auch vorstellen, dass du irgendwo in einem Turm sitzt, dass du in einer Burg bist, dass um dich herum ein tiefer Burggraben verläuft, und du bist da oben ganz sicher. Also, such dir ein Bild aus, das dir entspricht, und aus dieser Haltung heraus wirst du merken: Berührt sie dich viel weniger.

Und jetzt empfehle ich dir und auch allen, die zuhören, einen Satz, den man zu cholerischen Menschen sagen kann, und zwar möglichst unemotional, möglichst sachlich. Du könntest sagen: „Schade, dass du das so siehst.“ Was ist stark an diesem Satz? Stark an diesem Satz ist, dass du nicht widersprichst und dass du deiner Mutter oder wem auch immer bewusst machst: Du bist für deine Sicht verantwortlich. Es ist nicht meine Aufgabe, dich zu bekehren, dich zu überzeugen, sondern du bist verantwortlich für deine Sicht, und wenn du das so sehen willst, dann siehst du es so (ich sehe es anders). Das ist die beste Art, liebe Klara, wie du mit einem cholerischen Menschen umgehen kannst. Ich weiß, es gibt ganz viele Tipps der Abgrenzung, die auf toller Rhetorik basieren, aber immer wenn du rhetorische Manöver fährst, wirfst du oben wieder die Münze ein. Also, eine sparsame Reaktion, eine sehr sparsame, gefühlsreduzierte Reaktion ist das Beste, was du probieren kannst. Ich lade dich ein: Versuch es einfach mal ein paar Tage, ein paar Wochen, und wenn du magst, gib mir eine Rückmeldung, denn es interessiert mich, inwieweit es funktioniert.

Und hier ist noch mein Tipp für alle, die zuhören: Denkt einmal an Situationen, in denen ihr von einem anderen beschimpft oder angegangen wurdet. Was habt ihr in diesem Moment gedacht, und was habt ihr in diesem Moment empfunden? Und wenn ihr diesen Gedanken entdeckt habt, dann fragt euch: Habe ich vielleicht unbewusst den Schuh angezogen, den mir der andere dahin gehalten hat? Und was wäre passiert? Was wäre besser gewesen, wenn ich mehr innere Distanz gehalten hätte? Und genau diese Strategie, die probiert ihr in der nächsten Situation ähnlicher Art aus.

Und jetzt erzähle ich euch am Ende noch eine Geschichte, die hat zu tun mit dem positiven Blick auf die Dinge. Die stammt wieder aus meinem Buch: „Dieses Buch verändert dein Leben für immer: Wie du deine Probleme halbierst und deine Lebensfreude verdoppelst.“ Vielen Dank, dass so viele von euch dieses Buch sich besorgt haben, dass es schon so lange in den Bestsellerlisten steht, und ich weiß, ihr empfehlt das auch weiter. Damit tut ihr mir und auch den künftigen Lesern, glaube ich, einen richtigen Gefallen. Als es dämmerte, da machte der Tag einen Abendspaziergang. Er wollte herausfinden, wie die Menschen ihn erlebt hatten. Auf einer Parkbank unterhielt sich ein Pärchen. Der Mann sagte: „Mein Tag in der Firma war schrecklich, nichts als Stress.“ „Der Tag wurde blass. Schrecklich war er also.“ Die Frau antwortete: „Und mein Tag war die Hölle. Ich hatte morgens und abends Stau.“ „Der Tag wurde noch blasser. Die Hölle war also.“ Verärgert ging er weiter und traf auf einen jungen Mann, der gerade laut in sein Handy rief: „Mein heutiger Tag war rabenschwarz.“ „Rabenschwarz war er.“ Also, das ging dem Tag zu weit. Er baute sich vor dem jungen Mann auf und fragte: „Gab es heute keine lichten Momente für dich? Hast du nichts genossen, nichts gelernt, nichts Positives gefühlt?“ Der junge Mann, der machte große Augen, da offenbar eine Stimme aus dem Nichts erschienen war. Aufgeregt rief er ans Handy: „Ich habe gerade eine Erleuchtung.“ „Na also“, sagte der Tag, „es geht doch.“ Und er räumte das Feld für die Nacht. Ja, jeden Tag, jeden Moment gibt es sehr viel Positives, sehr viel Erfüllendes um uns herum, und es liegt an uns, worauf wir den Blick lenken. Ich empfehle euch: Schaut mehr auf das Licht und schaut weniger auf den Schatten. Und schaut unbedingt am nächsten Freitag bei Spotify, bei Apple vorbei, denn dann erscheint eine Bonusfolge von „Frag Martin“, und am kommenden Montag – was ist da? Ja, da ist wieder „Frag Martin“-Tag, und ich freue mich schon sehr auf euch. Wenn ihr mir einen Gefallen tun wollt, bitte empfehlt diesen Podcast weiter und hinterlasst eine positive Bewertung. Für euch ist das nur ein einziger Klick, aber mir hilft es sehr. Ich danke euch dafür, und ich wünsche euch noch einen schönen Tag. Und ihr Leute nah und fern, von Herzen gern bin ich mit der nächsten Folge dieses Podcasts wieder für euch da. Euer Martin.