Transcription
Ich mache ein virales YouTube-Video über Ikimel und plötzlich erwähnt sie mich auf ihrem Debütalbum. Ah, sie hat gar nicht mich gemeint, sondern nur die gleiche Behinderung. Großer Schwanz und vier Finger. Okay, der war einfach zu gut, um ihn jetzt nicht zu bringen. Und damit herzlich willkommen zum Full Circle Moment, back zum Ursprung meiner YouTube-Karriere. Denn ich liefere euch jetzt eine weitere Ikimel Deepdive-Analyse und zwar zu ihrem neuen, passend zum Valentinstag releasten Album.
Hi, ich bin Matilda und habe genauso wie Ikimel Linguistik studiert. Und während sie das dazu qualifiziert, provokante Rap-Lyrics zu schreiben, na ja, qualifiziert es mich dazu, genau diese zu analysieren. Auf diesem Kanal gibt es übrigens regelmäßig Videoessays, in denen ich Deutschrap-Texte so überinterpretiere, wie Deutschlehrer nur Dingsymbole in Kurzgeschichten. Also, smash den About-Button, um kein Highlight mehr zu verpassen. Ja, ich checke, das war eine sehr billige Doppeldeutigkeit, aber hey, es ist eine Ikimel-Analyse und meine Analyse wird fetzen.
Bereits letzten Sommer hat Ikimel mit ihren Tracks und nicht zuletzt mit dem AGU-Feature für ziemlich viel im Online-Diskurs gesorgt. Warum schaust mich jetzt an mit diesem Blick? Ich meine, jeder und seine Oma haben über die Selbstsexualisierung und die Romantisierung von Konsum gesprochen. Ist das, was sie macht, feministisch? Ihre Texte gehören in die Schule und davon bin ich als Deutschlehrerin voll überzeugt. Feministin, das ja. Und während was wie zum festen Inventar des Deutschrap gehört, sind vulgäre Sprache und Lyrics über sexuelle Handlungen immer noch was ziemlich Kontroverses. Na, zumindest, wenn es von der Rapperin kommt. Kein Wunder, dass die Debatte jetzt also schon wieder darum kreist, ob es feministisch ist, wenn eine Frau sich selbst sexualisiert. Na ja, ich finde es ehrlich gesagt ein bisschen zu kurz gedacht, nur darüber zu sprechen, dass sich Ikimel selbst sexualisiert. Viel interessanter wird es nämlich, wenn wir uns mal anschauen, wie sie das genau macht. Denn Spoiler: Mit ihrem Album legt sie da noch mal ordentlich ein drauf und fordert das Verständnis von Weiblichkeit und Sexiness heraus.
Kurzer Disclaimer: Das ist eine ziemlich große Frage und deswegen werde ich mich in diesem Video auch darauf beschränken und nicht auf die Romantisierung von Stoffen und Ballern eingehen. Es ist wieder ein ganz normaler Tag. Stoffen to be honest, denn über diesen Trend im Straßenrap müsste man noch mal ein eigenes Video machen. Ja, sagt Bescheid, wenn ihr darauf Lust habt. Ja, aber was genau ist denn eigentlich weiblich und sexy? Je nachdem, wen wir da fragen, bekommen wir natürlich ganz unterschiedliche Antworten. Für die eine ist es im schicken Abendkleid mit Hauchstimme erklären, wie man Caprisonne from scratch macht. Für die andere ist es ein schwitziges Workout am Drumset. Ja, und für mich ist es Männer ärgern, damit abzunerven, ohne ihre Zustimmung "hot und behindert" in meine Instabio zu schreiben.
Was wir aber klar beantworten können, ist, inwiefern Weiblichkeit und weibliche Sexiness aus einer patriarchalen Perspektive heraus definiert werden. Hier gilt: Das als weiblich, was sich der männlichen Dominanz unterordnet. Das fürsorgliche, das sanfte, die unterstützende, hingebungsvolle, harmonisierende und passive Frau gilt als besonders weibliche Frau. "Hallöchen, ich habe wieder für meinen Ehemann das Essen für die Nachtschicht zubereitet." Ja, bei diesen Worten werden aufdringliche Willen ganz feucht, ne? Und weibliche Sexiness hat im Patriarchat natürlich nichts mit weiblicher Selbstbestimmung über den Körper und die eigene Lust zu tun. Chillig, sondern bezieht sich auf das, was Männer an Frauen sexy finden. Stichwort: Mail-Sexy sind also Jugendlichkeit, patriarchale Schönheitsideale wie schlanke Taille, lange Haare, volle Lippen, rasierte Achseln, sowie dem niemals gerecht zu werdenden Oxymoron der verruchten Unschuld. Oder, um abzukürzen: Megan Fox aus Transformers. Inwiefern diese Weiblichkeits- und Sexiness-Konzepte auf dem Album bedient werden oder herausgefordert werden, darum geht's jetzt.
Wo wollen wir denn da anfangen? Um diese Frage zu beantworten, am besten da, wo ihr bei euren Gedichtinterpretationen nie hingeschaut habt, nämlich dem Titel. Ikimel hat ihr Album genannt. Ich bin übrigens mal wirklich gespannt, wie oft ich das noch sagen kann, ohne dass das Video demonetarisiert wird. Und damit finden wir im Albumtitel direkt mal das Stilmittel, was sowas wie zum lyrischen Markenzeichen von Ikimel geworden ist, nämlich das Reclaiming von Frauen verachtenden Beleidigungen. Oder, um es von Linguisten zu Linguisten auszudrücken, die semantische Neubesetzung von misogynen, pejorativen Substantiven.
Auf die, was ich damit meine: Ausdrücke, die eigentlich zur Abwertung von Frauen gebraucht werden, werden nun von den Opfern dieser sexistischen Beleidigungen zurückgeholt und zwar, indem sie sie als positive, identitätsstiftende Selbstbezeichnungen nutzen. Und ich als kleiner Linguistik-Nerd finde das natürlich super spannend, auf wie vielen Ebenen das eigentlich funktioniert. Da gibt's z.B. Stufe 1 als positiv reclaimte Bezeichnung für die enthemmte Frau, die außerhalb einer monogamen Beziehung mit verschiedenen Partnern Spaß hat. Dann gibt's Stufe 2, da hat rein gar nichts mit der Promiskuität einer Frau zu tun, sondern funktioniert ganz allgemein als positiv reclaimte Bezeichnung für das weibliche Geschlecht, ganz egal, wie viel jemand hat. Und last, but not least, Stufe 3, da eröffnen sich plötzlich ganz neue Wortbildungsmöglichkeiten und analog zum Substantiv gibt dann auch das Adjektiv, das von TikTok-Feministinnen gebraucht wird, um zu beschreiben, wie krass heute ihr Outfit ist. "Ich sehe unfassbar aus an meinem allerersten Tag als 30-Jährige." Übrigens, funktioniert das nicht nur mit dem Album, sondern auch mit jeglicher anderen Art von sexualisierter Beleidigung gegen Frauen.
Genauso wie klar, teilweise finden wir auf dem Album auch noch patriarchal geprägte Darstellungen der Frau, die den Mann reproduzieren. Jagt z.B., wenn sie die normativen Merkmale ihres Körpers, knappe Outfits und dive Posen inszeniert. Wobei es ihren Jungs recht gibt, sich von ihrem Partner den Hintern versohlen lässt, mit der C oder so ganz heteronormativ auf männliche Alpha-Statussymbole abfährt. Und am allerdeutlichsten wird der männliche Blick wohl, wenn sie in Musikvideos Intros von Erwachsenen-Filmchen klaut. Jetzt eine spritzige. Diese Darstellungen haben aber ihre Grenzen. Viel auffälliger und interessanter ist: Oftmals funktioniert die Selbstsexualisierung auf Ikimel-Tracks gerade durch eine Verneinung des Male Gaze. Meistens nimmt Ikimel nämlich bei der Beschreibung von expliziten Handlungen nämlich gerade nicht die Rolle der passiven Frau ein, der gegeben wird. Ganz im Gegenteil: Anstatt eine heteronormative Dynamik zwischen Mann und Frau zu reproduzieren, schlüpft Ikimel in die dominante Rolle, also basically in die des Mannes. "Leckt meine Eier, er kriegt sie." In den jetzt kommt der dran. G ist gerade am Grill, noch ein drauflegt sie, wenn sie dem Zuhörer den männlichen Blick regelrecht entzieht.
Das passiert z.B. auf dem Track "Wellness". Da flirtet sie erst noch mit dem sexy Herrn Saunermann und macht auf ihre Bedürfnisse aufmerksam. Vielleicht kann der große, starke Mann ihr ja Abhilfe schaffen. "Hallo, hallo, Stopp, Herr Saunermann will mit dem Handtuch." Aber jetzt ist sie dran. Doch anstatt dieses lyrische Pornointro weiter auszuerzählen, bricht sie mit der Erwartung des angefixten Hörers noch mitten in der darauffolgenden Aufzählung. Denn nach dem "Werb-Stöhnen" kommen nicht etwa "Werben" wie Beben und Zittern, sondern "stöhnen, rotzen". Danach muss ich kotzen. Ja, das ist ein etwas anderer Höhepunkt. Kurz gesagt: Indem Ikimel plötzlich auf das Eklige, das Derbe und damit verbunden das Unweibliche umschwenkt, lässt sie eine Male-Gaze-Interpretation ihrer eigenen Sexualisierung erst gar nicht zu. Und kurzer nerdiger Seefex an dieser Stelle: Auf der phonetischen Ebene wird dieser Kontrasteffekt sogar noch verstärkt. Während "Stöhnen" mit dem langen Ö und dem nasalen N ein besonders sonor und wohlklingendes Wort ist, sind es "Rotzen" und "Kotzen" mit den reibenden Frikativ und Plosivlauten eben gerade nicht.
Übrigens, hört hier natürlich nicht auf. Auch mit dem Cover grenzt sich Ikimel von einem männlichen Blick ab. Denn anstatt sich ich als "Hotte Barbie" mit einem "hotten Body" zu inszenieren, haben wir auf dem Cover eine pinke Bodybuilder-Ikimel im Bikini und mit Oberschenkel. Und ich sag mal so, das schüchtert Männer eher ein, als dass es sie anmacht. "Fen meine Kleine, bei mir sind nicht nur die Spitzpunkte meiner Show, digga. Wo ist der lyrische Mehrwert? So, Ikimel, du kannst auch Feature sein auf meinem nächsten Song über meine ozeanweite Gefühlswelt. Ich dippe nämlich so die wieder Arianengraben. Was wollt ihr Softies eigentlich? Ich gebe immer 500 PS, auch als ein Mann, Mann, wenn du weißt, was ich meine. Mama, geht's noch? Wollt ihr euch erstmal meine Analyse fertig angucken? Dann würdet ihr nämlich checken, dass nur dann ein Mann braucht, wenn sie ihren Hund vermisst. Frau braucht keinen Mann, damit es ihr gut geht. Und das gilt natürlich auch für den Ramba-Zamba-Baby-B. Für mich und ich kauf dir Louis Vuitton. Nee, okay, raus jetzt."
Um Tabus zu brechen, müsst ihr euch gar nicht als sexy, edgy, Techno-Rapperin in vor allem männliches Business vorwagen. Meer, Ozean, Tiefsee. Wusstet ihr, dass weiblicher Solospaß immer noch ein ziemliches Tabuthema ist? Dabei ist das die beste Art und Weise, um sich und seinen Körper besser kennenzulernen und zu entdecken, was einem abseits von patriarchalen Erwartungen eigentlich so wirklich gefällt. Ein guter Starting Point dafür ist Cheeks. Das ist eine Sexual-Wellness-Plattform, die eben keine einseitigen und unrealistischen Erwartungen an Sexy Time reproduziert, sondern für alles: für die Straights, die Queers, Frauen, Männer, alles dazwischen und außerhalb. Es gibt juicy Videos, juicy Audios und Tutorials und Artikel zu juicy Themen. Ich bin z.B. ein sehr auditiver Mensch, weil da mein Kopfkino am besten funktioniert. Und Udo, das waren jetzt nett zu viele Infos über mich. Wenn wir Frauen nicht so dafür schämen würden, wenn sie drüber sprechen, dann würden sie dir vielleicht auch mal ihre Vorlieben nennen, statt dir nur was vorzuspielen. Ja, wenn ihr jetzt Lust bekommen habt, Cheeks auszuprobieren, dann könnt ihr das mit meinem Code 7 Tage kostenlos einfach mal testen. Ihr müsst dazu ein Jahresabo abschließen. Ihr könnt in diesem Testzeitraum aber auch easy auf das Monatsmodell switchen oder ganz kündigen.
Damit hebt sich Ikimel sehr deutlich von der Selbstsexualisierung anderer weiblicher Popsternchen ab, die ja ebenfalls mit der Rolle der selbstbestimmten und sexuell befreiten Frau spielen. Ja, das war über zu Leute. Basic, machen wir jetzt Gedichtvergleich. Auch bei Shirin geht es darum, sich in dem eigenen Körper gut zu fühlen und Männer zu genießen. Nur wird bei ihr halt ein patriarchales Bild von Weiblichkeit aufrechterhalten. Reproduktion eines super-skinny Ideals, wie Träumereien und niedliche Endungsreime in Babystimme. Mail-Bericht. Dagegen mit dem Clean-Girl-Barbie-Klischee. "Clips werden wütend, küsst erstmal meine Füße" und vereint den Widerspruch aus sexy auf der einen Seite und dem traditionell nicht weiblichen auf der anderen Seite. Vor dem Hintergrund, dass beide am selben Tag ihre Alben released haben, finde ich schon fast ein bisschen funny, dass Shirin in ihrem Album beinahe auch den Titel mit einem F-Wort gegeben hätte. Leute, ich habe echt lange überlegt, ist auch nennen zu lassen, aber ich wäre nicht mal irgendwo, ich hätte mit diesen Namen hab nirgendswo gelistet werden können. Aber jetzt mal Butter bei die Fische: So eine reclaimte Zickigkeit auf der einen Seite, dann aber eine Reproduktion von patriarchalen Schönheitsidealen und ein Babystimm-Gesangsmodus auf der anderen Seite, wäre für mich halt ehrlicherweise nicht so zusammengegangen.
Kurzer Disclaimer an dieser Stelle: Ich möchte hier keine Frauen gegeneinander ausspielen. Ich finde, aber dieser Vergleich macht deutlich, dass Selbstsexualisierung nicht eben immer gleich Selbstsexualisierung ist, sondern sich je nach Grad der Aufrechterhaltung des Male Gaze dabei ziemlich unterscheiden kann. Ja, wohl die Künstlerinnen gerade hierin sehr verschieden sind, haben sie dennoch eine Gemeinsamkeit: Sowohl Ikimel als auch Shirin spielen auf ihren Alben mit dem Vorurteil, dass eine erfolgreiche und gut aussehende Frau nicht gleichzeitig auch intelligent sein könne. "Ich bin schlau, aber blöd und super." Ja, die Erfahrung als Blondine eher für ein dummes Popsternchen statt für eine talentierte Businessfrau gehalten zu werden, hat einfach mal so Shirins gesamtes Album geprägt und ihm sogar seinen Titel verliehen. "Wenn er tut, das wäre ich dumm, dann tu ich w." Und auch Ikimel greift dieses Klischee immer wieder ironisch auf und sie weiß in ihren Lyrics darauf hin, dass sie halt einen fucking Uniabschluss hat. "Baby, Belor, und der war sogar migut, ist mir nicht mal schwer gefallen. Jetzt tanz ich in Videos." Tja, mit einer Absage an den Male Gaze endet hier natürlich nicht. Ikimel baut auf ihrem Album lyrisch das Matriarchat auf, also die Vormachtstellung der Frau über den Mann. Oder anders ausgedrückt: Das Album ist der wortwörtliche Albtraum eines Mannes, der denkt, Feminismus sei der feuchte Traum von Frauen, alle Männer in den Keller zu sperren, um dann ungestört veganes Schnitzel zu schnabulieren und nackt Jesus zu inkarnieren. Feministinnen sind alle hässlich und grässlich. Das, was die Männer mit ihren Müttern, Schwestern und Töchtern seit Jahrhunderten machen, dreht Ikimel in ihrer Mucke einfach mal um und entwirft ein Paralleluniversum, in dem die Frauen die Männer knechten.
Ich bin bereit, anstatt das Patriarchat ab, verschiebt sie die Machtstrukturen zugunsten der Frauen und ich hoffe, Maximilian Krah ist an dieser Stelle mal heftig am zittern, denn so sehe unsere Realität aus, wenn wir nicht Gleichberechtigung, sondern Rache fordern. Würden. Jetzt sind es die Männer, die im Dienst der weiblichen Befriedigung stehen. "Ich bin bereit, die Beine breit." Dann jetzt sind es die Männer, die die unbezahlte Care-Arbeit zu übernehmen haben. Ich kein, ich mindestens sehe. Die sollen gefährlicher kochen, putzen und mich. Jetzt sind es die Männer, denen geschlechtsspezifische Gewalt angedroht wird. Und sich Penner. Was ich in diesem VOG vegan Freaky Friday Reboot besonders spannend finde: So manche patriarchale Klischees über Frauen lässt Ikimel in dieser verkehrten Welt ganz bewusst stehen. Z.B. das der eingebildeten Tussi, dass der verwöhnten Trophy Wife. "Ich brauche eine Million, der mich bumst, auf seiner Yacht oder oder das Vorurteil, Frauen könnten ja kein Auto fahren. Ich kann kein Auto fahren und überfahren nur Männer." Das wirkt vor allem absurd, wenn die sexualisierte Reduzierung des weiblichen Körpers, wie hier durch die Verwendung der Klischee-Taffer Granate und die Unterwerfung des männlichen Geschlechts in ein und demselben Vers Hand in Hand gehen. "Ich bin Granate, sei froh, dass ich dich knechte."
Ein weiteres zentrales Stilmittel in diesem Kontext ist das Gegenteil der Personifikation. Ja, im Deutschunterricht hast du bestimmt aufgepasst. Personifikation ist, wenn Tieren oder Objekten menschliche Eigenschaften zugewiesen werden. Dann kannst du dir denken, was das Gegenteil davon ist. Das kann noch recht zahm so funktionieren, z.B., wenn anstatt der Pluralform "alle" die Singular-Neutrumform "alles" gewählt wird. "Name und ich hab alles." Das ist eine fancy grammatische Umschreibung für die Objektivizierung von Sexualpartnern. Oder indem mal so, in Anlehnung an die ganzen Halbstarken-Jungs aus den TikTok-Kommentaren, der Sparringspartner mit der Ellipse auf sein sexuelles Potenzial reduziert wird, anstatt dass er durch die Nennung seines Namens als Mensch individualisiert wird. "Sein Name ist egal, für mich ist er nur." Würde noch menschlicher als die Objektifizierung ist dann aber die Tierifizierung. Oder, um bisschen genauer zu sein, die Hundifizierung. "Schatz, sind die Weiber dran. Hör aus, meine Nägel sind zu lang. Ab in die Ecke, noch eine Runde, weil du weich bist." By the way, dafür, dass Ikimel gar nicht die Gleichberechtigung der Geschlechter, sondern die Unterdrückung der Männer betreibt, ist ihr Matriarchat dafür ziemlich inklusiv. Body-Shaming gibt's bei Ikimel nämlich nicht. Sie mag ihre Männer ganz gleich, wie sie aussehen, egal ob dick oder durchtrainiert, ob behindert oder nicht behindert. "Ich find sein super, aber er vergisst seine Trinkgewohnheiten von sch." "Ich bin so ein gutes Vorbild. Mir egal, wie er aussieht. Großer Schwanz und vier Finger mich heute Nacht. Behindert, ein Arm, kein Arm, mir egal, solange er liefert." Und damit grenzt sie sich ziemlich deutlich von ihren Gangster-Rap-Kollegen ab, die als ihre Requisiten, schönes Wort, ne, nur normschöne Models vor ihre Luxuskarren stellen. Mir zu vergessen, was war die Erschaffung eines Vor-Patriarchats, indem sich Frauen die Rolle des männlichen Herrschers aneignen, Männer unterdrücken und dann aber patriarchale negative Klischees über sich selbst beibehalten. Das ist etwas, das wir nicht nur bei Ikimel so vorfinden, sondern das ganz allgemein ein Trend auf Social Media gerade ist. Und es ist ein bisschen edleres Klientel dort, deswegen habe ich mich rausgeputzt. Nur mich dann trotzdem wie die letzte Kanalratte zu verhalten. Mein Motto im Leben ist: Ich sehe aus wie eine Frau, verhalte mich aber wie ein Mann. Ich habe ja vorhin vom Männer-Albtraum gesprochen und genau das ist, was wir hier vorfinden. Da, wo Männer im Patriarchat eine Machtposition gegenüber Frauen haben, Stichwort Care-Arbeit, eheliche Pflichten oder Gewalt, das wird jetzt auf den Nacken der Unterdrücker umgekehrt. Die negativen Seiten, die Männer Frauen und Patriarchat zuschreiben, wie z.B. geldgierig, verwöhnt und eitel zu sein, die bleiben aber bestehen. Oder, um es in den Worten einer kulturellen Ikone auszudrücken: So richtig den patriarchalen weiblichkeitsideal in den Pobbes treten, macht Ikimel aber mit diesem Track. PE Provokation ist es, ein Album zu nennen und über Pegging zu rappen. Na ja, Endgegner des AFD-Frauenbildes ist es, sich dabei dann auch noch on top eine Mutter zu nennen. Wer kommt denn da? Mutter. Mutter. Die Mutter ist in der patriarchalen Gesellschaft sowas wie eine Heilige, denn sie verkörpert die vollkommene Weiblichkeit. Ich meine, wenn ihr jedes Jahr beim Familienweihnachtsessen damit gestichelt werdet, dass eure biologische Uhr tickt, während euer 32-jähriger Cousin, der im Keller eurer Tante sein Online-Schneeballsystem aufbaut für sein Business, gelobt wird, dann schwingt er eine zentrale Auffassung mit: Mutterschaft ist die essentielle Erfahrung im Leben einer Frau. Macht dir auch Sinn, zumindest aus so einer heterokonservativen Patriarchatsperspektive. Denn in der Mutterrolle kann sich Frau so richtig selbstlos aufopfern. Mitte 20 hat man vielleicht noch Karriereambitionen, aber spätestens, wenn das erste Kind da ist, wird dann zurückgeschraubt. Zu Hause kochen, putzen, waschen für die Familie. Zu Hause die Kinder und den Mann auch noch gleich miterziehen für die Familie. Zu Hause unbezahlte Care- und emotionale Beziehungsarbeit leisten für die Familie. Damit möchte ich an dieser Stelle auf gar keinen Fall den Job einer Mutter oder Hausfrau abwerten. Ich möchte aber mit der Überspitzung meiner Formulierung den patriarchalen Hintergedanken offenlegen. Eine Frau, die sich in die traditionelle Mutterrolle zurückzieht, die sich kümmert, die sich aufopfert, die versorgt, die hat gar keine Zeit mehr, um das Machtverhältnis zwischen den Geschlechtern in Frage zu stellen.
Als Gegenspielerin wird die kinderlose Frau inszeniert. Nach patriarchalen Maßstäben gilt sie als selbstverliebt, egoistisch, konsumorientiert, infantil und unweiblich. Im Gegensatz zur Mutter führt sie ein sinnleeres, lustorientiertes und dekadentes Leben. Ja, und jetzt haben wir eine Ikimel, die genauso ein lustorientiertes und dekadentes Leben zwischen Clubtoiletten und K in führt und die sich dabei aber Mutter nennt und so von ihren Fans bezeichnet wird. Ja, das wirft das patriarchale Verständnis, dass vollkommene Weiblichkeit die Unterwerfung in die Fürsorgerinnenrolle ist, komplett um. Ikimel gilt nicht als Mutter, weil sie sich ihrer Familie und dem Fortbestand einer männlichen Blutlinie aufopfert, sondern ganz im Gegenteil: Ihre Selbstbestimmung, ihr Eigensinn und ihre Dominanz machen sie zur Mutter. Genauso wie den Begriff reclaimt sie also auch die Mutterrolle. "Mutti will saufen, also mach ein bisschen schneller." Kleiner historischer Fun Fact am Rande: "Mutter" hat nicht Ikimel erfunden und auch nicht Madonna. "Mother" findet seinen Ursprung in der Ballroom-Szene der LGBTQ-Community. Da geht natürlich nicht um biologische Mutterschaft, sondern es handelt sich um eine Metapher. Mütter sind hier die Personen, die in der Community eine kulturelle Führungsrolle einnehmen und damit junge und ältere Personen unterstützen und inspirieren.
Und auch an anderer Stelle connectet sich Ikimels Musik mit Queer. Bei Ikimel geht es gerade nicht um ein heteronormatives Mann-Frau-Blümchen-Schakaker, genau. Sie macht den Se, wenn sie fragt: "Bin ich zu prüde?", sondern um, dass sie ausprobiert mit verschiedenen auch tabuisierten Praktiken, die vor allem tabuisiert sind, weil sie halt in queeren Kontexten vorkommen. Pegging, Popoloch, Gruppenarbeit. Sorry Leute, ich muss gucken, dass ich hier nicht gesperrt werde. Deine, wann war dein letzter? Erstmal machen wir Schere, machen ein und auf ein. Übrigens, das Techno-Feiern und heiße Bekanntschaften im Club so einen Platz auf dem Album einnehmen. Hat auch was mit der Queer-Szene zu tun. Gerade die Clubkultur und nee, damit meine ich nicht die Hetero-Clubs deiner Kleinstadt, in denen Mente läuft, während so ein frisch gewordener 18-Jähriger dich das dritte Mal antanzt, obwohl du schon zweimal nein gesagt hast, sondern ich meine die New Yorker Ballroom-Szene, die Techno- und House-Szene oder die Berliner Club-Szene. Ja, komm rein. Gerade diese Clubkultur war lange der einzige soziale Raum, in dem sich queere Menschen begegnen konnten, abseits von Diskriminierung, Gewalt und sozialer Ausgrenzung.
Und zum Abschluss müssen wir natürlich auch noch über Ikimels Ästhetik sprechen. Deutscher Amateur-Sexy-Sport-Clips-Ding. Oder, um die Worte meines Kollegen ein bisschen zu präzisieren: Trashy, sexy, kitschiger, hyperfemininer Internet-Retro-Look. Grelle Neonfarben, dieser retrofuturistische Plastikglanz, überzeichnete, absurde 3D-Animationen, so angelehnt auf Hello Kitty, Kitsch, Hyperpop und Y2K. Shoutout an Jonas unten, der mit seiner Konzeptarbeit und seiner Regie diesen Look und Feel in Ikimels Musikvideos perfekt einfängt. Klar, das ist das absolute Gegenteil von hochglanzpolierten 4K-Videos, die wir ansonsten aus der Branche kennen. Das jetzt aber einfach als billig abzutun, wäre billig. Diese Ästhetik hat nämlich einen Namen und zwar Camp. Camp ist ein Stilkonzept, vor allem aus der queeren und Drag-Community, das bewusst mit Übertreibung, Ironie, dem Grotesken und Kitsch spielt.
Dream Bullshit. Oh hi, Mark. Es beschreibt das Unnatürliche, das Gestellte, das Überinszenierte. Long line. Das kommt auch nicht nur in der Popkultur vor, sondern hängt literally in Museen und wird in Kunstleistungskursen besprochen. So Cindy Sherman, my girl, du feminist Icon. Ziel von Camp ist es, die konventionelle und heteronormative Wahrnehmung von Stil zu dekonstruieren und ja, damit auch Gender-Normen zu hinterfragen. Auf der anderen Seite des Teichs ist das übrigens schon längst bei den Pop-Girlies angekommen.
Dann können wir doch jetzt zum Ende und als Fazit festhalten, dass Ikimels Album die Gesellschaft queer-feministischer macht. Naja, nicht so ganz. Denn wenn ich meine Kopfhörer absetze und aus der U-Bahn steige, befinde ich mich halt immer noch in einer Welt, in der Friedrich Merz die Rechte von Transfrauen einschränken will. Ikimels Album ist kein Aktivismus für Frauenrechte oder gar eine Abschaffung des Patriarchats. Dafür ist Ikimels Album eine knapp 30-minütige Flucht aus einer Realität, in der mir ein linker Maier, Hannah Arendt mansplaining möchte und mir irgendein Girly auf TikTok erklären möchte, warum ich feminine Energie verliere, weil ich mein eigenes Geld verdiene. Oder anders ausgedrückt: Es ist feministischer Eskapismus. Für eine Dauer von 13 Tracks können Flinter eintauchen in eine Welt, in der sie auf dem Weg zum CSD in der U-Bahn nicht begrabscht werden. Eine Welt, in der sie beim Feier gehen eine schnelle Nummer auf der Clubtoilette schieben können, ohne Angst zu haben, gespiked worden zu sein. Eine Welt, in der sie ihre feministischen Rachegelüste gegenüber Vettern, Ex-Freunden und Staatsoberhäuptern ausleben können. Und auf Ikimel-Konzerten wird dieser Eskapismus dann sogar vorübergehend zur Realität. Denn genauso wie auf Techno-Partys Menschen zusammenkommen, um abseits von einseitigen und unrealistischen patriarchalen Erwartungen zu feiern, kann es das Publikum bei Ikimel-Shows auch. Möchte in diesem Zusammenhang auch noch darauf hinweisen, dass Ikimel sich bewusst dafür einsetzt, ihr musikalisches Universum für all ihre Fans zugänglich zu machen. So haben bei ihr nicht nur die Leute Platz, die sich voll auf den Moshpit beim AGU-Feature freuen, sondern auch Schwangere, Autistinnen, neurodivergente Menschen oder einfach generell Leute, die nicht so Lust auf Trubel und Konsum haben. Es ist ein Safer Space von einer für andere.
Ja, hallöchen Leute, einmal hier Grüße aus dem Schnitt. Ihr kennt's, ich war diese Woche sehr fleißig. Ich sag's ehrlich, es war auch ein bisschen stressig, denn ich habe nach dem Shirin-Video direkt das Ikimel-Video geschnitten. Aber, aber es ist fast eine halbe Stunde lang. Meine Videos werden immer länger. Ich finde, diese Album-Analyse ist auch sehr fein geworden. Ich hoffe, ihr fandet es auch fein. Ich würde mal jetzt noch so interessieren, was eure Lieblings-Ikimel-Lyric ist. Haut's gerne rein in die Kommentare und ich hoffe, ihr habt genug Wasser getrunken. Wenn nicht, macht's jetzt noch. Tschüssi.