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Overthinking - dein Kopf ist nicht kaputt, er beschützt dich

Prof. Ashok Riehm - Coaching24:17

Transcription

Es ist 3 Uhr nachts. Der Körper ist erschöpft, aber der Kopf läuft auf Hochtouren und je mehr man denkt, desto wacher wird man. Wie bei Sophie. Sophie liegt nachts wach und spielt ein Gespräch von heute Nachmittag zum zehnten Mal durch. Hätte ich das anders sagen sollen? Was hat sie wohl gemeint? Kaum ist das durchgekaut, ist sie schon beim Morgen bei dem Meeting, dass sie in Gedanken dreimal durchprobt mit allen möglichen Katastrophen. Tagsüber zerd jede Entscheidung, bis sie sich gar nicht mehr entscheiden kann und zwar aus Angst, die falsche Wahl zu treffen.

Sophie ist nicht dumm. Im Gegenteil, sie ist klug, gewissenhaft und reflektiert. Und genau das ist Teil des Problems. Sie glaubt, wenn sie nur gründlich genug nachdenkt, findet sie endlich Sicherheit, endlich Ruhe. Aber die Ruhe kommt nie. Stattdessen ist sie erschöpft von ihrem eigenen Kopf. Und wenn Sie das kennen, sind Sie damit nicht allein und sind vor allem nicht kaputt. Ich bin Professor Aschokriem und in diesem Video möchte ich Ihnen etwas zeigen, das vieles verändert. Das sogenannte Overthinking ist kein Denkfehler und kein Charaktermangel. Es ist ein Schutzversuch. Ihr Kopf rechnet pausenlos, weil ihr Nervensystem keine Sicherheit spürt. Ich erkläre Ihnen, was dahinter steckt, was im Gehirn passiert, warum gute Ratschläge wie Hör doch auf zu grübeln nicht funktionieren und was wirklich hilft.

Vielleicht kennen sie ihren eigenen Schauplatz. Bei manchen ist es das Bett, bei anderen die Dusche, bei wieder anderen die Autofahrt. Der eine Moment, in dem nichts ablenkt und der Kopf sofort die Regie übernimmt. Bei Sophie ist es die Nacht. Zuerst aber eine wichtige Unterscheidung, denn Overthinking wird oft mit etwas Gutem verwechselt. Ohne Zweifel, Nachdenken ist nützlich. Es hat ein Ziel. Es kommt irgendwann zu einem Ergebnis und dann hört es auf. Als Beispiel, sie überlegen, welche Wohnung sie nehmen, wegen ab, entscheiden sich fertig. Overthinking ist etwas anderes. Es ist ein Rad, das durchdreht und dreht und dreht, aber nie greift. Und damit kommt man nirgendwo an.

Die Forschung nennt das wiederkehrendes negatives Denken und es hat zwei Gesichter. Das eine ist das Grübeln, also der Blick zurück. Warum ist das passiert? Was stimmt nicht mit mir? Hätte ich nur. Und das andere ist die Sorge, der Blick nach vorn. Was wenn? Und was wenn dann? Beides hat dieselbe Struktur. Es ist endlos, es dreht sich im Kreis und es löst nichts. Die Psychologin Susan Nolan Höksema hat das Grübeln jahrzehntelang erforscht. Ihr zentraler Befund ist klar. Grübelnd fühlt sich an, als würde man an einem Problem arbeiten, aber in Wahrheit verschlimmert es die Lage. Menschen, die viel grübeln, werden nicht klarer. Sie werden trauriger, ängstlicher und handlungsunfähiger. Das Grübeln verspricht eine Lösung und liefert tatsächlich das Gegenteil.

Vielleicht erkennen Sie sich wieder. Sie liegen wach und führen Gespräche, die längst vorbei sind. Sie können sich nicht entscheiden, weil sie jede Option zu Ende denken müssen. Sie suchen nach dem einen Gedanken, der endlich Ruhe bringt. Und sie sind müde, nicht vom Tun, sondern vom Denken. Müde sind sie davon immer und je müder desto lauter der Kopf. Denn Erschöpfung macht das Bedrohungssystem noch wachsamer. So füttert sich das Ganze selbst. Ein gutes Erkennungszeichen ist dieses: echtes Nachdenken endet in einer Entscheidung oder einer Erkenntnis und macht ruhiger. Überdenken, also Overthinking, endet in noch mehr Fragen und macht unruhiger. Wenn sie aus einer Denkrunde angespannter herauskommen, als sie hineingegangen sind, dann war es kein Nachdenken, sondern eine Schleife.

Bevor wir verstehen, woher es eigentlich kommt, lohnt ein ehrlicher Blick darauf, was es anrichtet. Denn Overthinking ist nicht nur anstrengend, es hat einen hohen Preis und ihn zu sehen ist oft der erste Anstoß etwas zu verändern. Es kostet sie zuerst den Schlaf. Der Kopf wird abends, wenn die Ablenkung des Tages wegfällt, am lautesten. Sie liegen wach und am nächsten Tag sind sie erschöpft, was die Wachsamkeit und damit das Grübeln noch verstärkt. Man könnte sagen, ein perfekter Teufelskreis. Es kostet sie ihrer Entscheidungskraft. Wer jede Option bis zum letzten Was wäre, wenn durchdenkt, entscheidet am Ende oft gar nicht oder so spät, dass die Gelegenheit vorbei ist. Aus der Angst, die falsche Wahl zu treffen, wird das Treffen gar keiner Wahl. Es kostet sie Nähe. Sie spielen Gespräche endlos nach, deuten jede Nachricht, jede Pause, jeden Tonfall und reagieren am Ende nicht auf den echten Menschen vor ihnen, sondern auf das Drehbuch in ihrem Kopf. Andere spüren diese Distanz, ohne sie benennen zu können. Und vor allen Dingen, es kostet sie das wertvollste, die Gegenwart. Während ihr Kopf in der Vergangenheit kramt oder die Zukunft durchrechnet, verpassen Sie das einzige, was wirklich existiert, diesen Moment im Hier und Jetzt. Sie sind körperlich zwar anwesend, aber gedanklich überall nur nicht hier.

Und jetzt kommt der Punkt, der hoffentlich vieles verändert. Die Frage, warum tut der Kopf das überhaupt, wenn es doch schadet? Antwort: Weil Overthinking ursprünglich eine Schutzfunktion hat. Stellen Sie sich vor, ihr Gehirn hat eine einzige große Aufgabe, nämlich sie vor Gefahr zu bewahren. Und eine seiner stärksten Strategien dafür ist die Vorhersage. Wenn ich alles vorher durchdenke, jede mögliche Gefahr, jeden Fehler, jede Reaktion der anderen, dann kann mich nichts mehr überraschen. Dann bin ich vorbereitet. Und das bedeutet, dann bin ich sicher. Das ist die heimliche Logik hinter dem Overthinking. Es ist der verzweifelte Versuch durch Denken Kontrolle über eine unkontrollierbare Welt zu gewinnen. Nie wieder überrascht werden, nie wieder hilflos sein, nie wieder den Fehler machen, der damals so weh getan hat. Und genau deshalb grübeln Menschen besonders viel, die irgendwann erlebt haben, dass die Welt eben nicht sicher und nicht vorhersehbar ist. Wer in einer unberechenbaren Umgebung aufgewachsen ist, wo man die Stimmung der Eltern lesen musste, um Ärger zu vermeiden, der hat früh gelernt: Ich muss vorausdenken immer, sonst trifft es mich. Das Overthinking von heute ist oft der erwachsene Nachklang dieser frühen Wachsamkeit. Das heißt, ihr Kopf will sie nicht quälen. Er versucht sie zu beschützen mit einem Werkzeug, das längst nicht mehr passt. Das ist eine völlig andere Sicht, als sich für schwach oder neurotisch zu halten. Und sie ist der erste Schritt heraus.

Lassen Sie uns ganz kurz sousagen unter die Motorhaube schauen, sprich in das Gehirn, denn das macht es noch verständlicher. [schnauben] Ihr Gehirn hat ein schnelles Bedrohungssystem, das ununterbrochen die Frage stellt: Bin ich sicher? Solange dieses System Entwarnung gibt, ist der Kopf ruhig. Solange es aber Alarm schlägt und sei es nur leise im Hintergrund, hält es den Denkapparat auf Trab. Es will, dass sie nachdenken, planen, eine Lösung finden, denn aus seiner Sicht ist da eine Gefahr. Das Tückische da ist, bei vielen Menschen, besonders nach belastenden Erfahrungen, steht dieses System dauerhaft auf leichtem Alarm. Der Körper meldet Unsicherheit, auch wenn objektiv gar nichts droht. Und der Kopf gehorcht und produziert Gedanken, Gedanken, Gedanken in der Hoffnung, die Gefahr endlich zu bannen. Dazu kommt, sobald Sie nicht beschäftigt sind, schaltet das Gehirn in einen Ruhemodus, indem es um sich selbst kreist, um Vergangenes und Zukünftiges. Bei manchen Menschen ist genau dieses im Leerlauf um sich selbst kreisen überaktiv. Deshalb wird es oft schlimmer, sobald sie zur Ruhe kommen wollen, abends im Bett, in der Stille. Der Kopf nutzt die Lücke und daraus erfolgt eine entscheidende Konsequenz. Sie können sich nicht in Sicherheit denken. Solange der Körper Alarm meldet, wird der Kopf weiter rechnen, egal wie klug die Gedanken sind. Das ist der Grund, warum reines mehr Nachdenken nie zur Ruhe führt. Sozusagen man bekämpft das Feuer mit Benzin. Anders gesagt, solange der Körper auf leisem Alarm steht, ist Denken für das Gehirn kein Luxus, sondern Notwendigkeit. Das erklärt, warum kluge vernünftige Menschen sich nicht einfach beruhigen können, obwohl sie genau wissen, dass ihr Grübeln nichts bringt. Vernunft erreicht den Alarm nicht. Man kann es sich auch vorstellen wie ein Rauchmelder, der zu empfindlich eingestellt ist. Er schlägt nicht nur bei Feuer an, sondern auch schon, wenn sie den Toaster anschmeißen. Und solange er piept, rennt der Kopf los und sucht überall nach dem Brand. Das Problem ist nicht der suchende Kopf, das Problem ist der zu empfindliche Melder.

Frage: Warum aber hören wir nicht einfach auf, wenn es doch nichts bringt? Weil das Grübeln uns mit einer Illusion belohnt. Denken fühlt sich an wie Handeln. Wenn Sie nachts ein Problem 30 mal durchdenken, haben Sie das Gefühl, sie tun etwas. Sie kümmern sich, sie arbeiten daran. In Wahrheit haben sie nur dieselbe Schleife 30 mal gedreht und nichts verändert. Aber das Gehirn verbucht es als Aktivität, als Schutz. Deshalb fühlt es sich falsch an, einfach aufzuhören. Aufhören fühlt sich an wie Nachlässigkeit, wie Leichtsinn. Eng damit verbunden ist die Unfähigkeit Ungewissheit auszuhalten. Die Forschung spricht von Ungewissheitstoleranz. Manche Menschen ertragen das Gefühl von, ich weiß es nicht, so schlecht, dass sie lieber endlos grübeln, als die Offenheit auszuhalten. Das Grübeln ist dann der Versuch, eine Gewissheit zu erzwingen, die es schlicht nicht gibt. Und das Leben liefert diese Gewissheit nie. Es gibt fast nie die eine Antwort, die alle Zweifel beseitigt. Wer auf sie wartet, bevor er zur Ruhe kommt oder sich entscheidet, der wartet für immer. Und genau in dieser Falle sitzt Sophie. Sie sucht ein Gefühl von Sicherheit, das durch Denken grundsätzlich nicht zu bekommen ist.

Beobachten Sie sich einmal selbst. Sehr oft grübeln wir am meisten über genau die Dinge, an denen wir gerade nichts ändern können. Genau dort, wo Handeln unmöglich ist, springt das Denken ein als Ersatzhandlung. Es ist als würde man im Stand Gas geben. Viel Lärm, viel Verbrauch und der Wagen bewegt sich keinen Meter. Und jetzt kommt der vielleicht wichtigste und am wenigsten bekannte Punkt. Das eigentliche Problem sind oft gar nicht die Gedanken selbst. Es ist das, was sie über ihr Denken glauben. Der britische Psychologe Adrian Wells hat dazu eine ganze Therapieform entwickelt, die metakognitive Therapie. Metakognition heißt einfach das Denken über das Denken und Wells hat etwas Entscheidendes herausgefunden. Vielgrübler tragen meist zwei verborgene Überzeugungen in sich. Die erste ist positiv und lautet sinngemäß: Mein Grübeln hilft mir. Wenn ich alles gründlich durchdenke, bin ich vorbereitet. Ich vermeide Fehler. Ich behalte die Kontrolle. Diese Überzeugung hält den Motor am Laufen, denn solange Sie glauben, dass Grübeln schützt sie, werden Sie damit nicht aufhören wollen. Die zweite Überzeugung ist negativ und lautet: Ich kann mein Grübeln gar nicht kontrollieren. Es überkommt mich einfach. Diese Überzeugung macht ohnmächtig. Sie nimmt ihnen das Gefühl überhaupt eine Wahl zu haben. Wells ganz clever dreht den ganzen Spieß um. Nicht die einzelnen Gedanken sind das Problem, sondern ihre Beziehung zu ihnen, die Regeln, nach denen sie auf sie reagieren. Sie müssen nicht jeden Gedanken zu Ende denken. Ein Gedanke ist ein Gedanke, aber kein Befehl. Sie können einen sorgenvollen Gedanken auftauchen sehen und sich entscheiden, ihm nicht zu folgen. Das klingt klein, ist aber eine zumindest kleine Revolution, denn es gibt Ihnen die Kontrolle zurück, die das Grübeln Ihnen vorgegaukelt hat. Probieren Sie es ruhig jetzt aus, während Sie zuhören. Ein Gedanke taucht auf. Sie müssen ihn nicht, Sie müssen ihn weder festhalten noch wegschieben. Sie können ihn einfach da sein lassen und Ihre Aufmerksamkeit trotzdem woanders hinlenken. Genau diese Erfahrung, dass ein Gedanke kommen und gehen darf, ohne dass Sie etwas mit ihm tun müssen, ist der Anfang der Freiheit.

Freiheit wird eins wird gleich ein wichtiger Punkt. Aber bevor wir zum Weg hinauskommen, müssen wir mit einem gut gemeinten Ratschlag aufräumen, der sogar schadet. Denk doch einfach nicht mehr dran. Das ist leider das schlechteste, was Sie tun können. Der Psychologe Daniel Wegner hat das in einem berühmten Experiment gezeigt. Er bat Menschen an alles zu denken, nur nicht an einen weißen Bären. Sie kennen das mit Sicherheit in der Version mit Denk jetzt mal bitte nicht an einen Rosaelefanten. Sein Ergebnis war: Die Menschen dachten ununterbrochen an den weißen Bären. Warum? Je mehr wir einen Gedanken wegdrücken, desto stärker kommt er zurück. Man nennt das den ironischen Effekt der Gedankenunterdrückung. Der Grund ist einfach, um zu prüfen, ob sie nicht an etwas denken, muss ein Teil ihres Gehirns ständig genau dieses etwas im Blick behalten. Sie füttern also genau den Gedanken, den sie loswerden wollen. Ich finde, das kann eine enorme Entlastung sein, wenn man es nämlich versteht. Und das bedeutet, sie haben nicht versagt, weil sie nicht aufhören konnten zu grübeln. Aufhören durch Wegdrücken funktioniert grundsätzlich nicht bei niemanden. Der Weg ist nicht gegen die Gedanken zu kämpfen, sondern anders mit ihnen umzugehen. Das gilt nachts besonders. Wer sich vornimmt, jetzt endlich aufzuhören zu denken und einzuschlafen, macht das Einschlafen selbst zur Aufgabe und Aufgaben halten wach. Genau deshalb ist Anstrengung hier der falsche Weg. Was hilft, ist nicht mehr Kampf gegen den Kopf, sondern weniger.

Also, wie kommt man aus der Schleife? Ich gebe Ihnen sechs Schritte, die ineinander greifen.

Erstens, und das ist die Grundlage, beruhigen Sie zuerst den Körper, nicht den Kopf. Weil das Grübeln vom Alarm im Nervensystem angetrieben wird, müssen Sie an diesem Alarm ansetzen. Wenn die Schleife losgeht, atmen Sie ein paar Mal bewusst langsam aus, und zwar länger aus als ein. Spüren Sie Ihre Füße auf dem Boden oder auf der Matratze. Benennen Sie drei Dinge, die Sie gerade sehen. Das holt sie aus dem Kopf zurück in die Gegenwart. Sie können nicht in Sicherheit denken, aber Sie können sich in Sicherheit atmen.

Zweitens, entlarven Sie die Schutzüberzeugung. Fragen [schnauben] Sie sich ehrlich: Hat mein Grübeln in den letzten Jahren je ein Problem gelöst? Oder hat es mich nur Schlaf, Kraft und Lebensfreude gekostet? Meist ist die Antwort eindeutig. Das Grübeln schützt sie nicht, es raubt sie aus und diese Erkenntnis nimmt dem Motor den Treibstoff.

Drittens, die Grübelzeit. Das klingt paradox, wirkt aber. Verabreden Sie mit sich selbst einen festen Termin, z.B. 15 Minuten am frühen Abend, in den Sie ganz bewusst grübeln dürfen. Wenn untertags oder nachts eine Schleife auftaucht, sagen Sie sich: Nicht jetzt, das hebe ich mir für meine Grübelzeit auf. Erstaunlich ist oft das Bedürfnis bis dahin verflogen. Sie zeigen ihrem Gehirn damit, dass Sie entscheiden, wann gedacht wird, nicht der Gedanke entscheidet.

Viertens, Abstand statt Ringen. Stellen Sie sich Ihre Gedanken wie Autos auf einer Straße vor. Sie müssen nicht in jedes einsteigen. Ein Gedanke darf auftauchen und wieder vorbeifahren, ohne dass Sie ihn verfolgen. Gedanken sind Vorschläge, keine Befehle und schon gar keine Wahrheiten. Diese innere Haltung beobachten statt mitfahren, ist der Kern dessen, was Wells lehrt.

Fünftens, Handlung statt Schleife. Tragen Sie sich bei einer Sorge: Gibt es gerade einen kleinen echten Schritt, den ich tun kann? Wenn ja, tun Sie ihn und sei noch so klein. Wenn nein, dann ist das Grübeln nutzlos, denn es ändert nichts. Echte Handlung beendet die Schleife. Gedankliches Durchspielen nährt sie nur.

Sechstens, üben Sie Ungewissheit auszuhalten. Lassen Sie bewusst einmal eine kleine Entscheidung stehen, ohne sie zu Tode zu analysieren. Wählen Sie z.B. das Rot in 30 Sekunden. Spüren Sie das Unbehagen des nicht alles durchdacht habens und halten Sie es aus. Es vergeht. Das Ziel ist nicht endlich Gewissheit zu finden, sondern die Ungewissheit ertragen zu lernen, die zum Leben einfach dazu gehört.

[seufzt][japst] Und erwarten Sie nicht, dass Ihr Kopf von heute auf morgen still ist. Das ist nicht das Ziel und wäre auch gar nicht gesund. Das Ziel ist, dass das Grübeln seine Macht über Sie verliert, dass Sie nicht mehr jeder Schleife folgen müssen. Am Anfang werden Sie vielleicht, boah, wer weiß, vielleicht werden Sie sich 100 Mal am Tag dabei erwischen. Das ist kein Rückschlag, das ist der Fortschritt. Jedes Erwischen ist ein kleiner Moment der Freiheit. Und ein letzter wichtiger Hinweis zu diesen Schritten. Sie müssen nicht alle sechs auf einmal umsetzen. Suchen Sie sich den einen heraus, der Sie am meisten anspricht und üben Sie ihn eine Woche lang. Kleine wiederholte Schritte verändern ein Muster nachhaltiger als ein großer Vorsatz, der nach drei Tagen verpufft.

Ein ehrliches Wort zum Schluss dieses inhaltlichen Teils. Für viele Menschen sind diese Schritte genau das Richtige und sie reichen vollkommen aus. Aber bei manchen sitzt das Overthinking tiefer. Wenn Ihr Kopf seit Ihrer Kindheit nicht zur Ruhe kommt, wenn die Wachsamkeit ein Dauerzustand ist, wenn dahinter ein Nervensystem steht, das nie gelernt hat, dass es sicher ist, dann kann es sein, dass das Grübeln nur die Spitze ist, denn dann ist es das kognitive Echo einer tieferen Verletzung. Meist reicht dann reicht es dann nicht aus, nur am Denken anzusetzen. Dann geht es darum, an die Wurzel zu gehen, an das Gefühl von Unsicherheit im Körper, oft mit therapeutischer Begleitung. Vielleicht ein kurzer Hinweis, ich habe ja mehrere Videos gemacht, etwa über Hypervigilanz, also die Überwachsamkeit und darüber, warum traumatisierte Menschen nicht zur Ruhe kommen. Wenn Sie das Gefühl haben, Ihr Overthinking ist nur die Oberfläche, dann schauen Sie dort weiter. Es ist keine Schwäche, sich dabei helfen zu lassen. Es ist klug. Manche Schleifen kann man allein durchbrechen. Andere brauchen jemanden, der mit einem hineinsieht.

Vielleicht eine einfache Faustregel zur Einordnung. Wenn Ihr Overthinking erst in den letzten Monaten begann, oft nach einer konkreten Belastung, dann sollten die Werkzeuge aus diesem Video in der Regel gut ansprechen. Wenn Ihr Kopf dagegen, soweit Sie zurückdenken können, noch nie wirklich still war, dann lohnt der Blick auf das, was tiefer drunter liegt.

Zumindestens Sophie liegt heute nicht mehr jede Nacht wach. Nicht, weil sie endlich alle Antworten gefunden hätte, sondern weil sie aufgehört hat, sie um 3 Uhr Nachts zu suchen. Sie hat gelernt, dass ihr Kopf sie schützen wollte und dass sie diesen Schutz nicht mehr im Hier und Heute braucht. Das ist die Botschaft, die ich Ihnen mitgeben möchte. Ihr überaktiver Kopf ist nicht Ihr Feind und kein Defekt. Ganz im Gegenteil, er ist ein treuer Wächter, der nie gelernt hat, dass die Gefahr vorbei ist. Sie müssen ihn nicht bekämpfen. Sie können ihm beibringen, dass er sich auch mal ausruhen darf.

Mich würde interessieren, wann schaltet Ihr Kopf am wenigsten ab? Nachts bei Entscheidungen, nach Gesprächen. Und welcher der sechs Schritte ist für Sie der schwierigste? Schreiben Sie es mir bitte in die Kommentare. Und zum Schluss erlauben Sie sich oder erlauben Sie Ihrem Kopf doch eine Pause. Das hat er sich redlich verdient.