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Eine schrecklich nette Familie die Doku zur Serie.

CIAO CHRIS42:55

Transcription

[Musik] Eine schrecklich nette Familie. Die Serie sollte sich von all den anderen TV-Sitcoms abheben. Zu einer Zeit, als Wohlfühl-Sitcoms wie die Bill Cosby Show, Familienbande und Unser lautes Heim Top-Einschaltquoten erzielten, war Eine schrecklich nette Familie die Serie, in der der Vater eben nicht am besten wusste.

[Musik] Es schien unmöglich, dass etwas so völlig anderes erfolgreich im Fernsehen laufen könnte. [Musik] Man schnitt gewagte Themen an, die für reichlich Aufregung sorgten. Ich glaubte wirklich, Fox könnte die Serie absetzen. Trotz aller Widrigkeiten machte Eine schrecklich nette Familie einen Sender erst relevant. Fox war vor der Serie ein Nichts und revolutionierte das Prime-Time-Fernsehen. Man brach nicht nur mit Konventionen, man riss sie in Stücke, verbrannte sie und streute sie in den Wind.

[Musik] Eines Sonntagabends des Jahres 1989 um 20 Uhr stößt eine Hausfrau aus Michigan namens Terry Colter auf eine Folge der harmlos klingenden Serie Eine schrecklich nette Familie. Für eine konservative Mutter ist ihr Inhalt jedoch mit Nichten harmlos. [Applaus] In ihrer Entrüstung über die anzüglichen Szenen ruft sie den noch unbedeutenden Sender Fox an, um sich zu beschweren. Das brachte den Stein ins Rollen. Plötzlich waren Sender und Studio im Gespräch. Ganz Amerika redete darüber. Nervöse Werbekunden sprangen ab. Noch bevor die Serie im Fernsehen Fuß fassen kann, läuft sie bereits Gefahr, den Kreuzzug einer einzelnen Frau zum Opfer zu fallen.

[Musik] 1986. Handys sind noch nicht klein, das Internet noch nicht groß und Videospiele finden in sogenannten Spielhallen statt. Die Sender ABC, NBC und CBS beherrschen als die großen Drei das Fernsehen. Doch Fox ist entschlossen, sich ein Stück vom Kuchen zu sichern und sich als viertes Sendernetzwerk zu etablieren. Fox war im Nachteil. ABC, NBC und CBS waren praktisch seit den Anfängen des Fernsehens 1948 dabei und hatten damit 40 Jahre Vorsprung. Fox versucht durch die Entwicklung innovativer Programminhalte ein Publikum zu gewinnen. Fox musste sich abheben und fasste ganz bewusst eine jüngere, männliche, weniger konservative Zielgruppe ins Visier. Mit Garth Ancier rekrutiert Fox eine Führungskraft von NBC als Spitze des neuen Senders. Garth war eine Art Wunderkind, das sich bei NBC nach oben gearbeitet hatte. Man holte ihn in der Hoffnung, er werde auch bei Fox Wunder bewirken. Bei NBC war ich hauptverantwortlich für aktuelle Comedy-Formate, darunter Serienhits wie Golden Girls, die Cosby Show, Familienbande und Cheers. Insgesamt hatten wir 16 Serien im Programm. In einem riskanten Schachzug und unter Ausrufung des jugendlichen Profils ihres Senders legen die Köpfe von Fox Television, Barry Diller und Rupert Murdoch, ihre gesamte Zukunft in die Hände eines nicht mal 30-jährigen Mannes. Um Erfolg zu haben, müssen Ancier und Fox zunächst erstklassige Drehbuchschreiber und Produzenten anlocken. Ancier hat bereits die perfekten Kandidaten im Blick. Ron Levitan und Michael Moy, eines der talentiertesten Autorenproduzenten-Gespanne Hollywoods, wenngleich man ihnen das nicht ansah. Ihre Erscheinung war ziemlich rebellisch. Ron, über 1,80 m groß und 90 kg schwer, mit langen, speckigen, strähnigen Haaren und Michael mit seinem Wuschelkopf. Sie trugen Jeans und T-Shirts und wirkten wie Bühnenarbeiter. Wenn man Ron und Michael traf, wollte man ihnen am liebsten Geld für Essen geben, weil sie wie Obdachlose durch Hollywood liefen. Einmal bat ein Obdachloser Ron auf der Straße um eine Zigarette und bot ihm dafür einen Schluck aus seiner Weinflasche an, weil er ihn für einen Leidensgenossen hielt. Da wurde Rons BMW vorgefahren. Er gab dem Fahrer 100 Dollar Trinkgeld und der Obdachlose sah ihn nur noch davonbrausen. Jahrelang wurden sie in Hollywood an jedem Pförtnerhäuschen und an jedem Tor aufgehalten. Sie kamen stets 25 Minuten zu spät, weil der Wachmann sie nicht durchlassen wollte.

[Musik] Levitan und Moy hatten sich bereits als exquisites Autorengespann für Serien wie Happy Days, Laverne & Shirley, die Jeffersons, Good Times und Mork & Mindy hervorgetan. Ich umgebe mich gerne mit hochtalentierten Produzenten. Also suchte ich sie persönlich auf und flehte sie förmlich an, für uns zu arbeiten. Als Garth sagte, der Sender sei auf der Suche nach etwas Unkonventionellem, waren wir Feuer und Flamme. Fox steckt damals noch in den Kinderschuhen, hat keine Tradition und kaum Geld. Wenn es jedoch eines gibt, was Garth und Ancier bieten kann, ist es kreative Freiheit. Wir hielten es für unsere einzige Chance, ihnen eine Sitcom zu liefern, die uns selbst gefiel und die neue Wege beschritt. Der Anreiz war, dass uns der Sender keine Vorschriften machen wollte. Keine Testvorführungen, keine Forschung und Entwicklung, nichts von der üblichen Bürokratie. Und damit überzeugte man uns. Ein Drehbuchautor fühlt sich dabei wie ein Kind im Süßwarenladen. Moy und Levitan sind an Bord und planen etwas, das sich von herkömmlichen Sitcoms grundlegend unterscheidet. Es schien, als hätten die Jungs die Nase voll von den damals in Amerika üblichen, langweiligen halbstündigen Comedy-Formaten, wo am Ende jedes Problem gelöst ist und alle glücklich am Esstisch sitzen. So läuft das Leben nun mal nicht. Nach ihrer Theorie führen Familiensitcoms wie Familienbande oder die Cosby Show lediglich vor Augen, wie erbärmlich das eigene Leben ist, während dort ständig eitel Sonnenschein herrscht. Ron und Mike wollten etwas machen, wonach man den Fernseher ausschaltet und sich auf jeden Fall ein kleines bisschen besser fühlen darf. Das Kreativteam ist sich einig, dass die neue Serie keine kuschelige Fantasywelt erschaffen soll. Vorübergehend lautet der inoffizielle Titel des Projektes sogar Nicht die Cospies. Doch über dessen eigentliche Natur ist man sich noch nicht im Klaren. Als Chefentwickler für die Comedy-Sparte war es meine Aufgabe, sie zumindest zu einer Idee hinzuleiten. Eines Tages lud ich sie telefonisch in mein Büro ein, um zwei Videokassetten zu sichten. Das erste Band zeigt einen jungen, weithin unbekannten Komiker namens Sam Kinison. Ich spielte ihnen sein siebenminütiges Programm vor, in dem er sich hauptsächlich über Frauen und die Ehe echauffierte und die Ehe letztlich als Todesurteil für jeden Mann hinstellte. Das andere Band zeigte den allerersten Tonight Show-Auftritt einer jungen Komikerin namens Roseanne Barr. Die ganze Zeit schimpfte sie über die Ehe. Also meinte ich zu ihnen: "Stellt euch vor, die beiden werden verheiratet." Ron Levitan biss sofort an und sagte das, was sich jeder Serienentwickler oder Produzent als Reaktion auf einen Vorschlag wünscht. Er erwiderte: "Das ist mein Leben." Inspiriert von dem Konzept sowie seinen persönlichen Erfahrungen schlägt Ron Levitan vor. Es scheint, als stünden die Sterne allesamt günstig für Die schrecklich nette Familie. Alle bis auf zwei. Als Ron und Michael ihren ersten Entwurf vollendet und mir das Skript vorgelegt hatten, meinte ich: "Tolles Skript, gratuliere, aber Sam und Roseanne sind nicht interessiert." Der Entwurf, dem Fox zugestimmt hat, galt an der Sitcom mit Sam Kinison und Roseanne Barr. Ohne die beiden aufstrebenden Stars erstickt Fox das Aus für die Serie, noch bevor sie überhaupt begonnen hat.

[Musik] Im Jahre 1986 dominieren ABC, NBC und CBS den TV-Markt mit Wohlfühlfernsehen wie den Cospies und Familienbande. Doch Fox ist entschlossen, als vierter Großanbieter von sich reden zu machen und adressiert mit alternativen Programmideen eine jüngere Zielgruppe. Man wendet sich an das gestandene Produzentengespann aus Ron Levitan und Michael Moy und verspricht ihnen völlig freie Hand bei der Entwicklung einer unangepassten, bahnbrechenden neuen Sitcom namens Eine schrecklich nette Familie. Ron und Michael hatten soeben ihren ersten Entwurf vollendet und ich weiß noch, dass es der beste Rohentwurf war, den ich je gesehen habe. Es stimmte einfach alles. Als man die Serie konzipierte, war schon die ursprüngliche Version mit Roseanne Barr und Sam Kinison als Ehepaar mit Kindern sehr vielversprechend. Es gibt dabei nur ein Problem. Zeiten auf den Le geschrieben David Garrison. Bei David Garrison wussten wir, dass wir uns einen waschechten Profi an Bord holten. Die Rolle war wie für ihn geschaffen. Es fällt schwer zu sagen, man habe zur Figur des Al Bundy hingezogen gefühlt. Die Frage war, wie verkrampft ich ihn darstellen sollte. Für die Rolle von Al's schrulliger Frau Marcy drängt sich zunächst niemand auf. Doch nach dutzenden Vorsprechterminen tendiert Besetzungschef Mark Hirschfeld intuitiv zu der Schauspielerin Christina Applegate. Ich weiß nicht, ob es ihr erster Ausflug ins komödiantische Fach war, doch was mich sofort an ihr entzückte, war die Aura der jugendlichen, idealistischen Ehefrau. Unterschwellig ließ sie jedoch keinen Zweifel, dass sie in der Beziehung den Ton angab. Als sie mit David Garrison aus dem Skript vorlas, überzeugte sie alle. Ich hatte auf Christina Applegate's Besetzung keinen Einfluss, aber ich bin froh darüber, denn schon beim Vorlesen war eine perfekte Chemie spürbar. Die Suche nach einem Ersatz für Roseanne Barr erweist sich als ungleich schwieriger. Man hatte Peggy Bundy als Stubenhockerin im Kopf, doch Katey Sagal interpretierte sie anders. Obgleich die Schauspielerin Casey Gall nichts mit Roseanne Barr gemein hat, macht ihre Version der Peggy beim Vorsprechen gehörigen Eindruck. Sie sah sich weniger als Stubenhockerin, denn als immer noch heißen Feger und trug Caprihosen und Schuhe mit turmhohen Absätzen.

[Musik] Sie kam herein, las vor und das war's. Als Peggy Bundy war sie fantastisch. [Musik] Für Al Bundy war jedoch selbst unter 300 Kandidaten keiner auch nur annähernd geeignet. Es schien, als hätten wir sämtliche Schauspieler der Stadt bei uns gehabt. [Musik] Es kamen Komödianten, Komiker und die Westernhelden von gestern. Dazu Darsteller aus B- und C-Movies. 80 Prozent der Leute, die für Al vorsprachen, klangen exakt wie Jackie Gleason in The Honeymooners. Weitere 5 Prozent wirkten wie Jack Nicholson in The Shining. [Musik] Es passte einfach nicht. Die Rolle wurde auf sämtliche Arten gelesen, nur auf keine witzige. Wir dachten schon, es würde nie funktionieren. Besetzungschef Mark Hirschfeld erinnert sich an einen Auftritt des Theaterschauspielers Ed O'Neill als Lenny in einer Bühnenfassung von Von Mäusen und Menschen. Das dürfte zwei Jahre vor der Serie gewesen sein. Jedenfalls bekam ich O'Neill nicht mehr aus dem Kopf, obwohl ich keine Ahnung hatte, ob er komisches Talent besaß, da er so etwas noch nie versucht hatte. Irgendwie bestand für mich eine Verbindung zwischen Lenny aus Von Mäusen und Menschen und Al Bundy. Lenny sagt alle möglichen Dinge, weil er nicht eben intelligent ist. Mit Al Bundy ist es ähnlich. Er sagt, was er denkt, weil er nicht sonderlich schlau ist. Mitten unter der Woche rief man uns an und fragte, ob wir einen Kandidaten vorsprechen lassen können. Ich meinte, kommt darauf an, wer es ist. Als Ed O'Neill sagte, waren wir dazu geneigt zu fragen: "Wer zum Teufel ist das?" Seine einzige Serienrolle hatte er in einem gescheiterten TV-Piloten namens Manhattan Connection gehabt, der auf dem Film French Connection basierte. Ein Bühnenschauspieler also. Genau. Wie wäre es denn mit Cartoonfiguren? Sowas wie? Habt ihr auch Cartoonfiguren oder vielleicht Tiere? Na schön, dann eben O'Neill. O'Neill kommt direkt von einem Handballspiel zum Vorsprechen und ist total verspitzt. Er betrat den Raum und setzte sich hin. Dieser große, kräftige Kerl gab sich beim Vorspielen der Szene völlig resigniert. Erst einmal seufzte er tief auf. Dann öffnete er die Tür. Was mich anging, musste er gar nichts mehr sagen. Das war Al Bundy, denn nur Al Bundy wusste, dass egal wann er diese Tür öffnete, ihn auf der anderen Seite die Hölle erwartete. Später verriet er mir sein Geheimnis als Al Bundy. Er stellte sich stets vor, das Leben würde streng riechen. Es stimmt wirklich. Wenn Ed O'Neill einen Auftritt hat, sieht er meistens aus, als würde er etwas Schlechtes riechen. Und das ist sein Leben.

[Musik] Die Produzenten atmen geschlossen auf und mit der Besetzung von Christina Applegate und David Faustino als Bundy-Sprösslinge ist man endlich bereit für die Pilotfolge. Kelly Bundy war als typisches MTV-Blondchen gedacht. In jedem Musikvideo gibt es ein Mädchen mit Gossenschürzen. Das ist die, mit der man ins Bett will. [Musik] David Faustino war ein bisschen wie die böse Version von Michael J. Fox in Familienbande. Nun, da alle Rollen besetzt sind, wird die Pilotfolge gedreht, in der das langjährige Bundy-Paar erstmals auf seine frisch vermählten Nachbarn Steve und Marcy trifft. Al und Peggy nehmen sich Steve und Marcy vor und erklären ihnen, dass die Ehe ihr Leben ruiniert habe und sie es sich schleunigst anders überlegen sollten.

[Musik] Das mündet in Steve's und Marcy's erstem Streit, was Peggy und Al so scharf macht, dass sie nach oben gehen, um Sex zu haben. Der Unterschied zu den in der Primetime üblichen Cosby-Offen ist so fundamental, dass die Vorlage bei den Verantwortlichen ein kreatives Kräftemessen und die Gefährdung des gesamten Projektes nach sich zieht.

[Musik] Kurz vor Weihnachten 1986 ist die Pilotfolge von Eine schrecklich nette Familie vollendet. Für Michael Moy und Ron Levitan ist es das Projekt ihres Lebens. Eine unkonventionelle Familienserie für einen Sender, der ihnen völlige kreative Freiheit versprochen hat. Ron und Michael nahmen sie wirklich beim Wort. Die beiden ahnen jedoch nicht, dass dieses Versprechen schon bald auf die Probe gestellt wird. Ich traf auf den Dämon namens Marktforschung und Produktentwicklung. Die Aufnahmen werden an das Studio und den Sender geschickt, wo sie dann einem beliebigen oder nach demografischen Kriterien ausgewählten Testpublikum vorgeführt werden. Danach fragt man die Leute, was ihnen daran gefiel und was nicht. Ich bin kein Freund von Marktforschern und Produktentwicklern, weil sie stets falsch liegen. Nach dem Dreh der Pilotfolge und bevor Fox die Ausstrahlung endgültig bestätigte, kamen die Marktforscher zu einem Treffen mit Ron Levitan und Michael Moy. Wir saßen in einem Sitzungszimmer mit einem endlos langen Mahagonitisch. Man wartete nur darauf, dass gleich jemand ein Schwein mit Apfel im Maul hinstellt, worauf jeder sein Schwert zückt und der König in die Treue schwört. Der Forschungsleiter war bereits mit Schaubildern und Kuchendiagrammen gewappnet. Die Serie schnitt bei den Testläufen hervorragend ab und wurde für komischer befunden als je ein Programm zuvor. Doch da die Statistiker die Spitzenwerte ausklammerten, standen wir am Ende eher mittelmäßig da. Die Marktforscher meinten, ihre Auswertungen hätten ergeben, dass man der Serie viele Provokationen eher verzeihen würde, wenn man Al Bundy zwischendurch oder am Ende jeder Episode seine Kinder umarmen ließe. Darauf herrschte lange Schweigen. Wir blickten reihum, als wollten wir sagen: "War's das jetzt?" Ron stand als erster auf und meinte: "Leute wie Sie machen das Fernsehen kaputt." Für Ron Levitan und Michael Moy geht es um alles oder nichts. Sie riefen Garth an und pochten auf ihre Freiheit. Wir arbeiten für weniger Geld, um unsere Vision verwirklichen zu dürfen. Al Bundy umarmt seine Kinder nicht, es sei denn, sie bluten. Den Analysen zum Trotz folgte Garth Ancier's Bauchgefühl dazu, Levitan und Moy zu vertrauen.

[Musik] Als Entscheidungsträger braucht man in diesem Geschäft den Mut zu verkünden: "Ich glaube an das Projekt und ich bringe es ins Fernsehen. Egal, was andere sagen." Die Erkenntnisse der Marktforschung werden ignoriert. Garth Ancier überzeugt seine Vorgesetzten bei Fox, die Serie in ihrer bestehenden Form auszustrahlen, ohne Umarmungen. Dafür musste er sich einiges anhören, doch er war sich ganz sicher, dass Ron und Mike ihn nicht enttäuschen würden. Ron Levitan und Michael Moy haben ihre erste große Schlacht mit dem Sender gewonnen. Fox ist nun endlich bereit, seine erste aus Eigenproduktionen bestehende Programmfolge anzukündigen: Eine schrecklich nette Familie, The Tracy Ullman Show, 21 Jump Street, Mr. President und Duet. Anlässlich eines formellen Pressetermins soll Michael Moy für Eine schrecklich nette Familie sprechen. Währendst jeder Anzug und Krawatte trug, hatte Michael Moy höchstens ein frisches T-Shirt an. Er schritt zum Podium, sah ins Publikum und fragte: "Wie viele von euch sind verheiratet?" 200 Hände gingen nach oben. "Habt ihr noch Sex mit euren Partnern? Genießt ihr es noch?" Betretenes Schweigen. "Und wie steht es mit den Kindern? Haben sie sich nach Wunsch entwickelt?" "Hätte mich auch gewundert. Darum geht es in der Serie." Nach der Präsentation wollten alle nur noch über Eine schrecklich nette Familie und ihre Schöpfer sprechen. Am Sonntag, den 5. April 1987, feiert Eine schrecklich nette Familie Premiere. Doch kaum jemand sieht zu. In Amerika hat eigentlich keine Comedy-Serie auf Anhieb Erfolg. Das Publikum muss sich erst formieren, weil man bei der Komödie die Charaktere verstehen muss. Erst wenn man die Beziehung zwischen Al und Peggy versteht, kann man darüber lachen. Woran kein Mangel herrscht, ist die Aufmerksamkeit der Kritiker. Ich war verblüfft. Es war derb, vulgär und das Gesprächsthema für Kaffeepausen in der Art von: "Hast du Eine schrecklich nette Familie gesehen? Nicht zu fassen, dass sie das gesagt haben." Es wurde viel darüber geredet. Hauptdarsteller Ed O'Neill bekommt als erster einen Vorgeschmack auf die Zukunft. In der Pilotfolge gibt es eine Szene, in der Al seine Hand in die Hose schiebt. Das war ein Markenzeichen seiner Rolle. Unmittelbar nach der TV-Premiere besucht Ed O'Neill eine Pizzeria in seiner Nachbarschaft. Als er dort auf seine Pizza wartete, kam ein Teenager herein, schob sich die Hand in die Hose und sagte nur: "Hey!" Da wusste er, dass sein Leben nie wieder so sein würde wie zuvor. Ron Levitan und Michael Moy erreichen mit ihrer Schöpfung eine kleine, aber treue Gemeinde junger Zuschauer, die bissigen Humor toleriert und Spaß am Mainstream steht. Doch das ändert sich, als eine konservative Hausfrau aus Michigan erstmals mit Eine schrecklich nette Familie konfrontiert wird und von dem Gesehenen wenig angetan ist. 1989 steht Eine schrecklich nette Familie bei Fox vor dem Start der dritten Staffel. Fox ist noch immer ein junger, relativ unbekannter Sender. Die 20 beliebtesten Serien Amerikas laufen allesamt bei ABC, NBC oder CBS. Doch der pikante Humor der schrecklich netten Familie kommt zunehmend gut an. Wir nahmen wöchentlich an Fahrt auf, trotz kaum vorhandener Werbung. Offenbar lief der Klatsch in den Kaffeepausen etwa so ab: "Hast du schon mal reingeschaut? Das musst du sehen. Es geht wirklich wild zu. Unglaublich, was die sich alles trauen." Damit wurde die Serie immer populärer. Die Einschaltquoten zeigen, dass etwa 3 Prozent der US-TV-Konsumenten Eine schrecklich nette Familie sehen, was die Serie zu Nummer 1 auf Fox macht. Die dortigen Verantwortlichen ahnen jedoch nicht, dass schon bald eine Flut unliebsamer Publicity über sie hereinbrechen wird.

[Musik] Am Sonntagabend des 15. Januar 1989 schaltet die konservative Hausfrau Terry Colter aus Michigan zum ersten Mal Eine schrecklich nette Familie ein. Die Episode, auf die ihr Blick fällt, trägt den Titel "Das Geburtstagsgeschenk". Ich erinnere mich, dass einige Szenen dieser Folge zu jener Zeit als reichlich anzüglich galten. Sie zeigte einen wackelnden Mädchenhintern in Großaufnahme, was für das damalige Fernsehen unerhört war. Dabei war das kein Selbstzweck, sondern leitete einen guten Gag ein. Es war völlig legitim, weil es der Komik diente. Doch manche bekamen es in den falschen Hals. Als Terry Colter gegen die Serie wütete, rief sie direkt unser Produktionsbüro an. Fox ist noch so klein, dass es keine offizielle Anlaufstelle für Beschwerdeanrufe gibt. Also verbindet man Terry Colter unmittelbar mit Marcy Worsinger, der Autorin der Folge. Man rief mich an und sagte: "Jemand beklagt sich über 'Das Geburtstagsgeschenk'. Es ist meine Folge, also soll ich selbst antworten." Da hörte ich eine Frauenstimme, die sagte, sie habe sich sehr über die Folge vom Vorabend geärgert. Ich meinte: "Es tut mir leid, und meiner Mutter gefalle die Serie auch nicht. Wir wollten damit einfach etwas Neues wagen und es mit der Zensur halten wie die Briten. Nimmt man Anstoß, wechselt man den Kanal." Es gab kein Protokoll für den Umgang mit Beschwerden. Also schickten sie stets mich vor, weil ich immer so nett war und am wenigsten kaputt machen würde. Von wegen! Auch Marcy Worsinger kann Terry Colter nicht von ihrem Entschluss abbringen. Sie bombardiert die Sponsoren mit Briefen. Sie hatte an die Geschäftsführer sämtlicher Firmen gefaxt, die während der Serie warben.

[Musik] Ich weiß noch, wie ich ins Büro kam und eine der Sekretärinnen meinte: "Diese Hausfrau aus Michigan hat sich schriftlich bei Fox über die Serie beschwert und wird durchaus ernst genommen." Ich muss noch heute über meine Reaktion lachen. "Verstehe ich das richtig? Wir sprechen hier von einer einzelnen Hausfrau. Das sollte mich kümmern?" Would ages make differ un? [Musik] brauchte fast den ganzen Tag, um den Ernst der Lage zu begreifen. [Musik] Fast wäre ich entlassen worden. Der Sender wollte mich zum Bauernopfer machen. Doch Ron und Mike stellten sich vor mich und bekräftigten, dass ohne mich alles noch schlimmer gekommen wäre. Es war auf Seite 1 der New York Times. Keiner der Fox-Oberen wollte sich für meinen Artikel äußern. Das zeigt, wie brisant die Sache damals war. In der Furcht, dringend benötigte Werbeeinnahmen zu verlieren, lässt Fox Strenge walten und weigert sich, eine Folge namens "Sex Video" Al und Peggy auszustrahlen. Im Zuge der Kontroverse wurde eine Episode als zu sexy fürs Fernsehen eingestuft.

[Musik] Die Folge handelt davon, das Sexualleben durch einen Tapetenwechsel aufzufrischen. So kurz nach dem ganzen Aufruhr wagte man es nicht, das zu senden. Sieht man sich die Folge heute an, vermag man das kaum nachzuvollziehen. Werbekunden und nun noch Fox fürchten, die Serie könne sie in Verruf bringen. Die Sorge des Senders lag darin begründet, dass die Serie damals noch nicht etabliert war. Sie steckte in der kritischen Entwicklungsphase, wo man sich fragt, ob man die ersten fünf Jahre durchsteht oder einknickt, weil alle Werbekunden abspringen. Nach nur drei Staffeln müssen sich die Verantwortlichen bei Fox entscheiden. Soll man den Sturm der Entrüstung standhalten oder das Projekt aufgeben und die Serie absetzen? Eine schrecklich nette Familie läuft in der dritten Staffel, als eine konservative Hausfrau aus Michigan namens Terry Colter an einer Episode Anstoß nimmt. Sie appelliert an Konsumenten, die Sponsoren der Serie und den Sender zu boykottieren. Wichtige Werbekunden werden nervös und steigen aus. Viele glauben auch, Fox werde unter dem Druck nachgeben und die Serie absetzen. Fox war zum ersten Mal mit einer echten Kontroverse konfrontiert und war damit überfordert. Die Angst ging um. Doch heißt es nicht umsonst: Negative Publicity ist besser als gar keine. Auf einmal wollte jeder wissen, wovon diese Frau spricht. Was ist das bloß für eine obskure Serie? Terry Colter war nicht bewusst, dass sie Fox und der Serie einen Gefallen tat. Der Sender konnte finanziell nicht mit ABC und CBS mithalten und sich keine ganzseitigen Anzeigen in der New York Times und dem Wall Street Journal leisten oder in dem Ausmaß werben, wie das die großen Drei taten. Wenn ein Programm hohe Wellen schlägt, schalten die Leute aus Neugier ein. Diese Zuschauer gilt es bei der Stange zu halten. Ironischerweise war sie ein Segen für die Serie. Viele risikoscheue Werber wichen wegen ihres Protestes. Doch auf diese folgten noch zahlungskräftigere. Da die Serie nun in aller Munde und höchst erfolgreich war, wusste ich, sie würden uns schon bald auf Knien anflehen, ihr Geld zu nehmen und sie wieder bei uns werben zu lassen. Nach der Colter-Affäre stellt Eine schrecklich nette Familie bis Jahresende 1989 einen einsamen TV-Rekord auf, indem man die Einschaltquoten um beispiellose 117 Prozent steigern kann. Die Beliebtheit der Serie wurde mir bewusst, als ich in Los Angeles im Supermarkt stand und die Personen vor mir, hinter mir und der Kassierer über die aktuelle Folge sprachen. Colters Feldzug gegen Eine schrecklich nette Familie hatte das Gegenteil bewirkt und sie sah sich aus Pittsburg. Er schrieb: "Er habe einen öden Job, eine lieblose Ehefrau und zwei teilnahmslose Kinder." Doch ganz gleich, wie mies seine Woche gewesen sei, könne er jeden Sonntagabend um 21 Uhr den Fernseher einschalten und sich damit trösten, dass Al Bundys Leben noch schlimmer ist. Für alle Außenstehenden befindet sich die Serie im Höhenflug. Doch hinter den Kulissen gibt es Komplikationen. Garth Ancier, derjenige leitende Angestellte bei Fox, der unerbittlich für Ron Levitans und Michael Moes kreative Rechte eingetreten war, ist zu Disney gewechselt. Statt seiner stellt Fox jemanden ein, der die Serie überwachen und zensieren soll.

[Musik] Die Atmosphäre war gespannt. Für mich war das der Anfang vom Ende. Von nun an liegt es an Levitan und Moy, den Sender ständig an sein Versprechen von kreativer Freiheit zu erinnern. Wir hatten nicht mehr den erhofften Spaß. Terry Colters Vermächtnis war für uns eine ständige Bürde.

[Musik] Eine Episode, die vom Geist der Colter-Kampagne heimgesucht wird, trägt zunächst den Titel "Periodenstück". Die Jungs wollten eine der Staffeln mit einem nie dagewesenen Thema eröffnen. Sie fahren zum Camping in eine Berghütte, wo alle drei Frauen, Marcy, Peggy und Kelly, gleichzeitig ihre Regel bekommen. Sie meinten: "Wir Frauen müssten das schreiben, damit sie nicht als chauvinistische Schweine dastehen." Als die Führung des Senders die Episode sichtete, befürchtete man, sie werde einige Werbekunden vor den Kopf stoßen. Fox kam damit überhaupt nicht klar. Es ging ihnen nicht nur um den unerhörten und sündhaften Gebrauch des Wortes "Menstruation", sondern um die ganze Folge. Ich sagte ihnen: "Frauen hätten sich das ausgedacht und ich würde mich sicher nicht hinstellen und es ihnen verbieten, nur weil Fox das so will. In solchen Fällen wäre ich definitiv auf der Seite der Frauen."

[Musik] Ron Levitan und Michael Moy setzen erneut ihren Willen gegen Fox durch, müssen jedoch eine kleine Änderung hinnehmen. Unser Titel war "Periodenstück", doch Fox geriet in Panik und bestand auf "Männerurlaub".

[Musik] Die Erfinder der Serie empfinden den andauernden Widerstand gegen ihre Vision als zunehmend ermüdend. Wir erhielten immer häufiger Memos vom Sender, in denen man uns drohte, dass wir dieses und jenes nicht tun dürften. Das strengte an und nahm uns die Freude. Es sind schwere Zeiten hinter den Kulissen und es wird sogar noch schwieriger, als einer der beiden Schöpfer der Serie seinen Hut nimmt. Eine schrecklich nette Familie hat einem Sender auf die Sprünge geholfen, einen Skandal durchgestanden und ein Publikum erobert, das ihren gewagten Humor zu schätzen weiß. Doch mit der siebten Staffel setzt eine Abwärtsspirale ein, als Michael Moy, einer der beiden Serienerfinder, freigestellt wird. Zur siebten Staffel nahm ich eine Auszeit, um einen Piloten für NBC zu entwickeln. Da Moy mit der Entwicklung eines neuen Pilotfilms beschäftigt ist, muss sich Ron Levitan ohne seinen altbewährten Partner behelfen, während sich die Kritiker zunehmend auf die Serie einschießen. Die Schuld dafür wurde zuerst auf Ron abgewälzt. Als Michael Moy für die achte Staffel von seinem Zweitprojekt zurückkehrt, ist Levitan ausgebrannt. Die beiden führen ihre Zusammenarbeit zwei weitere Staffeln lang fort. Doch Ron Levitan hat sich zwischenzeitlich mit der Entwicklung einer neuen Sitcom namens "Auf schlimmer und ewig" befasst. Ich glaube, er war damals reif für eine Veränderung. Als UPN dem Projekt grünes Licht gibt, nimmt Ron Levitan Abschied. Nach neun Staffeln verlässt er Eine schrecklich nette Familie endgültig. Von nun an muss sich Michael Moy allein durchschlagen. Für die zehnte Staffel wird der Serie seitens Fox erhöhter Quotendruck auferlegt.

[Musik] Der Sender nannte Quotenziele und sollten wir diese verfehlen, würde man uns absetzen. Die zehnte Staffel von Eine schrecklich nette Familie kann solche Einschaltquoten nur mit Mühe liefern, während der Druck, ständig an Zahlen gemessen zu werden, allmählich die Moral aushöhlt. Ich war völlig ausgebrannt. Ein Jahr hielt ich noch allein durch, dann ging ich. Nach seinem Ausstieg zieht sich Moy aufs Land zurück und schwört, nie wieder für das Fernsehen zu arbeiten. Richard German wird zum leitenden Produzenten ernannt und soll das nach Ansicht vieler sinkende Schiff retten. When the original creators of a show Da gibt Fox offiziell bekannt, dass die Serie nicht verlängert wird. Als die Serie eingestellt wurde, ließ man die Schauspieler im Dunkeln. Ed O'Neill meinte, er habe es erfahren, als er einen Baumarkt verließ und ihm ein Fan sagte: "Es tut mir leid wegen der Absetzung." Erst da hörte er davon.

[Musik] Im Showgeschäft geht das sehr schnell. Wir lieben euch. Doch, das war's. Mit Eine schrecklich nette Familie ist es vorbei. Doch ihr Vermächtnis, Freunde der Fernsehnation. Was macht sie aus? Die Sitcom und ihre Publikumslieblinge. Später verriet er mir sein Geheimnis als Al Bundy. Er stellte sich stets vor, das Leben würde streng riechen. Vor der Kamera, Helden der Herzen. Hinter der Kamera, ein eingespieltes Team oder echte Freunde. Das wahre Leben hinter der Fernsehmaske. Die Doku zur Serie. Jeden Samstag 18 Uhr auf Bo.