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Platzangst (2/3) : Die Suche

badischezeitung50:19

Transcription

An einem sonnigen Herbsttag laufen Joshua und ich über den Stühlinger Kirchplatz. Wir haben ein Mikrofon dabei und wollen mit den Menschen reden, die hier ihre Zeit verbringen. Am Südende des Platzes, direkt bei der blauen Brücke, sitzen zwei Männer auf einer Bank. Sie winken uns zu.

"Kann können wir dich fragen, wie gefällt dir der Platz hier?"

"Ja. Komm her."

"Nein, nein, nur Podcast."

"Was für das mit Kopfhörern?"

"Nein, keiner kann."

Die beiden wollen nicht interviewt werden. Vielleicht denken sie, dass wir Polizisten sind. Oder ist es ein Verständnisproblem?

"Ja, mich und das nicht."

"Ich weiß. Möchtest du was sagen?"

"Ich auch."

"Nein, nein, tut mir leid. Ich rede in Deutsch. Bisschen Deutsch. Englisch geht nicht. Geht nicht. Ich bin nicht, weil ich kann aber ich bin nicht."

Okay. Nach der ersten Folge dieses Podcasts hatten wir ein schlechtes Gefühl. Wir haben viel über die Menschen auf dem Stühlinger Kirchplatz geredet, aber nicht mit ihnen. Das wollen wir in dieser Folge ändern. Doch schnell merken wir, es ist gar nicht so einfach mit den Männern ins Gespräch zu kommen, von denen wir denken, dass sie für den Stress auf dem Platz verantwortlich sind.

Wir versuchen unser Glück unter der Stadtbahnbrücke.

[musik]

"Wir sind gerade am verkaufen, aber auf den einen können wir gleich mal warten. Der ist jeden Tag hier, der mit der mit so einer Flammenjacke, aber die dealen gerade. Ist ein bisschen schwierig, wenn wahrscheinlich reinzugehen."

Unter der Brücke steht ein kleiner Mann. Er hat die Gucci-Kappe tief ins Gesicht gezogen und er trägt einen Kapuzzenpullover. An seinen Fingern blitzen Ringe. Sein Blick ist intensiv und immer wieder schaut er sich nervös um. Kurz vorher hat ein Mann ihm einen Schein zugesteckt und er hat eine kleine Tüte aus seiner Tasche gezogen.

"Hallo. Ja, wir sind Journalisten. Journalistalen hier. Mikrofon. Mikrofon. Also ich heiß Jannick und das Joshua. Ich bin Big. Big Big Malls."

Ah ja, die längst verstorbene Hip-Hop-Legende Notorious B.I.G. dealt also auf dem Stühlinger Kirchplatz mit Drogen. Alles klar. Aber auch okay, dass er uns seinen echten Namen nicht verraten will.

Wir fragen ihn, wie ihm der Stühlinger Kirchplatz gefällt.

"Ah, mir gefällt gar nichts, aber ich chill einfach."

"Okay. Ja, warum bist du hier?"

"Was? Warum? Ah, Bekannte, weil wo? Hier im Park. Ja, im Park habe ich Freunde Bekannte. Das wie ihr trefft euch hier jeden Tag oder?"

"Ja, also automatisch ohne zu anrufen, ohne zu aufreden. Ja, man trifft sich einfach her. Normalerweise arbeit und so, aber jetzt let Zeit arbeite ich nicht. Ja, deswegen ja, ich habe Tag ist ablauf scheiße, weißt du? Okay. Nichts zu machen, deswegen komme ich hier und chill mein Leben."

Ja, im gefall der Platz also gar nicht, sagt Big. Er wolle gar nicht hier sein. Vielleicht, weil die Polizei so oft kontrolliert.

"Und wie ist es mit der Polizei?"

"Ja, ganz ganz schlimm. Sind immer da, Bro. Frühstug abends."

"Ja, aber ihr wisst schon, wann sie kommen, oder?"

"Nein. Wer we wer wissen wir das? Ich weiß nicht. Du fragst mich so woll fragen. Br."

[gelächter]

"Aber scheißegal Bruder. Ich weiß nicht, wann die hierherkommen, aber ich habe nicht so verbergen oder wie sag?"

Wir merken, dass ihm die Fragen langsam zu viel werden. Big schaut sich immer nervöser um. Einen Anlauf wagen wir noch.

"Wie lange ist er schon in Deutschland?"

"Schon ewig. Ja. Ja. Mehrere Jahre. sous sagen. Ja. Okay. Gefällst dir hier die elle Frage in Deutschland?"

"Ja. Nein, auch nicht. Mir gefällt nicht. Warum so?"

Okay, wir kommen hier nicht weiter. Und ich meine, warum soll Big uns auch seine Lebensgeschichte erzählen? Er kennt uns ja kaum. Also verabschieden wir uns.

"Shit, Bro. Jeden Tag die gleiche Scheiße und die Tage ziehen vorbei."

Also bei mir sind zwei Dinge hängen geblieben. Unser Dealer Big ist gar nicht so gerne auf dem Platz.

[musik]

Und ich hatte das Gefühl, dass er auch nicht besonders gerne dealt. Der hat sich die ganze Zeit extrem nervös umgeschaut. Ja, und er hat abgeblockt. Nah sind wir ihm irgendwie gar nicht gekommen.

[musik]

Ich weiß weder, wo er herkommt, noch wo er wohnt oder warum er nicht arbeiten geht. Warum dealt er denn, wenn es ihm gar

[musik]

nicht gefällt? Ich glaube, wir müssen noch mal kommen.

In dieser Folge wollen wir den Stühlinger Kirchplatz wirklich verstehen. Dafür sprechen wir mit den Leuten, die jeden Tag hier unterwegs sind.

[musik]

Oder wir versuchen es zumindest. Wir schauen zurück in die Vergangenheit und merken schnell, das Problem ist

[musik]

gar nicht so neu. Wir finden heraus, welche Drogen auf dem Platz gehandelt werden, wie sie verteilt werden und

[musik]

wo sie herkommen, was die Dealerei mit den Menschen macht, die hier leben und wir treffen auf einen Mann, den sie den Paten vom Stühlinger

[musik]

Kirchplatz nennen. Ich bin Jannik Jürgens. Und ich bin Joshua Kocher. Das ist Platzangst, ein Podcast der Badischen Zeitung.

[musik]

"Der Platz hat dazu geführt, dass uns der Abschied leicht fällt. Die Afrikaner sind eher ruhig, aber die arabischen Leute sind Katastrophe. Die kommen mit Messer, mit Macheten, mit Pfefferspray. Ist schlimm. Wir wollen, dass dieser Platz ein Platz für alle wird. Und die Frage ist, was passiert dann? Das ist ja keine nachhaltige Lösung."

Ich bin nie mehr drüber gelaufen und ich lauf ungern dran vorbei.

Folge 2, Die Suche.

Nach dem Interview mit Big schlendern wir noch etwas weiter, laufen planlos durch den Park und kommen zu einer Bank, vor der zwei Männer und eine Frau stehen. Sie sprechen uns an.

"Seid ihr öfter hier am Platz oder?"

"Äh, ich kann nicht dauer reden, leider privat. Weil muss man aufpassen, wenn man was erzählt da. Ja, okay. Mehr möchte ich nicht dazu sagen. Mein Name ist Hase."

[gelächter]

"Schöner Name. Hoppelhase. Hoppel Vorname. Hase Nachname. Okay."

Mr. Hoppelhase möchte uns verarschen, aber die Frau hat etwas zu erzählen.

"Seit ein Jahr ist Katastrophe hier. Ja, mit Gewalt und alles dies und dies. Aber sonst davor war einigermaßen okay."

Ich frage sie, was sie schon alles auf dem Platz erlebt hat.

"Ich habe schon selber Messerstecherei erlebt hier im Park, dass meine Hand drei Monate nicht bewegbar war. Der andere wurde von der Brücke gestoßen für 5 €. Steht auch in der Zeitung. Der andere lag da hinten. Also als Frau ist hier oder Kinder sind hier nicht sicher. Aber wenn man mit der Männerklicke oder so ist, wo ein beschützt, dann ist okay."

Kurz zur Einordnung. Im Juli 2025 ist tatsächlich ein Mann von der Stadtbahnbrücke gestürzt. Er hat sich dabei schwer verletzt und musste ins Krankenhaus. Vor dem Sturz soll er sich mit zwei anderen Männern gestritten haben. Warum allerdings nicht bekannt. Auf jeden Fall stürzte der Mann 5 Meter in die Tiefe.

"Und wie findest du das, dass die Polizei jetzt so regelmäßig ist?"

"Finde ich gut, aber finde ich auf einer Art auch nicht gut, weil sie nehmen diese Leute, wo eigentlich weniger gemacht haben, als dann die Leute, wo es verdient hätten, festgenommen zu werden. Ja. Okay. Ja. Und seit das Gras ja legal ist hier, ähm folgt eh keiner mehr den Regeln sozusagen."

Ja, plötzlich kommt ein Typ die Treppe von der Herz-Jesu-Kirche runtergeschwebt mit einer Boombox unter dem Arm und einem fetten Joint in der Hand. Er will unbedingt was ins Mikro sagen.

"Genau. Ja. Von welche Sendung?"

"Bische Zeitung. Machen Podcast."

"Okay. Über was?"

"Über den Platz. Okay. Interessant. Was woll mir so über Frage?"

Aber ich ich merke schnell, dass der völlig auf Drogen ist und es keinen Sinn macht mit ihm ein Interview zu führen. Doch die Frau hat noch was Interessantes zu erzählen.

"Zum Glück sind wir zu zweit. Noch mal weiter Frage. Noch eine Frage. Weiß ist das ja der Joshua kann was fragen."

Ich schiebe den Mann zu Joshua rüber und spreche die Frau noch mal an.

"Könntest du noch sagen, wie du heißt?"

"Ich heiß. Ich sag mein zweiten Namen, ich will meinen richtigen Namen nicht sagen. Also, ich wohne seit 6 Jahren hier. Ich komme eigentlich aus Gillsburg und seit vier Jahren dauerhaft bin ich hier. Also seit ein Jahr dauerhaft, aber vor also vier Jahre insgesamt, aber immer so zwischendurch und jetzt seit ein Jahr jeden Tag von 12 bis 22 Uhr ungefähr und dann Ja. Ja. Ja."

"Ich meine, es ist ein schöner Platz oder?"

"Es gibt Es ist schön, aber es sind halt unterschiedliche Charakteren und alles. Vor zwei Tagen z.B. Wir haben zwei arabische Leute, zwei Touristen, also so deutsche ältere Leute mit Krückstock und Rucksack verfolgt bis da hinten hin. Haben den Rucksack aufgemacht und haben die Tasche raus, also Geldbörse rausgenommen. Ein anderer Passant zieht es und geht dahin und rettet die Oma sozusagen, dass er das nicht glaubt. Und dann hat der arabische Mann, der wo der Oma geholfen hat eine rübergezogen, bis Polizei kam. Vor zwei Tagen auch acht Leute haben einen Afghanen geschlagen, zwei Autos kamen. Puh. Okay."

Ob das alles stimmt, können wir nicht überprüfen. Ich frage trotzdem weiter und frag sie, ob sie eine Ahnung hat, warum es hier so schlimm geworden ist.

"Die meisten Leute, die kommen hierher ohne Aufenthalt. Das ist im Moment, ich habe nichts gegen Ausländer, ich bin auch teilweise, aber die Leute versuchen keine Arbeit zu finden oder Familie oder eine A1 oder B2 und so zu machen, sondern wollen nur kriminell werden und hier Sachen verkaufen und"

"Und glaubst du, dass es besser werden kann?"

"Also, ich glaube es nicht. Also vor vier Jahren, wo ich herkam, war es richtig gut. Da waren mehr Kinder hier, da waren mehr Leute auf der Wiese, aber jetzt wo alle neu dazu kommen und die sind alle gerade mal 16, 17, 18, 19, die wollen nur Fight oder ja, ich glaube nicht, dass es besser wird. Wenn die Polizei nicht durchgehend durchgreift, dann wird's nicht besser."

"Eine Frage habe ich noch und zwar von wem der Stress ihrer Meinung nach vor allem ausgeht."

"Die Afrikaner sind eher ruhig, aber die arabischen Leute sind Katastrophe. Die kommen mit Messer, mit Macheten, mit Pfefferspray. Ist schlimm. Okay. Ja, vielen Dank."

"Bitte."

"Ja, alles Gute."

"Danke."

"Gleichfalls."

Boah, da hat's mir jetzt echt kurz die Sprache verschlagen. Ich wusste gar nicht, was ich Julie antworten sollte. Lass uns das vielleicht mal einordnen. Julie hat ein paar krasse Sachen erzählt. Das letzte Jahr auf dem Kirchplatz war schlimm. Messerattacken, Schlägereien, Menschen, die von der Brücke gestoßen werden, sogar Omas mit Krückstock werden überfallen.

"Meinst du, wir können dir das einfach glauben?"

"Ja, also ich wäre vorsichtig. Ähm einiges stimmt schon, anderes vielleicht nicht, aber im Grunde wissen wir ja immer noch nicht mehr als vorher. Julie sagt, dass die arabischen Männer, also meist aus Nordafrika stammend, für den Stress auf dem Platz verantwortlich sind und die wiederum wollen nicht mit uns reden, was ja irgendwie auch verständlich ist. Wir starten am besten bald noch mal einen zweiten Anlauf und bis dahin schauen wir einfach zurück in die Vergangenheit. Wie war der Platz eigentlich früher und seit wann gibt's hier Probleme?"

Ich glaube, ich kenne einen Ort, an dem ich das rausfinden könnte. Ich laufe durch den Keller des Pressehauses, dorthin, wo früher die Druckmaschinen der Badischen Zeitung standen. Reiner Belledin führt mich hier entlang. Er ist der letzte Mann, der das BZ-Archiv gepflegt hat. Jetzt findet es alles digital statt. Belledin schließt eine Metalltür auf. Es ist stockdunkel. Dann drückt er sechs Lichtschalter und Reihe für Reihe flackern Neonröhren auf, tauchen 20 Meter lange Holzregale in helles Licht. Darin stehen tausende Ordner mit vergilbtem Rücken. Manche gelb, manche rot, manche grün.

"Ha. Und hier stehen die alten Schätze, die so in den 60er Jahren beginnen. Ab den 70er Jahren sehr systematisch und das zieht sich dann eben bis 2001. Diese alten Sachen sind hier zu finden. Hier liegt sortiert nach Namen, Orten, Ressort und Großereignissen das Gedächtnis Südbadens. Hunderttausende Artikel."

Belledin zieht ein Ordner mit einem roten Rücken aus dem Regal.

"Die mit den roten Rücken ist praktisch ein Archiv im Archiv. Das ist das Freiburg Archiv. Und da gibt's die Kategorie 32, das ist Straßen und Plätzen und dahinter ist ein Alphabet. Das Alphabet siehst du, das geht hier über vier Regalreihen und der Kirchplatz war jetzt hier in dem Ordner mit ST für Stühlinger Kirchplatz."

Belledin drückt mir den Ordner in die Hand und lässt mich damit alleine. Ich setze mich an einen Tisch und blättere durch. 1978, ein Artikel, in dem es um die Umgestaltung des Platzes geht. Und schon damals fällt das Wort Überfremdung. 1981. Die Stadt lässt die Sträucher zurückschneiden, weil darin alkoholisierte Stadtstreicher rumliegen sollen und Menschen belästigen. 1986. Ein Brief kritisiert die Zustände auf dem Platz. Da werden Bänke beschmutzt. Leere Flaschen, Glasscherben, sonstiger Unrat liegen an den Wegen. Die vielen Hunde, meist schlecht gehalten, bilden eine weitere Belästigung. Ich kenne Mütter, die sich mit ihren Kindern nicht mehr auf den Spielplatz trauen. Passanten werden angepöbelt und beleidigt. 1987. Eltern der Hebelschule schreiben einen Brandbrief. Titel: Der Platz ist umgekippt. Sie haben Angst vor Fixbesteck im Gebüsch und gebrauchten Spritzen im Sandkasten. 1990. Ein Kommentar zum Problemfall Stühlinger Kirchplatz. Die Zustände auf diesem Platz mitten im Freiburg sind nur noch als untragbar zu bezeichnen. Er ist eine Anlaufstelle für alle Problemgruppen der Stadt und die durchreisenden Gäste geworden. Die Ursachen dafür sind komplex und weder einer einzelnen Personengruppe, etwa den Punks oder einer einzelnen Einrichtung, etwa dem Obdachlosenheim zuzuordnen. Gezeichnet Rolf Müller.

Den kenne ich doch. Rolf Müller ist unser ehemaliger Nachbar. Er wohnte über unserem Büro. Was für ein Zufall.

[musik]

Okay, also was ich mitnehme aus dem Archiv. Der Stühlinger Kirchplatz ist schon seit Jahrzehnten ein Platz, der Menschen mit schwierigen Lebensgeschichten anzieht. In den 60ern und 70ern waren es oft alkoholisierte Stadtstreicher. In den 80ern die Punks, in den 90ern kamen die härteren Drogen dazu. Schon damals hieß es, der Platz ist umgekippt.

[musik]

Wie es dazu kam, fragen wir am besten den Mann, der in der Badischen Zeitung darüber berichtet hat, Rolf Müller. Wir verabreden uns mit Rolf Müller bei uns im Büro. Es liegt in der Kara-Straße und von unserem Schreibtisch sehen wir den Stühlinger Kirchplatz. Müller trägt eine rote Autorjacke, Fahrradhandschuhe und eine bequeme Hose. Er ist natürlich mit dem Fahrrad gekommen. Müller ist 80 Jahre alt. 70 Jahre seines Lebens hat er in diesem Haus gewohnt. Aus seinem Wohnzimmer im zweiten Stock konnte er von oben auf den Platz schauen.

Wir tauchen ein in die Zeit seiner Kindheit.

"Also, das Haus war jetzt äh zwangsbelegt durch das Amt für Wohnungswirtschaft. Also hier war ein Lebensmittelgeschäft drin. Nebendran war die kommunistische Jugend zur Freude meiner katholischen Großmutter. Oben war ein eine Arztpraxis. Der Arzt selber wohnte drüber und und ganz oben wohnten."

[gelächter]

"Also, es haben bis zu 15 Leute hier im Haus gewohnt."

Als Rolf Müller in das Eckhaus an der Klarer Straße zieht, ist er 8 Jahre alt. Direkt nach dem Krieg war der Stühlinger in Freiburg als das Scherbenviertel bekannt, denn die Bombenangriffe der Alliierten hatten Wohnungen und Fabriken zerstört.

"Wir haben noch als Kinder in den Ruinen gespielt."

Der Stühlinger entstand im 19. Jahrhundert in einer Zeit, als Freiburg richtig schnell wuchs. Zwischen 1850 und 1900 vervierfachte sich die Bevölkerung. Die Stadt wurde an die Eisenbahn angeschlossen und die Verwaltung beschloss, dass die neuen Fabriken und Industriebetriebe nördlich der Bahnlinie gebaut werden sollten in einem neuen Stadtviertel, dem Stühlinger. Und da vorne war eine Fabrik Wego, dann die berühmte Leserle Pumpenfabrik, die jetzt in Unterrinken ist, ne, im Lederleplatz in Namen gegeben hat. Hier die Löwenbrauerei dazu. Benzinger, dies Baugeschäft da vorne beim Penny. Die Pumpenfabrik Lederle stellte Feuerwehrspritzen her. Welte und Söhne war führend bei selbstspielenden Musikinstrumenten. Es gab eine Chemiefabrik und die Löwenbrauerei. Gleichzeitig entstanden einfache Wohnungen für Arbeiter, kleine Beamte und Dienstboten. Die meisten Wohnungen hatten kein eigenes Badezimmer. Die Toiletten lagen im Flur und zum Waschen ging man einmal pro Woche ins Volksbad. Das war in der Hans-Jakob-Schule gleich am Kirchplatz. Erst in den 1990er Jahren ist es geschlossen worden.

Herzstück dieses neuen Viertels war der Stühlinger Kirchplatz. Er entstand in den 1890er Jahren mit dem Bau der Herz-Jesu-Kirche.

"Also der Platz ja völlig anders aus. Er war vorm Krieg war er Kirmesplatz gewesen, ne? Und der Platz war sehr symmetrisch. Die Kara-Straße ging durch und um den Brunnen rum war eine eine Straße, die ging bis zur so halbrunde Straße und die Wege waren ganz anders. Vorne an der Ecke gegenüber von der ehemaligen Apotheke, da gegenüber war eine öffentliche Toilette und die war ein Treffpunkt für die damals äh strafbewährte homosexuelle Szene."

Schon damals wurde der Platz also von Gruppen genutzt, die am Rande der Gesellschaft lebten.

"Waren da größere, also mehrere Bänke und da war eine heute wohl sag Pennerszene, weil zwischen dem Bahnhof und der Kara-Hunder, das war der Obdachlosen Siedlung. Dort wo heute das Fitnessstudio Rückgrat steht, war früher die Klara 100, das Obdachlosenheim der Stadt Freiburg. Bevor das gebaut wurde, lebten dort Menschen in Holzbaracken. Tagsüber hielten sich viele von ihnen auf dem Kirchplatz auf. Da vorne gab's äh den Kleinkinderspielplatz, da wo heute die Brücke ist. Und hier gab es den größeren Spielplatz. Und dieser Spielplatz, der hatte ein ein Rundfahrkarussell und es hat einen höllischen Krach gemacht und deswegen kam jeden Abend ein Feldhüter. Das war so quasi eine Polizei für Grünanlagen. Äh, der kam jeden Abend mit seinem grünen Hut, mit seiner grünen Jacke und we er hat ein Kind erwischt, äh, was auf dem auf dem Rasen war. Das war Rasenbetreten total verboten und der hat es jeden Abend abgeschlossen, damit es nachts keinen Krach macht und morgens wieder aufgeschlossen."

Ganz schön spießig, das Freiburg von damals, aber gut für die Nachtruhe der Anwohnerinnen und Anwohner.

"Da gab's auch noch äh Polizisten, die so zweiertrupps, die dann nachts ihre Streife gelaufen haben und wenn wir singend aus dem Fuchsen wieder kamen als Studenten schon zu viel Alkohol getrunken oder so, wir kamen dann singend wieder und wenn man da auf diese Truppe stieß, auf diese zwei, dann musste man drei Mark Strafzettel bezahlen. Die hieß bei uns ein Filbinger Ziegel, der war damals Ministerpräsident."

Das klingt nach einer unbeschwerten Kindheit und einer schönen Studentenzeit. Er hat damals nie Angst auf dem Platz gehabt, erzählt Rolf Müller, obwohl es auch schon Stress gab. Die Alkoholikerszene traf sich auf dem Platz. Da kam es auch einmal tatsächlich zu einem Mord, also Totschlag, da hat einer den anderen äh irgendwie im Suff abgestochen, buchstäblich. Und ich habe dann im Winter habe ich abends immer zum Lüften runter geguckt und da habe ich auch ab und zu mal ein Penner gesehen, der da zwischen den Autos lag. Einmal bei -25 Grad da den habe ich dann reingezogen in die in den Flur und habe die Polizei angerufen. Die haben sie am nächsten Tag haben mal vorbei, haben sich bedankt, der war erfroren.

Rolf Müller verfolgt die Entwicklung auf dem Kirchplatz sein ganzes Leben lang, besonders kritisch, als er Redakteur bei der Badischen Zeitung war. In den 90ern schrieb er in dem Kommentar, den Joshua im Archiv gefunden hat, dass der Stühlinger mit Problemeinrichtungen überfrachtet worden sei und die Stadtverwaltung dafür Verantwortung trage. Was genau meint er damit?

"Die Stadt hat da drüben systematisch Wohnungen eingerichtet für entlassene Strafgefangene. Außerdem gab es eine Anlaufstelle für Obdachlose direkt am Kirchplatz und die Klara 100, das Obdachlosenheim. Ex-Knackis, Alkoholiker und Menschen ohne Wohnung. War das zu viel für den Stühlinger Kirchplatz?"

"Also da in der Zeit muss was gekippt sein. Wie genau das passiert ist und warum es irgendwann gekippt ist, kann Rolf Müller nicht erklären. Ich weiß von den von den von den Nachbarn, also insbesondere von den Frauen, dass die schon das Gefühl hatten, dass ih der Platz weggenommen ist, dass sie sich nicht mehr drauftrauen. Ihn nervte es am Ende nur noch täglich auf den Platz schauen zu müssen. Seine Frau und er beschlossen wegzuziehen. Der Platz hat äh dazu geführt, dass uns der Abschied leicht fällt. Also besonders mir nach 70 Jahren. Ich war es irgendwie live."

Rolf Müller zog nach Herdern. Heute blickt er nicht mehr auf den Stühlinger Kirchplatz, sondern auf den alten Friedhof. Denkmalgeschützt, wie er betont. Mit den Veränderungen konnte Rolf Müller irgendwann nicht mehr klarkommen. Die Leute sahen anders aus, verhielten sich anders. Aber es gibt einen Faktor, der den Platz vielleicht stärker verändert hat als alles andere.

[musik]

Die Drogen. Es gibt nur wenige Menschen, die so gut wissen, was Drogen anrichten, wie Ursula Enderlein. Die Ärztin hat ihr ganzes Berufsleben mit Drogensüchtigen gearbeitet. Die konnten in ihrer Praxis substituieren, also beispielsweise Heroin durch das Medikament Methadon ersetzen. Das lindert die Entzugserscheinungen. Viele Patienten gingen täglich auf den Stühlinger Kirchplatz. Enderlein wurde immer wieder angerufen, ob sie nicht vorbeikommen und helfen könne. 2017 hat sie ihre Praxis geschlossen, doch der Platz lässt sie nicht los. Sie wohnt nur zwei Straßen entfernt in der Lena-Straße.

In Hausschuhen öffnet Enderlein uns die Tür und bittet uns an ihren Esstisch.

"Also, das war ganz früher noch nicht so ein Drogenplatz eigentlich und die Chunky auf dem Stühlinger Kirchplatz waren das so richtig angefangen hat. Es muss auch so in 80er, Anfang der 90er gewesen sein. Das waren harte Zeiten, in denen viele junge Leute an Aids starben."

Enderlein war oft an den Drogenhotspots in Freiburg unterwegs und versorgte Menschen mit eiternden, schlimmen Wunden, jene, die es nicht mehr in ihre Praxis geschafft haben. Aber Enderlein schränkt ein.

"Also, ich finde es sowieso, dass es so mit ganz harten Drogen im Stühlinger Kirchplatz nicht so schlimm ist. Also, wenn ich am Bahnhof gehe, die Leute sehe, ähm oder da am am im ehemaligen Affenkäfig da in der in der Colombipark, die waren ganz anders drauf."

Trotzdem schwappten die harten Drogen auch auf den Stühlinger Kirchplatz und das veränderte die Atmosphäre. Es entbrannte ein Kampf um den Drogenmarkt. Egal, ob es um weiche oder harte Drogen ging, insgesamt ein sehr lukratives Geschäft.

"Ganz viel Veränderung gab's schon durch den Zuzug der Russlanddeutschen. Die haben sich dann mit den Deutschen irgendwie schwierig war das Verhältnis war immer schwierig. Ich weiß nur ein Gripp Beamter, mit dem ich auch öfters mal was zu tun hatte, der hat mir gesagt, ach unsere Deutschen, die können sich mit diesen harten Drogen überhaupt nicht auseinandersetzen, die unsere armen deutschen Junkies. So hat er das bezeichnet und da gab's natürlich noch keine dunkelhäutigen oder Afrikaner oder woher sie auch immer kommen, aber das gab's ja dann noch gar nicht. Ja. Und dann gab's halt so die zwischen Russen, Albanern und auch Zigeunern, wenn man das sagen darf. Also die Zigeuner haben nichts dagegen, wenn ich das sag. Ja, gab's natürlich immer so auch Clan-Kämpfe, aber wissen Sie, ich glaube so die schlimmsten, also die Dealer auf dem Stühlinger Kirchplatz, das waren immer die kleinen Dealer, die schlimmeren Dealer, die waren nicht auf dem Stühlinger Kirchplatz."

Wirklich? Während unserer Recherche sind wir auf einen Mann gestoßen, der Ursula wohl massiv widersprechen würde. Mario, auch bekannt als Pate vom Stühlinger Kirchplatz.

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Einer unserer Gesprächspartner erzählte mir von ihm während der Recherche, doch er wollte nicht, dass ich ihn dabei aufnehme. Vielleicht wollte er nicht mit ihm in Verbindung gebracht werden.

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Mario ist ein Drogenboss, ein bisschen so wie aus einem Mafiafilm. Seine große Zeit muss Mitte der 80er, Anfang der 90er gewesen sein. Mario hatte eine Glatze, ein Oberlippenbart und eine kräftige Statur. Er war einer, der auf Menschen eintrat, wenn sie schon am Boden lagen. Ein brutaler Drogendealer. Das steht in einem Bericht von einem Gerichtsprozess gegen ihn. Die Staatsanwaltschaft warf ihm damals vor, die Cannabispreise auf dem Platz diktiert zu haben. Wenn jemand anderes Gras verkaufen wollte, ein Konkurrent, dann hat Mario ihn verprügelt oder gedroht, ihn aufzuschlitzen.

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Viele Zeugen, die bei dem Prozess geladen waren, trauten sich nicht gegen Mario auszusagen. Die Angst vor dem Paten war einfach zu groß. 2004 musste er schließlich für 3 Jahre ins Gefängnis, aber das war längst nicht seine

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einzige Strafe. Das Interessante ist, Mario war Ur-Freiburger,

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Deutscher und das zeigt, dass nicht die Nationalität entscheidet, ob jemand kriminell wird oder nicht. Bei Mario war es wohl seine Familiengeschichte. Er ist mit Schlägen aufgewachsen. Als er irgendwann aus der Haft entlassen wurde, verbarrikadierte er sich aus Angst vor Rache in seiner Wohnung und dort ist er auch gestorben. Die Feuerwehr musste mit Äxten anrücken, um die Leiche zu bergen.

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Damals in den 90ern kam auch das Heroin auf den Platz, erzählt uns Ursula Enderlein. Zum Glück spielt das aktuell eher keine Rolle, wobei die Polizei auch immer wieder kleine Mengen findet. Heute werden vor allem Marihuana, Kokain, Ecstasy und Amphetamin verkauft und das überwiegend von Migranten, deren Herkunft je nach Weltlage schwankt. Nach dem arabischen Frühling kamen die Dealer meist aus Nordafrika. Zur Hochzeit der Flüchtlingswelle übernahmen Männer aus Gambia. Seit ein paar Jahren holen sich Dealer aus Marokko, Algerien und Tunesien das Geschäft zurück. Mit ihnen kamen auch die Medikamente auf den Platz, insbesondere Lyrica.

"Das hat bei mir schon, als ich noch in der Praxis war, schon lang angefangen mit Lyrica in Unmengen. Ursprünglich ist Lyrica ein Supermedikament, ist gegen Epilepsie, ist gegen Romerschmerzen vor allem und überhaupt nur also Nervenschmerzen. Das macht auch ein bisschen positivere Stimmung, aber dann natürlich in diesen Mengen, die das schlucken, das können sich gar nicht vorstellen. Das sind die völlig neben der Kappe. Ja, die sind euphorisch und das ist wie praktisch fast ein bisschen dann wie Koks. Ja."

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Lyrica ist alles andere als eine Partydroge. Der Wirkstoff heißt Pregabalin und ähnlich wie Koks kann Pregabalin ziemlich aggressiv machen, allerdings nur bei extrem starker Dosierung. Viele müssen immer höher dosieren, weil der Körper sich schnell an den Effekt gewöhnt. In einem Hintergrundgespräch hat uns ein Polizist aus dem Rauschgiftdezernat erzählt, dass auf dem Kirchplatz seit einiger Zeit viel mit Lyrica gehandelt wird. Vor allem die Dealer aus Nordafrika verkaufen das Medikament.

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Dazu passt eine Recherche der Basler Zeitung. Dort wird berichtet, dass Pregabalin in Schweizer Asylzentren kursiert und vor allem von Menschen aus den Maghrebstaaten eingenommen wird. Man kann es dort sogar rezeptfrei kaufen. Expertinnen und Experten bestätigen, dass Pregabalin zu aggressivem und unberechenbarem Verhalten führen kann. Ein Beispiel dafür ist der Fall von Abdel, einem 22-jährigen Algerier. Am Morgen des 14. Juli 2024 bricht er in ein Haus am Lorettoberg in Freiburg ein und ersticht einen 77-jährigen Zahnarzt im Ruhestand. Er hat sich ein Küchenmesser geschnappt und dem Rentner von hinten 16 Mal in den Körper gestoßen. Der Mord, für den Abdel C später verurteilt wird, sei von besonderer Brutalität gewesen, sagt der Richter. Kaltblütig und gefühllos. Das zeigt sich auch danach. C hält sich mehr als 7 Stunden im Haus des Opfers auf. Er bedient sich am Kühlschrank, zieht Kleidung der Hausbewohner an und legt sich sogar ins Bett des Opfers. Dann durchsucht er die Wohnung, packt Wertgegenstände ein und macht sich auf dem Weg zum Stühlinger Kirchplatz, um die Beute zu verkaufen. Die Polizei ortet ein Tablet des Opfers auf dem Platz, aber als sie eintrifft, ist Abdel C schon weg. Ein paar Tage später wird er in der Schweiz gefasst. Vor Gericht hat Abdel die Tat nicht gestanden. Nur einem Psychiater gegenüber hat er zugegeben, den Mann getötet zu haben.

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In den Gesprächen sagt er, dass es ihm egal sei, ob er lebt oder stirbt. Was für eine grausame Tat und was für eine verlorene Seele. Was muss in einem Leben passiert sein, damit man sowas macht? Der Psychiater hat es so erklärt. Bei Abdel C trifft eine

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emotional instabile Persönlichkeitsproblematik auf ein Abhängigkeitssyndrom mit multiplen Substanzgebrauch. Also C nahm alle möglichen Drogen. Tramadol, MDMA, Kokain, Benzodiazepine und Lyrica.

Ich fasse mal zusammen. Ein paar Jahrzehnte lang waren es vor allem alkoholabhängige Menschen, die auf dem Platz lebten. In den 90er Jahren kamen die harten Drogen dazu. Außerdem änderte sich die Zusammensetzung der Szene. Deutsche, Albaner, Russen, später Migranten aus Nordafrika, Senegal und Gambia. Alle werden wie magisch angezogen von diesem

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Platz. Wir sollten jetzt mal jemanden finden, der uns erzählt, warum das so ist.

Wir sind mal wieder auf dem Platz und versuchen mit Drogendealern ins Gespräch zu kommen. Die Sonne scheint und wir laufen Richtung blaue Brücke, wo die Drogendealer aus Nordafrika sitzen. Einer von ihnen bringt gerade seine Espressotasse zurück zum Apfelk.

"Hi, wie geht's?"

"Ja, gut."

Wir folgen ihm zu einer Bank. Ich behaupte jetzt zwar, dass ich ein bisschen Arabisch spreche, aber das stimmt eigentlich nicht. Schweue ein bisschen ist so ziemlich das einzige arabische Wort, das ich kenne. Das merken die Männer schnell, also versuchen wir es auf anderen Sprachen. Klappt auch nicht. Sie rufen einen anderen Kerl, der wohl am besten Deutsch kann, aber der will nicht mit uns reden. Und dann kommt ein weiterer Mann dazu. Er trägt komplett schwarz, hat die Haare zum Pferdeschwanz gebunden. Seine Bewegungen sind langsam, fast ein bisschen gelähmt. Er spricht mich auf Französisch an.

"وسك لا ن"

Der hat damit geprahlt, dass er Haschisch verkauft und alles, was man sonst noch so braucht. Dann wollte er nicht weiter mit uns reden, hat es aber doch getan. Ich versuche ihm erstmal zu erklären, was wir machen.

"Okay, nur Podcast."

Er sagt, es ist gut hier auf dem Platz. Die Stimmung ist ruhig. Er verbringt einen schönen Tag mit seinen Freunden in der Sonne. Das ist alles. Langsam entwickelt sich ein Gespräch. Ich frage unseren Gesprächspartner nach seinem Namen.

"Musa bin Musa binim. Jan 33 er hea bin Hassim und ist 33 Jahre alt."

Bin Hassim erzählt, dass er aus Algerien komme. Er sei mit einem Schiff gekommen, aber nicht mit einem Flüchtlingsboot, sondern mit einem großen Frachter, auf dem Tiere transportiert wurden. 7 Tage habe die Überfahrt in die Niederlande gedauert. Dort sei er an Land gegangen und weiter nach Freiburg gereist. Seit sechs Monaten lebe er nun hier.

Ich frage ihn, was er neben Haschisch sonst noch für Drogen verkauft. Und dann entwickelt sich ein kleines Theaterstück.

"Drog. Nein, nein, keine Drogen. Keine. Okay."

Plötzlich will hier überhaupt niemand mehr Drogen verkaufen. Bin Hassim hat die beiden Männer auf der Bank gefragt und die verneinen natürlich, dass sie verticken. Jetzt erzählt er, dass er auf dem Platz ist, weil hin und wieder Leute vorbeikommen. Er nennt sie Le Patron. Also sowas wie die Chefs, die Arbeitskräfte suchen. Der Stühlinger Kirchplatz als Arbeiterstrich, das haben wir so noch nicht gehört.

Ich frage Bin Hassim, was es denn für Arbeit sei. Bin Hassim redet von Arbeit auf dem Bau. Jede mögliche Art von Arbeit, auch Reinigung z.B. Er sagt, dass er vielleicht zwei oder drei Tage pro Woche arbeite und dabei 80 € am Tag verdiene. Das reiche, um die Miete zu zahlen und etwas zu essen davon zu kaufen. Die Arbeit sei hart. Beim letzten Mal habe er ein Gelände abgerissen.

Ganz ehrlich, ich glaube die Geschichte nicht. Ich habe noch nie einen Bus gesehen, der die Leute einsammelt, um sie zur Baustelle zu fahren. Und wie Bauarbeiter sehen die Männer auf dem Stühlinger Kirchplatz auch nicht aus. Die tragen ja keine Engelbert-Strauss-Hosen, sondern North-Face-Jacken und teure Sneaker. Er hat ganz am Anfang des Gesprächs ja auch damit geprahlt, dass er Haschisch verkauft, aber so richtig nah sind wir ihm auch wieder nicht gekommen. Und ich glaube, das lag daran, dass er sich auf Französisch nicht so gut ausdrücken kann, aber ich finde, wir sind schon echt ein gutes

[musik]

Stück weiter gekommen als letztes Mal. Vielleicht müssen wir noch ein letztes Mal kommen, vielleicht mit einem Dokumentarfilm.

[musik]

In der Zwischenzeit bekommen wir einen Tipp aus der Nachbarschaft. Es gibt da einen Mann, der die Drogenszene auf dem Platz genaustens beobachtet. Frank Ogier. Er wohnt mit seiner Frau Eva in einer Wohnung in der Engelberger Straße mit Blick direkt auf den Park. Wir besuchen die beiden.

"Hallo, die haben geschrieben, ich bin Jann gerade aus. Bitte durchgehen. Die Schuhe ausziehen. Nö, ist gut. Anders. Okay. Ja. Hallo. Hallo. Grüß dich. Grüß dich."

Frank stammt aus Trinidad und Tobago und kam vor 30 Jahren nach Deutschland. Seitdem, also seit 1996, wohnt er zusammen mit seiner Frau hier in einer Altbauwohnung im ersten Stock. Er bittet

uns an den Küchentisch. Seine Frau setzt sich daneben und dann beginnt er zu erzählen.

Ich hatte in der Schweiz gearbeitet und jede Abend haben wir, als ich kam von der Arbeit auf der Balkon gesessen, ein Glas fein getrunken und ja, ich habe wir haben Beobacken, wie sie stecken ihr Drogen in der Hecke gleich überall und da es hat angefangen, wenn Geschäft sehr langsam ins Park ist, dann fangen sie an auf der Straße zu kommen.

Als die Dealer auf einmal sogar unter seinem Balkon standen, reichte es Frank. Er schrie runter, die sollen abhauen, im Park bleiben oder am besten gleich ganz verschwinden. Und sie haben zurückgeschrieben, was in Englisch. Sie haben mich geschimpft und gesagt, we know where you live my own business. Genau, ich wohne hier, mein Auto ist da vorne gepackt. Sie sehen jedes Mal, wenn ich fahre raus oder rein. So, ich kann nicht viel, weil eine Morgen kommt ein Stein kommt durch der Fenster oder mein Auto wird beschädigt.

Immer wieder schrie Frank runter. Doch weil er schwarz ist, sahen einige Drogendealer in ihm einen Verbündeten. Sie nennen mir hallo Boss. Bossmann, das ist was sie sagen. Bossmann. Ich habe wie gesagt der Polizei kommt vorbei und ich hören das mich Botsmann wenn sie denken, ich bin [gelächter] der Chiefenhandler.

Eigentlich ist die Situation gar nicht lustig. Frank beobachtet in den letzten Jahren, wie sich zunehmend feste Strukturen bilden, wie sich an allen Ausgängen des Parks Sper positionieren und ihre Kollegen warnen, sobald die Polizei anrückt. Einer von den Speren spielte mal mit Franks Sohn Fußball auf dem Schulhof und wir haben mit ihm ein bisschen gespielt. Dann haben ih haben wir gefragt, woher kommt du? hat gesagt, er kommt von Offenberg und er hat uns der ganze Dinge gesagt ist er hat ein Handy und der ist engagiert einfach wenn der Polizei kommt, dass er ruft an und äh zu der Drogenhandlerin gehen und er rotiert so, er bleibt nicht in Freiburg, er kommt mit der Zug, er arbeitet vielleicht zwei Wochen in Freiburg, dann geht er woanders.

Neben den Sperren gibt es auch noch die Chefs. Es gibt einige, die sind immer da. Ähm ist fast wie sehen aus wie Bruders oder Cousins oder so. Ja. Äh und die sind immer da auf der Fahrrad, die waren sehr langsam eine in besonders ich, wir haben ihm genannt Greues, weil er hatte graue graue Tonschuhe. Ich glaube, es ist organisiert. Sie machen diese Schicht Schichte. Du kannst sehen, eine kommt eine Gruppe eine Paar kommt morgen früh oder mittags blablabla, dann um 18 Uhr oder sowas wechselt, we es ist nicht ein Zeitpunkt, aber du merkst einfach, dass plötzlich kommt neue, aber es ist fast, wenn du wirklich hier bin schaust jeden Abend, dann ist es fast oft viele von der gleiche Leute.

Was Frank erzählt, klingt wie ein eingespieltes System, wie organisierter Drogenhandel. Meistens ist Flüchtlinge muss man ehrlich sagen, wahrscheinlich oder vielleicht müssen sie ihr Schlepper zurückzahlen. Es kann sein, dass der Schlepp hat ihr Pässe oder irgendwas, weiß ich nicht. Sie muss arbeiten. Du liest das überall, dass sowas passiert.

Bei Frank und seiner Frau löst das alles ein ungutes Gefühl aus. Die beiden überlegen sogar wegzuziehen, Eva Familienhaus zu verkaufen. Sie ist hier aufgewachsen und hängt sehr an dem schönen Haus. Und trotzdem wir überlegen schon ja das Gebäude zu verkaufen und irgendwo anders, weil es ist wie ich ja früher wir sitzen auf unserem Balkon wie sehen eine schöne Aussicht der Park war Familien blablabla war fröhlich aber jetzt wenn ich sitze Balkon du musst observieren wie sie Drogen verkaufen das will ich nicht jeder Abend da anschauen [musik] [musik]

Das klingt schon heftig, was Frank da erzählt. Hinter dem Drogenhandel steckt eine organisierte Bande, die Mokro Mafia am Ende. Jetzt wollen wir es wirklich wissen. Wer sind die Menschen auf dem Platz und woher kommen sie? Woher bekommen sie die Drogen? Also gehen wir noch mal auf den Platz. Diesmal nicht allein. Wir nehmen einen Dollmetcher mit [musik] Ibrahim. Den kennen wir noch vom Fußballspielen. Er ist 2015 aus Syrien nach Deutschland geflohen. Heute arbeitet Ibrahim als Betreuer in der Landesaufnahmestelle in Freiburg und hilft anderen Migranten hier anzukommen. Und ganz wichtig, er spricht Arabisch.

Könntest du dann gleich sagen, dass wir Journalisten sind? Ja. Ja, habe ich. Habe ich direkt gesagt. Hast hast du direkt gesagt. Ah, ja. Super. Ja, wir beobachten zwei Männer dabei, wie sie Drogen verkaufen. Wir laufen hin und Ibrahim spricht sie an. Ibrahim erklärt den beiden, dass wir Journalisten sind und warum wir hier auf dem Platz unterwegs sind. ein bisschen Zeit und man kann mit können wir ein paar Fragen stellen. Ja, super.

Die beiden Nicken. Der eine stellt sich als Habib vor, 23 Jahre alt aus Algerien. Er trägt Vollbart, einen schwarzen Parker und eine Wollmütze. Der andere sagt, er heiße Räder, sei 19 Jahre alt und komme aus Casablanca in Marokko. Er hat ein dünnen Kinnbart und trägt einen Trainingsanzug.

Hey Reder, der mit dem Kind bat, erzählt uns, dass er seit eineinhalb Monaten in Freiburg sei. Davor habe er 6 Jahre in Spanien gelebt und gearbeitet mit Papieren sogar. Dann sagt er, habe es Probleme mit anderen Leuten gegeben. Also sei er nach Brüssel weitergezogen, dann nach Basel und schließlich nach Freiburg. Die Grenzkontrollen waren dabei offenbar kein großes Hindernis. In Basel sei Reder einfach zu Fuß über die Grenze gegangen, erzählt er. Eigentlich habe er gar nicht gewusst, was er in Deutschland machen soll. Dann sei er in Freiburg aus dem Zug ausgestiegen und direkt auf den Stüinger Kirchplatz gelaufen. "Er habe die falschen Leute getroffen," sagte er, und ab da habe sich sein Leben verändert.

Habib, der mit dem Vollbad erzählt, dass er aus Algerien über das Mittelmeer nach Europa gekommen sei. Auch er sei seit etwas mehr als einem Monat in Freiburg. Nach seinem Asylantrag hätte er eigentlich nach Sigmaringen verlegt werden sollen, aber das wollte er nicht. Seine Freunde sind alle hier in Freiburg, also sei er zu einem Bekannten gezogen. Seitdem lebe er ohne offiziellen Status in Freiburg. Karavan. Okay. Der schläft in einem Auto. Ein Wohnmobil eigentlich sozusagen. Es ist aber nicht gut.

Wir wollen wissen, wie ihr Alltag hier in Freiburg aussieht. Während wir reden, zündet sich Räder ganz entspannt einen Joint an. Zwischendurch verkauft er sogar noch einem Kunden eine Tüte. Er macht daraus kein Geheimnis. Verstecken will er sein Geschäft offenbar nicht. Reder erzählt, dass er erst vor kurzem 15 Tage im Gefängnis saß. Es ging um eine Schlägerei zwischen zwei Marokkanern auf dem Platz. Er sagt, er sei nur dazwischen gegangen. Als die Polizei kam, nahmen sie ihn trotzdem fest. Jetzt ist er wieder draußen. Sein Alltag sieht immer gleich aus. Er steht von morgens bis nachts auf dem Kirchplatz herum, tickt Drogen. Offiziell arbeiten darf er nicht. Er dachte, er könne hier Sprachkurse machen und einen Job finden. Arbeiten, nach Hause gehen, ausruhen, keine Probleme spüren, eine Familie gründen. So war sein Traum. Doch dann wurde sein Asylantrag abgelehnt und arbeiten darf er auch nicht. Sind die hier ansonsten hätten sie woanderes arbeiten. Also, die sollen hier was machen, was verkaufen, meinten die, um die einfach zu Habib ging es ähnlich. Er sagt, er würde gerne als Pizzabäcker arbeiten, aber auch er darf nicht. Also begann er Drogen zu dealen. "Wir wissen, dass das nicht gut ist", sagte er, "aber wir haben keine andere Möglichkeit."

Jetzt wollen wir wissen, was sie verdienen und wie sie überhaupt an den Stoff kommen. Ob es dieses System gibt, dass der Anwohner Frank beobachtet hat. Unser Übersetzer Ibrahim stutzt kurz, als er unsere Frage hört. Doch er übersetzt sie. Die beiden Männer drucksen herum. Die Drogen bekommen sie von Einzelpersonen, sagen sie, das sein Deutsche oder Albaner. Es gebe also eine Art Chef, aber sie weichen aus. Sie sagen, dass sie selbst nur am untersten Ende der Kette stehen. Auch Drogenpreise wollen sie nicht verraten. So grob 30 bis 40 € würden sie jeden Tag verdienen, was gerade mal für Essen und Trinken reiche. in Bologia oder Albanien oder Albanien oder Albanien. Genau. Deutschland, Albanien, die einfach herkommen, die die nehmen das von von denen und die verkaufen das einfach.

Sie sagen, sie hätten eine Art Ehrenkodex. Ihren Stoff verkaufen sie nicht an Minderjährige. Ein paar Minuten später machen sie es doch. Zwei Mädchen, die mit ihnen ins Geschäft kommen, sind sicher keine 18 Jahre alt. Also, die sind nicht schlecht. Wir sind keine schlechten Menschen, sagt Habib. Nur die Zeit ist schlecht. Er fragt: "Wäre es besser, wenn wir klauen gehen?" Ja. Okay, gut. Vielen Dank. Sehr gerne. Kannst du das ihm auch noch mal? [musik]

Auf dem Weg zurück ins Büro besprechen wir, was wir rausgefunden haben. Wir haben es echt geschafft, mit zwei Drogenliedern zu sprechen. [musik] Endlich. Sie haben uns offen erzählt, warum sie eigentlich auf dem Platz sind und warum sie Drogen verkaufen. Weil sie keine Möglichkeit haben zu arbeiten. Das haben sie immer wieder betont. Sie würden auch lieber was anderes machen. Pizza backen z.B. Aber glaubst du denen das wirklich? Na ja, ich glaube ihn auf jeden Fall nicht, dass sie nur so 30 € am Tag verdienen. Die beiden hatten ziemlich teure Markenklamotten an. Und dass sie keine Drogen an Minderjährige verkaufen, das war ja auch eine Lüge. Ja, aber ihre Perspektiven in Deutschland sind halt echt beschissen und in dieser Perspektivlosigkeit haben sich die beiden irgendwie eingerichtet. Es gab ja auch andere Möglichkeiten an Geld zu kommen. Schwarzarbeiten z.B. auch nicht legal, aber schadet der Gesellschaft nicht so stark wie Drogenhandel oder Diebstahl. Ich merke, wie ich anfange, diese Männer zumindest ein bisschen besser zu verstehen. Big, Musser, Reder, Habib, auch wenn wir nicht wirklich wissen, ob das jetzt ihre richtigen Namen sind, es sind Menschen mit einer Geschichte. Menschen, die Träume haben, es zu etwas bringen wollen und jetzt auf irgendeinem Platz in irgendeiner deutschen Stadt stehen und Drogen verticken. Und trotzdem bleibt es ja ein Problem. Ein Problem, das Anwohner aus ihren Häusern vertreibt und Jugendliche in die Drogenabhängigkeit bringt.

Gibt es denn nicht irgendwelche Ideen, das in dem Griff zu bekommen? Die Stadtverwaltung hat ja dieses Konzept verabschiedet. Damit will sie den Platz befrieden und vielleicht steht da ja auch drin, wie man Reder und Habib vom Drogendealen abhalten könnte. Darüber sprechen wir in der nächsten Folge. [musik]

Platzangst ist eine Produktion der badischen Zeitung. Host Skript Recherche und Schnitt Jannik Jürgens und Joshua Kocher. Redaktion Gina Kutkut und Dora Schildz. Coverart Andreas Weber. Titelmusik Fabian Fustinoni. [musik] [musik]