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ETTY HILLESUM Gesamtausgabe. Ein Gespräch mit Herausgeber Pierre Bühler.

Johannes Neuhauser14:38

Transcription

[Musik] Die Freude im Vorher-tova groß, als die Tagebücher und Briefe von Adele Hille-Sym auch auf Deutsch veröffentlicht wurden. In einer kommentierten Ausgabe sind die Gedanken der Jüdin zu lesen, die eine unerschrockene Menschlichkeit unter niedrigen Umständen lebte. Ihr Wirken von 1941 bis zu ihrer Deportation 1943 in den von Nationalsozialisten besetzten Niederlanden hat sie in Heften und Briefen festgehalten.

Über die Tagebücher und Briefe mit dem Titel „Ich will die Chronistin dieser Zeit werden“ hat sich meine Kollegin Gudrun Braunsberger mit dem Herausgeber des Bandes, dem Schweizer Theologen Pierre Bühler, unterhalten. Adele Hille-Sym ist mit nur 29 Jahren, 1943, in Auschwitz umgekommen. Auf 850 Seiten sind ihre letzten beiden Lebensjahre – sie nun zum ersten Mal in deutscher Sprache umfassend dokumentiert – und zwar in Briefen und Tagebüchern, in einer Gesamtausgabe, die sie verantworten. Die Dokumente geben nicht nur Aufschluss über ihre äußeren Lebensumstände in Amsterdam und später im Durchgangslager Westerbork, sondern sie zeichnen auch einen beeindruckenden inneren Entwicklungsweg in einer Grenzsituation nach.

Wer war Adele Hille-Sym, Herr Bühler, und wie sind Sie begegnet? 1914 in den Niederlanden geboren, wird sie später dann als Jugendliche ein Rechtswissenschaftsstudium absolvieren, interessiert sich dann auch für slawische Sprachen, insbesondere für Russisch, und sie begegnet dann einem Psychologen, der sehr prägend sein wird für sie. Prof. Hille-Sym beginnt, ein Tagebuch zu schreiben, und sie wird sich damit dann auch auseinandersetzen, was ihre Wurzeln sind. Sie ist jüdischer Herkunft, und so wird sie sich dann auch in ihrer Entwicklung immer mehr mit dem verfolgten jüdischen Volk identifizieren, so dass sie dann ins Transitlager zieht, um dort den deportierten Juden zu helfen, sie zu unterstützen, und so kommt sie dann später selbst auf einen Zug nach Auschwitz. Das ganz kurz ihr Lebenslauf, der eigentlich sehr tragisch ist, denn, wie Sie es gesagt haben, schon mit 29 kommt sie dann um in Auschwitz.

Wie ich ihr begegnet bin, das ist so gelaufen: Ich habe in den 80er Jahren bereits diese kleine, erste Ausgabe ihrer Tagebücher und Briefe – das war nur so eine kleine Auswahl, es macht etwa ein Viertel des gesamten Aus – das hatte ich gelesen in den 80er Jahren, und ihr Denken, ihr Schreiben, ihr Fühlen hat mich eigentlich nicht mehr losgelassen, und deshalb habe ich mich immer weiter mit ihr befasst. Und im Jahre 2014, zum hundertsten Geburtstag, hatte ich ein Kolloquium und ein kleines Seminar organisiert, und da hatte ich gemerkt, dass es immer noch keine Gesamtausgabe in deutscher Sprache gibt. Es gab zwar schon eine französische, eine englische, eine spanische, und dann dachte ich: Jetzt muss einfach etwas geschehen, damit das auch der deutschsprachigen Leserschaft zur Verfügung gestellt wird.

Die Lektüre von Adele Hiles-Syms Tagebüchern und Briefen stellt uns eine faszinierende Persönlichkeit vor. Sie ist eine inspirierende Intellektuelle und vor allem eine für ihre Zeit verblüffend moderne junge Frau, in der Art, wie sie etwa Beziehungen zu Männern lebt. Zugleich ist sie, könnte man vielleicht sagen, eine Mystikerin der Moderne. Sie hat nämlich ihr Streben nach Eigenständigkeit und Unabhängigkeit nicht als ideologisches, sondern als spirituelles Konzept verstanden, im Sinne einer geistigen Selbstbemächtigung, so würde ich das formulieren. Ich denke, sie arbeitet an einem Tagebuch, weil sie auch ein wenig Ordnung machen will in ihrem Leben. Sie ist eine sehr interessierte, eine teilweise leidenschaftlich interessierte, etwa für Dichtung oder für Philosophie, für Psychologie, aber sie weiß auch, dass sie mit sich selbst streitet und etwa auch mit dem Elternhaus ein wenig hadert, und in diesem Sinne will sie versuchen, ihr Leben auch immer wieder zu verarbeiten. Verarbeiten ist ein ganz wichtiges Verb in ihrem Werk. Es muss verantwortlich werden, was da geschieht, und so setzt sie sich mit sich selbst auseinander. Sie sucht eigentlich nach einer Harmonie mit sich selbst, und sie entwickelt dann auch, man könnte sagen, eine Art Mystik oder Spiritualität, die dazu führen könnte, dass sie Ruhe findet, dass sie hineinhorcht ins Leben, in das, was alles geschieht. Und diese Suche nach einer Spiritualität wird sie dann eben auch wieder dazu führen, dass sie ihre jüdischen Wurzeln entdeckt, und so erlebt sie dann auch sehr bewusst alle Stufen der Judenverfolgung, und das führt sie dann eben dazu, sich dann zu engagieren.

In dieser Perspektive maßgeblich und prägend war ja die Lebensfreundschaft mit Julius Spier, ihrem Mentor, den sie schon kurz erwähnt haben. Das war eine sehr wichtige Begegnung. In ihren Tagebüchern bezeichnet sie den Tag, an dem sie ihn zum ersten Mal getroffen hat, als ihren eigentlichen Geburtstag. Das ist wie eine neue Geburt, die sie erlebt. Seine Methode war, die Hände psychologisch zu interpretieren, also eine Art Hände-Lesekunst zu entwickeln, und er hat wohl in ihren Händen diese Spannungen und diese Ambivalenzen, an denen sie litt, wahrgenommen, und das erlaubte ihr dann auch, mit ihm zusammen an diesen Spannungen zu arbeiten. Und dann wurde das dann nicht nur ein reines Therapieverhältnis, sondern auch schließlich dann auch ein Arbeitsverhältnis. Sie wurde dann auch seine Sekretärin, hat mitgearbeitet an diesen Therapiestunden, und das hat dazu geführt, dass das dann ein ganz wichtiges Verhältnis für diese kurze Zeit von 41 bis 43 wurde. Er ist ja dann leider gestorben im Herbst 42 bereits, aber seine Figur bleibt für sie eigentlich sehr prägend durch die ganzen Tagebücher. Er war ein Schüler von C.G. Jung, werde ich dazu noch gerne ergänzen, weil es auch interessant ist, diese Perspektive da einzubringen, und an der psychologischen Ausrichtung, die sie damit einander geteilt haben, das ist glaube ich sehr wichtig, weil diese Perspektive erlaubt es Julius Spier und deshalb dann auch Adele Hille-Sym, Psychologie ganz eng auch mit Religion zu verbinden. Das wäre etwa bei Sigmund Freud viel schwieriger gewesen.

„Ich hoffe, dass ich noch ein sehr langes Leben haben werde“, schreibt sie im Februar 1941, „und dass ich mich eines Tages völlig leer schreiben kann.“ Das eigene Schreiben steht ja wiederholt im Zentrum ihrer Reflexionen, und sie findet nicht nur eine sehr poetische Sprache und diesen inneren Auftrag zu formulieren; sie drückt ihn zum Beispiel auch in einer Vision aus, in der sie sich in einer Zelle auf einem Berg sieht, von wo aus sie zu vielen Menschen zu ihren Füßen spricht. Dann geht sie weiter: „Ich sah immer eine schmale Hand und viel Papier, und diese Hand schrieb einfach immer weiter.“ Ja, da gibt’s diesen Konflikt: die Sehnsucht, andere Menschen mit Beschreibungen zu erreichen, und andererseits aber das Bewusstsein – und das ist auch immer wieder ausgedrückt – dass die Zeit, in die sie hineingeboren ist, von ihr etwas anderes verlangt als Dichterin zu sein und öffentlichkeitswirksam zu sein. Ja, die ganze Thematik des Schreibens ist daher sehr zentral in ihrem Werk, weil sie ein Stück weit auch damit kämpft, dass sie immer wieder sagt: Letztlich kann sie es doch nicht zum Ausdruck bringen. Sie kämpft mit den Grenzen der Sprache, und deshalb ist auch immer noch die Vorstellung bei ihr, sie müsse erst noch Schriftstellerin werden; dabei ist sie eigentlich bereits eine Schriftstellerin. Das merkt man dann an ihrer sprachschöpferischen Fähigkeit. Sie hat ein richtiges Talent. Sie ist auch verliebt mit ihrem Schreibtisch, und sie – diese Vision der Hand, die da ständig schreibt – ist natürlich sehr eindrücklich. Man sieht auch im Tagebuch, dass sie mit Leidenschaft immer wieder am Schreiben ist, ganz spät in die Nacht hinein, und das ist wirklich wie eine, eine Art Lebensbegleitung, dieses Schreiben. Und interessant ist dann auch, dass dieses Schreiben mit der Zeit in den Tagebüchern sich immer mehr verbindet mit dem Gespräch mit Gott. Also das Schreiben ist dann praktisch fast immer wie ein Beten, das an ihren Gott gerichtet ist, und das zeigt auch, wie sich hier das religiöse Erleben verbindet mit dieser Schreibtätigkeit, dass sie dann konfrontiert wird mit einer Zeit, die von ihr noch etwas anderes verlangt. Das ist auch sehr eindrücklich, und sie wird auch hier beides immer wieder verbinden, oder man könnte sogar sagen, drei Aspekte: also das Lesen, weil sie liest, immer wieder liest, sehr viel; das Schreiben; und daneben das Handeln, das konkrete Handeln, etwa im Durchgangslager Westerbork. Und es ist ja auffallend, dass sie auch im Transitlager weiterhin auch schreibt. Sie schreibt Briefe, sie schreibt aber auch weiterhin Tagebücher, und das zeigt eben, wie sich das alles bei ihr in einer Bewegung, in einer Lebensbewegung verbindet.

„Ich will die Chronistin dieser Zeit werden.“ Dieses Zitat haben sie zum Titel ihrer Edition gemacht. Adele Hille-Sym versteht allerdings nicht Zeitzeugen schaffen im herkömmlichen Sinn. An anderer Stelle sagt sie ja sinngemäß, ihre Aufgabe bestünde nicht darin, Geschichte im herkömmlichen Sinn zu dokumentieren – das wäre mal die Aufgabe für Historiker – sondern ihre Botschaft an die Nachwelt sei, dass das Leben unter allen, auch unter den widrigsten Umständen, trotzdem schön sei. Noch in einem Brief aus dem Lager Westerbork vom Juli 1943 schreibt sie den nahezu unglaublichen Satz: „Es ist gerade, als wäre alles, was hier geschieht und auch geschehen wird, schon in mir verrechnet und durchlebt, und ich beteilige mich bereits am Aufbau einer Gesellschaft nach dieser hier.“ Das ist nun 80 Jahre her. Adele Hiles-Syms Tagebücher sind allerdings noch längst nicht so populär wie etwa die von Anne Frank. Muss die Zeit erst reif für das werden, was Adele Hille-Sym unserer Gesellschaft zu sagen hat? Sicher müssen wir diese Tagebücher noch neu entdecken, und ich denke, wenn man sie heute liest, sieht man auch die ganze Aktualität dessen, was Adele Hille-Sym umschreibt, was sie denkt und was sie erlebt.

Ich denke, dass die Tagebücher nicht so bekannt wurden oder vielleicht nicht so wahrgenommen wurden wie etwa die von Anne Frank, hat sich ja damit zu tun, dass im Werk von Anne Frank das Zeitzeugnis, das sie durchaus auch bringt – also sie schreibt auch darüber, was da passiert mit der Judenverfolgung, dass man nicht mehr in die Straßenbahn, in die öffentliche Bahn gehen kann, dass man zu Fuß gehen muss, dass man die Fahrräder nicht mehr brauchen kann, und dann, dass die Deportationen beginnen – das alles kann man in den Tagebüchern wahrnehmen –, aber es ist bei Adele Hille-Sym zugleich ein ganzer Resonanzboden da: der psychologische, der literarische, der philosophische, und all das gehört eben zusammen, und deshalb ist es vom Zugang vielleicht auch schwieriger, weil man sich mit ihr, mit Literatur, mit Philosophie, mit Psychologie auseinandersetzen muss. Und das führt sie dann sehr wahrscheinlich auch dazu, dieses Zeitzeugnis bis in die Zukunft hinein zu vertreten, indem sie in letzter Instanz im Lager bereits überlegt, was die Gesellschaft nachher werden sollte. Und in diesem Sinne spricht sie immer wieder von den Grundwerten des Lebens, die man hinüberretten muss in eine neue Zeit, und das ist gerade die Aufgabe der Zeitzeugen, dass sie eben weiterleben, damit diese Grundwerte für das weitere Leben weiterhin da sind: das ist die Liebe gegen den Hass, das ist die Solidarität, es ist das Helfen. Eine Beterin könnte man auch sagen, die sich mit diesem Gott auseinandersetzt, der in der Gefahr ist, verloren zu gehen, und für den man sorgen muss, den man einen Platz halten muss. Also all das gehört zu dieser Perspektive einer Zeitzeugin, die sich auch schon überlegt, was die Zukunft sein sollte, an der sie dann leider selber nicht hat arbeiten können.

„Ich will die Chronistin dieser Zeit werden.“ Sämtliche Tagebücher und Briefe sind in einer Übersetzung von Christina Siever und Simone Schroth im C.H. Beck Verlag erschienen.