📱

Get Our Mobile App

Take your business learning on the go!

Download on the App StoreGet it on Google Play

Klimawandel - Was die Wissenschaft wirklich weiß (...und was nicht) | 1/2 | WDR Doku

WDR Doku50:39

Transcription

Gut, dass ihr hier seid. Nein, wirklich, danke, dass ihr euch die Zeit nehmt für das Thema Klimawandel, denn eigentlich scheint es so, als hätte man schon alles gehört.

2018 geht als ein Rekordjahr in die deutsche Wettergeschichte ein. 2020 war das zweitwärmste Jahr in Deutschland. Danach trifft der Klimawandel Deutschland schon jetzt stärker als befürchtet. Der Klimawandel steigert sich vom Trab in einen Galopp und nähert sich Punkten, an denen auch drastische Klimagaseinsparungen schwere Folgen nicht mehr verhindern können.

Was man außerdem ständig hört: Versammelt euch hinter der Wissenschaft. Klimaforscher sind sich einig, heißt es immer. Nur, worin genau sind sie sich eigentlich einig? In allem nämlich nicht. Hört euch das mal an.

Unser Umgang mit dem Klimawandel gleiche einem kollektiven Suizidversuch, sagt Hans Joachim Schellnhuber, der u.a. die Kanzlerin und die EU-Kommission in Klimafragen beraten hat. Von kollektivem Selbstmord zu sprechen, sei unwissenschaftlich, sagt dieser Mann, und warnt vor Alarmismus, Hans von Storch. Für seine Klimaforschung hat er das Bundesverdienstkreuz bekommen. Zwei renommierte Stimmen, zwei unterschiedliche Stimmen.

Ganz ehrlich, so unter uns, ich gehöre auch zu denjenigen, die bisher den wissenschaftlichen Konsens immer in den Vordergrund gestellt haben. Aber inzwischen denke ich, das ist vielleicht zu vereinfacht. Deswegen lasst uns heute genau hinschauen. Was weiß die Klimawissenschaft wirklich? V.a., woher weiß sie das? Und was weiß sie nicht? Ich bin mir ziemlich sicher, dass ihr hiernach ein ganz neues Verständnis für den Klimawandel haben werdet.

Also, wir haben Studien gewälzt. Wir haben mit Experten gesprochen, auch mit denjenigen, die man sonst in der Öffentlichkeit nicht wahrnimmt. Und nicht nur das. Hallo. Ich bin Caro und ich war für euch unterwegs. Ich war auf einem Alpengletscher, der in Rekordtempo schmilzt. Der aber auch schon mal kleiner war als heute. Ich war bei Klimaforschern, die von ihren Supercomputern und ihren Klimamodellen schwärmen, aber auch offen über deren Grenzen sprechen. Ich war in einer wahren Schatzkammer. Warum muss das hier so kalt sein? Und ich war dort, wo sich viele Menschen fragen, was es für sie bedeutet, wenn der Meeresspiegel steigt. Aber zuerst noch mal zu Mai. Macht's euch gemütlich, das dauert länger. Aber dafür wisst ihr danach wirklich Bescheid. Klimawandel. Was die Wissenschaft wirklich weiß und was nicht.

August 2020, ein Feld bei Bergheim, westlich von Köln. Es sind 36 Grad und es wird jetzt am Wochenende noch heißer. Das ist anstrengend, auch für alte Leute. Das ist anstrengend für alle, die bei dieser Hitze arbeiten müssen. Und es ist v.a. auch ein Problem für Landwirte.

Ja, sollen wir uns das Ganze mal vor Ort angucken? - Ja, gerne. Ich bin bei Johannes Hensen. Seine Familie betreibt hier seit Generationen Landwirtschaft. Doch gerade in den letzten Jahren kämpfen sie mit einem besonderen Problem.

(Johannes) Wir haben einen extremen Bewässerungsaufwand. Ohne Wasser würde die Kartoffel drüber nachdenken, abzusterben. Was heißt das für Ihren Arbeitsalltag, dass es so heiß und trocken ist? Um es kurz zu machen, ich habe vier bis sechs Stunden pro Tag mehr zu meiner zusätzlichen Arbeit. Wir haben ungefähr 25 Euro die Stunde alleine Stromkosten. Und die letzten zehn Jahre grob geschätzt ungefähr 0,5 Millionen in Beregnung investiert.

Ist das ein normaler Sommer, oder hat sich das über die letzten Jahre gehäuft? Die Trockenheit ist schon seit ungefähr vier, fünf Wochen. Durch die Hitze wird die Trockenheit noch schlimmer. Der Landregen von früher, der fehlt halt definitiv. Ist das der Klimawandel? Heiße Tage und heiße Phasen gab es früher auch schon. Aber die Intensität, also die Intervalle, werden kürzer. Die heißen und trockenen Phasen kommen schneller hintereinander, sind vielleicht länger als früher. Das kann man schon als Klimawandel bezeichnen. Aber es wird extremer.

Die Frage ist, ist das noch Wetter oder ist das schon Klima? Das habt ihr euch vielleicht auch schon mal gefragt. Sind eine Reihe heißer Sommer bereits ein Beleg für den Klimawandel? Oder ein schneereicher Winter ein Zeichen dafür, dass es doch nicht so schlimm ist? Sagen wir so, Wetter und Klima sind zwei verschiedene Sachen, aber sie hängen eng zusammen.

Wie Wetter und Klima genau zusammenhängen, das will ich beim Deutschen Wetterdienst in Offenbach herausfinden. Bei Matthias Fuchs. Was ist Klima, was ist Wetter? Wetter ist das Hier und Jetzt. Das ist alles... Das kennen wir alle aus der Wettervorhersage. Für Klima müssen wir lange warten. Wir müssen mindestens 30 Jahre messen und müssen dann diese Messdaten für jeden Ort auswerten. Gucken da, wie sich Veränderungen der Temperatur, des Niederschlags, des Luftdrucks, des Sonnenscheins an diesen Orten eben auswirken.

Können Sie mir sagen, ist es heißer und trockener geworden oder ist das nur ein Gefühl? Mit Gefühlen können wir beim Deutschen Wetterdienst nicht arbeiten, aber ich kann Ihnen das gerne genauer erklären. Hier sehen wir die Jahresmitteltemperaturen in Deutschland in allen Regionen von 1881, dann alle zehn Jahre aufgetragen bis zur letzten Dekade 2010 bis 2019. Blau bedeutet zu kalt, Rot bedeutet zu warm. Okay, es gab ja schon auch hier einzelne Rote und auch hier vereinzelt Blau. Aber die Tendenz ist schon eindeutig zu erkennen.

Wozu hat der Deutsche Wetterdienst belastbare Daten gesammelt? Na ja, die meisten Daten und die besten Daten haben wir für Temperatur. Das liegt einfach daran, weil es am einfachsten zu messen ist. Da können wir relativ deutlich schon sagen, dass sich Extrema verändern, dass die mehr werden. Unsere Waldbrandgefahrenwarnungen. Da kann man sehen, dass eine Zunahme in den Daten zu verzeichnen ist. Bei den Hitzewellen sehen wir es ganz deutlich. Etwas schwieriger ist es beim Starkniederschlag, weil Regen halt sehr lokal fällt. Da hilft uns sehr das Regenradar, was wir jetzt seit 20 Jahren im Wetterdienst im Einsatz haben.

Okay, das heißt, dazu fehlen Ihnen aber noch zehn Jahre, um dann auch über Klima sprechen zu können? Genau, erst so ab 30 Jahren sprechen wir ja von Klima. Insofern, in der Tat, ja, fehlen zehn Jahre.

Übrigens, heute gibt es ein enges Netzwerk an Messstationen, auf dessen Daten der Deutsche Wetterdienst zurückgreifen kann. Aber das war nicht immer so. Waren die Messgeräte damals überhaupt präzise genug? Zumal es ja hier um Abweichungen von teilweise Zehntelgrad geht. Das heißt, kann man die Daten von heute mit denen von vor 100 Jahren überhaupt vergleichen?

Dirk Windmüller zeigt mir, wie heute das Wetter gemessen wird. So sieht eine Wetterstation aus? Genau, und das ist eine von 180 hauptamtlichen Wetterstationen des Deutschen Wetterdienstes. Gar nicht mal so spektakulär. Aber nur auf den ersten Blick. Ich wusste nicht, was alles gemessen wird und wie. Hier messen sie die Sichtweite bei Nebel, Wolkenhöhe, Luftdruck, Sonnenscheindauer, Wind, Niederschlagsmenge, Bodentemperatur und und und mit digitaler Präzision. Und früher? Ja, was wir hier haben, sind Messgeräte, antike Messgeräte, muss man jetzt schon sagen, die im letzten Jahrhundert Verwendung gefunden haben. Mit dieser Kugel konnte man mittels Brennglaseffekt die Sonnenscheindauer messen. Das andere hier ist eine Radiosonde aus dem Jahr 1935, die Temperatur und Luftdruck misst. Und mit diesem Handgerät hat man die Windgeschwindigkeit ermittelt. Krass, teilweise 30er-Jahre. War das nicht voll ungenau? Möchte man meinen, aber war eigentlich nicht so. Es hat sich lediglich die Methodik verändert. Können Sie das nachweisen? Der Deutsche Wetterdienst hat seit 2008 Klimareferenzstationen im Einsatz. An diesen Stationen werden quasi Messtechnik eingesetzt alter und neuer Generation. Die Messdaten werden verglichen, und wir stellen kaum Differenzen fest. Das heißt, man kann durchaus Aussagen treffen. Man kann die Werte von damals und heute vergleichen und Klimatrends bestimmen.

Natürlich wurde nicht nur in Deutschland gemessen, sondern auf der ganzen Welt. Global zeigen die Messreihen denselben Trend. Nämlich, im Vergleich zu der Zeit vor der Industrialisierung, ist es inzwischen um mehr als 1 Grad wärmer geworden. Also, an diesen Messungen ist nichts zu rütteln. Dass es wärmer geworden ist, können wir schon mal festhalten.

Nur, warum wird es wärmer? Treibhauseffekt, haben wir 1.000-mal gehört. Nur, was heißt das eigentlich genau? Also, der Treibhauseffekt an sich ist viel älter als wir Menschen. Ohne ihn gäbe es uns gar nicht. Ein winziger Teil unserer Erdatmosphäre, weniger als 0,1 Prozent, besteht aus Treibhausgasen. Die wichtigsten sind Wasserdampf, Kohlendioxid, Methan und Lachgas. Um die Sonnenstrahlung scheren sich die Treibhausgase erst mal nicht. Dafür ist die Strahlung zu kurzwellig. Wenn die Sonnenstrahlung auf der Erde ankommt, wird ein Teil davon reflektiert, also zurückgestrahlt. Ein Teil wird absorbiert, also aufgenommen, und ein Teil dieser absorbierten Strahlung wird auch wieder zurückgestrahlt, allerdings in Form von längerwelliger Strahlung im Infrarotbereich. Und das ist genau der Wellenlängenbereich, den Treibhausgasmoleküle auffangen können. Die Infrarotstrahlung versetzt die Treibhausgasmoleküle in Schwingung und wird dadurch in Wärme umgewandelt. Bleibt also in der Atmosphäre, und das ist erst mal gut. Ohne diesen Treibhauseffekt wäre es auf der Erde nämlich im Schnitt 32 Grad kühler. Was ungemütlich ist. Da sieht man mal, was für einen Effekt so ein Hauch von Treibhausgas haben kann.

Übrigens, bei so einem Treibhaus, also einem Gewächshaus, haben wir einen anderen Wärmeeffekt. Hier wird es in erster Linie warm, weil die warme Luft nirgendwohin kann. Das trifft bei unserer Erde nicht zu. Weswegen der Name Treibhauseffekt eigentlich, also, wie sagt man, physikalisch-metaphorisch ziemlich doof ist. Jedenfalls, dass es umso wärmer wird, je mehr Treibhausgase wir in der Atmosphäre haben, ist Physik, also, auch dieser Zusammenhang steht außer Frage.

Nur, woher wissen wir eigentlich, dass die Treibhausgaskonzentration tatsächlich steigt? Um das zu klären, fahre ich an einen ganz besonderen Ort in den österreichischen Alpen. Mit einer Seilbahn, die normale Touristen nicht nutzen dürfen, sondern nur die Mitarbeiter des Sonnblick Observatoriums. Doktor Elke Ludewig leitet die Messstation, hoch oben auf über 3.100 Metern. Was ein Arbeitsplatz. Sieht man hinten Mölltaler Gletscher, Lienzer Dolomiten, Kärntener Richtung in die Seite. Das Observatorium auf dem Gipfel des Hohen Sonnblicks gibt es bereits seit 1886. Wir haben nur vier Tage Unterbrechung nach dem Ersten Weltkrieg, als das Militär abgezogen ist. Damit einer der längsten Zeitreihen der Welt. Wir haben Glück bei unserem Besuch. Der Gipfel heißt zwar Sonnblick, ist aber die meiste Zeit im Jahr in den Wolken. Doch es ist etwas anderes, was diesen Ort für Elke Ludewig und die Klimaforschung so besonders macht.

So, hier haben wir zum Beispiel ein Herzstück unserer Klimaforschungsstation hier oben. Das ist die Ansaugung für die CO2-Messung. Das funktioniert so: Das ist ein Schornstein, der die Luft ansaugt und nicht auspustet wie normal, und führt dann die Luft zu dem Messgerät. Das ist wahrscheinlich ziemlich einzigartig. Oder wie viele Messstationen gibt es, die CO2-Werte messen? Das ist eine besondere Einrichtung, weil wir hier oben in der freien Atmosphäre sind. Da gibt es derzeit 40 Stationen, die im Global Atmosphere Watch Program messen. Dieser Messwert ist vergleichbar zum Beispiel mit der Messstation auf Hawaii, auf Mauna Loa. Diese Werte sind vergleichbar. Plus, das Besondere hier oben ist, wir sind in der freien Natur. Wir haben kaum Tourismus hier oben, alles läuft hier per Strom. Wir haben keine Dieselaggregate. Dadurch haben wir die Möglichkeit, wirklich den Klimawert, den CO2-Klimawert in der Atmosphäre zu messen. Wenn wir hier länger stehen und ausatmen, sind die Geräte so sensibel, dass sie das mitkriegen. Dann kriegen wir einen Peak, dass unser CO2-Ausstoß von einem Messgerät erfasst wird. Schnell weg. Ich will nicht an einem höheren CO2-Wert schuld sein. Aber ich bin gespannt, wie sich der CO2-Wert in den letzten Jahren hier oben verändert hat.

Hier sind wir im Luftchemielabor. Das ist der Anschluss oben zum Schornstein. Hier kommt die Luft rein, und auf diesem Monitor sieht man die Messwerte der letzten Stunden. Das sind Minutendaten. Deswegen zappelt es so hin und her. Wenn wir Monatsmittelwerte nehmen und die aneinanderreihen, sehen wir eine Kurve, die einen Jahresgang hat, saisonal ein Auf und Ab. Aber der Trend geht stark nach oben. Lasst uns genauer auf diese Grafik schauen. Seit 1999 wird am Sonnblick CO2 gemessen, und seit 1999 steigt die Kurve. Übrigens, wenn ihr euch fragt, warum es hier ein Loch gibt, 2011 gab es technische Probleme, da ist das Messgerät ausgefallen. Aber die rote Linie klettert und klettert von 370 PPM im Jahr 2000 auf 413 PPM im November 2020. PPM ist übrigens eine Konzentrationseinheit, steht für Parts per Million, also Teilchen CO2 pro Millionen Teilchen Luft.

Doch wir müssen uns nicht auf das Sonnblick-Observatorium verlassen. Es gibt ein globales Netzwerk von Messstationen in abgelegenen Locations, wo CO2 in der reinen Atmosphäre gemessen wird. Da sehen wir, dass die Vergleichswerte auf dem Mauna Loa auf Hawaii genauso aussehen. Und dort wird CO2 übrigens nicht erst seit 1999, sondern schon seit 1958 gemessen.

So, und das war jetzt nur CO2. Es gibt ja noch andere Treibhausgase, zum Beispiel das besonders klimawirksame Methan, das gerne von Kühen ausgepupst wird. Oft fasst man alle Treibhausgase zusammen und rechnet sie in CO2-Äquivalente um. Insgesamt lag der Wert aller Treibhausgase 2018 bei 496 PPM CO2-Äquivalent. Und was heißt jetzt 496 PPM? Na ja, laut Weltklimarat darf eine Grenze von 450 PPM nicht dauerhaft überschritten werden, wenn wir die Erderwärmung auf 2 Grad begrenzen wollen. Das heißt, wenn es so weitergeht wie bisher, verfehlen wir das Zwei-Grad-Ziel. Und Zeitpunkt und Ablauf der Erwärmung passen sehr gut zusammen mit der Industrialisierung der Erde. Seit Beginn der Industrialisierung ist der CO2-Gehalt in der Atmosphäre um fast 50 Prozent gestiegen.

So, aber, nur weil die Industrialisierung mit der Erderwärmung zusammenfällt, heißt es doch nicht automatisch, dass die Industrialisierung die Ursache dafür ist. Predigt man nicht immer, Korrelation ist keine Kausalität? Wie können wir uns sicher sein, dass der Klimawandel menschengemacht ist? Mit Chemie. Das CO2, das aus den Schornsteinen unserer Fabriken kommt, ist chemisch gesehen anders als das CO2, das du und ich ausatmen. Denn ein winziger Teil der Kohlenstoffatome, also der C-Atome, aus denen mein Körper und mein Atem besteht, sind "C14-Isotope" oder C14-Atome. Und genau diese C14-Atome fehlen in dem CO2 aus den Fabriken. Aber was ist dieses C14? C14-Atome sind besondere Kohlenstoffatome, die radioaktiv sind. Ja, ich weiß, was machen radioaktive Atome in meinem Körper? Und woher kommen die? Sie kommen aus der Atmosphäre, denn dort wird C14 durch kosmische Strahlung gebildet und landet früher oder später in allen Lebewesen. Pflanzen nehmen C14 durch das CO2 auf und bauen es durch die Fotosynthese in ihre Blätter und Stängel ein. Menschen und Tiere essen die Pflanzen und Menschen und Tiere essen sich auch gegenseitig. Menschen essen sich natürlich nicht gegenseitig. Hoffe ich. Bitte keine Menschen essen. Deswegen enthalten alle Lebewesen einen klitzekleinen Teil radioaktiver C14-Atome.

So, wenn ich jetzt aber sterbe, wenn ich sterbe, liebe Freunde, möchte ich, dass ihr eins wisst. Nämlich, dass das radioaktive C14 in meinem Körper zerfallen wird. Und da ich als Tote keine Nahrung und auch keine Luft mehr aufnehmen werde, werde ich auch kein neues C14 mehr zu mir nehmen. Und irgendwann wird mein Körper kein C14 mehr enthalten. Wohlgemerkt, es wird lange dauern, bis alles C14 zerfallen ist, und mein Körper wird bis dahin längst zerfallen sein, denn die "Halbwertszeit" beträgt 5.730 Jahre. So lange dauert es, bis die Hälfte zerfallen ist. Wenn ihr euch inzwischen denkt, cool, aber geht es hier nicht um Klimawandel? Genau. Denn das Erdöl und die Kohle, die wir in der Industrie verbrennen, ist ja nichts anderes als kohlenstoffhaltige tote Biomasse, also tote Pflanzen, tote Dinos, die über Jahrmillionen unter der Erde zusammengepresst wurden. Und in dieser langen Zeit ist natürlich alles C14 längst zerfallen. Das heißt, das Erdöl und die Kohle sind C14-frei, und auch das CO2, das aus der Verbrennung entsteht, ist C14-frei. Und jetzt kommt es. Der C14-Anteil in unserer Atmosphäre ist mit der Industrialisierung messbar gesunken. Das heißt, wir können chemisch nachweisen, dass das zusätzliche CO2 in der Atmosphäre aus den Schornsteinen unserer Fabriken kommt. Voll cool, oder? Also, nicht cool, schlimm.

Halten wir fest, der Mensch ist hauptverantwortlich für die aktuelle Erderwärmung. Und nur um es wirklich klarzumachen: Die Sicherheit, dass der Mensch der dominante Faktor im Klimawandel ist, ist mindestens 95 Prozent. 97, 98, 99 Prozent. Der Anteil des Menschen ist fast 100 Prozent. Da sind wir doch sehr sicher. Gut, case closed, machen wir weiter.

Was sind die Folgen? Besonders eindrucksvoll kann man die hier beobachten. Ich bin am größten Gletscher Österreichs, der Pasterze. Die winzigen Punkte da unten, das sind Wanderer. Und das da hinten ist die Gletscherzunge der Pasterze. Mehrere Kilometer ist dieser Eisstrom noch immer lang, und doch nur noch ein Schatten seiner selbst. Hier sieht man die Dimensionen. Das war 1936, da ging der Gletscher noch fast bis hier hoch zum Parkplatz, und selbst hier, 2000, war zumindest da hinten dieses Hufeisen noch fast komplett mit Eis bedeckt. Das will ich mir genauer ansehen.

Unterwegs Richtung Gletscher. Schon bald eine erste Herausforderung. Gut, dass ich Peter dabei habe. Mein Bergführer. So, du hältst dich mit deiner Hand fest. Das ist die Rolle. Und ganz rüber bis im Gegenhang. Okay, geht los. Bis vor wenigen Jahren war hier noch meterdickes Eis. Alles weg. So wie das reißende Schmelzwasser unter mir. Endlich am Eis angekommen, geht es nur mit Steigeisen weiter. Aber hilft ja nichts. Peter und ich haben eine Verabredung mit Gletscherforschern, die heute auf der Pasterze bei ihrer Arbeit sind. Aber erst mal flashen mich die Dimensionen hier. Um 850 hatte dieser Gletscher hier seinen letzten Höchststand. Da war der hier an dieser Stelle rund 250 Meter höher als jetzt. 250 Meter. So viel Eis, alles weg. Weiter geht's, mal über blankes Eis, mal über Geröll aus den umliegenden Felsflanken, das einen Teil des Gletschers bedeckt. Und dann endlich sehen wir sie. Andreas Kellerer-Pirklbauer und sein Forscherteam der Uni Graz. Immer im September messen sie, wie es dem Gletscher geht. Wie weit hat sich das Eis Richtung Tal bewegt? (Mann) 94. V.a. aber, wie viel Eis hat der Gletscher im letzten Jahr verloren? 11,15. Also, das heißt, ziemlich genau 7 Meter. Haben wir vom letzten Jahr zu diesem Jahr hier an Eis verloren. Wow. Das heißt, ihr messt immer an genau derselben Stelle, wie sehr sich der Gletscher verändert hat? Genau. Wenn man weiter zurückschaut, für 2018, da war die Höhe 2.218,18. Das sind noch mal 7 Meter dazu. Das heißt, jetzt alleine in zwei Jahren haben wir hier 14 Meter verloren. 14 Meter in nur zwei Jahren.

Noch ist das Eis unter unseren Füßen bis zu 150 Meter dick. Wie es mit der Pasterze jedoch weitergeht, entscheidet sich weiter oben am Gletscher, dort, wo es wegen der Höhe kälter ist. Hier liegt auch im September noch Schnee auf dem Eis. Schnee schützt das Eis, v.a. aber, aus Schnee wird neues Eis, Eis, das nach unten Richtung Gletscherzunge fließt und den Gletscher nährt. Doch auch hier, im "Nährgebiet", bekommt die Schneedecke Lücken. Die Folgen beobachten die Gletscherforscher seit Langem. Vor ungefähr 40 Jahren war der ganze Bereich komplett zu. Das war ein großer Eisbruch. Auch hier haben wir festgestellt, dass von Jahr zu Jahr sich das nicht unbedingt aufhöht, sondern auch abnimmt. Das heißt, diese gleiche Tendenz der Volumensabnahme, die wir unten haben, haben wir auch hier oben. Ich würde sagen, spätestens in 20 Jahren ist das hier abgerissen. Dann haben wir unten eine Zunge, die eigentlich nur mehr ein großer Toteiskörper ist, der langsam abschmilzt und irgendwann einmal weg sein wird.

Nachdenklich steigen wir Richtung Tal, denn abgesehen von ganz wenigen wachsenden Gletschern geht es den allermeisten Eisflächen so wie der Pasterze. Sie schmelzen, weltweit. Schauen wir uns den Nordpol an. So sah das Meereis im September 1980 aus, zu Beginn der Satellitenmessungen. Und so sieht das Ganze im September 2019 aus. September ist zwar der Monat, wo das Meereis am Nordpol sein jährliches Minimum erreicht, aber der direkte Vergleich, was in nur 40 Jahren verschwunden ist. Und v.a. das mehrjährige, besonders dicke Eis geht uns flöten, und dadurch wird die verbleibende Eisfläche umso empfindlicher für die Erwärmung.

Aber, jetzt wird es interessant. Das Wort Pasterze kommt aus dem Slawischen und wird oft mit Weideland übersetzt. Im ehemaligen Gletscherbett der Pasterze will uns Andreas Kellerer-Pirklbauer ein Geheimnis zeigen, das der zurückgehende Gletscher vor einigen Jahren erst freigegeben hat. - Ja, das ist hier spannend. Wenn man da reinschaut. Da sieht man viel so Torfmaterial, organisches Material. Das sind hier so verschiedene Schichten. Wo man auch, wenn man Glück hat, ein kleines Ästchen findet. Da sieht man sehr schön, dass dieses Ästchen zusammengedrückt wurde. Man muss sich vorstellen, das Material, was hier liegt, das ist vor einigen 1.000 Jahren als Moor gewachsen, abgelagert worden. Und dann ist der Gletschervorschuss gewesen und hat das zusammengedrückt. Es ist total schwer und kalt. Ist das jetzt hier angespült worden? Oder ist das von einem Baum, der hier irgendwann mal gewachsen ist? Hier sieht man es schön, dass hier Schichten sind. Das heißt, in dem Fall ist es nicht angespült worden, sondern das ist hier gewachsen. Bei diesen Funden hat man sogar Weidezweige gefunden. Es ist ein Anzeichen dafür, dass hier im Umkreis einmal beweidet wurde. Moment, das heißt, vor 6.000 Jahren war es da oben wärmer als heute. Und Weideland klingt jetzt auch nicht gerade lebensfeindlich, und kälter ist es danach auch wieder geworden. Heißt das, die aktuelle Erderwärmung ist viel Aufregung um nichts? Wir müssen genauer hinschauen. Nur, an diesem Punkt reicht es nicht mehr, nur bis zum Beginn der Wetteraufzeichnung zurückzuschauen. Und genau dafür bin ich nach Bremen gefahren. Ich mache heute eine Art Zeitreise. Denn um die Gegenwart oder die Zukunft zu verstehen, muss man die Vergangenheit analysieren. Es gibt Wissenschaftler, die untersuchen die Klimaentwicklung der vergangenen Hunderttausende, ja, Millionen Jahre. Wie sie das machen, das schaue ich mir hier heute an. Denn hier in Bremen liegt ein echter Schatz.

So, jetzt gehen wir ins Kalte. Am besten, Sie ziehen eine Jacke an, weil es ist nur 4 Grad hier drin. Warum muss das hier so kalt sein? Wir wollen natürlich die Bohrkerne auch ordnungsgemäß archivieren. In dieser Schatzkammer liegen Bohrkerne. Bohrkerne, die Ursula Röhl und internationale Teams auf der ganzen Welt aus dem Meeresboden geholt haben. Wie viele Proben haben Sie hier gelagert? 158 Kilometer insgesamt. Und das sind 250.000 dieser Segmente, die Sie hier hinter mir sehen. Das ist ein ungeheurer Schatz. So, dann gehen wir mal hier rein. Und hier ist dieses bestimmte Kernsegment, was ich Ihnen gerne zeigen möchte. Wann wurde das gehoben? Das wurde 2003 erbohrt. Ich war auch bei dieser Fahrt dabei, und das ist sehr wertvoll. Dieser Bohrkern wird uns gleich viel über die Vergangenheit unseres Planeten preisgeben. Dazu wurde er in der Mitte durchgeschnitten und von der Paläontologin und ihrem Team genau untersucht.

So, und das ist jetzt Erde aus der Tiefsee? Das ist Meeresboden von vor 56 Millionen Jahren. Was mir auffällt, ist ein abrupter Farbwechsel von Hellbeige zu Braun. Wie kann man an diesem Erdstück jetzt ablesen, wie sich die Temperatur auf der Erde entwickelt hat? Wir haben rekonstruieren können anhand von Mikrofossilschalen die Zusammensetzung. Und die gibt uns Hinweise über Temperaturen zum Beispiel. Dort wurde festgestellt, dass mit diesem plötzlichen Materialwechsel die Temperatur um 5 bis 8 Grad auf der Erde angestiegen ist. 5 bis 8 Grad bedeutet den Wechsel von einer Kalt- zu einer Warmzeit. Aber woran genau erkennt sie das? Der Kern beziehungsweise Proben dieses Kernes wurden auf die chemische Zusammensetzung untersucht, und dabei ganz wichtig, auch auf die stabilen Sauerstoff- und Kohlenstoffverhältnisse. Sie wollte Sauerstoffisotope sagen. Ich habe es genau gehört. Ganz kurz, und ganz grob, keine Sorge. Es geht hier um unterschiedliche Sauerstoffatome, nämlich um O16 und O18. Im Gegensatz zu C14 ist hier nichts radioaktiv. Also, wir bestimmen hier keinen radioaktiven Zerfall, sondern das Verhältnis von O16 zu O18. Denn in dem Wasser, also im H2O, liegen diese beiden Sauerstoffarten in einem bestimmten Verhältnis vor, das abhängig ist von der Temperatur. Da sich das H2O durch chemische Reaktion in die Sedimentschichten einbaut, können wir an diesen Schichten das damalige Sauerstoffverhältnis ablesen. Also, vereinfacht gesagt sind diese Schichten chemisch codierte Fotos von der damaligen Wassertemperatur. Das ist Chemie, Leute. Chemie ist immer giftig und künstlich. Wenn es mal wirklich cool ist, redet wieder keiner drüber. Ist das nicht Physik statt Chemie? Das geht doch um die leichteren Isotope, die leichter verdunsten.

Weiter geht's. Dank solcher Methoden können wir also viel weiter in die Vergangenheit schauen als nur bis zum Beginn der Wetteraufzeichnungen im 19. Jahrhundert. Gehen wir mal in die letzten 400.000 Jahre. Auch ohne Industrie gab es da immer wieder wärmere Perioden. Jetzt schauen wir mal auf den CO2-Gehalt in der Atmosphäre. Immer, wenn es wärmer wurde, gab es kurz danach auch einen CO2-Anstieg. Moment mal, danach? Ja, danach. Der CO2-Anstieg folgt dem Temperaturanstieg. Aber heißt Treibhauseffekt nicht, dass CO2 zur Erwärmung führt und nicht andersrum? Heißt das, wir sind doch nicht schuld an der Erderwärmung?

Zoomen wir mal kurz raus. Noch weiter raus. Die Erde dreht sich ja nicht nur um die Sonne, sondern, sorry, wir müssen wieder rein, genau, sondern auch um ihre Erdachse, die ja wiederum schief ist. Nun gibt es Schwankungen sowohl in der Erdbahn um die Sonne, in der Rotation um die Achse und in der Achsenneigung. Dadurch entstehen Schwankungen in der Sonneneinstrahlung, die die Erde trifft. Diese Schwankungen spielen sich im Laufe von 10- bis 100.000 Jahren ab und nennen sich Milanković-Zyklen. Diese Milanković-Zyklen führen auch zu Schwankungen in der Temperatur und damit immer mal wieder auch zu Erwärmungen. Die sind anfangs erst mal gar nicht so groß. Aber... Warmes Wasser, kaltes Wasser. Warmes Wasser kann CO2 viel schlechter halten als kaltes Wasser, deswegen gast aus wärmeren Ozeanen auch mehr CO2 aus. Das heißt, selbst wenn die Erwärmung anfangs nicht so groß ist, gerät mehr CO2 in die Atmosphäre. Dadurch verstärkt sich der Treibhauseffekt. Dadurch werden die Ozeane auch wieder wärmer, dadurch gast wieder mehr CO2 aus, mehr Treibhauseffekt, usw. und so fort. Wir haben einen Lawineneffekt und dadurch rutschen wir von einer Kaltzeit in eine Warmzeit. Also, bei den vergangenen Erderwärmungen war CO2 nicht Auslöser, aber Verstärker der Erderwärmung. Heute ist es beides, und das auf einem Planeten, auf dem fast 8 Milliarden Menschen leben.

Die relevante Frage ist also, mit welchen Folgen müssen wir für diesen Planeten mit all seinen Tier- und Pflanzenarten, für die Menschheit, für unsere Gesellschaft heute und in Zukunft rechnen? Dafür müssen wir zunächst herausfinden, wie stark sich die Erde erwärmen wird, wenn wir einfach so weiterleben wie bisher. Das versucht die Klimaforschung mithilfe von Superrechnern zu modellieren. Nur, ganz so einfach ist das nicht. Denn selbst der beste Rechner kann ja nur mit Faktoren rechnen, die auch bekannt sind. Aber lässt sich Zukunft überhaupt berechnen?

Schauen wir erst mal, welche Faktoren noch unsicher sind. Zurück auf dem Hohen Sonnblick. Hier messen Sie nicht nur das CO2, von dem wir schon sehr genau wissen, was es fürs Klima bedeutet, sondern auch solche Sachen wie Aerosole, winzige Partikel in der Luft, die triggern die Bildung von Wolken. Wie genau, das hat die Wissenschaft noch nicht völlig verstanden. Und nicht nur das. Man hat die Sonne, man sieht sie heute wunderschön, steigt runter, bringt uns Energie in die Atmosphäre, auch der Erdboden strahlt wieder ab. Wenn man da zum Beispiel eine Wolke hat, nimmt die Wolke von beiden Seiten die Energie auf. Da ist die Frage, was macht sie damit? Strahlt sie sie zurück? Oder kann sie sie emittieren, wieder in den Weltraum? Oder hält sie sie sozusagen gefangen in der Atmosphäre und trägt da zur Erwärmung bei? Das heißt, sie können kühlend wirken oder wärmend. Das ist ein unglaublicher, komplexer Prozess, der noch nicht ganz verstanden wird, weshalb unsere Forschung hier oben bahnbrechend ist für den Klimawandeleffekt.

Entsprechend haben sich auch Klimamodelle in den letzten Jahrzehnten wahnsinnig weiterentwickelt. Anfangs, in den 70ern, waren die Modelle noch recht simpel. Das Klima wurde anhand von Sonneneinstrahlung, Niederschlag und CO2-Konzentration modelliert. Doch nach und nach kamen immer mehr Faktoren hinzu, zum Beispiel die Wolken, der Einfluss der Landoberflächen oder des Meereises. Aber Klima ist noch komplexer. Nach und nach wurde klar, was noch zu berücksichtigen ist. Vulkanaktivität, Sulfate durch Industrieabgase. Der Einfluss des Meeres, der Flüsse, Aerosole in der Luft. Wasserströme innerhalb der Meere, Zusammenwirken mit der Vegetation, chemische Reaktionen in der Atmosphäre. Ihr seht, es ist eine komplizierte Rechnung mit sehr vielen Faktoren, von denen zumindest einige derzeit eher noch Unbekannte sind.

Das Klimarechenzentrum in Hamburg, eines der digitalen Gehirne der internationalen Klimaforschung. Hier verarbeiten Hochleistungsrechner Unmengen von Klimadaten. 130 Petabyte. Und heraus kommen Klimamodelle, Prognosen über die Zukunft des Erdklimas. Doch wie will man etwas präzise berechnen, wenn relevante Faktoren noch nicht richtig verstanden sind? Das will ich von Detlef Stammer wissen, Direktor des Zentrums für Erdsystemforschung der Uni Hamburg. Es gibt immer mehr Daten. Gleichzeitig gibt es immer mehr Unsicherheiten. Widerspricht sich das nicht? Das widerspricht sich nicht, weil man verstehen muss, was ist Unsicherheit? Für mich ist die größte Unsicherheit ein Unverständnis. Wenn man das System besser versteht, aber deswegen trotzdem nicht eine ganz scharfe Zahl hinten rauskommen kann, sondern ein Bereich. Ist es nicht unbedingt eine größere Unsicherheit, sondern im Grunde ein besseres Verständnis dessen, was wir vorhersagen können, und womit man leben muss. Wissenschaft heißt, weil man eine Frage beantwortet, tun sich drei neue Fragen auf. Es ist der Inbegriff von Wissenschaft, dass die Welt umso komplizierter wird, je mehr wir von ihr verstehen.

Detlef Stammer zeigt an diesem Globus, warum die Klimawissenschaftler trotz aller Unsicherheiten so überzeugt von den Modellen sind. Das Erste ist, was wir hier sehen, ist eine Simulation der Gegenwart. Sie gleichen die errechneten Daten mit der Realität ab. Hier mit Satellitendaten vom Nordpol. Das heißt, Sie machen Vergleiche mit der Vergangenheit, gucken, hat unser Modell da gestimmt? Das kann man mit den Echtwerten vergleichen. Dann liegt die Vermutung nahe, dass auch die Prognose für die Zukunft... Genau so ist es. Das können wir gut hier bei diesem anderen Bild hier vorne sehen. Und was diese Grafik zeigt, ist auf der einen Seite, die in Gelb, die beobachtete die globale Temperatur, so wie sie tatsächlich beobachtet wurde, wie sie ist, also bis heute. In Grau sind Klimasimulationen, die dieser beobachteten Temperatur recht gut folgen. Und das erzeugt auch das Vertrauen in die Vorhersagen. Die Klimamodelle können sehr viel leisten. Aber es gibt in der Regionalität Schwierigkeiten. Es gibt auch andere Situationen, dass also die Rolle des Ozeans teilweise eher unterschätzt wird. Die große globale Geschichte, das kann man ziemlich gut machen. Aber je kleiner das Gebiet wird, also, wenn es denn um Ostwestfalen geht, dann wird es wirklich schwierig. Die Art, wie die Wolken simuliert werden in den Klimamodellen, zusätzlich zu den Aerosolen, sind die größten globalen Unsicherheiten, und auch regional.

Was die Unsicherheiten und Möglichkeiten von Modellierungen betrifft, sind sich die Experten weitestgehend einig. Klimamodellierungen sind keine Zukunftsvoraussagen. Aber Modellierungen können verschiedene Szenarien berechnen, vom Best Case zum Worst Case, und Wahrscheinlichkeiten abschätzen. Auch wenn das nicht die Glaskugel ist, mit der man in die Zukunft schauen kann, gibt es doch ein wichtiges Bild davon, auf was wir uns gefasst machen müssen. Die Klimamodelle zeigen mögliche Zukunftsszenarien. Das heißt, so hätte es aussehen können, wenn es uns oder die Industrialisierung nicht gegeben hätte. Das werden wir auf keinen Fall mehr erreichen, im allerbesten Fall vielleicht noch das. Wenn wir die Emissionen auf Null runterbringen würden, hätten wir hier den grünen Bereich. Das ist der Best Case. Worst Case dann entsprechend anders. Wenn wir quasi so weitermachen wie bisher, dann erwarten wir einen Anstieg von bis zu 4 Grad. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Bis zum Ende des Jahrhunderts 4 Grad oder mehr. Wenn wir so weitermachen wie bisher. 4 Grad Erderwärmung hätten massive Folgen für das Leben auf diesem Planeten. Nicht nur würden Hitzewellen viel häufiger werden. In manchen Regionen würde das Risiko für Dürren steigen, an Flüssen und Küsten das Risiko für Überflutungen. In vielen Regionen würden Ressourcen knapp werden, Hungersnöte, die Verschiebung von Vegetationszonen, das Auslöschen ganzer Ökosysteme, all das droht innerhalb weniger Jahrzehnte. Und wohlgemerkt, 4 Grad Erderwärmung im Schnitt hieße, dass Landflächen teilweise viel stärker erwärmen als 4 Grad.

Halten wir fest. Einfach so weitermachen wie bisher ist eine ganz schlechte Idee, auch wenn es für Deutschland erst mal nicht so dramatisch erscheint. Ich bin in Cuxhaven. Ich will wissen, wie sich der Anstieg des Meeresspiegels auf die deutschen Küsten auswirkt. Als Erstes fallen mir am Deich die Marken der vielen Sturmfluten auf und dass die höchste davon bereits knapp 50 Jahre zurückliegt. Ich treffe Jürgen Schubel, den Deichgraf von Cuxhaven. Der kennt sich hier aus. Machen sich die Leute hier Sorgen? Also, der Meeresspiegelanstieg, über den man in den Medien ja ganz viel hört, ist für viele natürlich besorgniserregend. Weil eigentlich alle klimatischen Veränderungen eine Bedrohung für die Menschen sind. Ich werde manchmal angerufen, Herr Schubel, soll ich mein Haus in Cuxhaven verkaufen? Halten die Deiche den Klimawandel überhaupt aus? Er will mir vorne an der Wasserkante etwas zeigen. Wir hatten heute Morgen ein ganz durchschnittliches Hochwasser.

Und da sieht man, dass das Wasser, was über diese Kante gegangen ist, jetzt hier noch steht. Und das findet öfter in der Woche mal statt, was früher anders war. Und auch der Sand, der sich hier überall gebildet hat, ist von dem Wasser auf die Promenade hier geschwemmt worden. Veränderungen also auch hier, schon heute, aber ist das ein Grund zur Sorge?

Als ich klein war, vor 60 Jahren, bin ich hier gegangen und hatte Angst als Kind vor dem hohen Wasserstand, der etwa auch genau an derselben Stelle wie dort lag, allerdings im Mittel 30 cm tiefer. Und das hat mir der Vater am Küchentisch vor 60 Jahren schon erzählt. Und das war das 1. Fremdwort, was ich in meinem Leben lernen musste, nämlich der säkulare Anstieg des Meeresspiegels. Was heißt säkular? Der Hundertjährige. Und das bezieht man auf 100 Jahre oder auf 10 Jahre, weil es von Jahr zu Jahr eben nicht ganz gleichmäßig ist.

Überraschenderweise ist in den letzten Jahren hier in Cuxhaven der Pegel des durchschnittlichen Hochwassers eher ein bisschen weniger als 30 cm im hundertjährigen Mittel gewesen, nämlich nur 27,5 cm. D.h. Meeresspiegelanstieg ist gar nicht so ein Problem? An der Ostküste von Nordamerika, bei New York etwa, oder in Bangladesch oder in manchen Inseln im Pazifik. Da wird Meeresspiegelanstieg eine ganz andere Bedeutung und eine ganz andere Auswirkung haben als für uns die Auswirkungen bei veränderten Sturmfluten.

Deutschland kann mit einem Meeresspiegelanstieg von 1 m bis zum Ende des Jahrhunderts gut umgehen. Aber nur, weil unsere Küsten nach den verheerenden Sturmfluten von 1963 und 1976 besonders gut geschützt waren. Aber damit ist die Nordseeregion weltweit eine Ausnahme. Die Klimaforschung kann sagen, dass Bangladesch oder die Inseln im Südpazifik mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit von einem Meeresspiegelanstieg bedroht wären und sich Hochwasser wie hier häufen würden.

Allerdings, genau wie die Temperatur nicht überall gleich ansteigt, z.B. Stadt vs. Land, wird auch der Meeresspiegel nicht überall gleich ansteigen. Was es schwierig macht, global konkrete Voraussagen zu treffen oder seriös zu simulieren. Und trotzdem, auch bei uns würden sich solche extremen Sturmfluten wie 1976 bei 1,5° Erwärmung mehren. Sie kämen statistisch gesehen nicht mehr alle 500, sondern eher alle 100 Jahre vor. Bei 2° Erwärmung alle 30 bis 40 Jahre. Es ist unumstritten, dass es einen deutlichen Unterschied macht, ob es 1° Erwärmung, 1,5° oder 3° sind.

Wovon hängt der Anstieg des Meeresspiegels ab? Erst mal dehnt sich Wasser bei wärmeren Temperaturen stärker aus, sodass allein dadurch der Meeresspiegel steigt. Natürlich kommt da noch das ganze geschmolzene Eis hinzu. Nicht das hier. Wenn Eis auf Wasser schmilzt, macht das für den Meeresspiegel nichts. Das ist, als würde dieses Eis hier im Glas schmelzen, dann läuft es auch nicht über. Wenn aber Landeis schmilzt, z.B. in Grönland oder in der Antarktis, kommt so natürlich Wasser hinzu. Der Meeresspiegel steigt.

Detlef Stammer zeigt mir das am Beispiel von Grönland. Was wäre, wenn dort das Festlandeis ganz abschmelzen würde? Wie wahrscheinlich ist das? Ein Kipppunkt für Grönland wäre z.B. eine Temperatur, bei der so viel Eis abschmilzt, das Grönland im Grunde nicht mehr wieder eine Eismasse aufbauen kann. Dieser Kipppunkt, der genaue Wert ist im Augenblick noch nicht bekannt. Der liegt zwischen 2 oder 3°, wo das System dann tatsächlich anfängt, mehr Masse zu verlieren, als es je wieder aufbauen kann. Und dann tatsächlich irgendwann gar kein Eis mehr hat. Das bedeutet, wenn so ein Kipppunkt erreicht ist, dass irgendwann Grönland das Eisschild verlieren wird mehr oder weniger. Und dann bis zu 6 m mehr Meeresspiegelanstieg passieren wird durch diese Masse, die in den Ozean reinkommen kann.

Die Kipppunkttheorie sagt, dass ab einer bestimmten Erderwärmung bestimmte Klimaprozesse nicht mehr zu stoppen sind, wie gerade gesehen z.B. die Eisschilde. Ja, Kipppunkte. Beliebtes Thema bei uns Journalisten. Das hört sich nicht nur dramatisch an, sondern auch sehr eindeutig. Doch innerhalb der wissenschaftlichen Community ist es alles andere als eindeutig. Es gibt wenig Hinweise, dass das Klimasystem einen großen Kipppunkt hat. Aber es gibt verschiedene Elemente regional, lokal, die einen Kipppunkt darstellen könnten. Den Regenwald im Amazonas, das arktische Meereis, vielleicht Monsun. Ich bin allerdings ein bisschen zurückhaltend in diesen Aussagen. Der entscheidende Kipppunkt ist die Rolle der polaren Ozeane. Wir gehen davon aus, dass wir etwa 12, 15 ganz wesentliche Kippelemente haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass solche Punkte dann passieren, sind doch relativ gering. Und die Forschung ist hier noch ziemlich sehr am Anfang. D.h. das Ganze ist hochspekulativ.

Die Kipppunkte sind ein gutes Beispiel dafür, wie unterschiedlich Wissenschaftler kommunizieren. Die einen setzen ihren Fokus auf die Worst-Case-Szenarien, die anderen betonen eher die wahrscheinlichsten Szenarien. Beide Sichtweisen bewegen sich auf dem Boden der Wissenschaft. Nur dass die Worst-Case-Szenarien die besseren Schlagzeilen machen. Ich kann beide Sichtweisen nachvollziehen. Ich kann nachvollziehen, warum man sich auf die Worst-Case-Szenarien konzentrieren möchte, nach dem Motto, lieber mit dem Schlimmsten rechnen. Wenn es nicht so schlimm wird, kann man sich freuen. Ich kann es aber auch nachvollziehen, wenn man sagt, das repräsentiert nicht die gesamte wissenschaftliche Lage. Und das führt zu Zuspitzungen.

In den Medien ist meistens viel zu wenig Zeit, um Wissenschaft differenziert und mit allen Unsicherheiten zu kommunizieren. Das ist in meinen Augen eines der Hauptprobleme. Denn innerhalb der Wissenschaft geht man mit Unsicherheiten ziemlich offensiv um. Beispiel. Der Weltklimarat, kurz IPCC, der den Stand der Wissenschaft sammelt, ordnet und gewichtet, hat in seinem letzten Sachstandsbericht sogar ein eigenes Kapitel dafür, Key Uncertainties. Zentrale Unsicherheiten. Die Kipppunkte, die Frage, wie sich das Klima regional verändert. Z.B. wo es trockener wird, wo feuchter, wie hoch die Meeresspiegel tatsächlich steigen. Das alles zählt zu den zentralen Unsicherheiten laut IPCC.

Gut. Aber wer ist eigentlich dieser IPCC? IPCC oder Weltklimarat steht bei ihm nicht am Türschild. Aber Jochem Marotzke ist einer von Hunderten Wissenschaftlern, die an den Berichten des Weltklimarates arbeiten. Der Leiter des Max-Planck-Instituts war sogar einer der koordinierenden Leitautoren des letzten IPCC-Berichts. Gerade arbeitet er am nächsten, streng wissenschaftlich. Doch am Ende kommt die Politik dazu. Ich freue mich sehr, endlich jemanden zu treffen, der intensiv an den IPCC-Berichten mitarbeitet. Wie arbeitet der IPCC? Vielleicht das Wichtigste, was man sagen muss, der IPCC macht keine eigene Forschung. Was IPCC macht, ist, das Wissen, was wir über das Klima und den Klimawandel haben, das tragen wir zusammen und bewerten es.

Aber inwiefern kann man dann von Unabhängigkeit sprechen, wenn bei dieser Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger die 195 beteiligten Regierungen hieran mit beteiligt waren an dem Bericht? In dem Augenblick, wo wir uns auf diese Zusammenfassung für Entscheidungsträger geeinigt haben, bedeutet das, die wissenschaftliche Gemeinschaft und die Regierungen sind sich einig, das ist der Kern des wissenschaftlichen Wissens zum Klimawandel. Alle Regierungen haben zugestimmt, und da kommen sie auch nicht mehr raus. Insofern ist diese Co-Produktion von Wissen durch Wissenschaft und Regierungen auch die Stärke von IPCC. Dieser Prozess hat diese historischen Bilder überhaupt erst möglich gemacht.

Das Pariser Klimaabkommen 2015. Die Botschaft von Paris: Bei allen Unsicherheiten im Detail ist die Faktenlage so klar und so ernst, dass sich über 190 Staaten dazu verpflichtet haben, die Erwärmung, wenn es irgendwie nur geht, auf 1,5° zu begrenzen. Es macht einen spürbaren Unterschied, ob es 2° oder 1,5° Erwärmung sind. Denn was würde bei 2° passieren? Bei diesen 2° Erwärmungen werden eben so Dinge wie Zerstörung von Ökosystemen angestoßen, die wiederum mehr CO2 in die Atmosphäre bringen. Aber auch das Verschieben der Klimazonen, gerade eben des tropischen Regengürtels mit einem Riesenimpakt auf 3 Mrd. Menschen. Das wird Änderungen in den Niederschlagsmustern bedeuten. Das wird Änderungen in extremen Wetterereignissen bedeuten. Insbesondere Hitzewellen, starke Niederschläge. Möglicherweise Veränderungen in den Stürmen, das Abschmelzen des arktischen Meeres, das Ansteigen des Meeresspiegels. Veränderungen dann auf die Biodiversität, auf die Nahrungsmittelproduktion. Die Änderungen sind extrem.

Ich sage es mal möglichst nüchtern. Wenn wir nichts gegen die Erderwärmung machen, wird unsere Welt eine andere sein. Und zwar eine weniger gute. Aber wisst ihr, was das Gute am menschengemachten Klimawandel ist? Dass wir Menschen es auch anders machen können. Und allein für diese wissenschaftliche Erkenntnis sollten wir dankbar sein. Deswegen versuche ich mal, die optimistischen und pessimistischen Stimmen zu vereinen und sage, Gott sei Dank haben wir es noch in der Hand. Aber wie kann das funktionieren? Das haben Mai und ich uns in Teil 2 unserer Klima-Doku gefragt. Wir nehmen euch mit bei unserer Suche nach den besten Lösungen des Klimaproblems. Voll das Ufo. Riecht nicht gut. Copyright WDR 2021