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"spirituelle.lesezeit" mit Christiane Bundschuh-Schramm "Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke"

Dioezese_RS1:59

Transcription

Lieber Links, so nennt die Großmutter den Autor. Lieber Legen, das ist der Schauspieler und Regisseur Joachim Meyerhoff. In diesem, seinem dritten autobiografischen Roman, beschreibt er seine Jahre an der Münchner Schauspielschule und sein Leben bei den Großeltern. Bei ihnen in München findet er kurzfristig Unterschlupf, und dann bleibt, dann die gesamte Studienzeit dort wohnen.

In der Schauspielschule tut sich Meyerhoff schwer, sucht und findet sich nicht, fühlt sich sogar als Versager. Mehrmals fragt er sich, was er dort eigentlich soll, wohin aber dann mit sich und seiner Suche? Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke – so heißt das Buch, ein Zitat aus Goethes Werther. Wohin mit dieser Erfahrung der Lücke? Zu den Großeltern, zumindest am Abend, täglich um 18 Uhr dort eintreffen, denn dann ist Whisky-Zeit, und die abendlichen Rituale der Großeltern beginnen. Rituale von morgens bis abends, in die er nur hineinzufallen braucht, in denen er Geborgenheit und Heimat findet, die er tagsüber vergeblich sucht.

Die Großeltern: keine Unbekannten. Er, der Philosoph Hermann Grings; sie, die Schauspielerin Inge Birkmann. Er, die Vernunft; sie, das Gefühl. Er, ernsthaft; sie, theatralisch. Köstlich diese Mischung, köstlich! Zum Beispiel seine Art, etwas Verlorenes mit vernünftigen Fragen wiederzufinden; sie hingegen spendet dem heiligen Antonius und sagt: Nicht suchen, warten, bis das Verlorene sich zeigt. Kommt alle Lebensenergie aus dieser Spannung zwischen Heimatlosigkeit und Heimat, zwischen Suchen und Finden, zwischen Vernunft und Gefühl? Zwischen Lecker und Lieber Ling liegt da das Glück.