📱

Get Our Mobile App

Take your business learning on the go!

Download on the App StoreGet it on Google Play

Wie leben Teenager weltweit? | Galileo | ProSieben

Galileo14:16

Transcription

Jetzt haben wir für Sie wieder einen Einblick in andere Welten. Für die 16-jährige Aoi aus der überbevölkerten Metropole Tokio sieht das Leben so ganz anders aus als für diese junge Dame hier auf der anderen Seite der Erde. Wir sind 18.000 km weit gereist, um die beiden zu besuchen.

Ganz klar, hier wohnt ein Mädchen. Wir wundern uns über Kaffee im Kinderzimmer. Auch fällt uns ein Pferdesattel auf, eine Plastikflasche in Madonnenform, gesalzene Bananenchips und auf dem Handy. Was hat es mit diesen Dingen auf sich? In welchem Land mag dieses Zimmer sein und wem gehört es?

Hallo, ich heiße Kristel und wohne in West. Das ist in Costa Rica. Ich bin 12 Jahre alt und gehe seit kurzem auf die High School. Ich bin in der ersten Klasse. Auch wenn nicht viel los ist, Kristel wohnt wirklich weit ab vom Schuss. Wir müssen über viele Brücken, durch Bäche und Flüsse, um in ihr kleines Dorf in Costa Rica in Mittelamerika zu gelangen. In der Regenzeit kommt man hier nicht durch, dann ist Kristels Dorf vom Rest der Welt abgeschnitten.

Auf der Fahrt fallen uns diese Schilder auf. Eine Warnung, sich hier aufzuhalten, wenn die Giftflieger unterwegs sind. Hier wird oft gespritzt, und zwar auf den Bananenplantagen. Sie prägen das Landschaftsbild. Unsere Bananen in Deutschland, hier kommen sie her. Die Früchte spielen in Kristels Leben eine große Rolle. Die Bananenchips in ihrem Zimmer waren ein erster Hinweis darauf.

Unser zweites Kinderzimmer ist genau das Gegenteil von Kristels in Costa Rica. Diese quietschbunten Fotos sind ein recht eindeutiger Hinweis. Wir sind in Japan, genauer in Tokio. Hier wohnt die 16-jährige Aoi. Die japanische Hauptstadt gehört zu den Megastädten der Welt. Rund 38 Millionen Menschen drängen sich im Großraum Tokio.

Zimmer kennen wir ja jetzt, aber wo ist ihr Bett? Es gibt keines. Aoi schläft mit ihren Geschwistern hier auf diesem Futon, denn Platz ist teuer im überfüllten Tokio. An dieser Kleiderstange hängt Aois Schuluniform. Individuelle Kleidung ist in den meisten japanischen Schulen verboten. Doch heute ist Sonntag und Aoi hat schulfrei. Ich finde, es ist eine schöne Abwechslung, mal etwas anderes als die Schuluniform anzuziehen. Um 7 Uhr morgens beginnt ihr Tag. Auch am Sonntag bleibt keine Zeit zum Ausschlafen. Das Frühstück mit der Familie ist Pflicht. Junge Japaner in Tokio wohnen oft bis Anfang 30 bei ihren Eltern. Das liegt unter anderem an den hohen Mietpreisen. Tokio gilt als eine der teuersten Städte der Welt. Das Frühstück ist typisch japanisch: Suppe und Fisch.

Und was gibt es bei Kristel in Costa Rica zum Frühstück? Kaffee, das Nationalgetränk. Das Trinken hier schon Kleinkinder ganz selbstverständlich. In Deutschland eher ungewöhnlich. Die Zwölfjährige macht jeden Morgen um 6:30 Uhr Kaffee für sich und ihre Mutter. Dann Zähne putzen. Mama hält die Taschenlampe. Es gibt kein Badlicht. Kristel und ihre Mutter wohnen hier mietfrei. Das kleine Häuschen gehört Tante. Es ist als alleinerziehende Mutter manchmal schwierig, das Geld knapp ist. Aber es ist auch sehr schön, denn sie teilt ihre Zeit nur mit mir. Wir haben keine Tochter-Mutter-Beziehung, wir sind eher wie Freundinnen. Sie macht sich fertig für die Schule. Eigene Kleidung, Schminke oder gar Nagellack sind eigentlich streng verboten. Kristel hofft, dass sie und ihre Mutter trennen. Zwischendurch ein Schlückchen Kaffee. Gegessen wird nichts. Jetzt wissen wir auch, warum im Kinderzimmer ein Kaffeebecher steht.

Wie Aoi in Tokio muss Kristel eine Schuluniform tragen. Ganz wichtig: das Hemd muss in die Hose. Das wird später an der Schule kontrolliert. Zum Abschied segnen sich Adriana und ihre Tochter gegenseitig. Glaube ist in Costa Rica sehr wichtig. Das erklärt auch die Madonnenflasche in Kristels Zimmer. Sie kommt später noch zum Einsatz. Kristel macht sich auf Richtung Schule. Sie besucht seit kurzem das Colegio, die weiterführende Schule. Mutter Adriana geht zu ihrer Arbeit auf die Bananenplantage, dem Arbeitgeber für fast alle in der Gegend. Kein Wunder, Costa Rica ist der zweitgrößte Bananenexporteur der Welt.

Am Eingang von Kristels Schule wartet dieser Security-Mann. Er achtet darauf, dass die Schüler pünktlich sind und korrekt angezogen. Viele machen sich kurz vor Unterrichtsbeginn schnell schulfein. Manche haben einen mehrere Stunden langen Fußweg hinter sich. Ganz wichtig: Hemd in die Hose, sonst kommt man nicht rein. Kristel hatte Glück, ihr Nagellack ist dem Kontrolleur nicht aufgefallen.

Es wird das Vaterunser gebetet. Uns fällt wieder die Madonnenflasche in Kristels Zimmer ein. Der Unterricht selbst ist dann locker, lateinamerikanisch. In Englisch beispielsweise sollen die Schüler machen, was ihnen Frau Ballestero auf Englisch vorsagt: hüpfen, drehen, tanzen, winken. Gelernt wird hier nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem ganzen Körper.

Mittagessen in der Schulkantine in Costa Rica. Bekommen alle Schüler täglich ein kostenloses Essen. Heute Reis mit Bohnen und Fleisch, ein typisches Gericht. Kristel knabbert nur ein bisschen an der Melone. Macht sie etwa Diät? Nein, direkt danach erwischen wir sie mit den Bananenchips, die wir auch in ihrem Zimmer gesehen haben. Ihr Lieblingsessen. Sie werden aus Kochbananen hergestellt, sind salzig und schmecken fast wie Kartoffelchips. Nach dem Essen putzen alle vorschriftsmäßig die Zähne. Jetzt ist Praxisunterricht. Die Schüler sollen hier einen Schulgarten anlegen. Um 15 Uhr hat Kristel für heute frei.

Auch Aoi in Tokio hat frei. Sonntag ist ja einziger schulfreier Tag in der Woche. Nur heute kann sie sich mit Freundinnen treffen. In Tokio ist man nie allein, ob auf den Straßen oder in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Die U-Bahn wird pro Jahr von 3,1 Milliarden Menschen benutzt. Es ist das am meisten beanspruchte U-Bahn-Netz der Welt. Wie bei deutschen Teenagern läuft auch hier nichts ohne Smartphone. Japaner verschicken darüber täglich 10 Milliarden Messages. Mit meinen Freundinnen kommuniziere ich häufig über die Messenger-App Line oder per SMS. Es kommt ganz auf den Tag an, aber im Durchschnitt benutze ich mein Handy ca. 3 bis 4 Stunden täglich.

Überhaupt spielt Technik in Japans Hauptstadt eine große Rolle. Auf jeden Einwohner Tokios kommen rund 20 Automaten. Gerade besonders hip: diese Fotoautomaten. Die bunten Bildchen, die ausgespuckt werden, heißen Purikura. Diese kleinen Fotos haben wir auch schon in Kristels Zimmer gesehen. Es ist einfach eine schöne Erinnerung an die Zeit, die man mit den Freunden verbringt. Ich kann Grimassen ziehen und außerdem kann ich mein Gesicht im Nachhinein noch verändern, z.B. die Augen viel größer machen. Große Augen und möglichst helle Haut, der Traum aller japanischen Frauen. In dieser kleinen Kabine können die Mädchen ihre Fotos entsprechend bearbeiten und verzieren. Nach einer kleinen Wartezeit spuckt der Automat die Bilder aus und die zwei Freundinnen begutachten ihr Werk.

Kristel in Costa Rica muss erst einmal im Haushalt anpacken und nebenbei auf ihre Cousine aufpassen, bevor sie sich mit ihren Freundinnen treffen kann. Ich helfe meiner Mutter, denn wenn sie von der Arbeit kommt, ist sie sehr müde. Ich helfe ihr so, dass sie nur noch das Abendessen kochen muss, sonst nichts. Weil sie verbringt so wenig Zeit mit mir. Nur die Sonntage. Mit ihren Freundinnen vertreibt sich Kristel die Zeit ganz anders als in Japan. Sie tanzen zu ihrem Lieblingssong auf dem Handy. Wir haben ihn schon in ihrem Zimmer gehört. Sie schauen Fernsehserien, in denen es um Liebe und Herzschmerz geht. Sie sind in Lateinamerika alle verrückt. Ob jung oder alt, jeder guckt, auch Männer.

Wenn die Sehnsucht nach ihrer Mutter zu groß wird, bringt ihr Kristel einen Snack zur Arbeit auf die Bananenplantage. Neben der wackligen Fußgängerbrücke werden die fertig gepackten Bananenkisten über den Fluss zum wartenden LKW geschickt. Mutter Adriana arbeitet in der Qualitätskontrolle. Sie wiegt die vom Feld kommenden Bananenstrünke und misst stichprobenartig die Dicke der Früchte. Umgerechnet etwa 300 € verdienen Plantagenarbeiter wie Adriana hier im Monat. Das ist auch für hiesige Verhältnisse wenig. Costa Rica ist ein vergleichsweise reiches Land, man nennt es auch die Schweiz Mittelamerikas. Nach Europa werden übrigens nur makellose Bananen mit einer bestimmten Dicke und völlig fleckenlos verkauft. Sie verkaufen sich am besten. Geerntet werden die Früchte grün, sie reifen erst in Deutschland zu Ende. Jede vierte Banane in deutschen Supermärkten stammt aus Costa Rica.

Ich habe eine Ausbildung als Physiotherapeutin, aber momentan ist es praktischer, weiter hier zu arbeiten. Doch wenn sich irgendwann eine bessere Möglichkeit gibt, werde ich das gerne annehmen. Und ehrlich gesagt, wünsche ich mir, dass meine Tochter so wie ich an die Uni geht und dann eine bessere Karriere macht als ich. Kristel weiß auch schon ganz genau, was sie werden will: Tierärztin, denn sie liebt Tiere. Ihrem Opa gehört dieses Pferd, dass sie regelmäßig reitet. Das erklärt den Pferdesattel in ihrem Zimmer. Es ist ein ehemaliges Bananenlastpferd. Opa hat früher mit dem Pferd auf der Plantage gearbeitet. Ich will später nicht auf der Plantage arbeiten, weil das keine richtige Karriere ist. Ich will Tierärztin werden, ich will mehr erreichen.

Auch Aoi in Tokio hat große Zukunftspläne. Darum bleibt sie auch nur bis 16 Uhr in der Karaoke-Kabine bei ihren Freundinnen. Eine der Lieblingsbeschäftigungen junger Japaner. Obwohl Sonntag ist, geht sie nach Hause zum Lernen. Jedes Wochenende pauken ist für japanische Teenager normal. Der Leistungsdruck an den Schulen ist enorm. Für Aoi ist das Alltag. Es ist wichtig, für das zu lernen, was einem später dann dabei hilft, zu werden, was man will. Wie fast alle japanischen Jugendlichen paukt Aoi für die Aufnahmeprüfung an ein angesehenes Uni. Doch sie hat noch einen anderen heimlichen Traum. Weil ich ja so groß bin, wäre ich gern Model. Ich schaue mir das oft im Fernsehen an. Die sehen immer alle so gut aus und die Zuschauer finden sie toll. Darum wäre ich das auch gerne.

Kristel hat bescheidene Träume. Sie will einfach ihre Mutter öfter sehen. Die kommt jetzt erst von der Arbeit nach Hause, aber es hilft nichts, sie muss ja Geld verdienen. Die beiden kochen zusammen. Natürlich Bananen, um die dreht sich hier wirklich alles. Aber es sind nicht die, die wir kennen. Es sind Kochbananen, so wie die, aus denen Kristels geliebte Chips gemacht sind. Sie werden in heißem Fett frittiert. Diese Kochbananen isst man mit etwas Sourcream. Sie schmecken fast wie Kartoffeln. Die beiden gehen früh ins Bett. Sie müssen ja auch wieder früh raus. Adriana legt sich für das Abendgebet. Vor dem Einschlafen zu ihrer Tochter. Und jetzt erfahren wir auch, was in der schwarzen Plastikmadonna ist. Weihwasser. Es soll Kristel Glück und Gesundheit bringen und alle Sorgen vertreiben.