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Wir sind etwa zwei Autostunden nördlich von Indiens Hauptstadt Deli in der Provinz Utapesch. Semli ist ein Bauerndorf, so wie es 100tausende in Indien gibt. 47% der Bevölkerung Indiens leben von der Landwirtschaft. Stolz hängen sie die Nationalfahne am Unabhängigkeitstag. Langlebe Indien, unsere Mutter, rufen sie.
Brad K ist so ein Art heimlicher Dorfvorsteher. Eigentlich ist seine Frau die gewählte Bürgermeisterin, aber das nur pro forma, um die staatlich vorgegebene Frauenquote zu erfüllen. Mais, Soja, Bohnen, Reis – Pflanzen sehen Semli an. Prad Kumar schon fast sein ganzes Leben.
"Das ist ein sehr hartes Geschäft. Ich muss sogar nachts arbeiten, um die Felder zu bewässern." Warum auch nachts? Strom für die Pumpe im Brunnen gibt es öfter mal in der Nacht. Tagsüber gibt es oft gar keinen Strom. Deswegen muss ich nachts kommen. Alles eine ganz schöne Herausforderung.
Es gibt keine Knappheit an Problemen. Es gibt viele. Strom sei ein Problem, aber auch gute Saat. Dünger sei extrem teuer. Ohne Kredite würde kein Bauer überleben, meint Pradip Kumar. Und als sei das Leben für die indischen Bauern nicht auch so schon schwer genug, droht jetzt aus der Ferne aus den USA ein Angriff, der ihr Leben auf den Kopf stellen könnte.
"Wir haben nie genug Geld, um uns gute Saat und ausreichend Dünger zu kaufen. Wenn jetzt auch noch Importe aus dem Ausland kämen, würden wir noch mehr Verluste machen." Es würde schwer werden als Bauer zu überleben.
Die USA drängen darauf, dass Indien seine Märkte für US-Farmprodukte öffnet, vor allem für Mais und Sojabohnen. Wohl auch um den Markt in China zu kompensieren, der schon nach der ersten Runde der Trump-Zölle praktisch komplett weggebrochen ist. Dass Indien seinen Markt für US-Farmprodukte aber öffnet, halten Experten für nahezu ausgeschlossen.
Indiens Landwirte, die sich angesichts der Veränderungen im Agrarsektor ohnehin in einer sehr schwierigen Existenzlage befinden, wären durch äußere Marktkräfte bedroht, wenn diesen der Zugang zum Agrarsektor erlaubt würde. Daher ist die Öffnung der Landwirtschaft aus indischer Sicht ein klares Nogo. Mehr als 500 Millionen Menschen arbeiten in der Landwirtschaft. Kein Politiker würde eine Öffnung der Märkte politisch überleben.
Und so machte Indiens Premierminister Narendra zum Nationalfeiertag eines völlig klar. Bauern, Fischer und Rinderzüchter sind unsere Top-Priorität. Modi wird wie eine Mauer stehen gegen jede Politik, die gegen die Interessen der Bauern, Fischer und Rinderzüchter steht. Dinge, die man in Indien sagen muss, wenn man in Indien Premierminister bleiben will.
Um Druck auf Indien auszuüben, hatte Donald Trump schon vor der ersten Verhandlungsrunde für ein Handelsabkommen weite Teile der indischen Wirtschaft, wie die Textilindustrie, mit 25% Zöllen bedacht. Da half auch nicht, dass Modi immer schon ein enges, freundschaftliches Verhältnis zu Amerikas Machthaber gepflegt und sogar Wahlkampf für ihn gemacht hat. Prinzip.
Anfang August verkündet Donald Trump dann zusätzlich 25% Zölle auf indische Produkte, die Ende August in Kraft treten. 50% aber wären es dann insgesamt, bislang die höchsten für einen US-Handelspakt. 50% ist ein Killer. Das ist schlichtweg unbezahlbar, weder für den Käufer noch für den Verkäufer. Das bedeutet faktisch, sofern sich nichts ändert, dass das Geschäft sehr drastisch, sehr plötzlich zum Erliegen kommt.
Matrix Industries ist einer der großen Textilproduzenten Indiens. Zu den wichtigsten Kunden zählt die US-Marke Polo Ralph Lauren. Mehr als 30% aller Textilimporte in die USA kommen bislang aus Indien. Ein Milliardengeschäft, das zum Erliegen kommen könnte in einem Wirtschaftssektor, der gut 13% der industriellen Produktion Indiens ausmacht.
Es ist eine bedeutende Devisenquelle für Indien, aber mehr noch ist es eine der arbeitsintensivsten Branchen in Indien. Tatsächlich ist die Textil- und Bekleidungsindustrie der zweitgrößte Arbeitgeber nach der Landwirtschaft. Es sind sehr viele Menschen in der Textilindustrie beschäftigt und die Beschäftigung in dieser kritischen Branche wird massiv betroffen sein.
Ähnlich geht es auch der indischen Schmuck- und Diamantenindustrie, der größten der Welt. Neun von zehn geschliffenen Diamanten weltweit kommen aus Indien. Mit Abstand größter Markt: die USA. Kem, die Zölle würde das Geschäft wohl nach Jen und Honkong abwandern, vermuten Sie hier.
Ich habe mit Leuten gesprochen, sie sagen, wir werden neue Märkte suchen, wir werden neue Märkte erschließen. Aber es ist ja nicht so, dass man auf dem Mond nach Märkten sucht. Woher sollen denn diese neuen Märkte kommen? Die USA kann man weder kurzfristig noch langfristig ersetzen.
Besonders irritiert ist man in Indien über die Begründung Donald Trumps für die zusätzlichen 25% Zölle. Sie würden erhoben, weil Indien Öl aus Russland importieren würde, so der US-Präsident. Keine extra Zölle aber gegen China, das ebenfalls viel Öl aus Russland beziehe, oder überhaupt kein Zoll gegen Russland.
Interessant war, dass die USA Indien sogar gebeten hatten, weiterhin russisches Öl zu kaufen, um die globalen Energiemärkte zu stabilisieren. Die USA und Indien haben also tatsächlich zusammengearbeitet, um sicherzustellen, dass russische Lieferungen weiterhin Teil des Ölmarkts bleiben und die globalen Energiemärkte nicht volatil werden.
In Indien fragt man sich zunehmend, ob Amerika in Zukunft ein verlässlicher Partner sein kann. Eines aber sei schon jetzt völlig klar: Kein indischer Premierminister wird ein Handelsabkommen mit den USA unter Druck unterzeichnen. Jens Bürger würden das nicht akzeptieren. [Musik]