Transcription
Das hier ist kein Clickbait Skandalvideo oder so. Das letzte Mal, dass ich jemanden geklatscht habe, war im Kindergarten, als mir meine Kastanienfigur kaputt gemacht wurde. Ich muss mich wirklich zusammenreißen, nicht also letzte Woche als schlechten Joke zu droppen. Das hier ist auch kein "Ich höre auf" oder so.
Dieses Video möchte ich für euch machen, weil wir uns schon so lange kennen. Als ersten Teil einer Reihe von ehrlichen Updates für alle, die schon so lange mit dabei sind, aber auch für alle, die neu mit dabei sind, um mich noch ein bisschen besser kennenzulernen. Also, hey, ich bin Alexander. Das ist schon irgendwie verrückt, oder? Seit 2006 lade ich Videos in dieses Internet hoch. Also nicht unbedingt fürs Internet, aber ich lade sie zumindestens ins Internet hoch. Früher war das echt banale Scheiße, sowas wie Kondome über den Kopf ziehen und irgendwann habe ich dann tatsächlich Videos fürs Internet gemacht. Da gab es dann damals eine Plattform namens Sevenload und ich habe dann da sowas wie Alex TV das Magazin gemacht und irgendwann so um 2010 bzw. 2011 herum habe ich dann auch YouTube für mich entdeckt. Ich sag euch, wilde Zeiten waren das damals und einige von euch sind seit diesem Zeitpunkt mit dabei oder besser gesagt immer noch mit dabei und das ist eigentlich so das schönste Kompliment, dass man als Creator im Internet bekommen kann.
Also fast 20 Jahre Internet, 20 von 36 bzw. also bei 37, das sind etwa 55% meiner Lebenszeit, die ich damit verbracht habe, irgendwas von oder mit mir im Internet zu zeigen. Also etwa die Hälfte meiner Lebenszeit bin ich mit euch gemeinsam im Internet unterwegs. Manche Freundschaften oder Beziehungen halten nicht mal so lang, aber wir sind immer noch da.
Sich zu kennen bedeutet aber auch immer mal wieder neue Momente, Herausforderungen oder auch Richtungen mitzuerleben. Nicht voneinander, weil ich erlebe euch ja nicht, aber ihr erlebt mich. Das Leben wäre sonst auch ziemlich linear und langweilig, wenn 20 Jahre unterwegs nichts passiert wäre. Oder will immer noch Kondome über den Kopf ziehen, hätte die gleichen Weibs wie Thomas Gottschalk immer noch in der Rolle als Wetten, dass Moderator ertragen zu müssen oder so. Also ja, ich meine damit natürlich inhaltliche Änderungen, wie früher von komischen Klamauk und Musikvideos über Random Lifestyle und Kurzfilmkram bis hin zu den besten Videos auf ganz YouTube. Natürlich nur ein Scherz.
Ihr habt mich aber nicht nur inhaltlich, sondern auch immer persönlich und persönlicher erlebt. Früher wusste ich gar nicht, was ich da mache. Ich habe einfach gemacht, unangenehm, ungefiltert, aber so war das damals halt. Das war alles neu und es gab auch irgendwie keine Lehren, an denen man sich orientieren konnte oder wie ich heute sagen würde, der Start von etwas Ungesundem. Oh, ein Twist in diesem Video. Blöd.
Ich war zu diesem Zeitpunkt Anfang 20, irgendwie ein bisschen frustriert und orientierungslos, weil das Abi viel länger dauerte als nötig gewesen wäre, weil ich Ausbildung abgebrochen hatte, direkt aus 10 Monaten Zivildienst kam und voller Tatendrang war. Ich machte also irgendwas, was mir so durch den Kopf kam und ich blieb hängen an irgendwas mit Medien. Ich fand Kameras und so schon immer irgendwie interessant und ich brauchte auch nebenbei Kohle wegen Studium und so. Also war irgendwas mit Medien mein erstes Ziel, um irgendwie schnell an Kohle zu kommen. Also machte ich schon zu Beginn daraus eine Zweckmäßigkeit, obwohl irgendwas mit Medien eigentlich eine Leidenschaft war. Also machte ich mein Studium in erster Linie, um anderen etwas zu beweisen, denn bis hierhin hatte niemand so wirklich an mich geglaubt, wenn dann nur, wenn ich etwas geliefert habe, was zumindest aus der Sicht von anderen als richtig und wichtig angesehen wurde, wie z.B. eine gute Note in Mathe. Dabei wollte ich eigentlich und endlich nur gesehen werden.
Meine Spielwiese wurde also das Internet. Das Blöde dabei ist aber, im Internet guckt auch das Internet zu. Nicht nur der Freundeskreis, Dozenten oder whatever. Und das führt auf Dauer zu Nebenwirkungen, vor allem bei einer Vergangenheit wie meiner. Auf der einen Seite gab es positives Feedback. Alles fühlte sich gut an, weil ich mich vermeintlich gesehen gefühlt habe. Nach einer traumatischen Kindheit und Jugend ist sowas rückblickend balsamierende Betäubung der Extraklasse. Awareness für meine Probleme oder emotionale Intelligenz zu dem Zeitpunkt: null.
Es gab auch negatives Feedback, vieles davon auch sehr persönlich. Und ich hing mich zu oft länger an zwei negativen Kommentaren auf als an 100 positiven, denn in mir war verankert: Nur wenn ich regelmäßig Bestätigung bekam, dass ich alles richtig mache, dann ist alles okay. Und dann bin ich okay. Dann war ich sicher, dann geht niemand. Das wurde meiner gesamten Kindheit und Jugend so beigebracht. 24/7. Und wenn das irgendwann mal wackelig wurde, dann fiel ich in ein Loch. Aber was tun, um nicht in so ein Loch zu fallen oder aus so einem Loch wieder rauszukommen? Überlebensstrategien aus der Vergangenheit funktionieren nicht mehr im Erwachsenenalter. Und ja, ich habe immer mal wieder daran gezweifelt, weil mir gesagt wurde, dass ich mir etwas einbilde, wenn ich unsicher war. Und ich wurde so lange kontrolliert, bis ich mich so verhalten habe oder auch geglaubt habe, dass alles okay sei. Also trotz aller Zweifel hieß es immer: Es ist nicht so, wie du denkst, Alex. Die anderen wissen nur nicht, was sie tun. Die anderen sind schuld, nicht du. Du kannst anderen halt nicht trauen. Ich suchte nach Bewältigungsstrategien, unbewusst natürlich. Also entstanden Dinge wie der Erklärbär. Denn sich über etwas lustig zu machen ist einfach und bringt als Format natürlich auch noch Aufmerksamkeit und Geld. Und so ging das viele Jahre, sehr viele Jahre. Und ich merkte mit der Zeit und mit jedem weiteren Video, dass ich nichts mehr merkte. Arbeit wurde zu einem Panzer, hinter dem ich mich versteckt habe. Videos machen wurde mein Alltag, mein Leben und am Ende meine Identität.
Ich hatte in der Vergangenheit nie gelernt, Wurzeln zu schlagen, eine Identität zu manifestieren. Also suchte ich mich immer in etwas anderem oder in anderen, was ehrlich gemeint war. Dieser Teil von mir war immer echt und ehrlich, aber ich konnte es nicht halten, weil die andere Hälfte fehlt oder verdeckt war, verborgen war, weil ich sie selber nicht kannte. Ich hätte das zu der Zeit niemals benennen oder überhaupt reflektieren können. Ich habe funktioniert und dadurch vieles verpasst. Habe vielen Menschen Unrecht getan, viele Menschen verletzt und dadurch auch ganz besondere Menschen in meinem Leben verloren. Die wenigen, die geblieben sind in meinem Umfeld, sind geblieben, weil sie wussten, dass in mir mehr steckt, als nur ein funktionierender alberner Typ im Internet. Manche sind aber auch geblieben, weil sie sich mit viel zu wenig zufrieden gegeben haben, als sie verdient hätten.
Ich habe mir eingeredet, dass ich keine Freizeit verdient hätte, weil ich noch nicht genug gearbeitet habe. Ich habe projektbezogen gearbeitet, also noch dieses Placement, dann ist dieser Urlaub bezahlt. Aber dann muss auch noch ein Placement kommen, damit das für den Urlaub weniger gewordene Geld wieder reinkommt. Oder noch besser, ich habe meine Verdienste einfach Abenteuergeld genannt, um es als Ressource zu labeln, damit es legitim ist, viel zu arbeiten, nur um sich kleine Inseln für eine echte Auszeit erlauben zu dürfen. Also wurde dann aus dem bisschen, was ich mir selbst an Freizeit erlaubt habe, das Maximum, was ich anderen Menschen in meinem Leben geben konnte. So ein Verhalten hat nicht nur mich kaputt gemacht, sondern auch echte tiefe Verbindungen zu Menschen, die nur das Beste für mich wollten. Doch ich glaubte nicht daran, weil ich nie gelernt habe, dass Leben, Liebe auch ohne performen, ohne liefern, ohne Bestätigung existieren kann. Fuck.
Auch wenn mein Kern schon immer authentisch echt war, konnte ich in der Vergangenheit nie die passenden Verhaltensweisen finden, um zu zeigen und das zu leben, was schon immer in mir war. Ich war immer davon überzeugt, dass ich nicht lebenswert bin, weil ich weder klug, noch hübsch, noch auf irgendeine andere Art und Weise besonders bin. Ich wollte jeden Tag wieder beweisen, dass man mich mögen kann und soll. Ich wollte nicht ersetzbar sein. Ich wollte nicht im Vergessen verschwinden. Und das war echt anstrengend. Alles in meinem Leben wurde zu Arbeit. Alle wurden zur Arbeit.
Und dann kam Corona und mein Büroexperiment und das führte dazu, dass das letzte winzige Stück authentischer Alex in mir komplett in die Ecke gedrängt wurde. Ich war nicht mehr da, räumlich und mental. Ich bestand im Inneren aus drei Teilen: einem funktionalen Ich, einem emotionalen Ich und einer Kunstfigur Alexi Bexi. Ich war ein dissoziatives und sozial dahinter meines Gerüstes nicht mehr wusste, was es tut. Weil ein Teil die Oberhand gewinnen konnte. Alex Bexy. Alexi Bexi war überall. Überall. Und ich wusste nicht, was ich tun soll, weil der emotionale und der funktionale Teil jahrelang nicht miteinander sprechen konnten, weil Alex Bexi dazwischen stand und die ganze Zeit erzählte, was richtig und wichtig sei. Ich musste etwas tun, aber ich tat nichts. Ich war gelähmt, weil ich in endlos vielen Jahren viele Dinge nicht gelernt habe. Wie gehe ich mit Überlebensstrategien aus meiner Vergangenheit um, die im Erwachsenenalter nicht mehr funktionieren und wie kann ich fühlen und authentisch sein, wenn ich jahrelang gelernt habe, meinen Gefühlen nicht trauen zu können und ich seit meiner Kindheit nur kenne: Du wirst nur geliebt, wenn du geliefert hast. Wer bin ich? Was will ich? Wohin will ich? Und vor allem mit wem? Im Kern wusste ich das alles, aber ich habe es nicht geschafft, über die Jahre all diese echten Gedanken und Gefühle in ein real gelebtes Verhalten umzusetzen, das nicht zerstört. Dieses komplett ungesunde Muster brannte sich durch meine unkontrollierte Internetvergangenheit in jede noch so kleine Situation in meinem Leben ein. Ich hatte niemanden, der von Anfang an wusste, auf mich aufzupassen, als Erfolg eine Variable in meinem Leben wurde. Ich wusste irgendwann wirklich nicht mehr, ob ich Schokolade mag oder ob ich sie nur mag, weil das Internet will, dass ich sie mag. Ich definierte mich über Arbeit. Ich performte nur noch. Ich packte mir meinen Kalender randvoll, um vor mir selbst wegzulaufen und um nicht mehr hinschauen zu müssen, was oder vor allem wer wirklich Aufmerksamkeit verdient hätte.
Es gab nicht nur Arbeit, es gab auch Ausnahmen. Weniger. Eine eine Ausnahme, die immer an mich geglaubt hat, die mich lang genug gesehen hat, um zu wissen, dass er immer noch ein echter Alex ist. Eine unerschütterlich authentische Ausnahme, die mich jahrelang jeden Tag mit aller Gewalt aus all dem herausholen wollte. Ich streckte schon lange meinen Arm aus, um herausgezogen zu werden, aber ich wurde immer tiefer reingezogen, dass der nach mir greifende Arm mich niemals hätte erreichen können. Ich funktionierte nur noch. Das war einfacher. Ich musste nicht auf all die zu lösenden Probleme schauen, wenn ich mich versteckte. Für meinen Kopf war das legitim, immer eine Ausrede zu haben, noch etwas machen zu können. Egal wann, egal wie, egal wo und egal mit wem.
Meine Einzelteile in mir, die Funktionalität, die Emotionalität, der Alexi Bexi bauten sich über die Jahre eigene Realitäten, eigene Welten, weil jeder Teil in mir überleben wollte, weil ich nie eine Möglichkeit fand, meine Einzelteile zusammenzusetzen, weil da immer etwas war, was es nicht erlaubt hatte und weil ich nie gelernt hatte, wie. Mein ganzes Leben war bis zum Schluss unglaublich zerbrechlich und gleichzeitig auch ein gigantisches Minenfeld. Und sowas ist zum Scheitern verurteilt und es scheiterte. Ich verlor am Ende mich selbst, gleichzeitig alles, fast sogar mein Leben. Das fragile Konstrukt brach zusammen und fiel auf das darunterliegende Minenfeld. Alles explodierte. Alles war weg und es blieben nur noch Trümmer verteilt über eine endlose Wüste. Übrig blieb ich als leere Fleischhülle. Alles, was bis hierhin irgendwie mein Inneres zusammengehalten hat, war weg.
Seit vielen Monaten laufe ich gestützt durch professionelle Therapie als Fleischhülle durch dieses Trümmerfeld und drehe jeden Tag ein neues herumliegendes Stück um, zu sehen, was davon ich war und welches Stück ich davon mitnehmen kann, um mich im Inneren wieder zusammenzusetzen. Seit vielen Monaten schaue ich nach links, nach rechts, nach oben, nach unten, zurück und nach vorn, um zu schauen, ob ich nicht alleine bin, um zu schauen, ob da noch jemand in dieser Wüste ist. Und ja, ich sehe alte und neue Silhouetten. Doch das, was ich wirklich suche, liegt noch irgendwo unter den Trümmern. Ich höre Rufe, ich sehe Teile wackeln. Aber zu viele Trümmerteile versperren noch den Weg.
Ich kann mit absoluter Gewissheit sagen, 2025 war und ist das dunkelste Jahr in meinem Leben. Habe ich deswegen dieses Jahr auch kaum an Events teilgenommen? Ja, kein WWDC, kein Apple im September, kein Google, kein Meta, kein whatever, because fuck it. Als hätte das irgendeinen echten Wert, wenn es drauf ankommt. Ich könnte euch jetzt ernsthaft ein ganzes Buch darüber schreiben mit dem, was passiert ist, mit der Menge an Erkenntnissen, die ich gesammelt habe und so. Vielleicht mache ich das irgendwann wirklich mal, aber für heute reicht vielleicht das hier erstmal.
Ich erlebe seit vielen Monaten, wie es ist, sich selbst über Jahre verloren zu haben. Ich verstehe, was es bedeutet, für den Schmerz anderer verantwortlich zu sein. Und ich weiß nun zum ersten Mal, wie es ist, wenn ich endlose Jahre nur der Kopf oder eine Kunstfigur, sondern jetzt auch endlich mal das Herz leben darf. Und das ist brutal. Ich habe in 2025 meine komplette Vergangenheit in den Müll werfen müssen und ich bereue es nicht. Ich bereue nur das verloren zu haben, was in der Vergangenheit überhaupt buchstäblich möglich gemacht hat, das alles zu überleben. Deswegen keine Streams seit Monaten. Ja, deswegen überall Namensänderung zu Alexander Böhm oder Alex. Ja, dass momentan weniger Content von mir kommt, liegt nicht daran, dass ich keine Lust mehr hätte oder dass ich demnächst aufhören wollen würde oder so. Ich werde bleiben. Es ist nur, ich kann momentan einfach nicht, denn auch wenn etwas schon viele Monate her ist, heißt noch lange nicht, dass es vorbei ist. Manchmal habe ich damit etwas mehr, manchmal noch etwas weniger zu kämpfen, aber ich kämpfe noch. Und das ist nicht nur etwas Schlechtes, das ist auch etwas Gutes. Denn solange gekämpft wird, ist noch nicht entschieden, wer oder was gewonnen hat.