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KG 077 Johannes Calvin

Professor Lüdke1:11:14

Transcription

Hallo, liebe Freunde der Kirchengeschichte! Herzlich willkommen zu diesem Video über Johannes Calvin. Dies ist nicht das erste Video über Calvin; das erste habe ich vor 3 Jahren gedreht. Und ich habe in letzter Zeit ein paar neue Erkenntnisse über Calvin gewonnen, so dass ich dachte, das muss ich unbedingt in mein Video einbauen. Und so drehe ich hiermit jetzt ein neues, zweites Video über Kalvin.

Über Calvin habe ich sehr viel gelernt, vor allem über einen Kollegen aus der Schweiz, aus dem Theologischen Seminar Krischona in Basel. Da war mal Hans-Ulrich Reifler Dozent, und er hat ein Buch geschrieben, das heißt „Nichts tröstet mächtiger“. Das hat mir sehr geholfen bei der Ausarbeitung dieses Videos, und er hat mir auch die Präsentation, die diesem Video größtenteils zu Grunde liegt, zur Verfügung gestellt. Hans-Ulrich Reifler hat gesagt: Johannes Calvin hat mir die Augen geöffnet für eine schriftgebundene Theologie, die zur Ehre Gottes führt und die Welt durch die Kraft des Evangeliums nachhaltig verändert. Da gibt es schon drei Charakteristika, die für Calvin wichtig sind: Calvin hat eine schriftgebundene Theologie, er ist sehr bibelorientiert – das werden wir immer merken. Zweitens ist die Ehre Gottes für Calvin immer sehr wichtig. Und drittens geht es um die Veränderung der Welt durch die Kraft des Evangeliums. Es geht ihm also um Gesellschaftstransformation, könnte man sagen. Er will wirklich weltgestalten, dass man sieht, dass die Welt wirklich anders wird, wenn man an das Evangelium glaubt. Deshalb wollen wir uns jetzt mit Calvin beschäftigen, um das näher zu verstehen: Wie kommt jemand zu diesen Grundsätzen? Und wir starten mit dem Beginn des Lebens.

Calvin ist geboren am 10. Juli 1509. Das ist 26 Jahre nach Luthers Geburt. Er ist also tatsächlich eine Generation später als Luther. Er ist Luther nie persönlich begegnet. Wir kommen hier in die zweite Generation der Reformationszeit, und wir sind auch nicht mehr in Deutschland wie bei Luther, auch nicht in der Schweiz erstmal wie bei Zwingli, sondern wir sind in der französischen Picardie, in Nordfrankreich, wo Calvin in Noyon geboren ist. Man kann da heute sein Geburtshaus besichtigen. Es ist nicht mehr das originale Geburtshaus; das ist irgendwann zerstört worden und ist, glaube ich, so um 1930 dann noch mal neu aufgebaut worden. Es ist dort und beherbergt dort heute ein Museum. Das könnt ihr euch anschauen, wenn ihr mal in Noyon seid: Calvins Geburtshaus. Wir nennen ihn Johannes Calvin; sein ursprünglicher Geburtsname war Jean Cauvin. Er ist also in Frankreich aufgewachsen und er spricht auch Französisch und – ja – also Lateinisch hieß das dann Johannes Calvinus, und so nennen wir ihn in Deutsch Johannes Calvin. Ähm, er stammte wohl aus recht wohlhabenden Verhältnissen, aus normalchristlichen, religiösen Verhältnissen. Also seine Familie war eine Familie, die der katholischen Kirche treu ergeben war. Der Vater war Generalnotar des Bistums, verdiente also auch nicht schlecht. Leider starb die Mutter, als Calvin noch ein Kind war; das ist ein tragisches Ereignis aus seinem frühen Leben.

Calvin wurde gefördert; er ging zur Schule, in die Grundschule in Noyon und wurde dann mit 14 Jahren schon nach Paris geschickt. Dort ging er aufs Gymnasium und machte so eine Art Grundstudium. Wichtig dabei ist vor allem, dass er am Collège de Montaigu war und dort seine Ausbildung genoss. Das ist genau das gleiche Gymnasium oder College, würde man vielleicht sagen, wo auch später Ignatius von Loyola, der Gründer der Jesuiten, auch studiert hat. Beides, würde man später sagen, sehr strenge Gestalten, die hier sozusagen ausgebildet worden sind in einem, in einer Ausbildungsstätte, wo es sehr auf Disziplin geachtet wurde und noch keine modernen Gedanken irgendwie gedacht wurden. Das war das Grundstudium. Übrigens Erasmus von Rotterdam war auch auf diesem gleichen College. Er ging dann weiter aus Paris weg zum Studium, und zwar entschied man sich dann nach dem Grundstudium der freien Künste – da gab es drei Möglichkeiten, was man studieren konnte: Theologie oder Medizin oder Jura – und Calvin entschied sich für das Jurastudium auf Wunsch seines Vaters, weil man damit mehr Karriere machen konnte und besseres Geld verdienen konnte. Er studierte es in Orléans. Wir sehen hier die Kathedrale Saint-Croix in Orléans in Zentralfrankreich und setzte sein Studium dann fort in Bourges und schließlich in Paris, wo er 1532 eine Lizenziatsarbeit schreibt. Das Lizenziat war damals so eine Vorstufe vor der Promotion, also noch nicht ganz eine Doktorarbeit, so eine Vordoktorarbeit. Und ja, es war eine Arbeit, wo man noch nicht merkt, dass er irgendwas Reformatorisches ausstrahlt. Er war damals 23 Jahre alt, schreibt eine Arbeit über Senecas Traktat „De Clementia“, über die Milde, eine Auseinandersetzung mit humanistischen Ideen. Aber da hätte man noch nicht gedacht, dass aus ihm mal ein Revolutionär wird oder ein Reformator.

In diese Zeit fällt dann aber tatsächlich eine Lebenswende. Calvin beschreibt das später dann so, dass er sagt: „Zuerst war ich dem Aberglauben des Papsttums so hartnäckig ergeben, dass ich aus einem so tiefen Schmutz nur schwer herausgezogen werden konnte.“ Er sagt also, bis zu dieser Zeit war er ein treuer Katholik. Zitat weiter: „Dann machte Gott durch eine plötzliche Bekehrung mein Herz zahm und gefügig, obwohl ich in meinem Alter von 24 Jahren in diesen Dingen schon sehr verhärtet war. Und als ich erst einmal etwas Kenntnis von der wahren Frömmigkeit erlangt hatte, wurde ich sofort von einem großen Verlangen ergriffen, daraus Nutzen zu ziehen, dass ich die übrigen Studien zwar nicht gänzlich aufgab, sie aber doch wesentlich schwächer betrieb. Nun war ich ganz verblüfft, als noch vor Jahresablauf alle, die ein Verlangen nach der reinen Lehre hatten, sich um mich scharten, um von mir zu lernen, obwohl ich selbst fast noch ein Anfänger war.“ Das schreibt Calvin kurz vor seinem Tod, wenige Jahre vorher, im Rückblick auf sein Leben, auf eine Zeit so 25 Jahre davor. Er nennt es eine plötzliche Bekehrung. Man kann wohl sagen, dass so Ende 1533 tatsächlich ein starker Umschwung bei ihm stattgefunden hat, der sich aber dann schon Jahre vorher ein bisschen angebahnt hat. Jetzt bricht es wirklich durch im Alter von 24 Jahren. Es führt dazu, dass Calvin untertauchen muss; denn es geschah in Paris etwas: Nikolaus Cop, das war ein neuer Rektor an der Pariser Universität, und der hielt eine Antrittsrede zum Rektorat über die Seligpreisungen, und dort verbreitete er reformatorische Ideen. Diese Rede wurde bekannt; die Universität war gespalten, manche Fakultäten stellten sich dazu, manche waren dagegen. Und so kam es dazu, dass Nikolaus Cop fliehen musste, und auch mit ihm Johannes Calvin. Warum? Das er stand da ja gar nicht vorne, hat gar nichts von vorne irgendwie gesagt, aber es wurde wohl bekannt, dass er diese reformatorisch orientierte Rektoratsrede mitverfasst hatte. Und so musste sich auch Calvin einen Decknamen zulegen; er nannte sich jetzt Charles de Espeville, verkleidete sich als ein Rebbauer und – ja – musste aus Paris fliehen und – ähm – flüchtete und tauchte unter im Herbst 1533, im November. Er kam nach Angoulême im Westen Frankreichs zu einem Studienfreund, Louis de Berquin. Der hatte eine eigene Bibliothek mit 4000 Bänden, und das war wichtig für Calvin. Er nutzte diese Chance des Untertauchens zum Lesen und studierte. Er hatte ja nie Theologie studiert, sondern immer nur Jura, und jetzt vertiefte er sich in die Theologie und arbeitete ganze Nächte durch und arbeitete an einem ersten Entwurf einer evangelischen Dogmatik.

Er musste dann weiterfliehen; er floh in die Residenz von Marguerite von Angoulême, der älteren Schwester des französischen Königs. Der französische König war gegen die Reformation, aber seine Schwester, die wir hier sehen, hatte Sympathien dafür, und sie nahmen diesen Glaubensflüchtling Johannes Calvin auf, in Südfrankreich, in Nérac, wo Calvin weiter an seinen Studien arbeiten konnte. Es war aber eine schwierige Zeit. Ähm, Calvin brach dann offiziell mit der katholischen Kirche. 1534 ging er in seiner Heimatstadt Noyon, wo er immer noch ganz gute Einkünfte hatte; er war dort vorgesehen auf eine kirchliche Stelle als Priester und hatte schon kräftige Einnahmen dafür. Er verzichtete dann offiziell darauf, auf diese sogenannten Pfründen und zeigte damit: Er will mit der katholischen Kirche nichts mehr zu tun haben; er will einen eigenen Weg gehen. Und Calvin zog weiter über Straßburg, dann nach Basel – beides evangelische Städte, wo inzwischen die Reformation Fuß gefasst hatte – und so war Basel sein nächster Ort. Das war die Stadt damals, wo man so am freiesten denken und leben konnte. In Basel schrieb er dann die erste Fassung seiner sogenannten „Institutio“, die dann 1536, wie wir hier sehen, im ersten Druck erschien: „Christianae Religionis Institutio“, eine Grundlegung der christlichen Religion, schrieb er. Wir haben das Buch auch heute noch; es ist eines der wichtigsten Bücher. Ich habe mir mal irgendwann hier diese „Institutio“ gekauft; das ist noch so in altdeutscher Frakturschrift und so, aber relativ kompakt für 1200 Seiten, gut in einem Buch zusammengefasst. Es gibt inzwischen auch eine lesbarere Ausgabe, die wir hier in der Taborbibliothek haben: „Unterricht in der christlichen Religion“ heißt das auf Deutsch, jetzt auch mit schönen lateinischen Buchstaben, aber in deutscher Sprache natürlich, so dass man das sehr gut lesen kann. Die „Institutio Christianae Religionis“, das entscheidende Buch Calvins, eine vollständige evangelische Dogmatik. Jeder, der sich also informieren wollte, was glauben eigentlich die Evangelischen, der konnte sich da informieren und das mal als großen Wurf lesen. Vier wichtige theologische Charakteristika möchte ich schon mal herausgreifen, die in diesem Buch zum Ausdruck kommen, und zwar ist das zum einen die Ehre Gottes. Das ist so der zentrale Fokus von Calvin: Gottes Ehre muss gewahrt bleiben. Im Laufe seines Lebens hat er das immer wieder als Begründung für viele Sachverhalte gemacht. Es geht um die Ehre Gottes: Was dient der Ehre Gottes am meisten? Ähm, das ist schon ein spezieller Fokus. Luther redet auch manchmal über die Ehre Gottes, aber bei ihm ist vielleicht die Liebe Gottes noch stärker immer wieder im Fokus und ein Grundkriterium für Calvin eher Gottes Ehre. Ein zweites Thema, was in dieser „Institutio“ stark beschrieben wird, ist die Lehre von der doppelten Prädestination. Das kennzeichnet den Calvinismus dann sehr stark; da gab es dann auch später viele Richtungsstreite. Calvin geht also davon aus, dass Gott alleine sich vorbehält zu entscheiden, wer später mal im Himmel und in der Hölle landet. Das ist die doppelte Prädestination: Gott entscheidet, wer in den Himmel kommt (die eine Prädestination), und er entscheidet, wer in die Hölle kommt (die zweite Prädestination). Jeder Mensch ist vorherbestimmt; wir können nichts gegen Gottes Ratschluss machen. Wenn ich Christ bin und zum Glauben komme, bin ich ein Prädestinierter; die Nicht-Christen sind von Gott zur Verdammnis vorherbestimmt. In der Abendmahlsfrage, wo es zwischen Luther und Zwingli zu großen Streitigkeiten gekommen war, nimmt Calvin so eine Mittelposition ein, und zwar würde er sagen: Das Abendmahl ist nicht nur eine rein symbolische Veranstaltung, wie Zwingli das gesagt hat, sondern Christus ist schon gegenwärtig bei einer Abendmahlsfeier, aber er ist nicht leibhaftig gegenwärtig, so wie Luther es gesagt hat, sondern er ist nur geistlich, unsichtbar gegenwärtig, so dass auch – ja – die Oblaten sich natürlich nicht verwandeln. Er ist auch ein Gegner der Transsubstantiationslehre. Ein viertes Charakteristikum haben wir schon am Anfang gehört: Calvin lehnt jede Bibelkritik ab. Luther ist da manchmal schon ein bisschen lockerer, oder er sieht innerhalb der Bibel Kriterien, um auch Bibelverse zu werten, um zu überlegen, was meint Christus hier wirklich. Luther stellt den Jakobusbrief einfach mal kurz vor die Offenbarung, ziemlich weit nach hinten, weil er da die Theologie nicht so toll fand. Er beurteilt also die Bibel. Calvin würde sagen: Die Bibel kann man nicht beurteilen; man muss jedes Wort nehmen, was da steht, und sich sagen lassen. Und – ja – die Frage der Bibeltreue ist für Calvin viel wichtiger, so dass er teilweise dazu kam zu sagen: Wir dürfen nur Sachen machen, die auch wirklich ausdrücklich in der Bibel stehen; nur Feste feiern, die in der Bibel stehen, und sonst nichts. Ähm, und ja, da war er dann manchmal auch sehr streng.

Vier Charakteristika der „Institutio“. Kommen wir nun zu Calvins entscheidenden Lebensphasen, und dazu müssen wir nach Genf blicken und eine kleine Vorgeschichte uns vor Augen führen. In Genf vor der Ankunft von Calvin gab es schon einen anderen Reformator dort; das ist dieser Mensch, den wir hier auf einer Statue sehen. Der hieß Guillaume Farel. Der hat als erster versucht, in den französischsprachigen Gebieten der Schweiz die Reformation einzuführen und hatte zunächst Erfolg in Neuenburg, wo auch diese Statue steht. Und Farel zieht dann weiter nach Genf und führt dort die Reformation ein. Das gelingt ihm auch so einigermaßen, aber es fehlt so die theologische Durchdringung. Und als 1536 Calvin mal zufällig auf der Durchreise in Genf war, kurz nachdem Genf sich für die Reformation entschieden hatte, da geht Guillaume Farel in das Gasthaus zu ihm und nötigt ihn in der Stadt zu bleiben. Und er überzeugt ihn schließlich mit der erstaunlichen Erklärung, dass er sagt: „Ich erkläre dir im Namen des lebendigen Gottes, dass wenn du in so großer Not der Kirche deine Hilfe versagst und dich selber mehr suchst als Christus, dann soll Gott deine Studien und deine Ruhe verfluchen.“ Das hat Calvin überzeugt; er wollte nicht von Gott verflucht werden, sondern hat das als Gottes Wort genommen und hat gesagt: „Okay, dann bleibe ich jetzt hier in Genf und tue mein Werk und werde hier versuchen, meine Theologie zu verbreiten und die Kirche zu ordnen, dass die Reformation richtig gut geführt wird.“ Wie gesagt, Farel hatte sie im Grunde schon eingeführt; er hat schon die Katholiken vertrieben, schon einen Bildersturm gemacht – das heißt, viele Bilder aus den Kirchen entfernt, weil es ja in den zehn Geboten heißt: „Du sollst dir kein Bildnis machen“ – und schließlich hat es Farel auch schon geschafft vor der Ankunft Calvins, dass die Stadt Genf grundsätzlich sich entschieden hat für die Reformation. Die Klöster wurden dann dadurch aufgehoben, die katholische Messe wurde abgeschafft, und man hat sich entschieden, nicht mehr auf den Papst zu hören. In diese Zeit kommt jetzt Calvin nach Genf. Er wird zum Lektor der Heiligen Schrift ernannt. Calvin hatte ja nicht Theologie studiert; er hatte auch kein kirchliches Amt, er war kein Pfarrer oder so; er war ein theologischer Autodidakt, kann man sagen. So wird ihm das Amt des Lektors, eines Lektors, der über Theologie lehrt, anbefohlen. Das wird jetzt in Angriff genommen. Er verschlägt mit Farel zusammen der Stadt vor, die Kirche neu zu gestalten. Der Gesang wird erstmal neu sortiert. Calvin ist der Meinung, man darf nur das singen, was wirklich in der Bibel steht; die einzigen Lieder in der Bibel, oder fast die einzigen, sind in den Psalmen, also im Gottesdienst sollen eigentlich nur Psalmtexte gesungen werden. Und Calvin ist da auch recht radikal. Damit nichts vom Text ablenkt, soll es auch keine Orgelbegleitung mehr geben; die Psalmen sollen a cappella gesungen werden. Also sie dürfen schon eine Melodie haben, aber nichts soll möglichst vom Text ablenken. Calvin führt ein, dass alle Bürger Genfs sich auf ein protestantisches Glaubensbekenntnis verpflichten sollten, und er verlangt, dass alle in Zehnergruppen zur Kirche kommen sollten und dort schwören sollen, dass sie die neue Ordnung gutheißen und sich daran halten wollen. Das fanden viele Genfer Bürger nicht so toll, dass es jetzt so sehr mit Druck gehandhabt wurde, und Calvin versuchte ein sehr strenges Regiment zu führen, viele neue Regeln einzuführen, und das führte dazu, dass bei den nächsten Wahlen zum Stadtrat einige liberalere Leute wieder in den Stadtrat gewählt wurden. Ähm, es kam dann auch tatsächlich dazu, dass es eine liberale Mehrheit gab, die dann schließlich sich von Calvin und Farel nichts mehr bieten lassen wollten. Und nach nur zwei Jahren mussten die beiden Reformatoren die Stadt wieder verlassen. Wegen angeblichen Ungehorsams wurde ihnen gesagt: „Innerhalb von 10 Tagen müsst ihr hier weg sein.“ Sie wurden aus Genf verwiesen, kann man sagen. Calvin zog es dann erstmal nach Straßburg, eine evangelische Stadt. Farel selber ging weiter nach Neuenburg, wo er ja schon die Reformation eingeführt hatte. Calvin ging nach Straßburg zu diesen Menschen hier, zu Martin Bucer, dem Reformator von Straßburg. Der hat ihn stark geprägt; der hat ihn auch nach Straßburg gelockt; der wollte ihn dort unbedingt als Prediger und Professor haben; der hat so das Potenzial von Calvin erkannt. Und – ja – so war also Calvin 3 Jahre lang in Straßburg, hat dort von Bucer auch viel übernommen, insbesondere die Betonung der persönlichen Heiligung, und er bekam dort auch mehr Kontakt mit den Reformatoren der deutschen Reformation. Er hat tatsächlich auf einem Konvent sich auch mit Melanchthon mal getroffen und mit ihm eine persönliche Freundschaft begonnen, so – ja – auf die er später auch aufbauen konnte. Die beiden haben sich dann immer mal wieder hin und her geschrieben. Und – ja – Luther ist Calvin nie persönlich begegnet; Luther war ja gebannt; er durfte auch nicht reisen, so dass es nie zu einem Treffen mit den beiden gekommen ist. Calvin bringt dann auch das erste Gesangbuch heraus, er mit einem französischen Dichter zusammen, Clément Marot; das erste oder eines der ersten evangelischen Gesangbücher. 22 Psalmtexte waren da vertont, und er traf sich mit Melanchthon, wie gesagt. Er schrieb auch einen wichtigen Römerbriefkommentar in dieser Zeit und – ja – war sehr produktiv in diesen drei Straßburger Jahren. Er entdeckt sozusagen die Kraft des Wortes Gottes, wie später auch der kalvinistische Theologe Karl Barth. Eine Auslegung des Römerbriefs – ein entscheidender Step von Calvin, wo man seine Theologie auch noch mal tiefer nachvollziehen konnte. Und wir haben die Auslegung des Römerbriefs überhaupt. So, wenn man sich ganz intensiv mit Calvin beschäftigen möchte, dann kann man sich hier mit dieser ausführlichen Calvin-Studienausgabe beschäftigen; das sind neun oder zehn verschiedene Bände, wo man die wichtigsten Schriften und auch diese Auslegung des Römerbriefkommentars von Calvin zu Gemüte führen kann. Er war dort vor allem ein theologischer Lehrer; er revidierte die „Institutio“ in Straßburg, schrieb noch eine besondere Schrift übers Abendmahl und eine besondere Verteidigungsschrift der Reformation, die „Responsio ad Sadoleti epistolam“. Das war die Straßburger Zeit, und ein wichtiges privates Ereignis fiel dann auch noch in diese: Er heiratete nämlich im Alter von 31 Jahren, und zwar heiratete er eine Täuferwitwe. Er hatte, als er nach Straßburg gekommen war, ein Gespräch gehabt mit, oder mehrere Gespräche mit einem Ehepaar, das aus täuferischem Hintergrund kam – wieder Täufer – und er hatte sie zum reformierten Glauben bekehrt, kann man sagen, hat sie von der Lehre der Wiedertaufe abgebracht, so dass die beiden dann sich in Straßburg integrieren konnten. Der Mann starb dann aber nach 2 Jahren, und die Witwe hatte zwei kleine Kinder, und Calvin entschied sich, diese Frau zu heiraten, Idelette de Bure. Sein Freund Farel ist dann extra angereist von Neuenburg, hat die beiden getraut, und – ja – die war nicht so einfach; also sie war lief schon harmonisch, aber Idelette war oft krank. Nachdem sie Calvin das einzige Kind geboren hatte, 1542, der Jacques, ist dann leider schon nach wenigen Wochen verstorben, und das – ja – hat Idelette nicht so gut verkraftet, und sie starb dann selber 1549. Auf Calvin danach dann ehelos blieb; er wohnte dann mit seinem Bruder und dessen Familie in einem Haushalt später in Genf. Idelette starb 1549.

Wichtig in dieser Straßburger Zeit waren Religionsgespräche; damals gab es noch die Hoffnung, dass es vielleicht zu einem Ausgleich zwischen Protestanten und Katholiken kommen könnte, und nahm als Abgeordneter der Republik Straßburg auch an mehreren Begegnungen teil. Im Jahr 1540 und 41 war er da auch in der theologischen Diplomatie sehr stark beteiligt, wo er auch viele andere Führer der deutschen Reformation kennenlernte. Dann aber zog es ihn doch wieder nach Genf. Das kam so, dass in Genf nach dem Weggang von Calvin 1538 – ja – langsam das – äh – Leben ein bisschen schwieriger wurde, und manche sich schon fast wieder nach katholischen Zeiten zurücksehnte. Immer wieder tauchten katholische Unterhändler in der Stadt auf, die die Hoffnung hatten, dass Genf zurück in den Schoß der katholischen Kirche kommen könnte, und die evangelischen Stadträte bekamen es langsam mit der Sorge zu tun. Und sie hatten niemand sonst so mit Format, der wirklich das evangelische Profil von Genf – ja – wirklich ausstrahlen konnte. Und so flehten sie Calvin an, doch bitte wieder nach Genf zurückzukommen, ein zweites Mal nach 3 Jahren. Calvin blieb erstmal stur und sagte: „Ihr habt mich vor 3 Jahren weggejagt, weil ich euch zu streng gewesen bin. Wenn ich ein zweites Mal komme, dann müsst ihr vorher mir erklären, dass ihr mir alle gehorsam sein werdet und alles machen werdet, was ich sage.“ Und sie waren so verzweifelt, dass sie sagten: „Ja, ja, wir machen das.“ Und so kam dann Calvin mit seiner Familie 1541 nach Genf. Ihm wurde ein großes, tolles Haus und noch Kleider gegeben, und das Haus hat da einen tollen Garten. Also er wurde wirklich mit Ehren empfangen, und – ja – so dass es ihm gut geht und er sollte sich da wohlfühlen in Genf. Er nahm das Werk gleich auch mit großem Eifer an und versuchte – ja – sich da reinzuarbeiten. Calvin war sowieso ein Arbeiter vor dem Herrn, kann man sagen. Arbeit war sein Leben, könnte man fast sagen. Er war kein lebenslustiger Mensch, also im Vergleich zu Luther, der auch gesungen und getrunken hat und so. Calvin kann man eigentlich nur am Schreibtisch darstellen oder im Gebet. Er trug immer schwarze Kleidung; er pflegte einen asketischen Lebensstil; er nahm nur eine spärliche Mahlzeit am Tag ein. Zeit für Essen ist eigentlich Verschwendung; meistens las er auch nebenbei noch was beim Essen. Er schlief in der Nacht nur drei bis vier Stunden jede Nacht und widmete sich also mit voller Kraft seinen geistlichen und geistigen Studien. Freizeit gab es bei ihm nicht; es gab auch keinen Spaß, keine Entspannungszeiten. Er – er wollte was leisten und die Stadt Genf mit der Reformation prägen. Und so machte er sich gleich an verschiedene Schriften, an seine Kirchenordnung, die „Ordonnances ecclésiastiques“, an einen neuen Katechismus für die Genfer Kirche, an ein neues Gebetbuch. Und er wusste, hatte klare Vorstellungen, was jetzt gebraucht wurde, damit Genf eine wirklich evangelische Stadt werden sollte. Und – ja – das – ähm – traf gleichzeitig zusammen mit einer schwierigen Zeit in Genf. Gleich die ersten Jahre, nachdem Calvin dann da war, grassierten mehrere Pestwellen, und – ähm – es kam zu einer sehr schwierigen Situation. Calvin, denn die Frage war: Wer besucht die Pestkranken? Bis dahin war es vor der Pest so: Man musste Seelsorger rufen, wenn man krank war. Und jetzt hatten die Leute Pest, und es gab ein eigenes Pestspital, wo die Kranken gesammelt wurden, und die Kranken brauchten natürlich seelsorgerlichen Beistand vor ihrem Tod. Aber die Pastoren der Stadt weigerten sich in das Pestspital zu gehen aus Angst, sich anzustecken. Auch Calvin sagte: „Ich bin unabkömmlich; ich darf hier irgendwie nicht mich anstecken und – ähm – dann vielleicht noch sterben. Von daher geht es nicht, dass ich dahingehe.“ Aber auch er hatte Angst davor, ähm, so dass – ja – eine schwierige Zeit war, und – äh – das hat auch viel Kredit gekostet bei den Genfer Bürgern, weil man das den superfrommen Pastoren anlastete, dass sie nicht den Mut hatten zu den Pestkranken zu gehen. Eine Wende gab es dann erst 1545, als dann – ja – ich würde mal sagen, fast um abzulenken, 30 Männer und Frauen gefasst wurden, denen zur Last gelegt wurde, sie hätten irgendwelche Salben mit Teufelsexkrementen auf Türklinken geschmiert, damit irgendwie die Pest da nicht reinkommt. Und das hat sozusagen den Horn Gottes heraufbeschworen. Diese 30 Leute wurden dann verurteilt zum Tode: 24 Frauen und sieben Männer. Die Frauen wurden alle verbrannt; die Männer wurden gevierteilt. Also man war da nicht zimperlich. Und zufällig tatsächlich hörte dann danach die Pest auch in Genf auf, was dann auch irgendwie im Volksbewusstsein eine Bestätigung war, dass das richtig war. Aber das ist schon eine erste grausame Episode aus Calvins Leben, und – ähm – ja, es ist manches jetzt auch ein bisschen komisch, würde man sagen, was Calvin dort in Genf macht. Wenn man noch mal so zurückkommt auf Genf, so als reformierte Hochburg: Wie sah das denn aus, dieses reformierte Leben in Genf? Im Grunde verlangte Calvin von den Genfer Bürgern einen ähnlichen Lebensstil wie den, den er selber so führte, nämlich einen sehr asketischen, arbeitssamen Lebensstil. Alles, was irgendwie Spaß macht, sozusagen, wurde verboten; alles, was die Sinne beschäftigte, sollte nun, sollte nun aus dem Leben und vor allem aus den Gottesdiensten verschwinden. Im Gottesdienst hieß das: In der Kirche sollten seelische und emotional ausgerichtete Dinge keinen Ort mehr haben; das heißt, vor allem Musik und Kunst waren auf der Abschussliste. Keine Orgel sollte mehr im Gottesdienst spielen; selbst die Kirchenglocken durften nicht mehr läuten; alles musste schweigen; es sollte nur noch das Wort Gottes erklingen. Die Bilder, die noch da waren, wurden aus den Kirchen entfernt; nur noch ein Tisch mit einer aufgeschlagenen Bibel sollte jetzt zeigen, worauf es einzig und allein ankommt. Festtage, die nicht ausdrücklich in der Bibel standen, wurden jetzt abgeschafft; man feierte kein Ostern mehr, man feierte kein Weihnachten mehr. Im Gottesdienst wurden nur noch biblische Psalmen gesungen, a cappella, ohne Instrumentalbegleitung. Alle Einwohner mussten wieder auf die neue Kirchenordnung schwören, auf die strenge Kirchenzucht, die sogenannte Disziplin, und die Einhaltung dieser Disziplin sollte vom Konsistorium streng überwacht werden. Es gab jetzt sozusagen kirchlich angestellte Mitarbeiter, die alle Einwohner Genfs im Blick haben sollten. Die Ältesten des Konsistoriums. Calvin teilte überhaupt die Ämter in der Kirche in ein vierfältiges Amt auf; es gab nicht nur, so wie in der lutherischen Kirche, den Pfarrer, der irgendwie für alles zuständig war, sondern im Calvinismus wurden jetzt vier Ämter eingeführt: Der Pfarrer, der für die Gottesdienste, für die Theologie – äh – für die – ja – Predigten zuständig war; dann gab es die Ältesten, die für den, auf den Lebenswandel der Kirchenmitglieder achten sollten; dann gab es die Lehrer, die Theologen, die sich halt mit Theologie und Bibel beschäftigten und die Lehrentscheidungen trafen; und dann gab es die Diakone, die sich um die sozialen Nöte kümmern sollten. Also die Ältesten sollten jetzt drauf achten, ob auch jeder diszipliniert christlich lebt. Verboten wurden jetzt Theater, Volksfeste; das Tanzen wurde verboten; im Winter wurde es verboten, dass man auf dem Genfer See eislief; verboten wurden Wirtshausbesuche von Einheimischen. Also es gab immer noch Wirtshäuser, in denen halt Durchreisende bewirtet wurden, aber auch bei denen musste darauf geachtet werden, dass sie auf jeden Fall ein Tischgebet vor der Mahlzeit sprachen. Es wurden schöne Kleider verboten; schöne Frisuren wurden verboten; üppige Gelage wurden verboten bei Hochzeiten oder Familienfeiern; es wurden Taufnamen verboten, die nicht in der Bibel standen; hauptsächlich hieß jetzt jeder Abraham und Sarah und Adam oder so. Für Lästern und Fluchen gab es jetzt starke Geldstrafen; manchmal kam man auch ins Gefängnis. Das Leben war bestimmt von Disziplin, von Gehorsam, von Arbeit und von fünf pflichtmäßigen Gottesdienstbesuchen pro Woche. Man musste da zum Gottesdienst gehen; alles wurde streng überwacht; das wurde überwacht, ob man auch wirklich zuhörte, und es wurde dazu aufgerufen, andere zu denunzieren, wo man was mitgekriegt hat, dass einer nicht so richtig konform gelebt hat. Es war also wirklich ein…

Überwachungsstaat. Viele, die sich nicht fügen wollten, wurden vom Abendmahl ausgeschlossen, und das war etwas sehr Schlimmes damals. Das kam einer gesellschaftlichen Ächtung gleich. Es wurden Leute unter Folter verhört, und Calvin war da auch nicht zimperlich mit den Foltermethoden, die er befürwortete, so dass es auch bei irgendwelchen Vergehen auch schnell zu Todesurteilen kam. Allein in den ersten fünf Jahren, seitdem Calvin in Genf das Sagen hatte, wurden in dieser kleinen Stadt mit 13 000 Einwohnern insgesamt 13 Menschen gehängt, zehn geköpft, 35 lebendig verbrannt und 76 Personen wurden aus der Stadt verwiesen. Staat und Kirche gingen bei Calvin Hand in Hand, und es wurde, ja man könnte sagen, ein Gottesstaat aufgerichtet, eine christliche Theokratie. Das war schon eine, ja, eine interessante, eine harte Zeit. Das ist auch das, was ich neu gelernt habe, auch jetzt in, gerade in den letzten Wochen. Ich bin von einem, der mein erstes Video gesehen hat, darauf hingewiesen worden auf dieses Buch hier von Stefan Zweig: „Castello gegen Calvin“ heißt das, oder „Ein Gewissen gegen die Gewalt“, wo Stefan Zweig das sehr krass beschreibt. Mja, was für Ordnungen dort in Genf eingeführt worden sind, und ja, das ist aus heutiger Sicht schon eine, eine Stadt, die sehr militärisch durchorganisiert geworden ist.

Dann kam, wie gesagt, diese Pestzeit, wo sich die Pastoren auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert haben, und dann kam es zum schlimmsten Fall, der auch das Andenken von Calvin auf lange Zeit geprägt hat, nämlich dieser Fall Michael Servet. Michael Servet hieß ursprünglich Miguel Serveto. Er kam aus Spanien, ein spanischer Arzt, ein vielseitig interessierter Gelehrter, der ja von der Reformation begeistert war und dachte, die Reformation geht nicht weit genug, sie müsste noch stärkere Reformen angehen, und zwar vor allem was die Dogmatik angeht, die Theologie. Miguel Servet lehnte die Trinitätslehre vor allem ab. Er hoffte, dass die Reformation die ganze Dogmengeschichte noch mal neu aufrollen würde, die Entscheidung des Konzils von Nizäa 325 zurücknehmen würde und diese unlogische Trinitätslehre endlich abschaffen würde, und auch die unbiblische Kindertaufe. Das waren so zwei Hauptpunkte von ihm. Er wandte sich an die großen Reformatoren, aber die zeigten dafür kein Verständnis. Man muss auch sagen, die Ablehnung der Trinitätslehre, die seit über 1000 Jahren im Christentum allgemein üblich war, das war schon eine gefährliche Sache damals im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Da galt, da galt tatsächlich die Todesstrafe für Leugner der göttlichen Dreieinigkeit. Das galt als Atheismus, der nicht geduldet werden sollte. Und ja, so musste man sehr vorsichtig sein, über dieses Thema überhaupt zu reden. Servet schrieb dann 1546 mal an Calvin, hatte einen ausführlichen Briefwechsel mit ihm, ob nicht doch die Trinitätslehre revidiert werden könnte, aber Calvin war schließlich so abgenervt von, ja, der Hartnäckigkeit von Michael Servet, dass er den Briefwechsel abbrach. Als Servet ihm dann noch mal so einen ersten Entwurf einer eigenen Theologie geschickt hatte, das konnte Calvin dann gar nicht mehr ertragen, und er hat ihm schon, ja, oder er hat dann gesagt: „Also, wenn der mal irgendwann nach Genf kommt, dann äh könnte es ihm schon an den Kragen gehen.“

Servet ist dann untergetaucht, hat sich einen falschen Namen zugelegt, Michel de Villeneuve, und er lebte einige Jahre unbehelligt in Lyon und schließlich in Vienne. Er wurde dann ein angesehener Leibarzt des Erzbischofs, aber seine theologischen Gedanken ließen ihn nicht los. 1553 richtete er eine Geheimdruckerei ein, bezahlte einige Drucker mit Schweigegeld, und so die, die dann sein Lebenswerk druckten, ein 700 Seiten starkes Buch, „Christianismi restitutio“. Also nicht, wie Calvin, die „Institutio“, die Grundlegung, sondern eine Wiederherstellung des Christentums wollte er veröffentlichen. Und in diesem Buch distanzierte er sich von den Lehren der katholischen Kirche und auch der evangelischen Kirche. Er verarbeitete in diesem Buch tatsächlich auch 30 Briefe, die er mal an Calvin geschrieben hatte. Und ja, dieses Buch kam gerade auf den Markt, und dann wurde Servet schon denunziert, m aus Kreisen um Calvin herum. Die deckten seine wahre Identität auf, so dass er angezeigt wurde, im, im März 1553 von der römischen Inquisition in Frankreich verhaftet wurde. Er wurde verhört, er wurde zum Tode verurteilt wegen seiner Irrlehren. Bei den Katholiken waren solche Ketzerprozesse ja schon lange Gang und Gebe in der Inquisition, aber er konnte kurz vor seiner Hinrichtung fliehen, so dass dann in Vienne nur eine sogenannte Hinrichtung in effigie stattfand. Das heißt im Bildnis, also das heißt, man hat ein Bild von, oder eine Puppe von Michael Servet aufgehängt und sie dann verbrannt. Er selber war weg, er ist untergetaucht und tauchte dann eines Tages am 13. August 1553 plötzlich in Genf auf, und er ging stracks zum Gottesdienst, Sonntagmorgen in Calvins Kirche, Saint-Pierre. Calvin erkannte ihn sofort und befahl noch im Gottesdienst, ihn festzunehmen und ihn gefangen zu setzen. Er verfasste eine 23-Punkte-Anklageschrift gegen ihn, und Servet saß über zwei Monate in Untersuchungshaft, und er wurde sozusagen schlechtestmöglich behandelt, in einem feuchten, eiskalten Kerker bei Wasser und Brot, unter bewusst erbärmlichen Umständen wurde er gehalten, angekettet. Ähm, er bat wenigstens mal darum, noch mal irgendwann frische Kleidung zu kriegen oder irgendwas. Es wurde ihm alles nicht gewährt. Er wurde sozusagen wirklich immer mal wieder da rausgeholt, um sich zu verteidigen und psychisch zermürbt.

Ja, es war ein spannender Prozess gegen Michael Servet, denn Genf war bis dahin mit religiösen Dissidenten, also wie z. B. Täufern, relativ milde umgegangen. Täufer wurden schon hier und da immer wieder verbrannt, Genf hat sie immer nur ausgewiesen, und Genf hatte auch bis dahin Frankreich eigentlich immer kritisiert, dass sie mit evangelischen Christen brutal vorgehen, und jetzt war man sich aber unsicher, ob man nicht tatsächlich an diesem Michael Servet doch mal ein Exempel statuieren sollte. Der Genfer Rat, also die politische Führung – Calvin konnte ja gar keinen zum Tode verurteilen, er war gar kein Richter oder Politiker – aber er beeinflusste den Stadtrat von Genf, und der Stadtrat von Genf hörte immer auf Calvin. Man wusste aber, so einen Menschen aus rein theologischen Gründen hinrichten zu lassen, war schon eine Neuheit, äh, denn er hatte sich ja sonst nichts zu Schulden kommen lassen von seinem Verhalten her oder so. Er war ja auch erst einen Tag vorher in Genf angekommen, da konnte er gar nichts falsch machen. Also, es blieb nur die Frage: Kann jemand wegen einer falschen Theologie von einer evangelischen Kirche hingerichtet werden? Man war sich da ein bisschen unsicher, suchte ein bisschen Rückendeckung bei den anderen evangelischen äh Schweizer Städten. Schaffhausen, Basel, Bern und Zürich sollten Gutachten schicken, und die sprachen sich dann tatsächlich auch für eine strenge Bestrafung aus, ließen aber Genf frei. Was heißt jetzt strenge Bestrafung? In Genf sprach man das Todesurteil durch die schlimmste aller Hinrichtungsarten, die Verbrennung bei lebendigem Leibe, eine langsame Verbrennung, und die wurde dann am 27. Oktober 1553 in Champel in Genf durchgeführt. Wir sehen das hier auf dem Bild, im Hintergrund von Servet ist die Verbrennung, seine eigene Verbrennung dargestellt. Guillaume Farel wurde extra geholt, der ihn begleitet hat auf dem Weg zur Verbrennung, der ihn immer wieder aufgefordert hat, doch endlich zu widerrufen. Hat nicht widerrufen, blieb bei seiner Meinung und hat die ganze Zeit gebetet, laute Gebete gesprochen auf dem Weg bis zu seinem Tod. Dann, ja, 1933 hat man dann hier dieses Denkmal aufgestellt, sehr lange danach, an diese Verbrennung, hat sozusagen ihn auch gewürdigt. Und schon bald nach dieser Verbrennung brach ein großer Kritiksturm los, wie Calvin das gutheißen konnte. Calvin selber ist nicht zu dieser Verbrennung hingegangen, er konnte es nicht ertragen, wollte sich das nicht mit angucken, aber jeder wusste, dass es von Calvin gedeckt und gefordert gewesen ist, diese Verbrennung. Calvin stand da auch dazu, und er hat dann sofort im Herbst 1553 noch eine Verteidigungsschrift geschrieben, die „Defensio orthodoxe fidei de sacra trinitate“. Die findet man auch hier in Band 4 seiner Gesammelten Schriften, wo man nachlesen kann, wie er die Trinitätslehre gegenüber Servet verteidigt. Aber er wurde das Thema nicht los, vor allem ein Mensch hat ihn dann tatsächlich immer wieder dafür kritisiert, und das ist der, wie schon der von mir schon genannte Sebastian Castellio, über den Stefan Zweig hier dieses kleine Buch „Castello gegen Calvin“ geschrieben hat.

Castello stammte aus den französischen Alpen. Er ging 1535 nach Lyon, studierte da die biblischen Sprachen, und als er dort sah, wie 1540 die ersten Hugenotten in Lyon verbrannt wurden, hat ihn das so angewiedert, dass er sich der Reformation zugewandt hat. Er ging zu Calvin nach Straßburg, und Calvin sah sein Potenzial. Wir sehen hier links Castello, rechts Calvin. Calvin besorgte ihm eine Stelle als Lehrer, nahm ihn dann mit nach Genf, sozusagen, und dort kam es aber bald zu einem Konflikt, weil Castello ein sehr eigenständiger Denker war. Er hatte die Idee, eine neue lateinische und eine neue französische Bibelübersetzung herzustellen, so ähnlich wie Luther das ins Deutsche übertragen hat, eine Bibelübertragung, bei der es auf eine schöne, gängige Sprache ankam. Calvin lehnte das ab, weil er gerade eine andere Übersetzung autorisiert hatte als die eigentliche französische, und ähm, ja, die beiden gerieten immer mehr in Konflikt. Calvin war ein Machtmensch, und Castello forderte diese Macht immer wieder heraus, so dass es Calvin schließlich zu bunt wurde, und als Castello dann die Pastoren kritisierte 1544, warum die nicht zu den Pestkranken gingen, hat dann Calvin alles daran gesetzt, Castello aus Genf zu entfernen. Castello widersetzte sich da auch nicht, er nahm das Entlassungsschreiben an. Calvin würdigte da den guten Lebenswandel von Castello, aber er musste auch in seinem Entlassungsgutachten schreiben, also was ist der Grund für die Entlassung? Castello kann nicht mehr in Genf bleiben, denn er hätte die Höllenfahrt Christi geleugnet, also den Abstieg in das Reich des Todes, und er würde das Hohelied Salomos nicht allegorisch verstehen, sondern tatsächlich als ein erotisches Liebesgedicht, und das ginge ja gar nicht. So musste also Castello Genf verlassen. Er zog nach Basel, hatte es dort sehr schwer, sich eine neue Existenz aufzubauen, weil schon Briefe von Calvin ihm vorauseilten und dazu aufforderten, ihm keine gute Anstellung zu geben. Castello musste sich mühsam dort wieder eine neue Stellung erarbeiten. Erst äh acht Jahre später bekam er dort eine Professur für Griechisch und hatte so langsam wieder sein Auskommen.

Der Streit mit Calvin eskalierte dann schließlich nach der Verbrennung von Servet, denn Castello war wirklich angewidert davon und konnte das gar nicht verstehen, so dass er ein Gegenwerk schrieb, was wir hier sehen: „De haereticis, an sint persequendi“, ein ganz geschicktes Werk. Castello stellt hier einfach nur Zitate zusammen von Kirchenvätern, auch von Luther und von Erasmus und sogar von Calvin selber, aus Schriften von Calvin, die Calvin früher am Anfang mal geschrieben hatte, wo Calvin sich dagegen wendet, dass Katholiken aus Glaubensgründen evangelische Heretiker hinrichten und mit Gewalt bekämpfen. Und Castello, ja, wollte jetzt auch, traute sich da nicht jetzt seinen Namen vorn hinzuschreiben, aber es, es, er schrieb ein Vorwort äh unter dem Pseudonym Martinus Bellius. Das äh Druckwerk sollte angeblich auch in Magdeburg erschienen sein, wurde aber in Basel gedruckt. Es flog dann auch auf, dass Castello der Verfasser dieses Vorworts war und dass diese anti-kalvinistische Schrift von ihm war. Und m ja, es kam zu einem Schriftwechsel, immer wieder Gegenschriften gegeneinander, Castello und Calvin. Castello schrieb eine weitere Schrift, „Contra libellum Calvini“, und da kommt jetzt das entscheidende Zitat von Castello, der sagt: „Einen Menschen töten heißt nicht eine Lehre zu verteidigen, sondern einen Menschen zu töten.“ Castello berief sich auf das Gleichnis von Jesus vom Unkraut unter dem Weizen, das, und sagte: „Wir dürfen dem Jüngsten Gericht nicht vorgreifen. Gott alleine wird richten, nicht wir, dürfen Menschen jetzt schon auf den Scheiterhaufen bringen.“ Das war eine klare Ansage, eine klare Kritik, dass Calvin den Tod von Michael Servet organisiert hatte. Calvin ließ daraufhin alle Schriften von Castello verbieten, ließ ihn vielfach denunzieren, und als Castello dann irgendwann noch wagte, Calvins Prädestinationslehre anzugreifen, hat dann Calvins Adjutant, Theodore Beza, 1563 noch mal eine Kampfschrift gegen Castello verfasst. Er warf ihm vor, dass er über 20 Irrlehren vertreten habe und dass er auch heimlich gewusst habe, dass in Basel ein Täufer jahrelang unerkannt gelebt habe, David Joris, und außerdem warf er ihm vor, dass Castello die Schriften von Bernardo Ochino, einem italienischen Mönch, dass er die ins Lateinische übersetzt hätte, obwohl doch Ochino darin die Irrlehre vertreten habe, das von der Bibel her gesehen rein theoretisch die Polygamie nicht abzulehnen sei, dass sie grundsätzlich möglich sei, und auch das ging gar nicht, ähm, so dass in Basel gegen Castello Anklage erhoben wurde. Es sollte ihm der Prozess gemacht werden, und das wäre sicherlich auch sehr schlimm für ihn ausgegangen, aber kurz vorher starb er, ein halbes Jahr vor Calvin, am 29. Dezember 1563 starb Sebastian Castello im Alter von 48 Jahren und wurde im Basler Münster begraben.

Calvin hat, wie gesagt, die Vierämterlehre entwickelt: Pastoren sollten für Predigt und Seelsorge zuständig sein, die Lehrer für die Unterweisung und Erziehung der Jugendlichen, Älteste für die Überwachung des religiösen und sittlichen Lebens und Diakone für die Armen- und Krankenpflege. Damit ist er wegweisend geworden, ähm, das war gabenorientierte Mitarbeit und Leitung. Das hat calvinistische Gemeinden sehr stark gemacht, diese Verteilung der wichtigsten Aufgaben auf verschiedene Schultern, ähm, das hat der reformierten Kirche äh sehr stark geholfen, wirklich das allgemeine Priestertum einzuführen. In lutherischen Gemeinden gab es dann doch eine viel stärkere Pfarrerzentriertheit. Das ist eine der wesentlichen Ursachen dafür, dass calvinistische Gemeinden dann auch stark gewachsen sind, äh, und das ist gerade in USA, in Kanada, Südamerika, Afrika und auch in Korea zu starken calvinistischen Gemeindebildungen gekommen ist. Calvin hat nach dieser Hinrichtung von Servet ja schließlich so wirklich die Oberhand in Genf gewonnen, und ähm, er hatte jetzt endgültig die Mehrheit der Stadträte auch hinter sich und hat jetzt einen Calvin-freundlichen Stadtrat. Jetzt konnte sich die Reformation im calvinistischen Stil wirklich durchsetzen. Die Gegner waren alle verschwunden und ausgerottet. Die jüngere Generation hielt die neue Kultur in Genf jetzt für selbstverständlich, und ja, Genf war jetzt gekennzeichnet, äußerlich, wenn man da so hinkam, von Gottesfurcht, von Ordnung, von Disziplin, der Handelsblüte, ehrbares Leben, Fürsorge für die Armen war da. Genf erschien vielen in Europa nun als evangelische Musterstadt, als das eigentliche protestantische Rom, wie man es auch nannte, an dem man sehen konnte, was evangelisches Christentum vorbildhaft vollbringen konnte, auch an Bildung und Gelehrsamkeit, ja, war man jetzt sehr stark. Viele Familien fanden Zuflucht, im Schutz im reformierten Genf. Sie wurden rasch eingebürgert, die Einwohnerzahl stieg von 13 000 auf 21 000. Es wurden klare Maßnahmen eingeführt, das Zinsnehmen wurde verboten, alle hatten jetzt einen Einkommen und bekamen Arbeit. Die Tuch- und Samtweberei kam nach Genf, und Calvin schrieb einen Psalmenkommentar, wo man ihn auch erlebt als Beter, wie er als Pastor gewirkt hat, und viele wurden dadurch inspiriert. Er erhielt, er erhielt schließlich auch das Bürgerrecht der freien Republik Genf. Das haben nicht viele erhalten von außen, das war eine große Ehrung noch so gegen Ende seines Lebens, und er schrieb auch 1559 dann so die letzte Überarbeitung seiner „Institutio“, die es also in vier Auflagen gibt, die letzte hier gedruckt 1561. Mja, gilt als die heutige maßgebliche „Institutio“. Die „Institutio“ ist in vier grundlegende Abschnitte aufgeteilt, mit insgesamt 80 Kapiteln, in denen man die calvinistische Lehre zusammengefasst lesen kann. Theologie war sehr wichtig, und deshalb gründete man dann auch die sogenannte Akademie, die Académie de Genève, die Gründungsanstalt der Genfer Uni könnte man sagen. Hier wurde tausende von Studenten geprägt, die dann in die calvinistischen Gebiete gegangen sind, nach Frankreich, Schottland, in die Niederlande, als Pastoren und Theologen. Calvin versuchte dann auch die, ja, die Leitung an Theodore Beza zu geben, seinen zehn Jahre jüngeren späteren Nachfolger. Es gab dort auf der Akademie zuerst eine Lateinschule als Vorbereitung auf das Studium, dann eine erste Studieneinführung, wo die freien Künste gelehrt wurden, und schließlich dann die Theologische Fakultät, wo Pastoren und Theologen dann herangezogen wurden. Calvin selber hielt im Februar 1564 seine letzte Vorlesung an der Akademie, seine letzte Predigt dann am 6. Februar. Er sah sein Lebensende kommen, im Alter von 54 Jahren. Farel kam noch einmal zu ihm, besuchte ihn noch kurz vor seinem Tod, und Calvin starb am 27. Mai 1564 und wurde in Genf beigesetzt, auf dem allgemeinen Friedhof. Er wollte keinen Grabstein haben, er wollte keine Ehre für sich selber haben. Man weiß tatsächlich bis heute nicht, wo er wirklich beigesetzt worden ist. Es gibt ein Grabmal von Calvin, das sehen wir hier, einfach dieses Gitter auf der rechten Seite mit so ein paar Büschen bepflanzt und einer einfachen Plakette. Ob das genau die Stelle ist, wo Calvin wirklich beerdigt wurde, weiß man nicht wirklich. Man hat ihm aber dafür ein großes anderes Denkmal gesetzt. Wir sehen hier an der Universität von Genf einen, einen Ausschnitt aus einer 100 Meter langen großen Mauer, wo die vier wichtigsten Persönlichkeiten der calvinistischen Reformation in der Mitte mit fünf Meter hohen großen Statuen dargestellt sind: von links nach rechts Farel, dann Calvin selber, dann Theodore Beza, sein Nachfolger, und dann John Knox, der dann die Reformation in Schottland eingeführt hat.

Ja, was machen wir mit Calvin? Karl Barth, reformierter Theologe aus der Schweiz, hat Calvins Theologie untersucht und hat den Satz gesagt: „Calvin und nicht Luther hat die Reformation welt- und geschichtsfähig gemacht, indem er den Glauben Luthers hart gehämmert hat zum Gehorsam.“ Das, ja, war die Leistung von Calvin. Er hat wirklich was in diese Welt hineingesetzt und hat eine christliche Welt sich gezimmert mit Gehorsam und Disziplin, nicht mit Freiheit, und dadurch hat er wirklich was in der Welt hinterlassen. Wenn man sich jetzt fragt: Wie beurteilen wir Calvin? Da muss man sagen: Johannes Calvin ist neben Martin Luther auf jeden Fall die zweite große Gründungsgestalt des Protestantismus. Er hat einen eigenständigen, theologisch beeindruckenden und kulturell wirkungsreichen Entwurf des christlichen Glaubens entwickelt, der die Welt bis heute prägt. Im 17. Jahrhundert waren es dann vor allem calvinistische Seefahrer aus England und den Niederlanden, die die Weltmeere eroberten. Da hat der Calvinismus wirklich auch politisch gewirkt und machtvoll gewirkt, insbesondere dann durch seinen Einfluss auf den englischen Puritanismus. Die Puritaner sind Calvinisten. Sie haben dann Nordamerika geprägt und erobert, und dadurch hat der Calvinismus dann die Weltgeschichte sehr stark mitbestimmt bis heute. Als Amerika dann auch eine Leidensnation wurde, der Soziologe Max Weber hat gesagt, dass der Calvinismus letztlich die entscheidende Triebfeder für Kapitalismus und Industrialisierung geworden ist, denn nicht Calvin selber, aber später der Calvinismus hat gesagt: „Woran erkenne ich denn, dass ich prädestiniert bin, dass Gott mich vorher bestimmt hat? Ich erkenne das an dem Segen in meinem Leben, und der Segen zeigt sich vor allem in materiellem Wohlstand.“ Das führte dazu, dass Calvinisten sehr stark daran arbeiteten, dass sie zu Wohlstand kamen, damit jeder sieht, dass sie wirklich Erwählte sind und dass sie zu Gott gehören. Das ist ein großer Impuls für das Leistungsstreben geworden, für den Kapitalismus. Merkwürdig an der ganzen weiteren Geschichte ist, dass ausgerechnet die Gebiete, die im 16. Jahrhundert von diesem strengen und intoleranten Geist Calvins geprägt waren, in den folgenden Jahrhunderten sich dann zu Zentren der aufgeklärten Vernunft weiterentwickelt haben. Also, wenn man diesen Streit zwischen Calvin und Castello noch mal rausholt, war Calvin ja ein sehr intoleranter Mensch, der nicht sehr offen war für tolerante, aufgeklärte, humanistische Ideen, aber später sind gerade die calvinistischen Länder die ersten Horte der aufgeklärten Freiheit geworden. Freidenker wie Descartes und Spinoza fanden im 17. Jahrhundert ausgerechnet in den Niederlanden, in den calvinistischen Niederlanden, ihre Zuflucht, und auch der kirchenkritische französische Aufklärer Voltaire konnte sich 1755 gerade in Genf niederlassen. Die Französische Revolution ist auf dem Boden der Hugenottenkämpfe dann langsam erwachsen, und in England und Amerika bahnt sich der Gedanke der Toleranz und der Religionsfreiheit zum ersten Mal dann so richtig Bahn, so dass man sagen kann: Letztlich haben sich im 19. Jahrhundert dann die Freiheitsgedanken Castellos, diese toleranten Gedanken eher durchgesetzt, und zwar ausgehend von den calvinistischen Ländern. Das ist schon irgendwie eine Ironie der Geschichte. Sehr divergent ist deshalb bis heute die Beurteilung von Calvins Lebenswerk. Die nüchterne kulturelle Prägung des Calvinismus mag Geschmackssache sein, ebenso die fast militärisch durchstrukturierte Organisation, die sehr leistungsfähig ist, aber die persönliche Freiheit und Kreativität unterdrückt. Das mag man mögen oder auch nicht. Die Gleichschaltung, Überwachung und gegenseitige Beobachtung und Denunziation, die man damals so in Genf hatte, die erinnern aus heutiger Sicht irgendwie schon eher an einen diktatorischen Überwachungsstaat, der auch vor gewaltsamer Unterdrückung und physischer Auslöschung von Gegnern nicht zurückschreckt. Das ist ja, ist das nicht doch wirklich eine sehr dunkle Seite an Calvin? Die Beurteilungen gehen heute auseinander. Die einen sagen: Calvin war eigentlich, indem er die Verbrennung von Servet unterstützt hat, er war einfach ein Kind seiner Zeit, so dass solche abstoßenden Auswüchse in gewisser Weise entschuldigt werden können. Das war damals halt so, damals war man halt so brutal. Ja, muss man das so sehen? Oder kann man sagen, dass Calvin doch angekreidet werden muss, dass er seine Machtposition in Genf zum Schaden von vielen Menschen genutzt hat, dass er seine Gegner brutal unterdrückt und ausgenutzt hat, und das muss man einfach negativ beurteilen, denn wie wir an Castello und vielen anderen sehen, das musste nicht unbedingt damals so sein. Es gab auch Menschen, die schon ganz anders dachten, auch im 16. Jahrhundert, tolerante Gläubige, Humanisten, von denen, auch von Erasmus, hätte Calvin eine ganz andere Lebenshaltung lernen können. Dies wäre auch im 16. Jahrhundert schon mit seiner Theologie zu verbinden gewesen, so wie es dann der spätere Calvinismus ja getan hat. Insofern kann Calvin als evangelische Lichtgestalt gesehen werden, die aber auch seine dunklen Schattenseiten hat. Trotzdem möchte ich mit einem der schönsten Zitate von Calvin enden, der einmal gesagt hat: „Nichts tröstet mächtiger als die Gewissheit, mitten im Elend von der Liebe Gottes umfangen zu werden.“