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Besser mit Zombies? Vorurteile über »Stolz und Vorurteil« von Jane Austen (Literaricum Lech)

literaturcafe15:32

Transcription

Einen schönen guten Morgen hier aus Lech am Vorarlberg. Ich bin in Österreich, denn hier findet vom 13. bis 16. Juli 2023 das dritte Literaricum statt. Wer das Literaturcafé verfolgt hat, weiß, dass ich im letzten Jahr schon hier war. Da ging es um Hermann Melville und Bartleby, den Schreiber.

In diesem Jahr ist es dieses Werk hier: Ich habe eine sehr schmuckvolle Ausgabe von Jane Austens Stolz und Vorurteil. Das Literaricum Lech nimmt sich ja immer einen Klassiker der Weltliteratur vor, behandelt diesen und es wird meistens aus diesem Werk auch gelesen. Dann wird geschaut, wie ist dieses Thema von damals heute besetzt. Es gibt weitere Vorträge, Veranstaltungen und Diskussionen zu den Themen der Bücher.

Ich weiß nicht, ob du Stolz und Vorurteil schon gelesen hast. Vielleicht hast du einige Verfilmungen gesehen. Ich muss zugeben, ich hatte es bis vor einigen Jahren noch nicht gelesen. Man hat ja so seine Vorurteile. Jane Austen lebte von 1755 bis 1817 und hat so ein bisschen den Ruf der Liebesromanschriftstellerin. Wenn man die Verfilmungen kennt, dann kennt man diese Regency-Zeit, die Damen in Kostümen, die Herren auch entsprechend gekleidet. Kostümfilme sind es ja meistens, die damit verbunden sind.

Man denkt an Leute, die rumstehen, sich unterhalten und am Schluss finden sich die, die zusammengehören. In der Tat ist es ja auch hier so in diesem Roman. Aber bevor ich etwas zu meiner jetzigen Sicht auf Stolz und Vorurteil erzähle, nachdem ich das Werk zum ersten Mal gelesen und auch gehört habe in der Lesung mit Eva Mattes im Argon Verlag, möchte ich erwähnen, wie ich das erste Mal das Werk kennengelernt habe.

Insofern sind manchmal auch die anderen Zugänge interessant. Und zwar durch dieses Werk sieht nicht ganz so schön aus. Die Dame hier, das war ein Buch, das vor einigen Jahren sehr viel Diskussion ausgelöst hat. Ich muss selber gerade mal nachschauen, wann es herausgekommen ist. Das ist von 2009. Da hat sich der Drehbuchautor Seth Grahame-Smith mit dem Roman Stolz und Vorurteil, also Pride and Prejudice, angenommen und ihn mit Zombies durchsetzt. Pride and Prejudice and Zombies hieß seine Version dieses Romans.

Das fand ich damals ganz spannend. Zombies passen ja nun gar nicht in diese Welt. Mittlerweile gibt es auch einen Film, aber der hat nicht ganz so viel mit seiner Bearbeitung zu tun. Was hat Grahame-Smith gemacht? Er hat das Originalwerk genommen und es mehr oder weniger mit Zombies angereichert. Das funktioniert erstaunlich gut und das ist wirklich sehr interessant, denn tatsächlich ist diese Welt von Jane Austen ja etwas abgeriegelt, sehr hermetisch.

Wir sind in den besseren Kreisen des britischen Empires und dort ist man in der Tat etwas abgeriegelt von außen. Jane Austen wird auch manchmal vorgeworfen, in ihren Romanen spielen die Politik und die Religion keine Rolle. Die Menschen sind mit sich selbst und ihren Liebschaften beschäftigt, aber sonst gibt's da nicht viel. Und da brechen hier plötzlich die Zombies ein.

Das funktioniert deswegen sehr gut, weil der Roman von Austen tatsächlich sehr abgeschlossen ist. Es gibt wenig Außen und deswegen kann man ihn ohne tatsächlich die Grundstruktur groß verändern, mit Zombies durchsetzen. Zombies auf die entsprechenden Bälle einmal einfallen lassen, Zombies Kutschen attackieren, wenn die Protagonisten mal vom Herrenhaus A zum Herrenhaus B unterwegs sind.

Das hat mich eben dazu gebracht, damals auch das Original zu lesen und zu vergleichen. Deswegen ist es hier dieser Roman gewesen. Der gibt es auch in deutscher Übersetzung, aktuell glaube ich, ich habe es nachher, ist es nur als eBook noch verfügbar bzw. natürlich antiquarisch erhältlich.

Jetzt habe ich für das Literaricum Lech tatsächlich Stolz und Vorurteil eingelesen, zum anderen aber auch gehört. Das ist hier diese wunderschöne Schmuckausgabe im Koppenrath Verlag. Einige kennen diese Bücher vielleicht. Das ist dann ganz großartig, weil man Stadtpläne von London eingelegt hat oder weil es eben auch den sehr berühmten Brief, der da eine Rolle spielt, der liegt dann hier dieser Ausgabe bei.

Also ist aber auch ganz schön schwer, muss man beim Lesen raus. Es gibt leichtere Taschenbuchausgaben von Stolz und Vorurteil. Jane Austen, natürlich könnte man sagen, das ist im generellen Plotaufbau natürlich dem Groschenroman sehr ähnlich. Das wurde auch manchmal vorgeworfen.

Wir lernen die Protagonisten kennen, wir lernen männliche und weibliche Protagonisten kennen. Und wie das so gebaut ist im Groschenroman, wissen wir natürlich von Anfang an, wer wird zusammenfinden. Hier sind es Haupt zwei Paare, die zusammenfinden werden. Das ist relativ eindeutig. Es gibt noch mehr Hochzeiten in diesem Roman, aber um diese zwei geht es dann natürlich, die am Ende zusammenfinden werden.

Wir wissen aber auch, die Protagonisten haben es nicht so einfach. Da gibt es einiges, was dazwischenkommt. Vor allen Dingen, natürlich der Titel verrät es: hier Stolz und Vorurteil. Manche halten aus Stolz hinter dem Berg, manche lehnen aus Stolz Heiratsanträge ab. Und dann gibt es natürlich Vorurteile, die man vom anderen hat.

Es gibt natürlich die bekannten Figuren aus diesem Roman: Elizabeth Bennet. Sie ist eine von fünf Töchtern der Familie Bennet und spielt sozusagen die Hauptrolle. Sie ist der Hauptcharakter in diesem Roman. Und alle kennen sicherlich auch den Mister Darcy, derjenige, den sie dann ja am Schluss auch bekommen wird.

Das kann man mal so spoilern. Wie gesagt, das ist relativ klar. Wer den Plotaufbau des Groschenromans auch kennt, der weiß, sie werden am Schluss zusammenfinden. Aber dazwischen steht eben Stolz und Vorurteil.

Interessante Fragen, natürlich. Schreibt in die Kommentare, wenn ihr spontan seid. Wie heißt du? Müsste da ja eigentlich mit Vornamen. Wir erfahren es in einem Brief, wie er tatsächlich heißt. Ansonsten wird diese Person ja auch immer mit ihrem Nachnamen genannt.

Die Familie Bennet hat fünf Töchter. Das ist nicht schön in der damaligen Zeit, denn auf Töchter geht kein Erbe über. Als erbt immer der nächste männliche Verwandte. Es ist also eher ihr Cousin bzw. Neffe, der tatsächlich das Hab und Gut, das Herrenhaus der Familie, erben wird und eben keine der fünf Töchter.

Deswegen, und das prägte für mich diese Geschichte sehr, geht es tatsächlich den Frauen in diesem Roman darum, unterzukommen, gut zu heiraten. Denn nur so ist ihr Lebensunterhalt gesichert. Sie können sich nicht auf Erbe oder irgendwelches Geld verlassen, das sie bekommen, sondern sie müssen schauen, dass sie eine gute Partie machen.

Der erste berühmte Satz dieses Werkes, den ich einmal hier in der deutschen Übersetzung, in diesem Fall aus dieser Koppenrath-Ausgabe, ist das übersetzt von Karin von Schwab. Ich lese einmal vor: „Es ist eine Tatsache, über die sich alle Welt einig ist, dass ein alleinstehender Mann mit einigen Vermögen unbedingt auf der Suche nach einer Lebensgefährtin sein muss.“

Dieser erste Satz ist eigentlich falsch, denn im Grunde genommen geht dieser Roman darum, dass Frauen mehr oder weniger verzweifelt und offensichtlich auf der Suche nach Männern sind, damit wirklich ihre Zukunft gesichert ist, damit sie ihr Auskommen haben.

Überhaupt ist Beruf und was Menschen arbeiten bei Austen kaum eine Rolle. Es werden zwar Berufe genannt, Rechtsanwalt oder auch Offiziere, aber den Berufen gegen diese Leute hier wenigstens nach. Es ist tatsächlich eher wie in einer Sitcom, kann man nicht sagen, aber man steht rum, man unterhält sich.

Es geht darum, was hält man von diesem und jenem. Die Frauen inspizieren eben dauernd die Männer: Wie ist dieser? Wie ist jener? Wie hat dieser geschaut? Hat dieser mit mir getanzt oder auch nicht? Es wird also immer tatsächlich nicht auf Liebe spekuliert. Das wird zwar so genannt, aber es spielt immer die Frage, wenn ich diesen Mann heiratete, was bringt es mir? Was bringt es mir materiell?

Dennis Scheck hat es in seiner Eröffnungsrede auch gesagt: Wenn man den Austen liest, dann gilt nicht mehr das Statement von Marcel Reich-Ranicki, dass alle Romane eigentlich nur um Liebe und Tod gehen. Wenn man genossen hat, dann geht es hier auch um Geld.

Ich würde sagen, ja, es geht um Geld. Es geht tatsächlich um materielle Sicherheit von Frauen. Und das ist tatsächlich das, was ich festgestellt habe: Jane Austens Stolz und Vorurteil ist natürlich auch ein Liebesroman in gewisser Art und Weise.

Siegt beim Zustandekommen dieser Verbindung zwischen diesen beiden, zwischen Elizabeth und Mister Darcy, die Liebe. Aber im Grunde genommen geht es auch darum, sicher zu sein.

Deswegen ist der Blick von Jane Austen nicht der romantische, nicht der Adjektiv durchdrängte Blick auf die Erzählweise der Liebe und Leidenschaft in allen Nuancen, sondern es ist tatsächlich der kühle, sachliche, nüchterne Blick auf tatsächlich die Männer, die zunächst mal abschätzen: Was haben sie? Natürlich Anstand und Ehre, aber was können sie auch finanziell in diese Ehe einbringen? Und welche Sicherheit habe ich danach?

Das ist in meinen Augen sehr viel ausgerichtet. Die Liebe, interessanterweise, kommt ja hier wirklich eher von Mister Darcy, der Elizabeth auch die Liebe gesteht. Sie lehnt den Heiratsantrag auch erstmal ab, findet diesen Mann unausstehlich, hochnäsig und sonst wie. Also sie will mit ihm eigentlich nichts zu tun haben.

Das ändert sich aber. Es ist tatsächlich hier nicht die Frau, die sich womöglich, wie man es in den sogenannten Nackenbeißern im Buchhandel kennt, dem Mann in die Arme wirft und mit Leidenschaft ihm hinterher rennt. Wenn sie ihm hinterher rennt, dann mit dem Blick auf das, was er finanziell und vermögensmäßig so hat.

Aber es ist Mister Darcy, der die Liebe einbringt, der den Stand, der auch eine Rolle spielt, nicht berücksichtigt und der eben einen Heiratsantrag macht an Elizabeth.

Insofern lohnt es sich, Jane Austen mit diesem Blick zu lesen. Diesen Vorteil ein bisschen zu entsagen, dass es eine kitschige Liebesgeschichte ist. Das ist es nicht. Das entspricht zwar dem Plotaufbau einer Liebesgeschichte, aber wir lernen sehr viel über die damalige Zeit und über Konventionen.

Wenn wir es auf die heutige Zeit übertragen, dann sehen wir auch da, was spielt nun mal welche Verbindung eine Rolle, was kann sich daraus ergeben, welche Rolle spielt auch dieser Blick, wenn es darum geht, an die Zukunft zu denken.

Insofern war das meine Erkenntnis, die sich für mich hier beim Literaricum Lech über Stolz und Vorurteil, Pride and Prejudice von Jane Austen, 1813 erschienen, ergeben hat.

Insofern kann ich sagen, versuchen Sie, diesen Roman zu lesen. Es ist mir nicht ganz einfach. Es geht eben sehr viel immer um Denken und Handeln. Aber, und das sei auch noch erwähnt, und das ist nicht unwichtig: Jane Austen, die übrigens zeitlebens ihre Romane anonym veröffentlicht hat, hat immer nur bei Lady Austen, das war ihr Pseudonym, also nicht mein Name, sondern nur bei Lady Austen, hat eben auch sehr viel Witz, Humor, Sarkasmus und Ironie.

Mit diesem Blick gelesen, zeichnet sie wirklich wunderbare Skizzen der Personen. Sie hat wunderbare Beobachtungen, hat sie manchmal auch knallharte Urteile über Personen und das macht das Vergnügen der Lektüre aus.

Darauf muss man sich natürlich ein bisschen einlassen. Man muss sich am Anfang, und das musste ich auch, ein bisschen durchkämpfen, indem man sagt, das geht nur darum, wer mit wem, warum, wieso nicht.

Es passiert nicht allzu viel auf diesen sehr vielen Seiten, aber wie es beschrieben ist, auch daran kann man sich sehr gut erfreuen. Es gibt immer wieder Zitate, die man sich natürlich markiert und rausschreiben möchte, weil Jane Austen tatsächlich ein, ja, auch begnadete, ich würde sagen, Komikerin, das wäre zu übertrieben, aber einen sehr guten Witz und einen sehr guten Humor hat, wie sie diese Personen beschreibt.

Also in meiner Empfehlung: Tatsächlich sollte man sich mal wieder Stolz und Vorurteil zuwenden. Es gibt die unterschiedlichsten Ausgaben, da kann man mal schauen. Ich finde sogar, man kann es tatsächlich im englischen Original auch sehr gut lesen. Es ist nicht so wie bei Shakespeare, dass das sein sehr abgehobenes Englisch sei, sondern es ist durchaus auch im Original sehr gut lesbar.

Also von hier, vom Lech, verabschiede ich mich in diesem Video. Hier geht's aber erst los. Hier finden nur einige Veranstaltungen und Vorträge statt, kuratiert von Nikola Steiner und initiiert von Michael Köhlmeier und Raul Schrott.

Hier findet das Literatur jedes Jahr statt. Vielleicht sehen wir uns hier ja dann 2024 beim nächsten Mal und beim nächsten Klassiker. Bis dahin sage ich von hier aus tschüss.