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Die Kraft des umgekehrten Kultus

Rudolf Steiner und die Anthroposophie1:16:01

Transcription

[Musik]

Einen schönen guten Abend, liebe Freunde der Geisteswissenschaft! Ich begrüße Sie ganz herzlich zu unserem heutigen anthroposophischen Vortrag im Rahmen unseres Kulturprogramms der Holiversität, in Zusammenarbeit mit der Rudolf Steiner Gesellschaft. Heute Abend sehen und hören wir Dr. Michael Birntaler. Lieber Michael, ganz herzlich willkommen und vielen herzlichen Dank für Dein Engagement für die Freunde der Geisteswissenschaft heute Abend! Ich möchte ein paar Worte zu Dir und Deinem Wirken sagen: Michael Birntaler ist Erlebnispädagoge, Buchautor sowie Gründer und Leiter der Organisation EOS Erlebnispädagogik. Zudem ist er Dozent an verschiedenen Hochschulen, Vortragsredner und Trainer im Bereich der Teamentwicklung. Mit der EOS, wie wir sie nennen, ist er auch Eigentümer und Veranstalter von Schloss Hohnfelds, einem Begegnungsort mit Geschichte für Weltenwandler der Vergangenheit und Zukunftsgestalter von heute. Mit den Initiativen der Rudolf Steiner Gesellschaft, nämlich dem Bündnis Soziale Dreigliederung und auch mit dem Bündnis Autonome Wirtschaft, stehen wir im regen Austausch und Kooperation mit den Weltenwandlern. Aber nun zum heutigen Abend: Heute Abend wird uns Michael Birntaler den umgekehrten Kultus näher bringen, so wie er von Rudolf Steiner als Arbeitsmethode für Gemeinschaften und Gruppen gegeben wurde. Wir werden auch davon hören, was die tiefgreifende Arbeit an einem Thema für die Menschen, die sich in einer Gruppe begegnen, bewirken kann. Freuen Sie sich nun mit mir auf Dr. Michael Birntaler und seinen Vortrag über den umgekehrten Kultus! Lieber Michael, damit übergebe ich nun das Wort und das Bild für Deinen Vortrag an Dich.

Ich bin sehr dankbar, über dieses Thema „Umgekehrter Kultus“ heute mit Euch reden zu dürfen, weil ich den Eindruck habe, dass dieses Thema eines der größten und wichtigsten Themen ist, die Rudolf Steiner überhaupt versucht hat anzuregen, und eines der Impulse von Rudolf Steiner war, der eben leider auch liegen geblieben ist. Wie viele andere Impulse von Rudolf Steiner, nicht wirklich gut aufgegriffen worden sind. Aber ich glaube, es gibt kaum eine größere Tragik bei irgendeinem Impuls, der liegen geblieben ist, wie bei diesem Impuls vom umgekehrten Kultus. Also, es ist wirklich sehr, sehr dramatisch und auch traurig, dass der Impuls des umgekehrten Kultus so wenig aufgegriffen worden ist und das bis heute. [Musik]

Wenn ich jetzt die Gelegenheit hätte, dann würde ich gerne einfach mal Euch fragen wollen, wer von Euch denn überhaupt vom umgekehrten Kultus schon einmal etwas gehört hat. Aber ich vermute mal, dass relativ wenig Menschen sich mit dem umgekehrten Kultus intensiv beschäftigt haben, obwohl das Thema des umgekehrten Kultus eventuell eines der Themen war für Rudolf Steiner, was für ihn eines der wichtigsten Themen in seinem Leben war. Das zeigt ja schon der Begriff „Kultus“: Er hat nämlich diesen Begriff „Kultus“ eigentlich nur dreimal in seinem Leben verwendet. Also, er hat drei Kultusformen begründet, und merkwürdigerweise ist eben dieser umgekehrte Kultus genau dieser sogenannte soziale Kultus. Und wir wissen ja auch alle, dass heute das Soziale in unserer Gesellschaft und insgesamt in der gesamten Welt am meisten leidet. Deswegen bin ich eigentlich auch so erschüttert, warum genau dieser soziale Kultus, also dieser umgekehrte Kultus, heute derjenige der drei Kultusformen ist, der am wenigsten aus der gesamten Anthroposophie aufgegriffen worden ist, und das obwohl Rudolf Steiner so einen großen Wert auf diesen umgekehrten Kultus eigentlich gelegt hat. Und jetzt will ich einfach mal beschreiben, wie es zu diesem umgekehrten Kultus gekommen ist. Die Geschichte ist merkwürdig genug, eigentlich mit diesem umgekehrten Kultus, und zwar war dieser umgekehrte Kultus eigentlich von Rudolf Steiner ein Geburtstagsgeschenk. Also, er ist am 27. Februar 1923 geboren, und für diejenigen, die sich in der anthroposophischen Geschichte ein bisschen auskennen, wissen ja, was das für ein besonderes Datum war: 27. Februar 1923, also zwei Monate nach dem Brand des Goetheanums. Das ist ja merkwürdig, weil er beginnt diesen Vortrag, den er hält am 27. Februar, mit etwas wirklich sehr Überraschendem. Er sagt nämlich: „Zwei Monate nach dem Brand des Goetheanums müssen wir zurückblicken auf den Brand des Goetheanums und müssen ehrliche Selbstprüfung betreiben und müssen uns fragen, warum ist eigentlich das Goetheanum abgebrannt?“ Und jetzt gibt es zwei wirklich sehr bemerkenswerte Antworten: Warum ist das Goetheanum abgebrannt? Es gibt ja heute unendlich viele Spekulationen, warum das Goetheanum vielleicht abgebrannt ist. Natürlich sagen alle: „Na ja, es war ja einfach von den Gegnern, war das irgendwie eine Brandstiftung.“ Natürlich, das ist schon richtig. Aber in diesem Vortrag von seinem Geburtstag, 27. Februar 23, gibt er zum ersten Mal auch öffentlich eine ganz ehrliche Antwort, und zwar sagt er: Erstens, das Goetheanum ist deswegen abgebrannt, weil unter den Anthroposophen so unvorstellbar viel Streit herrscht. Das ist wirklich schlimm! Weil, wenn man überlegt, warum sagt er, das Goetheanum brennt ab, weil Streit unter den Anthroposophen herrscht, dann hatte er das wahrscheinlich deswegen gesagt, wie er schon im Voraus vorher gesagt hatte: Das Goetheanum ist in Gefahr, dass, wenn es nicht ein geistiges Schutzschild, ein geistiges Schutzschild bekommt durch den Frieden unter den Anthroposophen – so hat er das mal formuliert, so in dieser Art – die Anthroposophen würden durch ihren Frieden und durch ihre gute Zusammenarbeit, durch ihr geistiges Arbeiten, müssten die Anthroposophen ein geistiges Schutzschild für das Goetheanum errichten können. Und zwei Monate nach dem Brand sagt er: Dieses geistige Schutzschild für das Goetheanum ist nicht entstanden, dieses geistige Schutzschild war nicht vorhanden, weil die Anthroposophen, statt dass sie gemeinsam und miteinander arbeiten, mehr gegeneinander gearbeitet hatten. Deswegen ist dieses geistige Schutzschild nicht entstanden, und deswegen konnte eben diese Brandstiftung überhaupt auch stattfinden. Natürlich war es eine Brandstiftung, aber die Brandstiftung ist ermöglicht worden, weil die Anthroposophen nicht genügend Kraft unter sich durch ein Miteinander, ja, durch ein gemeinsames an einer Vision, schaffen erreicht hat. Das ist der Grund eins gewesen, und so hatte er den Vortrag eigentlich auch schon begonnen. Und jetzt nennt er den zweiten Grund, der ist natürlich auch sehr beachtlich. Er sagt nämlich: Dieser Streit hat wiederum einen Grund, und der Grund, warum die Anthroposophen – und das ist etwas, was wir bis heute überlegen müssen – der Grund, warum unter den Anthroposophen so unvorstellbar viel gestritten wird, ist – und ich werde es nachher vorlesen, weil das ist jetzt ein bisschen heikel, wenn ich das äußere – der Grund des Streits unter den Anthroposophen überhaupt, ja auch und besonders aber unter den Anthroposophen, ist, weil sie zu sehr die Anthroposophie ausschließlich und vor allem über den Kopf, intellektualistisch aufgenommen haben und nicht mit dem Herzen aufgenommen haben. Also, dieser unselige Intellektualismus unter den Anthroposophen hat dazu geführt, dass die Anthroposophen nicht in Frieden miteinander kommen konnten, sondern sich entzweit hätten. Weil er sagt: Das reine Denken der Anthroposophie vereinsamt die Menschen. Denken kann man bei sich im stillen Kämmerlein, und das ist nicht schwer, die Anthroposophie nur zu denken, und das reicht nicht. Und wenn man das so ausschließlich oder so einseitig tut, die Anthroposophie zu denken und in ihrem logischen Gebäude zu entschlüsseln, dann würde das dazu führen, dass sich die Anthroposophen untereinander entfremden würden. Das würde dann wiederum dazu führen, dass unter den Anthroposophen einfach auch eine Distanz entsteht, und dann kommt der Streit. Aber das schon mal als Einleitung: Warum ist das Goetheanum abgebrannt? Durch Streit! Und der Streit ist entstanden durch Intellektualismus unter den Anthroposophen. Und jetzt geht es weiter in dem Vortrag an seinem Geburtstagsvortrag. Jetzt sagt er: Es gibt eigentlich nur ein einziges starkes Gegenmittel, und das ist eben analog zu dem, was die Kraft des Streites ausmacht. Da muss eine Balance hergestellt werden. Der Streit hat eine bestimmte Kraft, weil sie unter Anthroposophen stattfindet, also unter spirituellen Menschen findet der Streit statt. Also braucht es zu dieser Kraft des Streites auch wieder ein Analogon, also etwas, was ähnlich starke Kraft hat zum Verbinden. Und dieses Verbindende, so Rudolf Steiner, ist nur möglich, indem die Menschen eben diesen sogenannten umgekehrten Kultus praktizieren würden. Nur dieser umgekehrte Kultus, weil er eben diese ausgleichende Kraft hätte zu der, einerseits zu dieser Kraft, die im Streit entsteht, müsste etwas entstehen, was adäquat ist, mit einer gleich großen Kraft, die wieder verbindet. Also, hier gibt es eine zentrifugale Kraft, die sehr, sehr groß ist unter den Anthroposophen, und die kann aber nicht überwunden werden durch normale, ich sage mal, Mediationsmöglichkeiten oder durch soziale Geschicklichkeit. Das würde nicht funktionieren, sondern was es braucht, damals und eigentlich, wenn die anthroposophische Bewegung eigentlich eine starke, in sich kohärente Bewegung sein will, braucht es die Kraft des umgekehrten Kultus. Das ist eigentlich das Tragische, wenn wir heute sehen, wie sehr sich die anthroposophische Bewegung, die anthroposophische Welt eigentlich zersplittert. Ja, das ist ja nichts, was ja ein Geheimnis ist. Also, das erleben, glaube ich, alle, wie sehr sich die – Steiner spricht schon damals von einer Atomisierung der Anthroposophen, eine Atomisierung der anthroposophischen Initiativen. Jeder strebt in eine andere Richtung. Also, da hätte ich gern auch noch mal gehört von Euch, wie ihr das erlebt, aber ich vermute, dass viele unter Euch das wahrscheinlich auch ähnlich erleben, dass das die große Herausforderung ist heute für die anthroposophische Bewegung, in ein Miteinander zu kommen, in einen Frieden untereinander zu kommen. Und ich glaube, das Tragische ist, dass Rudolf Steiner damals das erklärt hat an seinem Geburtstag und gesagt hat: „Es gibt eine Methode, und bitte übt und pflegt diese Methode.“ Wenn er diese Methode übt, dann entsteht dadurch die Möglichkeit, dass ihr mit dieser Methode, und nur mit dieser Methode, eigentlich in die Lage kommt, eine starke anthroposophische Bewegung, die in sich sozial gut konfiguriert ist, gut konstituiert ist, dass sie eine starke anthroposophische Bewegung ins Rollen bringen könnt. Aber dadurch, dass der umgekehrte Kultus heute eigentlich mehr oder weniger in Vergessenheit geraten ist, erleben wir auf der anderen Seite, dass er fehlt unter anthroposophischen oder auch spirituellen Bewegungen, dass heute die Integrationskraft eigentlich fehlt. Und so erleben wir eigentlich eine anthroposophische Bewegung im Niedergang, die zersplittert, die atomisiert ist. So, und das ist eigentlich das, was ich heute von meiner Seite auch als eine Art Aufruf oder Botschaft oder auch bitte als Appell mitgeben wollte, dass es so dringend wäre, dass wir uns mit dieser Methode des umgekehrten Kultus heute wieder neu, nach 100 Jahren – wir sind jetzt recht genau 100 Jahre vorbei – mit dieser Methode des umgekehrten Kultus beschäftigen sollten, weil in dieser Methode so viel Potenzial steckt, die anthroposophische Bewegung wieder in ein Aufwärts, in ein Blühen zu bringen. Und das wollte ich eigentlich so mal als großes Ganzes voranstellen, bevor ich da in die, vielleicht in die Einzelheiten reingehe. Wollte ich das einfach noch mal so erstmal darstellen, was dahinter steht, was Rudolf Steiner am 27. Februar 23 mit dem umgekehrten Kultus gewollt hatte. So viel quasi zum Einstieg von meiner Seite. Ja, vielleicht mag ich gleich mal die Gelegenheit ergreifen, diese Thematik über diesen umgekehrten Kultus in den intensiven, ja auch sozialen Austausch zu kommen, diese soziale Komponente darin zu erleben. Die erlebe ich selber ja schon äh immer wieder mal in sehr kleinen Gruppen als eine Herausforderung, als eine Schwierigkeit. Für eine anthroposophische Gesellschaft oder für Gruppen, gesellschaftliche Bewegungen muss ich eigentlich sagen, ist es natürlich eine extreme Herausforderung. Da suche ich selber noch ein Bild dafür, wie könnte das Gelingen über so viele Menschen hinweg, diese soziale Brücke zu schlagen. Jetzt wäre es schön, einfach mal von Euch zu hören. Ich lese jetzt im Chat, dass es doch einige gibt, die davon noch gar nichts gehört haben, vom umgekehrten Kultus. Vielleicht kann man mal in einem – wenn ihr da einfach mal die Hand hebt, von Euch, die vom umgekehrten Kultus – also die digitale Hand hebt, wer vom umgekehrten Kultus noch nie irgendwas gehört hat. Oh ja, doch eine ganze Menge! Doch eine ganze Menge. Ja, Günter, hast Du den gesamten Überblick, wie viele sind – ja, ich sehe jetzt 22, 23 Hände hoch. Und vielleicht sollte man das auch noch mal ansagen, dass, wenn wir jetzt ins Gespräch kommen wollen, dass wir wieder mit dieser digitalen Hand heben, dann müsstest Du und ich, oder wir beide, müssten sehen können, wer wer denn das Gespräch oder eine Frage für Dich hat. Ja, genau. Aber ich glaube, jetzt – jetzt könnte ich doch einfach – ich spüre ich jetzt noch ein bisschen was über die Geschichte vom umgekehrten Kultus erzählen, oder was meint Ihr? Ich sehe ein bisschen Nicken. Also, ich werde jetzt ein bisschen noch mal was Näheres über den umgekehrten Kultus sagen. Die Geschichte vom umgekehrten Kultus ist famos genug, eigentlich, weil, wie gesagt, es waren mehrere Wochen erst nach dem Brand des Goetheanums, und merkwürdigerweise war es so, dass nach dem Brand vom Goetheanum sich die Anthroposophen gegenseitig die Finger aufeinander gezeigt haben und gesagt haben: „Du bist schuld gewesen, du bist schuld gewesen, ihr wart Schuld, nein, ihr wart Schuld am Brand vom Goetheanum!“ Also, die älteren Anthroposophen haben den jüngeren Anthroposophen mit Fingern gezeigt, haben gesagt: „Ihr habt Rudolf Steiner abgehalten von der spirituellen Arbeit, ihr habt ihn zu sehr beansprucht mit Euren ständigen Fragen.“ Und so ging das die ganze Zeit. Also, so war einfach auch schon die Grundlage für diesen Streit vorhanden. Und Rudolf Steiner war einfach – war es leid, diesen ständigen Streit und diese ständige Besserwisserei unter den Anthroposophen aushalten zu müssen. Und dann hat er sich ziemlich schnell entschlossen, dass er alle Anthroposophen, alle Mitglieder der Gesellschaft, wollte er versammeln, damit er einfach mal vor allen sprechen kann und hören kann, wie es bei denen eigentlich steht und ob er noch – ob er noch eine Möglichkeit gibt, quasi diese Querelen irgendwie zu schlichten. Und dann hat man den Termin vereinbart, und komischerweise war es eben genau dann sein Geburtstag. Also, es – es war eine große Tagung in Stuttgart, da waren dann über 1000 Menschen waren dann versammelt, über 1000 Anthroposophen. Also, wesentlich mehr wie bei der Weihnachts-Tagung. Dann – also so eine große Versammlung von Anthroposophen hat es selten gegeben. Weil Rudolf Steiner hat damals richtig auf den Tisch geschlagen und hat gesagt: „Jetzt ist der Moment, wo alle kommen müssen, sonst, wenn nichts passiert, werden wir als anthroposophische Bewegung einfach vollständig in den Niedergang gehen müssen.“ Und er hat es wirklich auch ernst gemeint damit. Und dann hat man einen Termin gemacht, und das war vom 25. Februar bis 1. März 1923. Und die ersten Tage hat Rudolf Steiner etwas noch nie Gegebenes getan: Die ersten Tage hat Rudolf Steiner geschwiegen. Also, er hat zwei Tage lang nichts gesagt und hatte nur immer zugehört, wie alle aufeinander hergefallen sind, ältere, jüngere, die Theosophen, die Aristoteliker, alle haben gesagt: „Wir können es nicht mehr mit Euch aushalten!“ Und dann kam eben dieser – dieser Vortrag am 27. Februar, also quasi das hatte sich ein bisschen aufgehoben, diesen Vortrag, weil er nur beobachtet hatte, zwei Tage lang nur mal quasi in die Menschen mit seinem seherischen Blick mal diese Energien aufgenommen, die in diesem Saal in Stuttgart waren. Und dann hat er am 27. Februar zum ersten Mal das Wort ergriffen. Das war aber an diesem Abend dann so gewaltig, da gibt es Berichte von diesem Vortrag, also vom 27. Februar, und in diesen Berichten hört man, wie dann Rudolf Steiner gleich am Anfang von dem Vortrag, eben wie es vorhin beschrieben hat, komplett unerwartet gleich die Karten auf den Tisch gelegt hat und gesagt hat: „Liebe Freunde, so geht’s nicht weiter! Das Goetheanum ist abgebrannt, weil unter uns viel zu viel Streit herrscht!“ Dann war natürlich alle schockiert, und es gibt Berichte, in denen nachzulesen ist, dass reihenweise die Anwesenden geweint hatten, sie hatten geheult bei dieser – also so ist es denen nachgegangen, dass es so einige da saßen und vor Überraschung – weil Rudolf Steiner so ernst gesprochen hat und erstmal erklärt hat, wie schlimm es eigentlich ist, das Goetheanum verloren zu haben. Und dann hat er erklärt, warum das Goetheanum eigentlich abgebrannt ist, und das hat dann alles so tief getroffen, dass man lesen kann, dass reihenweise die Menschen dabei geweint hatten. Und dann kann man in den Berichten lesen von diesem fulminanten Vortrag von Rudolf Steiner, dass er dann beschrieben hat, was eigentlich er – er gehofft hatte von den Anthroposophen, und zwar, um es kurz zu sagen: Er hatte gedacht, die Anthroposophen würden in die Lage kommen, dass sie untereinander so fein und so achtsam umgehen lernen würden, dass unter ihnen so etwas entstehen könnte, wie dass sie sich wesensmäßig erkennen könnten. Also, wenn zwei Menschen, die spirituell geschult sind, anthroposophisch geschult sind – so war die Hoffnung von Steiner – sich begegnen, dann wäre das nicht einfach nur irgendeine Begegnung, die man so landläufig hat, sondern er hatte gedacht, eigentlich müssten die Anthroposophen durch ihre Schulung so weit sein, dass, wenn Begegnungen stattfinden zwischen zwei Anthroposophen, dass da eigentlich eine Wesensbegegnung stattfinden sollte. Und diese Wesensbegegnung unter den Anthroposophen hat eben in der Regel anscheinend nicht stattgefunden, und stattdessen hatte man sich ausgetauscht über Theoriesysteme, hat man sich ausgetauscht darüber, wie man die Anthroposophie interpretiert, hat man sich eigentlich mehr oder weniger dann wieder voneinander abgegrenzt, indem man sagt: „Meine Exegese von dem Vortrag so und so ist diese, Deine Exegese, Deine Auslegung vom Vortrag ist diese und jene, und ich bin sicher, ich habe Recht!“ Und dann ist das Ganze entstanden, was man ja so gut kennt: Man zitiert Steiner rauf und runter und benutzt die Steiner-Zitate eigentlich wie eine Waffe, um den anderen mit seinen Zitaten und Argumenten wie Schachmatt zu setzen. Und das war das, was eigentlich ihn am meisten frustriert hatte und erschüttert hatte, dass er nicht ausreichend leben konnte, dass Anthroposophen so spirituell entwickelt waren, dass in den Begegnungen unter ihnen so etwas – er hatte das bezeichnet als ein Aufwachen – stattfindet. Ja, das war eigentlich das, was er erwartet hatte, wenn sich zwei Menschen, die spirituell geschult sind, begegnen. Und dann würde nämlich etwas entstehen können, was bei Menschen, die nicht spirituell geschult sind, nicht entstehen kann oder könnte. So einfach ist das eben. Das ist eben dieses Aufwachen. Er hat es beschrieben: Das Aufwachen am geistig-Seelischen des anderen. Und das war eigentlich seine große Botschaft in diesem Vortrag. Und er hat beschrieben, wie unendlich wichtig es ist, dass die Anthroposophen lernen, wenn sie unter sich sind, dass sie dann in – in den Begegnungen am geistig-Seelischen des anderen aufwachen würden. Das muss gelernt sein, wie das eben stattfindet. Das hatte er dann in dem Vortrag erklärt, das hat er beschrieben. Er hat das nämlich beschrieben, dann genauso wie eben diesen umgekehrten Kultus. Und das Herzstück des umgekehrten Kultus, das war eben dieses – diese Begegnungsfähigkeit. Und ich weiß nicht, wer von Euch das schon mal erlebt hat, wie komplett unendlich das ist, wenn man quasi so eine Alltagsbegegnung hat oder wenn man eine Begegnung hat mit einem Menschen, und plötzlich fühlt man in dieser Begegnung – das fühlt sich so unvorstellbar vertraut an! Ja, dieser Mensch, den habe ich vielleicht erst seit einer halben Stunde kennengelernt, und ich bin mit ihm jetzt seit einer halben Stunde im Gespräch, aber dieses Gespräch ist so wahrhaft und ist so von Interesse geleitet und hat so mit offenen Ohren zu tun und nicht mit Besserwisserei und nicht mit den anderen belehren und sich nicht über GA und Steiner-Zitate auszutauschen, sondern das ist genau umgekehrt. Das ist ein Hören, ein Lauschen, ein Sich-Interessieren am anderen, eine Art aus dem anderen das Wesen herauszusaugen, herauszuholen, quasi sich so zu öffnen, dass in diesem offenen Raum so – so etwas entstehen kann wie ein – eine Sogwirkung, ja, etwas, was durch Interesse so stark werden kann, dass es Interesse manifest wird, als – dass ich den anderen wesenhaft, also in seinem Innersten, wie aussprechen kann und will. Also, das ist so eine Art Vertrauensebene, die in solchen Gesprächen dann erzeugt werden kann. Ich würde jetzt wahnsinnig gern eigentlich Euch im Seminarraum haben oder irgendwo mit Euch drüber zu sprechen, ob ihr sowas schon mal erlebt habt. Also, diese zwei Unterschiede: Ja, man ist so ganz normal miteinander in Kontakt über den Kopf und spricht und spricht und spricht. Und Steiner sagt: „Es gibt Menschen, die sind 10 Jahre miteinander verheiratet und kennen sich nicht!“ So etwas gibt es, weil sie nicht gelernt haben, quasi wesenhaft miteinander zu sprechen und sich auch Interesse zu haben, den anderen auch im tiefsten Innersten, individuellen Kern kennenlernen zu wollen. Und wenn das nicht stattfindet – und das ist eigentlich der Schlüssel zum Verständnis vom umgekehrten Kultus – wenn das stattfindet, also dieses Erwachen am geistig-Seelischen des anderen, dann würde dieses Erwachen dazu führen, wenn das eben in einer Gruppe stattfindet, dass dieses Erwachen dazu führt, dass dann eine Atmosphäre in einem Raum entstehen könnte. Jetzt muss man sich das mal vorstellen: Also, dieses, wie ich vorhin beschrieben habe, diese Sogwirkung, die entsteht durch das riesige Interesse am anderen. Diese Sogwirkung, was bewirkt diese Sogwirkung? Und jetzt kommt der eigentliche Schlüssel, jetzt kommt das eigentliche riesige Geheimnis, das Rudolf Steiner damals an seinem Geburtstag diesen tausend Menschen versucht hat zu erklären, was aber irgendwie nicht funktioniert hat. Ich kann es verstehen, es ist nicht einfach, einfach – man kann es nicht einfach – man muss es erlebt haben, das ist das Problem. Wenn man es nur hört, dann vergisst man schnell wieder. Man muss es erlebt haben. Also, was ist dieses große Geheimnis vom umgekehrten Kultus? Und er sagt: Es ist so, wenn eine Gruppe von Menschen, die wirklich ernsthaft Interesse hat aneinander und an der Sache, Idealismus entwickelt hat, dann würde in dieser Gruppe eine Sogwirkung entstehen. Und diese Gruppe – wenn man das hellseherisch – und viele von Euch kennen das ja auch – wenn diese – wenn man diese Gruppe hellseherisch anschauen würde, dann würde diese Gruppe, die dieses riesige Interesse entwickelt, würde dann wie so eine Art ätherische Schale aufbauen. Sie würde eine ätherische Schale, einen Art Kelch, würde diese Gruppe dann darstellen. Und wenn diese Sogwirkung quasi in dieser Gruppe entstanden wäre, dann würde diese Sogwirkung dazu führen, dass in diesem Kelch der Gruppe quasi ein anderes, ein höheres Wesen angezogen werden könnte, weil diese Gruppe hätte quasi wie so eine Art magische Kraft entwickelt. Und diese magische Kraft, die wäre eine Anziehungskraft, die dazu führen würde, dass eben höhere geistige Wesen von dieser Kraft dieser Gruppe, die den umgekehrten Kultus beherrscht – und nur von Gruppen, die den umgekehrten Kultus beherrschen – es gibt natürlich Gruppen, die das instinktiv richtig machen – von Gruppen, die den umgekehrten Kultus beherrschen, würde diese Schale entstehen, und diese Sogwirkung würde dazu führen, dass höhere geistige Wesen in diese Gruppe sich hinein senken würden. So war das Rudolf Steiner beschrieben, und das war sein Vortrag an seinem 62. Geburtstag, am 27. Februar 23, als er tausend Menschen dieses unvorstellbare Geheimnis von einem dritten Kultus – also der sakramentale Kultus und der soziale Kultus – diesen sozialen Kultus eigentlich beschrieben hatte, wo er sagte: „Nur wenn ihr in der Lage seid, diesen sozialen Kultus zu üben und nach und nach immer mehr zu beherrschen, nur dadurch könnten dann diese Engelwesen – also er spricht von neuen Gruppenseelen – diese neuen Gruppenseelen würden sich dann nach und nach durch die Hilfe dieser Gruppen mehr und mehr auf die Erde dann beheimaten können. Und von diesen neuen Gruppenseelen würden dann die Menschen, die spirituellen Strömungen, in der Lage sein, miteinander in Frieden zusammenzuwirken.“ Das hängt ab, ob es gelingt, Gruppen in die Lage zu kommen, diese neuen Gruppenseelen in ihre Gruppe zu beheimaten. Und diese neuen Gruppenseelen würden darauf warten, dass sie unter die Menschen kommen würden, und sie würden sozusagen quasi danach dürsten und lechzen, weil eben der Streit unter den spirituellen Strömungen und unter den Anthroposophen – das ist noch viel schlimmer als wäre es ein Streit woanders – hat Steiner beschrieben. Wenn sich zwei Anthroposophen streiten, dann hat das für die geistige Welt eine viel größere schädliche Wirkung als wenn sich zwei andere streiten. Als Ausgleich müssen diese neuen Gruppenseelen, durch diese neue Gruppenmethode des umgekehrten Kultus, müssten für neuen Frieden wieder sorgen können. Und das war das Geheimnis, was er an seinem Geburtstag aussprechen wollte. Wenn man dann die Berichte liest, wie es den Teilnehmern in diesem Vortrag gegangen ist, so kann man Berichte lesen von Teilnehmern, die sagen: „Plötzlich hörten sie mit einem inneren Ohr – und das hatten sie noch nie bei irgendeinem anderen Vortrag von Steiner gehört – als hätte Rudolf Steiner mit Hämmern geklopft!“ Also, das ist etwas, was Ihr vielleicht kennt, was Rudolf Steiner ja erst bei der Weihnachts-Tagung gemacht hat oder in esoterischen Zusammenhängen, als er quasi die Bruderschaften, so in Bruderschaftszusammenhängen, dann hat er einen Hammer genommen und hat mit dem Hammer Klopfzeichen gemacht. Die Klopfzeichen sind Klopfzeichen gewesen, um die geistige Welt einzuladen, herunterzukommen, sich hereinzusenken in die Gruppe. Also, das haben Menschen gehört, obwohl Steiner keinen Hammer in der Hand hatte. Er hatte keinen Hammer, er hat nicht geklopft vor tausend Menschen, aber es gab viele, die hatten das Klopfen, das Hämmern von Steiner gehört mit inneren Ohren. So gewaltig war dieser Vortrag! Und es gibt Menschen, die in diesem Vortrag waren, die beschrieben hatten, dass sie – beschrieben hat, dass geistige Wesen sich durch diese Kraft des umgekehrten Kultus in eine Gruppe hineinsenken würden. Da gibt es Beschreibungen, wie dann auch wieder viele Menschen plötzlich wie gebannt nach oben starrten und alle guckten genau an die gleiche Stelle, so als hätten einige gesagt, sie haben etwas gesehen und sie haben etwas gespürt, wie – wie von heißem, siedendem Wasser übergossen. So unvorstellbar stark war dieser Vortrag! Und dieser Vortrag war selbst – das ist jetzt meine persönliche Vermutung, eigentlich, aber ich will die mit Euch teilen – und dieser Vortrag war wahrscheinlich selbst von Rudolf Steiner so aufgebaut und mit dieser Kraft versehen, dass die Menschen, die in diesem Vortrag waren, in die Lage kommen, zu spüren, zu erleben, wie die Kraft von einem umgekehrten Kultus sein könnte. Er hat also nicht nur darüber gesprochen über den umgekehrten Kultus, sondern er hat ihn in diesem Moment wahrscheinlich sogar auch vollzogen. Und deswegen haben so viele Menschen einfach auch – waren zu Tränen gerührt und waren plötzlich auch wie – wie außer sich und haben – also viele haben gesagt: „Es waren wie ein Pfingstereignis!“ So muss man sich die Jünger vorstellen, die bei Pfingsten plötzlich alle aus einer – wie heißt das – alle sprachen aus einer Zunge, oder so glaube ich, heißt das irgendwie so. So haben das die Menschen beschrieben. Und so müssen wir uns das vielleicht auch vorstellen, wie ein umgekehrter Kultus in einer Gruppe sein könnte, mit welcher unvorstellbaren Kraft diese ausgestattet ist. So, und das wollte ich einfach mit Euch mal kurz teilen, damit man sich ein bisschen vorstellen kann – es – ich weiß, es ist jetzt vielleicht auch noch bisschen theoretisch, aber mir gelingt’s heute irgendwie nicht besser, das plastisch zu machen. Ich bitte da einfach um Verständnis. Danke.

Michael: Ich schaue gerade noch mal in den Chat und sehe so ein paar Bemerkungen, die vielleicht interessant wären, sie auch noch mal zu teilen. Eine Frage vom Joachim war: Wie geht der umgekehrte Kultus konkret? Eine andere Anmerkung, die gleich dahinter kommt, die gefällt mir sehr gut, die ist mir auch eingefallen: „Wenn zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, dann bin ich mitten unter Euch.“ Das denke ich ist – ja, das ist genau – das ist ein Geist, ein höheres – ja, genau. Also, dieser umgekehrte Kultus, der hat’s in sich! So, das ist etwas, was nicht einfach so instinktiv gelingt. Sondern dieser umgekehrte Kultus – weil ich sehe, sind auch Fragen in die Richtung: Wie funktioniert der? Also, was – was steckt dahinter, und was ist die Methode davon? Und es gibt tatsächlich eine Methode, und diese Methode ist ein Kultus. Und wer da sich bisschen beschäftigt hat mit den Formen von einem Kultus, weiß einfach, dass ein Kultus regelhaft aufgebaut ist, und zwar seit Jahrtausenden gibt es eben diesen – diese Form von einem Kultus, der in vier Stufen abläuft. Also, in vier Stufen wird ein Kultus durchgeführt. Liturgie – bis heute noch in den Kirchen, auch in der katholischen Kirche kennt man das – dass begonnen wird, die geistige Welt quasi einzuladen. Das nennt man „Offenbarung“, „Offertorium“. Das ist bei einem Kultus immer der erste Schritt: Die Offenbarung der geistigen Welt, das Geistige. Dann geht es im zweiten Schritt vom Geistigen, geht es dann in die – man nennt das „Opferung“. Dann kommt die „Wandlung“, und dann kommt die „Kommunion“. Das sind die vier Schritte: Offenbarung der geistigen Welt, dann geht es quasi einen Schritt tiefer in die seelische Welt, das Astrale, und das ist dann die Opferung. Und von dem Astralischen, von der Opferung, geht es wieder eine Stufe tiefer in die Stufe des Lebensleibes, Gewohnheitsleib, Kraftleib, Leib. Von diesem Prozess des – des kultischen Prozesses in diese Stufe, die nennt man dann eben „Wandlung“. Und die letzte Stufe, da geht es dann ganz herunter ins Physische, das ist die sogenannte „Kommunion“, bei der dann der Priester quasi die Hostie den Gemeindemitgliedern wirklich auch physisch darreicht. Aber diese Hostie hat sich verwandelt, transubstantiiert. Also, sie ist – sie hat Geistiges – sie ist quasi ein Teil von einem sakramentalen Prozess geworden und enthält reell wie Geistiges. Also, das ist wie so eine Art Magie, sakramentale Magie, die stattgefunden hat. Das – also diese Hostie – man darf das nicht nur rein physisch sehen, sondern da ist wie eine chemische – ein chemischer Prozess gewesen in der Umwandlung, in der Opferung, in der Offenbarung. Und dadurch, dass diese vier Stufen quasi wie regelhaft eingehalten worden sind, ist eben diese Wandlung zu einem reellen Prozess geworden, das in einem – in einem physischen Substanz etwas magisch Geistiges, transsubstantielles, also etwas Übernatürliches, stattfinden konnte. Das ist der normale Weg von einem sakramentalen Kultus. Jetzt sagt Rudolf Steiner: Dieser sakramentale Kultus hat eine unvorstellbare Kraft der Gemeindebildung. Ja, deswegen sind die Gemeinden bis heute ja noch – natürlich, es verändert sich gerade – aber über tausende Jahre konnte eine Liturgie, konnte eine Messe, konnte ein Kultus auf der ganzen Welt in – mit einer unvorstellbaren Anziehungskraft Gemeinden bilden. Und jetzt kommt eigentlich der – der springende Punkt, den man verstehen muss, wenn man den umgekehrten Kultus verstehen will, und das ist unglaublich wichtig, dass man diesen Punkt versteht. Also noch mal: Beim sakramentalen Kultus wird die geistige Welt eingeladen, um ihre Kraft, vermittelt durch Priester und durch die Gemeinde, dann in die physische Welt hinein zu – zu opfern, um diese physische Welt zu vergeistigen. Ja, das ist nicht mehr nur dieses – dieses Stück Hostie ist nicht mehr nur einfach ein Stück Brot und Schluss, sondern das ist jetzt plötzlich viel, viel mehr. Da steckt tatsächlich eine – wie eine Art Christus-Kraft in diesem Brot, und nicht nur symbolisch ist das zu denken, sondern vielleicht auch ganz reell. So, und jetzt kommt der umgekehrte Kultus, weil Steiner sagt: „Ihr müsst diesen umgekehrten Kultus verstehen, weil er analog zum sakramentalen Kultus die gleiche Kraft besitzen kann, wenn ihr den beherrscht. Deswegen bitte übt diesen Kultus in diesen vier Stufen!“ Und jetzt geht dieser umgekehrte Kultus nicht mehr von oben in vier Schritten nach unten, also vom Geistigen ins Astrale, Ätherische, Physische, sondern natürlich jetzt genau umgekehrt. Er geht jetzt hier von der Kommunion aus und geht hier von dem – quasi von dem Physischen, von der materiellen Welt, von der ganz normalen Alltagswelt beginnend, geht in vier Stufen nach oben. Also, Kommunion, und jetzt kommt schon was ganz Merkwürdiges. Vielleicht könnt Ihr Euch bei diesem Begriff „Kommunion“ schon mal etwas denken, weil soweit ist es nicht da – assoziiert man natürlich sofort Kommunikation, Gespräch. Kommunion und Kommunikation sind verwandte Worte, und das nicht zufällig. Also, damit beginnt es: Kommunion in der ersten Stufe. Also, es muss eine – also heute kennen viele Gewaltfreie Kommunikation – also muss auf der ersten Stufe muss unter den Menschen Frieden herrschen. Und wenn in der – der ersten Stufe unter den Menschen kein Frieden herrscht, so sagt Steiner, könntet Ihr es quasi gleich von vorne rein vergessen, in die nächsten Stufen kommen zu wollen. Und das ist schon der erste Schritt, bei dem viele Gruppen anfangen zu scheitern. Und das ist genau das, Ludwig, wenn ich dich richtig verstanden habe, wo Deine Frage ja hinging, weil schon beim Beginn ist es ganz entscheidend, dass keiner im Raum sitzt, wenn man miteinander arbeitet, der gegen irgendeinen anderen im Raum irgendeine Animosität hat. Wenn einer da sitzt, der sagt: „Die blöde Kuh!“ – hätte ich fast gesagt – oder der „doofe Hammel“, oder wie auch immer – und schon wieder – das habe ich doch schon hundertmal von dem gehört – wenn das stattfindet, also, wenn das Herz – es ist jetzt übertrieben – aber wenn das Herz ein bisschen eine Mördergrube ist, also, wenn man nicht im Reinen ist mit sich, mit dem – mit dem, was im Herzen ist, wenn nicht bei jedem im Herzen ist, dass jeden anderen im Raum akzeptiert, dann ist die erste Stufe der Kommunion, Gewaltfreie Kommunikation, nicht erfüllt. Und deswegen gelingen ja auch diese Prozesse vom umgekehrten Kultus oft so schwer, weil schon die erste Stufe so anspruchsvoll ist, dass die meisten schon bei der ersten Stufe hängen bleiben. Ich könnte vielleicht ein Beispiel dazu aus meiner Erfahrung erzählen. Die gleiche Gesinnung – da habe ich einen Prozess erlebt, wo eben diese – das Feststellen, dass wir gleich – gleichgesinnt sind, dieser Abgleich des Bildes, das wir von unserem Thema haben, was wir in der Gruppe bearbeiten wollen – dass das ein – ein Prozess ist, meine ich, den Du jetzt mit dieser ersten Stufe beschrieben hast. D: Wirklich, alle blinden Flecken, alle Vorbehalte ausgeräumt sind. Und kann nur sagen, ich habe es zweimal in kleinen Gruppen erlebt, ja, das gelungen ist, und das ist aber Seltenheit, aber sage ich mal immer noch – mhm – es bedarf eines intensiven Bemühens, das gleiche Bild von dem – das gleiche Ideal – mhm – mm – zu entwickeln. Und sag jetzt mal ohne blinde Flecken vollständig zu entwickeln, dann ist der Moment, wo ein höheres Geist oder wo – wo ein weiterer folgen kann, sage ich mal. Ja, genau richtig. Also, ich würde gern – also zur ersten Stufe noch mal bisschen – noch mal was dazu sagen, auch, und dann – dann können wir auch die nächsten Stufen anschauen, weil ich sehe es in den Kommentaren, dass doch einige sich dafür interessieren. Es ist interessant, dass Rudolf Steiner eben bei diesem Vortrag zum Teil auch immer ganz konkret geworden ist. Er sagt: Die erste Stufe könnt Ihr dann besser erreichen, wenn Ihr – und jetzt kommt das ganz verblüffend Konkrete – wenn Ihr in einen Raum geht, in dem Ihr nachher zusammen seid, in dem Ihr dann als Gemeinschaft Euch bemüht, spirituell zu arbeiten, wenn es Euch gelingt – wenn Ihr schon in den Raum reingeht, in dem Ihr nachher arbeitet, und die Türklinke zu diesem Raum drückt, dass Ihr in diesen Raum und über die Schwelle zu diesem Raum – dass Ihr mit einem Gefühl der tiefen Ehrfurcht eintretet. Ohne dass Ihr dieses Gefühl der Ehrfurcht habt, solltet Ihr gar nicht in diesen Raum eintreten! So konkret hat er das mal beschrieben. Und wir

Das alchemistische Jetzt: Jemand sagte, er spüre beim Thema „umgekehrter Kultus“ einen spirituellen Idealismus, der ihn an eine Zeit in einem Kloster erinnere, wo zwölf Mönche oder Nonnen ein heiliges Gefühl erlebt hatten. Wenn jemand tief Innerliches ausspricht – seine Gefühle, sein Wesen –, wenn dieser spirituelle Idealismus unter allem wirkt, und sein Innerstes preisgibt, seinen Kern zeigt, dann entsteht die dritte Stufe: die Wesensbegegnung. Man sieht den anderen im Wesenskern, den göttlichen Funken in ihm, und erwacht am seelisch-Geistigen des anderen.

Diese dritte Stufe erreicht man, wenn man auf Stufe 2 einem Menschen in seinem innersten Idealismus begegnet und er dies mitteilen kann; wenn die anderen offen sind und sein Wesen erkennen und wahrnehmen, erwacht man (Stufe 3). Stein spricht von einem höheren Erwachen, das heutzutage nur wenige Menschen erreichen. Dieses Erwachen am seelisch-Geistigen des anderen ist ein ich-haftes Erwachen, das geübt werden muss. Viele Menschen, die es erlebt haben, vergessen es nie. Ein tiefgreifender Einblick in einen anderen ist ein erhebendes Erlebnis.

Rudolf Steiner sagte, dass es in Zukunft entscheidend sei, den anderen mindestens einmal im tiefsten Kern erkannt zu haben. Dieser Moment, in dem der andere in seinem wahren Wesen erscheint, sollte für immer bewahrt werden. In schweren Zeiten hilft das Erinnern an diesen Moment, auch wenn der andere sich negativ verändert hat. Diese Treue zu diesem Moment führt zu höherem Niveau in Beziehungen. Dies ist ähnlich der dritten Stufe, wo man am Geistig-Seelischen des anderen erwacht. Durch dieses Erwachen entsteht eine Sogwirkung, wie ein eingeschalteter Magnet; manche sprechen von einem Engel, der seine Schwingen emporhebt.

Wenn viele in der Gruppe diesen Moment erleben, entsteht eine Sogwirkung, die höhere Wesen anzieht (vierte Stufe, umgekehrter Kultus). Analog zum Priester, der die Hostie verwandelt, soll die Gruppe eine solche Kraft entwickeln, dass höhere christliche Wesen sich in sie beheimaten. Das Geheimnis des umgekehrten Kultus liegt in der Kraft von "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind". Dies erfordert große Mühe. Dieser Versuch, den umgekehrten Kultus darzustellen, war bescheiden.

Was hat Stufe 3 mit Opferung zu tun? Stufe 3 ist die Wandlung. Der umgekehrte Kultus beginnt auf der irdischen Stufe (physische Ebene, Kommunikation). Die Wandlung (Stufe 2) führt von Gedanken zu lebendigem Denken, zu seelischen Kräften, Begeisterung. Man opfert die Subjektivität, die Lust am Urteilen, das Egozentrische. Wenn das Auge nicht mehr egozentrisch ist, sieht es nach außen. Man befreit sich vom Subjektiven, opfert es, um das Wesen des anderen wahrzunehmen (Stufe 3). (G 257, anthroposophische Gemeinschaftsbildung, Vortrag vom 27. Februar; Ergänzung in Dornach). Eine wichtige Tugend ist die Toleranz.

Stufe 4 ist ein Gnadenakt, ein Geschenk, man kann sie nicht aktiv herbeiführen. Manchmal spricht plötzlich jemand eine Weisheit aus, die eine Inspiration ist, kein Produkt des Kopfes. Man spürt eine dichte Atmosphäre, die die Gruppe weiterbringt. Stufe 1, 2, 3 kann man bewusst anstreben, Stufe 4 nicht. Ein Pfingsterlebnis, wo sich die geistige Ebene meldet. Wir übten dies wie einen Tanzkurs: Stufe 1, 2, 3... Anfangs reflektierten wir, später lief es automatischer ab. Sind alle im Prozess bewusst? Sprechen wir darüber? Das ist eine wichtige Frage. Es ist eigenartig. Wir übten ein Jahr lang verschiedene Methoden, reflektierten nach jeder Stufe. In Gruppen kann das dann automatischer ablaufen.

Vielen Dank. Das war ein tiefgehendes Bild. Es darf wirken und einsickern. Eine wunderbare Erfahrung. Ich denke, wir sollten jetzt langsam zum Ende kommen. Vielen Dank an Michael im Namen der Holiversität und der Rudolf Steiner Gesellschaft für deinen Vortrag, deinen lebendigen Bericht über den umgekehrten Kultus und deine Erfahrungen. Vielen Dank. [Musik]