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So wichtig ist die Mittagspause in Japans Schulen | Galileo | ProSieben

Galileo11:52

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Sich vorstellen, sich zwei Stunden Zeit zu nehmen, um ihrem Kind eine Pausenbox zusammenzustellen. In Japan ist das vollkommen normal, denn die Mittagszeit, die ist in Japans Schulen ein extrem wichtiger Teil des Unterrichts, und da wird nichts dem Zufall überlassen. Wir sind in Japans Hauptstadt Tokio. Hier bedeutet Mittagszeit nicht gleich Pause. Im Gegenteil, alles ist durchstrukturiert und organisiert, und zwar nicht nur bei den Erwachsenen, sondern vor allem bei den Kleinsten.

Wir treffen Judo und Ju, sie beide zehn Jahre, mit dabei ihr Schulranzen und ein kleiner bunter Beutel. "Ich habe hier mein Lunchtuch, ein Putztuch und das ist mein Wunsch, und natürlich auch meine Zahnbürste. Das alles brauche ich fürs Mittagessen." Ein spezielles Schulamt, also sowas kennen wir in Deutschland schon mal nicht, und es steckt noch viel mehr hinter dem kleinen bunten Beutel. Wir müssen uns aber bis zur Mittagszeit gedulden. Für Juli und seine Klassenkameraden heißt es zuerst Frühsport.

Während die Zehnjährigen Spitzentreffen in Japans Kindergärten, gerade die Jüngsten, 1, 3, 4 und 5-Jährige, die zur Mittagszeit ein ganz besonderes Landschaft einnehmen, dass es so bei uns definitiv nicht gibt. So besonders, dass hier nicht die Kinder dafür pauken müssen, sondern die Mutter. Zweimal pro Woche treffen sich Tokios Mamas in Tomomi Maros Bento-Box-Kurs. Ein Kurs für die perfekte Pausenbox. Die Rede ist hier nicht von einer klassischen Brotbox, wie wir sie kennen. Hier geht es um wahre Meisterwerke.

"Ich habe mal bei einer Mutter so eine Box gesehen und ich fand die Idee so toll, dass ich überlegte, was man aus Essen alles zaubern kann. Ich freue mich, dass immer mehr mitmachen, so viele, dass Tomomi's Kurs auf Wochen im Voraus ausgebucht ist." Denn sie weiß genau, wie ein süßer Pandabär nicht nur niedlich, sondern auch lecker ist. Mit einer Nase aus Algenblättern, Ohren aus Oliven, Käseaugen und Post-Päckchen. Detaillierte Handarbeit ist gefragt, aber wozu der ganze Aufwand?

"Je öfter ich so eine Box mache, desto schneller geht es natürlich, aber ein bis zwei Stunden braucht man schon. Doch wenn sich meine Kinder darüber freuen und eine leere Box mit nach Hause bringen, lohnt sich das." Genau das ist die Idee. Süße Bento-Boxen, desto eher essen die Kleinen alles auf. Aber nicht jeder hat ein Basteltalent. Die einen haben schönere Welten als andere. Wettbewerb gehört also bestimmt dazu. Es geht eher um die Beziehung zwischen Mutter und Kind. Es ist eine ganz besondere Kommunikation. Neidisch ist da niemand. Für die Mütter ist klar, Arbeit, Zeit und übrigens auch Geld sind gut investiert. 20 Euro kostet eine Kursstunde. Väter sind manchmal dabei.

Die Kreativität hat dabei freie Bahn. So kann's Akademie über Gut passt in die japanische Lunchbox. Zurück im Kindergarten. Wir sind gespannt, haben wirklich alle Kinder eine Bento-Box? Immerhin sind die meisten Mütter auch berufstätig. Haben wirklich alle Zeit für morgendliche Bastelleien? Mit der Ansage zur Lunchtime herrscht hier eine einstudierte Routine. "Hinterseite in die Mitte und dann still sein. Macht eure Augen zu, legt euch hin. Die Kinder sollen sich beruhigen, sonst herrscht beim Essen des Chaos und alles schön. Bento-Boxen fliegen nur durch die Luft."

Jetzt wollen wir es wissen. Haben wirklich alle lustige Figuren in ihren Boxen und wie reagieren die Kids darauf? Vorher aber zurück zu Juves Grundschule. Auch bei den Viertklässlern ist es kurz vor zwölf, kurz vor der japanischen Lunchtime. Doch wer daran Pause denkt, Fehlanzeige. Was gleich folgt, hat nichts mit Entspannung oder Abschalten. Im Gegenteil, die Mittagszeit gibt es in deutschen Schulen definitiv nicht. Bevor es losgeht, wollen wir einen ersten Blick auf die Lunchtime erhaschen und versuchen unser Glück in der Schulküche.

"Kennen wir die Küche besuchen und sehen, wie sie die Lunchtime vorbereiten? Leider nicht. Wir haben sehr hohe Hygienebestimmungen und es dürfen keine fremden Leute in unsere Küche. Doch wir können die Küchen überreden, unsere Kamera mit rein zu nehmen." Sofort fällt auf, Hygiene wird hier besonders groß geschrieben. Arbeitskleidung, Mundschutz. Die japanische Schulküche gleicht vom Hygienestandard her eher einem Operationssaal als einer Mensa. Glücklich, und 12. Der nächste Unterschied. Nicht die Schüler kommen in die Mensa, das Essen kommt zu ihnen, direkt ins Klassenzimmer. Dann ist es soweit, Lunchtime in Japans Schulen.

Der Lunchwalk, also an die Lunch-Säckchen mit einem Tischtuch decken. Wie bereits im Kindergarten gelernt. Sie weiß genau, was dahinter steckt. "Das Lunchtuch müssen wir immer benutzen, damit die Tische sauber bleiben und der Mundschutz ist gegen Spucke oder Bakterien oder so. Wir müssen das immer dabei haben, sonst gibt's Ärger. Ach ja, die Zahnbürste brauche ich dann später." Die Kinder sollen früh lernen, Mittagessen ist nicht einfach nur Essen, es bedeutet Disziplin und Gemeinschaft. Genau deshalb hat hier jeder seine Rolle, wie später auch in der Gesellschaft. Die wichtigste Aufgabe, die täglich durch wechselt. Acht Kinder verteilen das Essen selbstständig. Dafür werfen sich die Zehnjährigen im op-artigen Kittel mit Mundschutz und Kopfhaube. Ziemlich skurril finden wir.

"Wir sind heute für das Essen verantwortlich, also darf kein Dreck ins Essen, auch keine Haare und ihr Kleid bleibt auch sauber. Genau, klingt vernünftig." Die Kinder wirken so erwachsen. Selbstständig bereiten sie die Essensausgabe vor. Die leeren Schalen in Luft aufgelöst. Die Kids machen alles auf eigene Faust, und das ist erst der Anfang der japanischen Lunchtime. Gleich wird es noch verrückter. Vorher aber zurück in den Kindergarten. Hier ist es Zeit, endlich die Bento-Boxen zu öffnen. Genug gewartet, und was ist drin? Sind wirklich alle so kreativ wie im Lunchbox-Kurs? Wurde ein Kind vielleicht sogar leer aus?

Hier muss zugeben, die japanischen und auch berufstätigen Eltern sind wirklich einfallsreich. Wobei unser belegtes Brot schon reicht. Hat hier jede Box entweder ein niedliches Gesicht, es versteckt sich irgendwo ein kleines Spielzeug oder eine süße Überraschung. Immer mehr Kinder haben diese Bento-Boxen. Es ist ein richtiger Trend, fast schon ein Muss. Die Eltern geben sich wirklich Mühe und das freut die Kinder und die Eltern, denn das, was sonst wo ihr links liegen bleibt, so brav auf die Gäste. Die Kinder haben zu Hause was zu erzählen und wissen immer, wer sich so viel Arbeit für sie macht. "Meine Mama hat mir das Halloween-Gesicht gemacht, das traf auf Halloween oder Micky Maus. Es funktioniert."

Die Boxen sind leer, die Bräuche der Kleinsten dafür voll. Der Aufwand der Eltern lohnt sich. Während hier die Lunchtime zu Ende geht, wollen wir noch einmal zurück zu Judy und seiner Schulklasse. Dort gibt es heute Miso-Suppe mit Algen, Gemüse, Fisch und Reis. Auf jeden Fall gesund. Die Kinder bedienen sich gegenseitig. Sieht irgendwie schräg aus, die Zehnjährigen in ihren Op-Kittel, die brav anstehenden Mitschüler. Doch hinter der Lunchtime steckt ein Prinzip. Vor allem sollen die Kinder lernen, selbstständig und rücksichtsvoll zu sein und Verantwortung zu übernehmen. So lernen sie schon in der Schule, sich in eine Gemeinschaft zu integrieren. Das Mittagessen, Unterrichtsstunde in Benehmen und Moral, und es funktioniert. Niemand macht, niemand laut. Essen von anderen. Genau darauf basiert die japanische Kultur, Gleichheit und Gerechtigkeit, und das sollen die Kinder früh lernen.

Nach 20 Minuten Vorbereitung ist es endlich soweit. Judy und seine Mitschüler dürfen zugreifen. Das ganze Prozedere stets fest im Dienstplan. Die Köchin beaufsichtigt die hungrigen Kids und belehrt sie auch noch. "Wisst ihr, welches Gemüse in der Suppe ist? Grüne Algen. Die schmecken gut. Genau, und die kommen aus Kyushu. Das Kraut kommt aus der Region. Ihr wisst ja, das ist das nicht das ganze Jahr gibt es." Wichtig ist, dass die Kinder wissen, was sie da essen und woher es stammt. Nur so entwickeln sie einen bewussten Umgang mit gesunder Ernährung. Die Lunchtime ist für alle verpflichtend. Niemand geht nach Hause oder zur Fast-Food-Kette. Und egal, was wir fragen, der zehnjährige Ju hat immer eine vernünftige Antwort parat. "Es ist wichtig, dass ich schon in der Schule selbstständig bin. Später ist es ja peinlich, wenn nicht gar nichts alleine kann oder nichts weiß. Hier lerne ich, später ein guter Erwachsener zu sein."

Zugegeben, auch hier gehört Spielen und Zanken zum Alter. Erwachsene benehmen, irgendwie auch selbst beim Nachschlag. Wir teilen übrigens Reis in fünf Stücke auf. Wäre ja unfair, wenn jemand nach Hunger hat, aber nichts kriegt. Ich habe aber immer großen Stolz für Japans Kids. Definitiv ganz anders als bei uns. Pause, Methoden, Zanken und Versteckspielen, nicht in Japan. Hier geht es um Disziplin, Erziehung und Geduld für Kinder und Eltern.