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Schwestern, liebe Brüder! Seit Monaten führen katholische Christen intensiv eine Diskussion: Wie wir heute Kirche sein können und wollen, und was die Kirche ist. Heute, 50 Tage nach Ostern, feiern wir den Geburtstag dieser Kirche. Denn mit dem Kommen des Geistes damals, beim ersten Pfingstfest in Jerusalem, da begann die Kirche zu leben. Ohne den Heiligen Geist, liebe Schwestern und Brüder, gäbe es keine Kirche.
In der ersten Lesung hörten wir, wie der Geist Gottes an Pfingsten auf Maria und die im Abendmahlssaal versammelten Jünger herabkam. Sturmesbrausen und Feuerzungen machten sein Kommen hör- und sichtbar. Das ist aber nur etwas rein Äußerliches, was dabei geschah; das geht viel, viel tiefer. Denn durch das Kommen des Heiligen Geistes wurde die Jüngergemeinde mit der Gegenwart des Gekreuzigten und Auferstandenen Herrn erfüllt. Jesus hatte den Jüngern versprochen: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ Und durch den Pfingstgeist erfüllt Jesus jetzt sein Versprechen. Er macht die Gemeinschaft seiner Jünger zum Ort seiner Gegenwart in der Welt; er macht sie zur Kirche.
Die Kirche, liebe Schwestern und Brüder, ist so das Sakrament der Gegenwart Christi in der Welt, der Ort, wo uns das Heil geschenkt wird. Sie kennen alle die Erzählung von der Erschaffung des Menschen, wie sie uns auf den ersten Seiten der Heiligen Schrift überliefert ist: „Gott, der Herr, formte den Menschen aus Staub vom Erdboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen“, heißt es da. Und genau nach diesem Muster hat Gott auch die Kirche geschaffen. Die Jünger sind gemeinsam mit Maria im Abendmahlssaal versammelt, und Gott sendet – oder um im Bild zu bleiben – bläst seinen Heiligen Geist in diese Gemeinschaft hinein, die dadurch eben zum Ort seiner Gegenwart, zum Ort der Gegenwart des Gekreuzigten und Auferstandenen wird. In der Kirche begegnen wir also dem Herrn, und damit begegnen wir ihm, ihr Gott. Denn Jesus Christus ist mit dem Vater Gott, und wo Jesus ist, da ist auch der Vater und der Heilige Geist; denn alle drei sind der eine Gott.
Darum, liebe Schwestern und Brüder, beschreibt das Zweite Vatikanische Konzil die Kirche auch als „das von der Einheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes her geeinte Volk“. Die Kirche ist nicht einfach Menschenwerk; sie ist nicht einfach eine Institution, die wir geschaffen haben, damit das irgendwie gelingt, gemeindliches Leben oder irgendwie die Botschaft Jesu weiterzusagen. Nein, die Kirche ist von Gott geschaffen; sie ist nicht unser Werk, über das wir zu befinden hätten; sie ist Gottes Werk. So eng hat sich Christus mit der Kirche verbunden, dass sie sein Leib ist. Wir haben das heute in der Lesung noch einmal gehört, dass der Apostel sie so bezeichnet: Christus ist das Haupt; einzeln sind wir dessen Glieder. Haupt und Glieder bilden so einen einzigen Leib. Der Heilige Augustinus drückt diese Einheit einmal so aus: „Haupt und Glieder sind der eine Christus, der ganze Christus.“ So sehr sind wir in der Gemeinschaft der Kirche in Jesus Christus eingefügt, und die Kirchenväter, die werden dann nicht müde, diese Einheit mit immer neuen Bildern zu beschreiben: Christus, der Bräutigam, so sagen sie, und seine Braut, die Kirche, die zusammen ein einziges Fleisch bilden. Die Kirche ist das Bundeszelt seiner Gegenwart; sie ist das Gebäude, das er als Architekt gebaut und als den Schlussstein vollendet hat; sie ist der Tempel, in dem er lehrt; sie ist das Schiff, dessen Steuermann er ist; sie ist das Paradies, und er ist der Baum und die Quelle des Lebens. Praktisch so sagt das der französische Konzilstheologe und spätere Kardinal, Yves Congar: „Jesus Christus ist also eins mit seiner Kirche.“
Jesus hat ihr als Architekt der Kirche auch Gefüge und Ordnung gegeben. Er hat sie auf das Fundament der Apostel gebaut, unter denen Petrus den ersten Platz einnimmt und der damit für die Einheit der Kirche steht. Durch sie und ihre Nachfolger nimmt Jesus seine Aufgabe als Haupt der Kirche, als Lehrer der Wahrheit und Spender des Heils wahr. „Wer euch wird hören, der hört mich; wer euch ablehnt, der lehnt mich ab“, sagt Jesus zu seinen Aposteln. In ihnen geht seine Sendung weiter: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ Ihnen gibt er die Vollmacht, Sünden nachzulassen; ihnen trägt er auf, in seiner Person zu tun, was er beim letzten Abendmahl getan hat: den Gläubigen in Zeichen von Brot und Wein seinen geopferten Leib und sein am Kreuz vergossenes Blut zu zeigen. Das tut Jesus bis heute in ihren Nachfolgern. So ist die Kirche das Sakrament Jesu Christi, das Mysterium seiner Gegenwart unter uns, verwirklicht durch den Heiligen Geist, den Gott an Pfingsten ausgegossen hat.
Die Sendung der Kirche, liebe Schwestern und Brüder, die Sendung der Kirche ist jetzt aber nicht etwas Zusätzliches zur Sendung Christi; vielmehr ist sie durch den Heiligen Geist Zeichen und Werkzeug für die Sendung Christi auch in unserer Zeit. Die Sendung des Heiligen Geistes bildet und bewirkt deshalb die Kirche. Kirche und Geist gehören damit untrennbar zusammen. Und auch das dreistufige Amt in der Kirche – Bischöfe, Priester und Diakone, mit dem Nachfolger Petri als einheitsstiftender Mitte – steht nicht gegen den Geist, sondern ist eine Gabe des Geistes für seine Kirche und damit für uns alle. Jeder Versuch, Kirche und Heiligen Geist voneinander zu trennen oder gar in einen Gegensatz zu bringen, kann sich nicht auf das Zeugnis der Schrift berufen. Eine solche Sicht bleibt an der Oberfläche und wird dem Wesen der Kirche nicht gerecht. Der Märtyrerbischof Irenäus von Lyon hat das bereits im zweiten Jahrhundert so ausgedrückt: „Wo die Kirche ist, da ist Gottes Geist; und wo Gottes Geist ist, da ist die Kirche.“ Und: „Jegliche Gnade und der Geist der Wahrheit sich von der Kirche entfernen heißt, den Geist verwerfen und sich eben damit vom Leben ausschließen.“
Liebe Schwestern, liebe Brüder! Wir brauchen heute mehr denn je ein klares Bild von der Kirche, denn dabei geht es ja um das, was unsere christliche Identität ausmacht; beziehungsweise es geht im letzten auch um unser Verhältnis zu Gott. Denn was wir als Christen sind, das sind wir durch die Kirche. Durch den Geist lebt Jesus in der Kirche, und durch die Kirche empfangen wir Gemeinschaft mit Christus und Teilhabe am Leben Gottes. Darum sagt der Heilige Augustinus: „Um vom Geiste Christi zu leben, muss man in seinem Leib bewohnen.“ Vor diesem Hintergrund, liebe Mitchristen, gilt es immer wieder neu zu bedenken und zu durchbeten, was Christus seiner Kirche eingestiftet hat. Nur das schafft nämlich Einheit; nur das hält sie zusammen. Wie die Kirche nicht von uns geschaffen ist, so wird auch die Einheit der Kirche nicht von uns hergestellt; sie ist uns vorgegeben in der Stiftung des Herrn. Sie müssen wir annehmen, indem wir die Wahrheit des Glaubens annehmen. Nur so bleiben wir davor bewahrt, in eine Vielzahl von Gruppen auseinanderzufallen und damit die kirchliche Einheit aufzulösen.
An Pfingsten feiern wir den Geburtstag der Kirche. Durch das Kommen des Heiligen Geistes hat sie zu leben begonnen. In der Kraft des Geistes pilgert sie durch die Jahrhunderte. Danken wir, liebe Schwestern und Brüder, deshalb heute dem Herrn dafür, zu dieser Kirche gehören zu dürfen, und lieben wir die Kirche trotz aller menschlichen Schwächen, Fehler und Sünden, mit der wir ihre Schönheit immer wieder beflecken. Denn „im selben Maße, in dem einer die Kirche liebt, hat er in sich den Heiligen Geist“, sagt Augustinus. Durch die Kirche lebt Christus in uns und unter uns; in ihr belebt uns Gottes Heiliger Geist, und durch sie führt uns der Vater zu sich, in die Fülle des göttlichen Lebens. Amen.