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21.11.2024 - Gesellschaftliche Grenzen der Anpassung

Initiative: Nachhaltige Entwicklung1:07:48

Transcription

Einen wunderschönen guten Abend. Wir freuen uns, dass Sie alle da sind und ja, unserem Versuch, das Thema "Was sind gesellschaftliche Grenzen der Klimaanpassung?" näherzukommen. Sonja Kleinhut und ich haben die letzten Wochen an dem Thema ziemlich rumdiskutiert, haben ziemlich viel ausgetauscht, sehr viele Ideen hin und her getragen und werden das so ein bisschen... Ich denke, wir nehmen so unterschiedliche Rollen ein. Ich mache eher die naturwissenschaftlich-technische Perspektive, du machst eher eine gesellschaftswissenschaftliche Perspektive. Genau, und zwischen uns versuchen wir für Sie das Thema greifbar zu machen. Und mm, lassen jetzt noch einfach die Leute auf ihre Plätze gehen und dann legen wir los.

Einleitend ein, zwei Dinge: Die Frage nach den gesellschaftlichen Grenzen der Anpassung ist hier bewusst maximalistisch, also sehr weit gewählt. Und wir möchten gewissermaßen als Vorwegnahme dazu auch sagen, dass jeder einzelne Vortrag dieser Ringvorlesung Aspekte gesellschaftlicher Grenzen der Anpassung diskutiert. Weil das so ist, haben wir uns sozusagen für eine sehr, ähm, ja, weitläufige Perspektive dieser Fragestellung entschieden, natürlich auch mit Blick auf die Frage der Grenzen und äh, nicht nur der Möglichkeiten der Anpassung. Ähm, aber es ist eben wichtig zu sagen, dass sie, ähm, diese gesellschaftliche Perspektive auch Thema aller anderen Vorträge ist.

Und vor diesem Hintergrund, ähm, beginnen wir dann auch sehr maximalistisch damit zu sagen, dass man Anpassung durchaus gemäß der Evolutionstheorie als Grundprinzip alles Lebendigen bezeichnen kann. Anpassung ist per se erstmal weder etwas Schlechtes noch etwas, ähm, ja, irgendwie Neues. Ja, sondern als evolutionäre Adaptation verstanden, etwas, das in lebendigen Prozessen, naja, so von statten geht, mit mit Bezug auf die Erscheinungsform des Lebens, mit Bezug auf den Stoffwechsel, mit Bezug auf das Verhalten allen Lebendigen. Und wie man hier auf der Grafik vielleicht erahnen kann, ist dieses Leben, das sich über die la, über den Lauf der Zeit angepasst hat, hat auch schon eine sehr, sehr, sehr lange Anpassungsgeschichte von Mikroorganismen vor viinhalb Milliarden Jahren bis zu den Tieren, wie wir sie heute vielleicht uns am ersten vorstellen können, auch bereits 500 Millionen Jahre her.

Diese Art der evolutionären Anpassung hat allerdings den Nachteil, dass sie sehr, sehr lange dauert. Also, evolutionäre Prozesse gehen über, je nachdem, welchen Organismus man hat, sehr, sehr, sehr viele Generationen von statten. Und sie bedeutet in der Regel auch, dass eine Lebensform in eine andere übergeht. Also, das heißt, die Anpassung des Lebens heißt auch zugleich den Untergang der Lebensformen, die in dieser neuen Lebensform, ja, ersetzt werden. Das ist, glaube ich, etwas, was man sich auch immer klar machen muss.

Auch in der menschlichen Geschichte ist Anpassung etwas gewesen, was immer von statten gegangen ist. Und das ist auch etwas, was wir als Spezies Homo sapiens vielleicht vielen anderen Lebensformen voraus haben, wenn man so will, wenn man heute noch so sprechen will. Der Mensch hat eine sehr große Anpassungsflexibilität. Beispielsweise sind wir übergegangen von der nomadischen zur sesshaften Lebensweise. Das ist ein sehr großer Bruch in der Lebensform, nicht in der Spezies, aber in der Lebensform. Und es hat sich auch im Laufe der vielen tausend Jahre, die es uns gibt, erwiesen, dass wir eine sehr große Toleranz gegenüber unterschiedlichen klimatischen Verhältnissen aufweisen. Allerdings ist diese Art der Anpassung niemals ein gesteuerter Prozess gewesen in der Vergangenheit. Und es gibt auch keine Gelingensgarantie, dass diese Anpassung an neue klimatische Verhältnisse, ja, mit Erfolg gekrönt ist. Also, es sind viele daran untergegangen.

Blicken wir mal in die sogenannte Moderne, hier mit Fokus natürlich auch auf die westeuropäische oder industrielle Moderne, die ganz wesentlich unser Selbstverständnis über Anpassung prägt. Tatsächlich ist es so, dass wir in den letzten paar hundert Jahren uns dahin entwickelt haben, vor allem durch Wissenschaft und Technik, dass wir die Welt nicht mehr so betrachten, dass sie im Prinzip in jedem Zustand, in dem sie uns erscheint, ein neu geschaffener Zustand ist. Sondern wir haben durch Naturwissenschaften und so weiter Einblicke in die Gesetzmäßigkeiten der Natur und der Verhältnisse, in denen wir leben, gewinnen können. Und diese Einsicht hat einen entscheidenden Vorteil mit sich gebracht, nämlich es hat die Welt denkbar und machbar, also irgendwie gestaltbar für uns gemacht. Ja, wir haben sowas wie Zukunftsbewusstsein entwickelt, nicht im Sinne von "hoffentlich geht morgen auch noch die Sonne auf", sondern im Sinne von "wir wissen ganz sicher, dass morgen die Sonne um so und so viel Uhr aufgeht".

Was auch passiert ist in diesen letzten paar hundert Jahren ist das, was wir den modernen Staat nennen. Und der moderne Staat legitimiert sich zumindest laut Hobs darüber, dass er den Menschen eine große Last abnimmt, nämlich die Last, ums eigene Überleben kämpfen zu müssen. Beispielsweise durch kriegerische Auseinandersetzungen, aber auch in der ganz basalen Daseinsvorsorge. Das ist natürlich nichts, was immer gelungen ist in der Geschichte, aber es ist prägt ganz, ähm, entscheidend unser Verständnis über unser Zusammenleben. Wir sind in gewisser Weise, und hier ist es auch wieder wichtig zu betonen, dass das ein sehr westlicher, ähm, industrieller Fokus ist, von Fragen der ganz fundamentalen Selbsterhaltung entlastet gewesen. Und in diesem verhältnismäßig paradiesischen Zustand hat sich auch ein neuer Subjekttypus, also ein Selbstverständnis von uns als Einzelpersonen herausgebildet, das nicht mehr unbedingt Anpassung in den Fokus stellt, weil Anpassung mit so etwas wie assoziiert ist, wie sich an Sitten, Gebräuche oder auch an die Willkür von mächtigeren Personen anpassen zu müssen. Und das hat mit sich gebracht, dass wir Anpassung normalerweise als einen negativ konnotierten Begriff wahrnehmen. Ja, wir sprechen davon, dass es einen Anpassungsdruck gibt oder so etwas. Das ist etwas, was unserem Selbstverständnis widerspricht.

Was stattdessen in den letzten Jahrzehnten vor allem sehr stark m, ein, ja, Einzug gehalten hat in unser Selbstverständnis ist, dass wir es, dass wir uns als Individuen verstehen, die das Recht genießen und die Möglichkeiten dazu nach Kräften nutzen, uns selbst zu verwirklichen und uns selbst zu entfalten. Und diese Art der Selbstverwirklichung, Selbstentfaltung, die verstehen wir in der Regel als Gegenteil zur Anpassung.

Es ist vor diesem Hintergrund so, dass uns die Klimakatastrophe in diesem Selbstverständnis irritiert. Sie ist eine Provokation, weil sie die Selbsterhaltungsfrage wieder in den Vordergrund drängt. Sie ist eine Zumutung, weil sie uns Anpassung aufzwingt. Aber, und da bleiben wir in unserem Selbstverständnis als moderne Menschen, sie ist auch ein großer Steuerungs- und Gestaltungsauftrag. Und damit kommen wir sozusagen zu den Möglichkeiten der Anpassung.

Der Klimawandel wird in der Regel verbunden mit diesem Steuerungs- und Gestaltungsauftrag, den wir die große Transformation nennen. Das ist der erste Teil: Transformation by Design, also als selbstgesteuerte Anpassung. Weil es keine sozusagen Anpassungstransformationstheorie gibt, ähm, orientieren wir uns beim Thema Anpassung auch an dem großen Themenkomplex Nachhaltigkeitstransformation. Die Nachhaltigkeitstransformation umfasst ja mehr als den Klimaschutz. Es geht nämlich ganz fundamental um die Erhaltung unserer Lebensgrundlagen. Und wenn wir über Anpassung sprechen, dann geht es darum, unsere Lebensgrundlagen zu erhalten und uns in irgendeiner Form des Einklangs damit, also das heißt, ja, in der Selbstsicherung dazu zu verhalten.

Es ist weiterhin auch so, dass Anpassung ohne Klimaschutz, ja, im Prinzip sinnlos ist, weil wir kein komplett davon galoppierendes Klima ertragen können. Das heißt, auch hier fallen die beiden Themen in gewisser Weise in einen Auftrag. Deswegen verstehen wir die gesellschaftliche Anpassung jetzt heute in diesem Vortrag auch als eine umfassende Transformation. Und wenn man sich dann fragt, wie eine umfassende Transformation aussehen kann, ist es naheliegend, den paradigmatischen Text dazu heranzuziehen, nämlich das Hauptgutachten des WBGU, des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung, zum Themenkomplex globale Umweltfragen, Umweltveränderungen, glaube ich, m, von 2011. Darin werden einige andere Transformationstheorien aufgegriffen. Wir können hier heute nur Einblicke, Blitzlichter reingeben.

Das Problem an der großen Transformation, und das ist auch das große G an der großen Transformation, ist, dass sie ohne Vorbilder ist. Also, es hat zwar schon große Transformationen objektiv gesehen gegeben, beispielsweise die neolithische Transformation, aber es hat noch nie eine gesteuerte große Transformation gegeben. Groß, weil sie umfassend ist, weil sie alle Lebensbereiche umfasst. Aus diesem Grund muss sich auch das WBGU-Gutachten an Transforma-, sogenannter mittlerer Reichweite orientieren. Also, das heißt, wir schauen, Sie schauen in die empirische Forschung, was hat es denn so für Transformationen gegeben. Und da nimmt man einerseits die Transformationen mittlerer Reichweite als Orientierung. Da sind beispielsweise die europäische Integration mitgemeint, aber auch so etwas wie der Abolitionismus, die Abschaffung der Sklaverei in Amerika, weil das Transformationen sind, die gesteuert von statten gegangen sind. Und man versucht dann eben in diesem Gutachten die Möglichkeiten und Bedingungen, aber auch die Grenzen solcher Transformationen mit Hilfe von Transformationstheorien auszuloten.

Allerdings sagt das Gutachten auch ganz deutlich: Es gibt einen globalen politischen Konsens darüber, dass eine rasch erfolgende Erderwärmung von mehr als 2° Celsius die Anpassungsfähigkeit unserer Gesellschaften überfordern würde.

Dieses Gutachten, das WBGU, stützt sich relativ stark auf das folgende Transformationsmodell, das Sie hier sehen, das sogenannte Multilevel Perspectives Modell, das Anfang der Nullerjahre von niederländischen Forschenden entwickelt wurde, das Sie hier rechts klein im Original sehen und links in der Anpassung, ähm, die das WBGU-Team vorgenommen hat. Die Idee ist hier, dass Transformationsprozesse oder Transitionsprozesse, wie sie dann auch heißen, eigentlich nach diesem Modell auf drei verschiedenen Ebenen von statten gehen. Verstanden wird unsere Gesellschaft, also das, was wir transformieren müssen, also eine umfassende Transformation, so dass wir in der Mitte, das sehen Sie da, in diesen durchgehenden Pfeil [Musik] das sogenannte dominierende soziotechnische Regime haben. Also, das heißt, das ist sozusagen unser institutioneller Apparat, der stabil vor sich hinläuft und der diese verschiedenen Felder beinhaltet, diese verschiedenen Funktionssysteme, könnte man auch sagen, mit Luhmann, den wir letzte Woche ja schon angesprochen hatten, etwa Wissenschaft, Kultur, Politik, Technologie, Märkte und ihre NutzerInnen, Industrie und so weiter. Diese weisen also so eine Stabilität auf, in gewisser Weise.

Und oberhalb dieses stabilen Regimes befinden sich die Megatrends, nennt es das Gutachten. Im Original heißt es "landscape". Das sind größere, sozusagen, ja, noch mehr als Makro, deswegen Mega, also größere Trends, die sozusagen unsere Zeit beeinflussen. Beispielsweise das Verbrennen von fossilen Brennstoffen. Also, das heißt, dass wir Gesellschaften haben, deren Industrien und deren Lebensstandard vollständig auf dem Verbrennen fossiler Brennstoffe aufruhen.

Die Idee bei diesem Modell ist jetzt hier, dass dieses stabile, dominierende soziotechnische Regime von zwei Seiten irritiert werden kann. Einerseits durch die Megatrends selbst, das heißt, durch große, plötzliche Ereignisse, die Einfluss auf die Stabilität der Ordnung nehmen. Und andererseits, und das ist hier fast noch wichtiger bei diesem Modell, durch das sogenannte Nischenniveau unten links. Und dieses Nischenniveau ist auch die Stelle, an der man mit der Transformation am hoffnungsvollsten ansetzt bei diesem Modell. Das ist nämlich der Ort, an dem sogenannte Nischenakteure, also einzelne Akteure mit neuen Vorschlägen kommen und diese erproben können in einem relativ geschützten Raum, bis sie sogenannte Marktreife erlangen und dann Eingang finden können in das normale Regime. Das heißt, die Veränderung kommt sozusagen durch eine Art Avantgarde zustande.

Damit das passieren kann, muss es allerdings auch schon eine Art Irritation auf dieser Mega-Ebene geben, die das zulässt, ja, dass sich überhaupt dieses sehr stabile mittlere Niveau so stark irritieren lässt. Und das Beispiel, das immer ganz gern herangezogen wird, sind etwa Antriebs- und Energiewende, wo solche Ereignisse wie Fukushima, aber natürlich auch die Klimaprognosen dazu führen, dass es eine gewisse Reziprozität, also eine Empfänglichkeit auf der mittleren Ebene dafür gibt, dass man einzelne Innovationen auf der Nischenebene zulässt. Also, das heißt, auf der Nischenebene würde beispielsweise lange herum experimentiert werden, wie so ein PKW elektrisch fährt. Und wenn dann etwas passiert, ja, wie das Abschalten von Kohlekraftwerken oder sowas, dann gibt es eine gewisse Offenheit dafür, dass sich diese Nischeninnovation zum Standard entwickeln kann.

Es ist allerdings auch so, dass dieses Modell stark aus der Evolutionsökonomik, der Innovationsforschung und der Institutional Theory übernommen ist und deswegen ursprünglich vor allem technische, technologische Innovationen im Blick hatte. Deswegen ist das Beispiel mit dem Auto, mit dem Elektroauto, gar nicht so falsch. Das Problem an diesem Modell ist, dass es diese insgesamt, ja, funktionierende, stabile Ordnung in der Mitte, also dieses dominierende soziotechnische Regime, nicht als solches in Frage stellt. Und es gibt einen relativ großen Konsens in der Sozialwissenschaft, dass der Klimawandel ganz, ganz, ganz wesentlich durch unsere kapitalistischen Produktionsweisen verursacht ist. Das wird hier nicht in Frage gestellt. Deswegen gibt es ein zweites Spiel, wenn man so will, aus der Soziologie, das wir hier mitgebracht haben, und das ist Eric Olin Wright von 2017, der sagt, die Sozialwissenschaft hat nicht nur die Aufgabe zu beobachten, was bereits passiert ist oder was ist, sondern sie hat auch die Pflicht, Vorschläge zu machen. Und deswegen ist das hier sozusagen ein sehr engagierter Vorschlag für eine radikal demokratische Transformation.

Er sagt, in der Transformationsforschung kann man grundsätzlich drei Typen von Transformationen unterscheiden. Die einen, die kennen wir noch sozusagen aus lange vorangegangenen Zeiten und sind auch nicht ganz aus der Mode gekommen, das sind die Revolutionen. Die sind disruptiv, die brechen insgesamt mit der Logik der Gesellschaft und richten sich darauf, ganze Systeme zu stürzen. Dann gibt es diese intersische Transformation. Das sind die Transformationen durch Freiräume. Die sind gar nicht so anders konzipiert wie diese Nischeninnovation in dem Modell davor, denn hier ist auch die Idee, dass in Nischen, in gesellschaftlichen Nischen alternative Praktiken ausprobiert werden können. Also auch eine gewisse Avantgarde sich entwickeln kann, die dann, würde man dann nicht von Marktreife sprechen, aber die eine gewisse gesellschaftliche Akzeptanz hervorbringen kann, die sozusagen zeigen kann, dass anders Leben möglich ist. Und da gibt es auch ganz sinnvolle Beispiele, wie z.B. Wikipedia. Wikipedia ist eine andere Art und Weise der Kooperation, die von Wright angeführt wird.

Und dann gibt es noch einen dritten Transformationstyp, den nennt er die symbiotische Transformation. Das ist die Art von Transformation, die wir tatsächlich auch kennen aus Errungenschaften, von denen wir alle profitieren, wie etwa eine Krankenkasse, eine Gesundheitsversicherung und so weiter. Es sind die sozialreformerischen Transformationen. Also, die passieren evolutionär langsam, es wird keinen plötzlichen Umsturz. Es sind aber auch nicht Einzelakteure, sondern es wird quasi auf der institutionellen Ebene reformiert. Nun sagt Wright, damit es zu einer umfassenden und auch unsere ökologische Situation wirklich ernstnehmenden Transformation kommen kann, müssen alle diese drei Transformationstypen zusammenkommen. Das nennt er die radikaldemokratische Transformation, und die ist auch zugleich die Transformation des Kapitalismus. Das soll passieren durch politische, revolutionär strategisch handelnde Bewegungen, die er die Akteure realer Utopien nennt. Und diese realen Utopien sind zugleich Experimente, wie gesellschaftliche Ordnung anders gestaltet werden kann. Allerdings gilt auch hier, dass das bisher ohne Vorbilder ist.

Ein dritter Typ, der noch mal ganz anders funktioniert von sozialwissenschaftlicher Perspektive auf Anpassung, unsere Gesellschaft ist Philip Stab, der schon in unserer ersten Vorlesung dieser Reihe erwähnt wurde. Er hat 2022 das Buch geschrieben "Anpassung: Leitmotiv der nächsten Gesellschaft". Warum, sagt er das? Da könnte man jetzt auch wieder sozusagen an den Untergang von Spezies und neuen Spezies denken. Er sagt, sagt aber nee, wir sind eigentlich schon längst drin. Er widerspricht nämlich der, ähm, gängigen Wahrnehmung oder These, dass wir alle nach Selbstverwirklichung und Selbstentfaltung streben, sondern er sagt, diese Zumutungen, die der Klimawandel und die ökologische Katastrophe mit sich bringen, die haben uns längst schon ergriffen. Diese moderne Vorstellung, dass ich die Welt einfach so gestalten lässt und Fortschritt automatisch für Besserung sorgt, ja, ist längst irritiert, wenn nicht sogar obsolet geworden. Und heute bewegen wir uns längst in einem Regime, indem wir vor allem versuchen, die Katastrophe abzuschwächen. Das heißt, diese Fragen der Selbsterhaltung dominieren längst über individuelle oder kollektive Selbstentfaltung.

Der liberale Staat, also etwa auch unser Staat, reagiert auch bereits auf diese Herausforderung mit mit einer gewissen adaptiven Transformation. Das beobachtet er vor allem am Beispiel der Corona-Pandemie, wozu er auch Interviews geführt hat. Also, noch mal dieser Punkt: Der Staat hat seine Legitimität daher, dass er Selbsterhaltungsproblematiken vom Individuum möglichst weit entfernt hält und wird deswegen in dem Moment, wo es eine Selbst-, Selbsterhaltungsbedrohung gibt, wie beispielsweise die Pandemie oder auch die Klimakatastrophe, auf den Plan gerufen, diese Selbsterhaltungsthematik zu lösen. Und das ist zugleich auch eine Entpolitisierung der Selbsterhaltungsfrage. Also, man will die Selbsterhaltungsthematik ins Vorpolitische zurückdrängen. Philip Stab sagt dazu: Gesellschaften, deren Bezugspunkt nicht mehr Selbstdynamisierungsbestrebungen, sondern Selbststabilisierungsprogramme bilden.

Allerdings ist es so, dass unsere gegenwärtige adaptive Politik unzureichend ist, weil sie reaktiv ist. Das hat man sehr schön an der Pandemie gesehen. Es wird keine vorausschauende Pandemie-Vorsorge betrieben, sondern es wird dann, wenn das Problem da ist, nachträglich gehandelt, sehr kurzfristig und in vielerlei Hinsicht auf der Ebene von Symptombehandlung. Das trifft auf die Klimakatastrophe natürlich noch mal sehr viel mehr zu.

Der Fluchtpunkt, der sich aus dieser Problematik für Stab ergibt, nennt er die protektive Technokratie. Technokratie, weil wir in dem Moment, in dem Selbsterhaltungsproblematiken nicht mehr politisch verhandelt werden, sondern depolitisiert werden, es natürlich mit technokratischen Vorgängen zu tun haben, also die mit Expertenwissen oder auch mit dem Einsatz von Technologien versucht wird zu lösen. Protektiv, allerdings, das ist sozusagen das Posi-, positive Wende dieses Bildes, als etwas, was vorausschauend diesem Auftrag des Staates tatsächlich auch gerecht werden kann, nämlich unsere Leben zu sichern.

Ganz kurz zusammenfassend kann man sagen, dass alle Transformationsbemühungen sehr grob an so typischen Transformations- und Anpassungshindernissen, ja, sagen wir nicht direkt scheitern, aber die haben diese Transformations- und Anpassungshindernisse. Beispielsweise soziale Ungleichheit. Ja, finanziell benachteiligte oder marginalisierte Gruppen haben weniger Kapazitäten, sich anzupassen. Es gibt politische und institutionelle Hürden, ja, wie z.B. ineffektive Governance-Strukturen oder Interessenskonflikte zwischen politischen Akteuren und lokalen Gemeinschaften, etwas, was man jeden Tag beobachten kann. Es gibt auch kulturelle und psychologische Hindernisse, nämlich den Widerstand gegen Veränderung aufgrund von vielleicht Traditionen oder kulturellen Überzeugungen oder auch mangelndem Bewusstsein. Ökonomische Faktoren, das haben wir hier schon gehört, sind sehr groß. Die Kosten der Anpassung sind sehr hoch und noch größer wiegt das, was gerade in Aserbaidschan diskutiert wird, nämlich die Ausgleichszahlungen für ärmere Länder.

Auch Machtverhältnisse stellen ein Anpassungshindernis dar, da Anpassung Machtverhältnisse verstärken und Ungleichheit reproduzieren können. Interessenskonflikte bestehen in erster Linie auf der Ebene von Wirtschaft und Industrie, wo nicht unbedingt auf eine klimaneutrale Produktion umgestellt werden will. Und dann gibt es natürlich die durchlaufenden Nachhaltigkeitskonflikte im ethisch-moralischen Bereich, nämlich die Frage: Bevorzugen wir die intergenerationelle oder die intragenerationelle Gerechtigkeit bzw. Ungerechtigkeit? Das heißt, die Gerechtigkeit der heute hier lebenden zum beispielsweise zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden oder zwischen den jetzt Lebenden und den zukünftig Lebenden. Und dann gibt es noch objektive Hindernisse, beispielsweise Zeit und Natur. Und da übergebe ich einen lieben Sven Lino.

Genau, danke schön. [Applaus] Ähm, genau, wir übernehmen an, ich übernehme an dieser Stelle den Staffelstab, weil ich jetzt quasi reinspringe und über den Themenkreis sprechen will. Ähm, gibt es nicht vielleicht auch einfach reale naturgesetzliche Grenzen in der Anpassung, die uns irgendwie zwingen, bestimmte Dinge zu tun und andere Sachen zu lassen? Also, wir haben jetzt, ähm, einen Blick auf auf Transformationsprozesse gesehen, die alle Zeit brauchen, die alle verhandelt werden müssen und so weiter. Und jetzt ist eben die Überlegung, äh, wo stehen wir und haben wir die Zeit, haben wir den Raum, haben wir ganz wichtig die Ressourcen?

Ich gehe dreimal durch das Thema: Die Temperatur steigt an. Was bedeutet das? Das erste Mal: Verdunstung und Wasser in der Atmosphäre. Wenn die Temperatur auf unserem Planeten ansteigt, dann haben wir mehr verfügbares Wasser in der Atmosphäre, wir haben stärkere Verdunstung, wir haben einfach viel mehr Wasser, was in der Atmosphäre rum geistert. Und das Tolle an viel Wasser in der Atmosphäre ist viel Energie, viel latente Energie, die irgendwo freigesetzt werden kann. Das kennen wir: Starkregen. Das kennen wir: Boden trocknet aus, weil höhere Temperatur heißt höhere Verdunstungsrate. Flut, also die Kombination von Starkregen und trockenen Böden macht Fluten. Pflanzen brauchen viel mehr Wasser, und das heißt, wir bekommen viel mehr Dürre als, ja, neues Normal in allen möglichen Regionen. Eben auch hier: Dürre geht einher mit Feuer, Dürre geht aber auch einher mit Ökosystemumbau, was das heißt, dafür gucken uns gleich noch mal die Diagramme an. Und neue Krankheiten. Also, anderes Wasserregime, andere Klimabedingungen heißt neue Krankheiten.

Und jetzt kommen quasi die die Stoppschilder, wenn Sie so wollen, die absoluten Grenzen. Wir müssen überlegen, welchen Stellen können wir Siedlungsgebiete in Zukunft ertragen und wo nicht. Wie groß sind die Risiken? Ja, mit neuen Krankheiten, aber auch mit Fluten und Starkregen sind Krankheit, Trauma und Tod verbunden. Und Gesellschaften können immer nur so und so viel davon ertragen. Also, ist die Frage, wie können wir das sortieren? Lebensmittelversorgung. Dürre und Lebensmittelversorgung sind zwei Dinge, die aufeinander einwirken. M, genau. Und neben der Landwirtschaft ist die Forstwirtschaft das nächste Thema, auf das wir gucken werden. Beides machen wir in zukünftigen Vorträgen, deshalb gehe ich da nicht weiter drauf ein.

Mehr Wasser in der Atmosphäre. Das soll dieses Diagramm zeigen. Das zeigt die Menge an Wasser in Gramm für 1 Kilogramm trockene Luft in Abhängigkeit von der Temperatur. Das ist die X-Achse. Grundsätzlich gilt: 7% mehr Wasser pro Grad Celsius höhere Temperatur. Dicker Daumen. Das Wichtige ist nicht, dass die mittlere Temperatur um Grad zunimmt. Das Wichtige ist, dass die Spitzentemperaturen viel höher sind. Und das 40° Wasser, 40° Luft einfach unglaublich viel mehr Wasser transportiert und viel mehr latente Energie in diesen dieser Luft enthalten ist, die einfach Stürme von viel größerer Geschwindigkeit, Kraft und Zerstörungskraft erzeugt.

Dieses Diagramm ist super schwer zu verstehen. Gucken Sie sich das vielleicht lieber in Ruhe an. Das ein Holdridge-Diagramm. Der wesentliche Punkt an der Stelle ist, den ich einfach nur machen will, ist: Im Moment sind wir in Mitteleuropa in dem kälteren Moist Forest, 700 mm Niederschlag bei 12, 10 bis 12° Celsius mittlerer Temperatur. Die Temperatur steigt an. Sie steigt bei uns schneller an im Global als im globalen Mittel. Im Moment, das haben wir beim Hnok-Vortrag gehört, können wir davon ausgehen, dass die Niederschläge etwa geradeaus weitergehen bei uns. Das heißt, wir gehen über zu Dry Forest, trockener Wald. Das sind andere Baumarten, das sind andere Pflanzenarten, das ist etwas ganz anderes in der Landschaft. Das heißt, der alte Wald muss einmal sterben und der neue muss sich einmal bilden. Und das heißt natürlich auch für Landwirtschaft, dass sie von einer feuchteren Wald weggeräumt, da mache ich mein Feld hin, zu trockener Wald, da mache ich mein Feld hin, plötzlich in die Situation kommt, dass Bewässerung wichtig wird. Und wir sind drin. Ganz viele Effekte noch nicht, die wir auch diskutieren müssten, aber die den Rahmen heute sprengen.

Wollen müsste, würde deshalb der Blick noch mal ganz kurz auf das Thema Risiken für Landwirtschaft. Ähm, die Risikoklassen basieren jetzt auf dem Holdridge-Diagramm, das was Sie eben gesehen haben. Und die X-Achse von diesem Kästchen da unten ist, wie groß ist die Veränderung in dem Holdridge-Diagramm für eine bestimmte Region auf der Erde. Und die Y-Achse ist, wie groß oder gering ist die mögliche Resilienz der Ökosysteme dort. Und was wir einfach sehen können, ist, dass es erschütternd wenige Gegenden der Welt gibt, insbesondere auf dem Diagramm direkt über mir, das ist nämlich das Weiter-Szenario, ähm, dass es erschütternd wenige Regionen auf der Welt gibt, wo wir eine Sicherheit haben, wo die Änderungen gering sind. Und wir haben erschütternd viele Regionen, und zwar auch Regionen mit sehr hohem Ertrag heute, bei denen wir sehr hohe Risikoklassen sehen. Das heißt, die Menge an Lebensmitteln, die wir in Zukunft ernten können, wird dramatisch abnehmen. Das ist ein Raum, in dem wir uns dann bewegen.

Der zweite Thema ist: Höhere Temperatur bedeutet, wir haben mehr heiße Tage und Nächte. Und das sind zwei Aspekte, die eine Rolle spielen, unabhängig von dem, was wir eben gesagt haben. Das eine ist, je wärmer es ist, desto mehr müssen Pflanzen ihren eigenen Zucker selber verstoffwechseln, um am Leben zu bleiben. Das heißt, es steht weniger von dem gebildeten Zucker aus der Photosynthese zur Verfügung für Pflanzenwachstum. Der Ertrag geht rein. Und besonders dramatisch ist das nicht tagsüber, sondern besonders dramatisch ist es nachts, weil dann kann die Pflanze keinen neuen Zucker bilden, sondern muss nur verstoffwechseln. Und der Stoffwechsel ist nur abhängig von der Temperatur der Umgebung der Pflanze. Die Erträge gehen nach unten, die Lebensmittelversorgung geht nach unten.

Und der zweite Aspekt, das die Gruppe hier unten, was wir wissen, ist, insbesondere in Tropennächten über 20°, haben wir schlechten Schlaf, die Produktivität geht in die Knie, wir haben mehr Gewalttaten in den Städten, insbesondere, und es sind vorrangig Beziehungstaten. Das heißt, die Opfer sind vorrangig Frauen und Kinder. Wir haben eine schlechtere Konvaleszenz bei allen Menschen, die krank sind. Wenn sie im Sommer eine OP haben und die OP findet an einem Tag statt, an dem wir 40° haben und sie sind hier in einem Darmstädter Krankenhaus, dann hoffe ich, sie sind in einem Krankenhaus mit einer Klimaanlage, sind sonst ist die Chance, dass sie die OP überstehen, deutlich kleiner. Wir reden über substanzielle schlechtere Situation. Wir haben Übersterblichkeit. Übersterblichkeit. Ähm, wir haben das Thema schwierige Schwangerschaften. Schwangerschaften, die durch heiße Sommer gehen, sind extrem belastend für die Mutter und für den Fötus. Und die Chancen von Frühgeburten und von kleineren Geburtsgewichten und allem, was dazu gehört, nehmen deutlich zu. Das ist weniger etwas, was uns betrifft, aber das ist etwas, was weiter im Süden eine große Rolle spielt heute schon und in Zukunft noch mehr.

Das heißt, wir haben Grenzen. Ab bestimmten Temperaturen geht Arbeiten draußen nicht. Wir treiben die Leute quasi in den Tod. Haben wir in der Fußball-Weltmeisterschaft gesehen. Wir haben sehr viel mehr Krankheit, sehr viel mehr Trauma in der Gesellschaft. Wir haben unverhoffte Todesfälle und Leben ist nicht an allen Orten mehr möglich.

Ein Begriff, der hier extrem wichtig ist, um das zu verstehen, der Begriff der Kühlgrenztemperatur oder Feuchtkugeltemperatur. Das ist die Temperatur, die sich auf Ihrer Haut beim Schwitzen einstellt. Sie haben genügend Flüssigkeit zur Verfügung, Sie sind im Schatten und Sie trinken auch ausreichend, dann können Sie im besten Fall die Kühlgrenztemperatur in Ihrem Körper einstellen. Das ist bei 20° relativ unwichtig. Wir schwitzen auch bei 20°, ich ein klein bisschen, weil ich mich jetzt hier bewege, das ist nicht so wichtig. Aber Sie sehen, wenn die die durchgezogenen Linien beziehen sich jetzt immer auf die trockene Temperatur, das ist die Temperatur, die die Luft tatsächlich hat. Und links in dem Diagramm lesen Sie die Kühlgrenztemperatur ab, also die Temperatur, die flüssiges Wasser minimal unter diesen Bedingungen erreichen kann. Und das Ganze hängt von der relativen Feuchte ab. Das wissen wir, wenn es draußen schwül ist, hohe Luftfeuchtigkeit, können wir schlechter schwitzen und es ist unangenehm. Dieselbe Temperatur bei niedriger Luftfeuchtigkeit, super Badewetter, toll. Und letztendlich gibt es hier eine Grenze. Es gibt zwei Grenzen. Die eine Grenze ist die Empfehlung, ab wann ich ab aufhören sollte, körperlich zu arbeiten, die ist bei einer Kühlgrenztemperatur von 31°. Und Sie sehen, die erreichen wir je nach Luftfeuchtigkeit irgendwo bei 40° und 50% Luftfeuchtigkeit. Spätestens dann sollten wir uns nicht mehr stark körperlich bewegen.

Das wissen unsere Gesellschaften nicht alle. Wenn Sie an solchen Tagen in den Supermarkt gehen und es ist 15 Uhr und draußen sind 42°, dann kollabieren Ihnen die Rentner, weil die nicht wissen, dass 15 Uhr die beschissenste Zeit des Tages ist, um für die T vor die Tür zu gehen. Wir kennen das einfach nicht, wir sind daran nicht gewöhnt. Ähm, in anderen Gesellschaften wissen die Leute: Oh, jetzt muss ich aber zusehen. Und es gibt eine obere Temperaturgrenze, und wo die liegt, wird gerade verhandelt, das ist unklar. Hier ist die Grenze bei 35° eingezeichnet, aber das stimmt nicht unbedingt. Die Frage ist, wie lange, wie lange muss ich bei einer Kühlgrenztemperatur von über 32, 33, 35° ausharren im Schatten, ohne mich zu bewegen und habe genügend zu trinken, wenn meine Körpertemperatur zu hoch ansteigt, sterbe ich. Und wir haben diese Fälle in den letzten Jahren relativ regelmäßig gehabt in Indien und Pakistan und am Persischen Golf. Absolute Temperaturgrenzen des Lebens, die können wir nicht überschreiten. Und es gibt auch keine Technik, die uns dabei hilft, da irgendwas dran zu ändern.

Das eine sind Pflanzen. Wenn die Blatttemperatur 47° überschreitet, stirbt das Blatt sofort, die Zellen zerfallen. Ja, mag 36 oder 47 irgendwo da. Und es ist die Temperatur des Blattes, ist nicht die Temperatur der Luft. Blätter kühlen sich über Verdunstung, solange sie genügend Feuchtigkeit haben, aber die Verdunstungsrate nimmt dramatisch zu mit zunehmender Umgebungstemperatur. M, okay. Welchen Stoffwechsel bei Tieren ist die Kerntemperatur etwa bei 40° Celsius. Und in allen Fällen ist das Problem, dass Proteine in ihnen, in unseren Zellen zerfallen und wir deswegen sterben. Okay.

Der dritte Aspekt: Wärmere Meere. Wissen wir, mehr Wasser dehnt sich aus, wenn die Temperatur zunimmt. Okay. Die Gletscher schmelzen, mehr Wasser, mehr Meeresspiegel steigt an. Ähm, wir haben zwei Kipppunkte überschritten, nämlich die für Grönland und die für die Westantarktis. Das sind 10 bis 12 Meter Meeresspiegel in den nächsten, wir wissen nicht wie lange. Was passiert? Infrastruktur versinkt langsam, aber sicher im Meer. Fruchtbare Regionen, z.B. in den Flusstälern, in den großen Flussdeltas, Nil oder so, versinken langsam im Wasser. Ähm, und gleichzeitig werden sich auch dadurch Meeresströmungen verändern, neu legen und auch der Niederschlag kann sich verändern, dramatisch verändern. Regionen, die bisher trocken sind, werden plötzlich nass und Regionen, die bisher feucht waren, werden trockener.

Das, was für uns ein ernsthaftes Problem darstellt, ist unter Umständen die Umbaugeschwindigkeit. Wie schnell müssen wir Dinge tun? Wie lange können wir unsere eingedeichten Provinzen im Norden, ich sag mal, Ostfriesland oder sowas, halten? Wann müssen wir "Managed Retreat" machen? Wir schränken die Lebensmittelversorgung ein, weil insbesondere diese niedrig liegenden Deltas von Flüssen sind extrem fruchtbare Regionen, da kommt ganz viel her. Ganz hässlich: Verlust von Kapital. Stellen Sie sich vor, wir werden tatsächlich Ostfriesland abgeben. Also, wir lassen Ostfriesland im Meer versinken. Wie viel kostet uns das? Wer bezahlt das? Wer sorgt dafür, dass die Menschen umgesiedelt werden? Was machen wir mit der Infrastruktur, die da steht? Was machen wir mit den Hafenanlagen, die bisher da gewesen sind? Was müssen wir rausräumen, damit uns die Deiche, die wir neu gebaut haben, nicht durch den Müll kaputt geschlagen werden bei der nächsten Sturmflut? Das kostet einfach. Das sind reale Grenzen dessen, wo wir mit Anpassung oder wo wir über Anpassung reden können.

Es gibt bestimmte Endpunkte. Das Bild haben Sie da vorne als Plakat, wenn Sie sich es angucken wollen. Der eigentliche Punkt an der Stelle ist zu sagen: Anpassung ist ein Moving Target. Das heißt, das Ziel, woran wollen wir uns eigentlich anpassen, verändert sich. Es ist etwas anderes, wenn wir sagen: Okay, Anpassung auf 2 Grad, oder Anpassung an Overshoot-Spitze bei 2,7 und dann runter auf 1,5, oder Anpassung auf 4 oder 5 Grad bis Ende des Jahrhunderts. Und wer muss sich wann an was ab anpassen? Das ist das, was hier unten versucht dargestellt dargestellt worden ist, nämlich, wenn ich so und so alt bin, habe ich noch so und so viel Jahrzehnte vor mir, in denen ich die Welt mitgestalten kann, darf, muss und in denen ich Anpassungsleistungen erbringen muss. Okay.

Das als kleiner Hinweis. Die Temperatur muss nicht, in diesem Diagramm sehen Sie das so schön, das sind alles irgendwelche Szenarien, in denen die Temperatur geordnet ansteigt. Das muss sie nicht. Es gibt Kipppunkte im System Erde, die dafür sorgen könnten, dass das mit dem Temperaturanstieg anders als geordnet, gleichmäßig abläuft. Das würde bedeuten, dass wir sehr plötzlich noch uns viel schneller anpassen müssten. Und jetzt gebe ich einfach wieder zurück an Dich, weil Transformation by Disaster durchaus auch schon gedacht worden ist.

Genau, das würde ich nämlich jetzt auch noch mal vorwegschicken. Ähm, wir haben ja eben gelernt, dass es kein Beispiel in der Geschichte für eine große Transformation, wie sie uns bevorsteht, gegeben hat. Wir haben außerdem gelernt, dass wir uns an einen Bereich im Prinzip bereits annähern, der wirklich kritisch und gefährlich ist. Wir haben die Problematik der Kipppunkte und wir haben auf der Ebene des dominanten sozioökonomischen Regimes, wenn man es so nennen, keine ausreichenden Bemühungen um den 1,5°-Pfad einzuhalten. Es lohnt sich daher, die Alternative zur Transformation by Design genannt Transformation by Disaster anzuschauen. Und hier kann man tatsächlich etwas lernen aus der Vergangenheit. Hier paradigmatisch ist ein Beitrag von Joseph Tainter von 1988 gewesen, der "The".

Der Kollaps komplexer Gesellschaften. Anhand von Fallstudien und empirischen Studien versucht hat zu konzeptualisieren. Seiner Auffassung zur Folge sind Gesellschaften immer problemlösende Organisationen. Also jede Gesellschaft ist eine Organisation, die Probleme löst. Und das Auftauchen von Problemen und insbesondere von neuen Problemen führt zu Differenzierung. Das heißt, wenn Sie ein neues Problem haben, brauchen Sie sozusagen neue Wissenschaftszweige, neue Beschäftigungsarten, Bevölkerungsgruppen, die sich mit diesem Problem befassen. Und das nennt sich dann die Erhöhung von Komplexität. Gesellschaften werden komplexer, je höher ihre Problemlösungs-Probleme sind und je mehr Sie diese Problemlösung durch soziale Differenzierung angehen.

Seine These ist jetzt, dass Gesellschaften, also die gesellschaftliche Komplexität, immer mit der zur Verfügung stehenden Energie korrespondiert. Diese Energie umfasst natürlich nicht nur die Energie, wie wir sie jetzt heute verstehen würden in Form von Wärme oder Verbrennungsenergie, sondern auch Arbeitskraft, Wege, die zurückgelegt werden müssen und so weiter. Er meint jetzt gefunden zu haben, dass der Ertrag, wenn Ertrag und Aufwand für die Aufrechterhaltung dieser Komplexität, die eine Gesellschaft erreicht hat, nicht mehr in einem günstigen Niveau. Ja, zu der Energie, die zur Verfügung steht, steht die Gesellschaften kollabieren. Kollabieren heißt, die die Komplexität fällt zurück auf ein deutlich niedrigeres Niveau. Wir sind eine solche sehr, sehr, sehr komplexe Gesellschaft. Also die modernen Gesellschaften, moderne Industriegesellschaften insbesondere, sind wahrscheinlich die komplexesten Gesellschaften, die es jemals gegeben hat.

Er hat das natürlich beispielsweise anhand der Maya-Kultur gefunden, die sehr, sehr beeindruckende, wahrscheinlich auch sehr teure in der Herstellung, also Stichwort Energieeinsatz, Gebäude etwa gebaut hat, von denen man dann, das sieht man auf dem Grafen unten rechts, sehen kann, dass die irgendwann nicht mehr errichtet wurden. Also es gab einen regelrechten Zusammenbruch dieser Form von Lebensweise. In dem Moment heißt das nicht zwingend, dass alle Individuen auch aussterben, aber es heißt, dass diese Gesellschaft, mit der sich die Individuen ja wahrscheinlich auch sehr stark identifiziert haben, als solche zusammenbricht. Also man kann nicht mehr von dieser Kultur, dieser Lebensform, dieser Staatlichkeit, wie auch immer sie Gesellschaften bezeichnen wollen, sprechen. Man kennt diesen Ausdruck mit der zur Verfügung stehenden Energieströme und Quellen aus der Energiewirtschaft. Dort heißt es Energy Return on Investment. Dazu kann ich Ihnen allerdings nichts weiter sagen. Vielleicht springt das, wenn Lino in der Diskussion noch ein.

Also laut Tainter ist Anpassung die Reduktion von Komplexität an den gesunkenen Erntefaktor von Energiequellen. Die passiert sozusagen ganz automatisch. Ja, das ist eigentlich in energetischen Systemen ja immer so. Wenn Sie einen Parameter ändern, geht ein anderer Parameter mit nach unten. Also komplexe Gesellschaften halten diese Reduktion von Energie nicht stand.

Ein weiterer Beitrag zu dem Thema Transformation by Disaster stammt von Jared Diamond, der 2005 das relativ bekannte Buch "Collapse: How Societies Choose to Fail or Succeed" geschrieben hat. Der sich auch anhand von Fallstudien angeschaut hat, wie vorangegangene Gesellschaften zusammengebrochen sind. Er sagt, es gibt immer mehrere Ursachen für einen solchen gesellschaftlichen Kollaps. Im Zentrum steht allerdings für ihn auch, auch weil er dieses Buch mit Blick auf unsere drohende Umweltkatastrophe schreibt, der Ökozid, also die Umweltzerstörung durch die Gesellschaften selbst in Form von Abholzung, Bodenerosion, Überfischung oder Überjagung, Wassermangel oder Biodiversitätsverlust, etwa durch eingeschleppte Arten. Aber auch ein zu großes Bevölkerungswachstum können diesen Ökozid herbeiführen. Auch Klimaveränderungen sind haben eine große Rolle gespielt bei vorangegangenen Kollapsen. Nicht zu verachten ist allerdings, gerade mit Blick auf den Kolonialismus, auch der feindliche Nachbar oder eben die Kolonialisierung, die viele Lebensformen oder Gesellschaften in die Knie gezwungen hat, sowie ein Zusammenbruch von Handelsbeziehungen. Und das ist besonders interessant, weil Handelsbeziehungen häufig den Verlust auf anderen Ebenen ausgleichen können. Und wenn diese Handelsbeziehungen zusammenbrechen, kann dieser Ausgleich nicht mehr stattfinden. Also ich kann beispielsweise mein die Überjagung kann ich vielleicht durch den durch Handel kompensieren. Und das betrifft auch unsere Gesellschaft sehr stark, weil wir als globalisierte Gesellschaft immens von unseren Handelsbeziehungen abhängen.

Schlechte politische und soziale Entscheidungen sind allerdings ein weiterer wesentlicher Faktor für Zusammenbrüche. Darunter versteht er etwa kurzfristiges Denken, z.B. indem man Gewinne maximieren will, die langfristig allerdings größeren Schaden verursachen. Aber auch so etwas wie Elitenprivilegien, also das heißt, wenn sich einzelne Gruppen in der Bevölkerung Privilegien herausnehmen, die nicht der Gemeinwohl, dem Gemeinwohl orientiert sind. Und auch wichtig ist die kulturelle Starrheit, also das Festhalten an Traditionen oder Glaubenssystemen, die Schaden anrichten und die man trotzdem weiter praktiziert. Es ist tatsächlich so, dass in den aller allermeisten Fällen hier mehrere Faktoren zusammengekommen sind.

In der Vergangenheit, relativ unabhängig von den beiden eben genannten, hat sich in Frankreich ein Denkstrang herausgebildet, der als Kollapsologie bezeichnet werden kann. Das erste Buch ist auf Französisch 2015 erschienen von Pablo Servigne und Rafael Stevens, "How Everything Can Collapse". Das ist natürlich die englische Übersetzung 2020, "Manual for Our Times". Die beiden sagen, die Sozialwissenschaft hat da eine große Forschungslücke. Das ist eigentlich wieder ein ganz ähnlicher Punkt, wie wir ihn vorhin bei W. gehört haben. Es reicht nicht aus, deren Ansicht, dass die Sozialwissenschaft nur beschreibt, was passiert ist oder was ist, sondern es gibt eine gewissermaßen engagierte wissenschaftliche Verpflichtung, sich auch mit der Zukunft auseinanderzusetzen. Also die, die Kollapsologie ist eine Forderung nach der systematischen Erforschung von Ursachen und Folgen von Kollapsen. Diese Erforschung sollte passieren in den gesellschaftlichen Sektoren, mit denen wir leben, in denen wir leben: Finanzmarkt, Wirtschaft, Politik, aber auch Sozialbeziehungen.

Was man auch erforschen muss, ist die Dynamik, die von diesen Systemen ausgeht, also sogenannte Login-Mechanismen oder Pfadabhängigkeiten, die ganz wesentlich dafür verantwortlich sind, dass Transformationsbestrebungen nicht den gewünschten Erfolg zeigen. So ein typischer Login-Mechanismus oder eine typische Pfadabhängigkeit ist beispielsweise, wenn Sie äh es schaffen als Politik, Gesellschaft, Industrie äh das Anschaffen von einem privaten Fahrzeug so günstig zu gestalten, dass sich alle eins kaufen, dann werden Sie wahrscheinlich nicht mehr so viel Geld in Gleise und den öffentlichen Personen Nahverkehr investieren, sondern eher in Straßen. Da ist dann schon mal so viel Geld reingeflossen, dass es sich gewissermaßen nicht mehr lohnt, umzuschwenken, sondern man wird dann diese Straßen erhalten oder die Absatzmärkte für Elektroautos fördern beispielsweise. Also ja, wir bewegen uns mit gesellschaftlichen Entscheidungen immer auch in die Zukunft, insofern die Entscheidung zukünftige Entscheidungen schwieriger und einfacher machen. Das sind Pfadabhängigkeiten.

Außerdem ist es so, dass Krisen kumulieren können. Das ist etwas, was wir vielleicht sogar schon vor zwei Wochen beobachten durften, dass unsere Bundesregierung am gleichen Tag den Geist aufgegeben hat, an dem Trump zum zweiten Mal zum Präsidenten gewählt wurde. Aber die ganz sicherlich mit Blick auf diese verschiedenen gesellschaftlichen Differenzierungssektoren, die wir für ganz normal halten, erwarten dürfen. Also das heißt, wenn in einem Sektor eine große Krise ausbricht, werden die anderen Sektoren davon höchstwahrscheinlich nicht ganz unberührt bleiben. Und so etwas kann eine Abwärtsspirale in Gang setzen. Damit geht auch dann die These einher, dass es nicht nur natürliche, wie wir gerade gehört haben, sondern auch soziale Kipppunkte geben kann. Also auch soziale Systeme entwickeln sich nicht unbedingt linear nach unten, nach oben oder auf der gleichen Ebene, sondern können diese Abwärtsdynamik entfalten, die sich selbst gewissermaßen immer weiter nach unten treibt. Also wo ein Eingreifen auf der Ebene von Vorhersagbarkeit, die man bei linearen Systemen hätte, so nicht mehr möglich ist. Dadurch können unvorhersehbare oder irreversible Effekte verursacht werden. Das heißt, wir müssen auch in den Gesellschaftswissenschaften und auch als Gesellschaft mit instabilen und nichtlinearen Zukünften rechnen.

Ja, das ist also hier auch ein Appell an die ganze Zunft, sich damit zu befassen, wissenschaftlich. Es gibt noch eine ethische Komponente, eine wissenschaftliche oder auch politisch-ethische Komponente, die diesem Buch zugrunde liegt, nämlich zu sagen: Wir müssen den Kollaps als ein reales Szenario anerkennen, denn zur Abwehr von Katastrophen muss man an ihre Möglichkeit glauben. Das kann man auch als Vorsorgeprinzip bezeichnen. Ja, nur wer eine Bedrohung ernst nimmt, kann auch adäquat vorsorgen. Es erinnert aber auch an Hans Jonas' Verantwortungsprinzip, das hier genannt wird.

In einer weiteren Publikation von 2018, "Another End of the World is Possible: Living the Collapse, Not Just Surviving It", wird dazu aufgefordert, eine Kultur des Lebens aufzubauen und alternative Formen des Zusammenlebens zu suchen. Und um eine solche Perspektive hier noch in diesen Vortrag mit einzubauen, wechseln wir zu Jem Bendell und Rupert Reed. Jem Bendell hat 2018 eine Art Working Paper veröffentlicht, um diese Diskussion ein bisschen voranzubringen. Gemeinsam ist dann ein Sammelband erschienen, "Deep Adaptation". Das Sie hier rechts sehen. Sein Ausgangspunkt, also Jem Bendells Ausgangspunkt ist zu sagen, er hat sich mal durch die Klimaforschung gewühlt, versucht da sozusagen das Wesentliche herauszufiltern und hat folgende drei Essenzen gefunden: Die IPCC-Reports unterschätzen regelmäßig. Das ist wissenschaftlich gedeckt, dazu gibt es quasi Begleitforschung. Es gibt so eine Art konservative Tendenz im IPCC, das heißt, die Klimawandelfolgen werden unterschätzt in den Berichten, die an unsere Policymaker gegeben werden und die auch die Grundlage für die internationalen Diskussionen sind. Außerdem ist ein nichtlinearer Verlauf des Klimawandels erwartbar. Das ist das, was wir eben gesehen haben. Und es sind bereits Kipppunkte erreicht. Und das kann er schon 2018 sagen.

Er schlussfolgert daraus, dass eine klimabedingte Form des gesellschaftlichen und gesellschaflichen Zusammenbruchs wahrscheinlich ist. Er stellt sich allerdings auch die Frage, warum diese potenzielle ökologische Katastrophe in der Nachhaltigkeitsdiskussion nicht passiert. Ja, warum wird die Katastrophe nicht stärker in Betracht gezogen? Und dafür macht er vor allem psychologische Ursachen verantwortlich. Zum einen, und das darf man glaube ich auch, das kann man gar nicht ernst genug nehmen, wie groß dieses Problem ist, gibt es einen veritablen Konflikt zwischen dem Kampf gegen den Klimawandel, also den Kampf für Klimaschutz, und der Diskussion über den Kollaps. Also das ist eigentlich eine ganz ähnliche Diskussion, wie sie in abgeschwächter Form auch im Bereich Klimaschutz und Klimaanpassung geführt wurde in den letzten Jahren, nämlich zu sagen: Wenn wir unsere Ressourcen auf die Anpassung wenden, dann vernachlässigen wir doch den Klimaschutz. Wir brauchen alle unsere Kräfte für den Klimaschutz, um dieses Untergangsszenario, um diesen Kollaps oder die Katastrophe noch zu verhindern. Hier verhält es sich genauso. Also es geht natürlich auch um Energiekatastrophen, Lenkung von Aufmerksamkeit. Die Angst ist: Wenn wir über den Kollaps diskutieren, verlieren wir den Kampf gegen den Klimawandel aus dem Blick.

Es ist auch so, dass es relativ breit geteilt wird, dass man sagt: Wenn wir über Kollaps sprechen, dann löst das Apathie und Depression aus. Die Leute verlieren den Mut, ja, sind nicht mehr bereit, sich einzusetzen für Klimaschutz oder für die große Transformation. Auch das ist ein Einwand, den man sehr ernst nehmen muss und der wahrscheinlich auch einer der Hauptgründe ist, warum wir diese Diskussion nicht führen. Und es gibt auch eine berechtigte Angst vor der Kollaps-Diskussion als selffulfilling prophecy. Also wenn wir uns sozusagen zu sehr auf das Kollaps-Szenario einstellen, dann erfüllen wir es gewissermaßen durch dieses sich darauf einstellen selbst.

Er macht allerdings auch drei Formen der Verleugnung, also auf psychologischer Ebene, der Ursachen, warum wir nicht darüber reden, aus. Das ist einmal die interpretative Verleugnung. Also wir interpretieren die Fakten so, dass sie unseren Optimismus aufrechterhalten. Also wir lesen zwar, dass wir uns auf dem schlechten Pfad befinden, sehen aber nur, dass die Kurve, wenn wir jetzt noch alles machen, doch noch nach unten geht und sehen dann vor allem diese nach unten gehende Kurve, die Richtung 1,5-Grad-Ziel zielt beispielsweise. Es gibt auch die implizite Verleugnung. Wir anerkennen zwar, wie schlecht es um uns steht, ja, handeln aber nicht adäquat. Also das heißt, es gibt ein stark ausgeprägtes Bewusstsein davon, wir steigen trotzdem weiterhin ins Auto oder wählen entsprechende Politik, die nicht entsprechende Maßnahmen einschlägt und so weiter. Also wir handeln nicht gemäß unseres Wissensstandes. Und es gibt die institutionelle Verleugnung. Die ist eigentlich auch sehr logisch, weil sehr viele Organisationen, sowohl staatliche als auch nichtstaatliche, wirtschaftliche als auch nichtwirtschaftliche Organisationen, ihren Daseinssinn und Zweck aus der Bekämpfung des Klimawandels oder der Bekämpfung der ökologischen Katastrophe, also sprich aus dem Nachhaltigkeitsbezug ziehen und natürlich in dieser Eigenlogik bleiben wollen und werden, solange sie können.

Wenn man sich jetzt diese psychologischen Gründe anschaut, warum wir diese Diskussion nicht führen, stellt sich für Bendell die Frage: Was wäre denn, was würde denn passieren, wenn wir die Möglichkeit des Zusammenbruchs gedanklich zulassen würden? Und da identifiziert er doch auch wieder auf der psychologischen Seite einige Hilfsmittel, die uns in dieser Diskussion vielleicht sogar zugute kommen könnten. Beispielsweise zitiert er Tommy Lynch, der sagt: Indem wir die Hoffnung auf die Fortsetzung einer Lebensweise aufgeben, eröffnen wir überhaupt erst einen Raum für alternative Hoffnungen. Damit verbunden ist auch, dass die Sorge um die Einhaltung des Status quo. Also das heißt, solange wir uns darüber Sorgen machen, wie wir unseren jetzigen Lebensstandard, unsere jetzige Lebensweise aufrechterhalten können, schaffen wir keinen Platz für kreative alternative Lösungen. Und die brauchen wir ihm zufolge. Und für ihn heißt das auch, dass Anpassung keine Frage oder nicht mehr vorwiegend eine Frage von Infrastruktur sein sollte, sondern von psychischer Anpassung. Dafür wurden diese sogenannten vier R's als Leitlinien adaptiver Praxis formuliert, die wir Ihnen hier als Diskussionsvorschlag mitbringen.

Er sagt, wir brauchen Resilienz. Unter Resilienz versteht man ja für gewöhnlich die Fähigkeit von Menschen oder auch Gesellschaften, sich an radikal veränderte Umstände anzupassen. Das geschieht normalerweise nicht ohne Kosten, aber man bezeichnet ja dann jemanden oder etwas als resilient, wenn aus dieser Anpassung an diese veränderten Umstände auch etwas gediehen ist. Also das heißt, ja, man kann so sagen, weitergedeihen unter diesen Umständen. Das stellt dann die Frage, welche Normen, Werte und Verhaltensweisen uns wirklich wichtig sind, unter denen wir auch zukünftig vielleicht gedeihen wollen. Relinquishment stellt die Frage, was wir dem Gegenüber loslassen wollen müssen oder können. Ja, also nicht das, was wir behalten wollen, sondern das, was wir loslassen müssen, auch um unsere Situation nicht zu verschlimmern, beispielsweise Vermögenswerte, Verhaltensweisen, aber auch Überzeugungen. Restoration ist die Frage, welche Verhaltensmuster können wir vielleicht wiederentdecken, die im Zuge der industriellen oder kohlenstoffbasierten Lebensweise vergessen wurden. Und der letzte Punkt, Reconciliation, ist die Frage, mit wem oder was können wir Frieden schließen im Angesicht unserer bedrohten Leben.

Diese vier Fragen schiebt Bendell in die Diskussion um die Frage der Konfrontation mit der Anpassung mit dem Kollaps, sorry. Tatsächlich wurde diese Kollaps-Diskussion aufgegriffen auch von den sozialen Bewegungen und von einem im Moment noch kleinen Teil der Klimabewegung. In der Klimabewegung herrscht nämlich zu Teilen ungefähr das vor, was man sonst sagt, dass das die Leute ereilt, die sich mit dem Kollaps beschäftigen. Die merken nämlich, dass ihre appellative Form der Politik, also das heißt, ja, die Politik aufzurufen, endlich was zu tun, "Listen to Science" und so weiter, nicht das gebracht hat, was notwendig wäre. Und sich daraus auch eine Form der Apathie, Depression, Verzweiflung und Zukunftsangst generiert hat. Und die kommt wahrscheinlich daher, dass man als Aktivistin, als Aktivist ja aus seinem Tun eine gewisse Selbstwirksamkeit herauszieht. Und wenn das Tun nichts bringt, dann ist es ein Verlust dieser Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Das ist sozusagen die gefährliche Lähmung, die in der sozialen Bewegung steckt.

Währenddessen gibt es hin und wieder kuriose Schlagzeilen, aber ich, ich glaube, das Internet ist auch voll von absolut vielen, jederzeit ausgeübten Praktiken in diese Richtung, dass sich Superreiche bereits auf diesen Ernstfall vorbereiten und Bunker bauen. Und auch das Prepping aus, ja, sagen wir mal, den Ecken, die es ein bisschen stärker militarisiert verstehen, ja, wo schon Bilder erzeugt werden von: Hier ist mein, mein Land, mein Vorrat, mein Luftschutzkeller, und jeder, der dem im Ernstfall zu nahe kommt, wird abgeknallt. Sind ja inzwischen keine Seltenheit mehr. Und so hat sich eine neue solidarische Kollapsbewegung formiert oder ist dabei, sich zu formieren, die sich dem entgegensetzen will. Einerseits, um daraus eine neue Selbstwirksamkeit zu generieren, und andererseits, damit das Prepping nicht den Egoisten überlassen wird.

Wir möchten schließen mit einer Hypothese zu der Frage, was die Grenzen gesellschaftlicher Anpassung sein könnten. Und vielleicht sind es tatsächlich diese Grenzen: Verdrängung und Verleugnung, die Aufkündigung gesellschaftlicher und zwischenmenschlicher Kooperation oder Kooperationsfähigkeit, der Verlust von Solidarität untereinander und ein Festhalten am Egoismus. Und wenn wir uns getäuscht haben und die Transformation wird ganz super gelingen, dann ist es sicherlich nicht so schädlich, Kooperationsfähigkeit gelernt, Solidarität ausgeübt zu haben und zu wissen, wie man Sandsäcke füllt. Vielen Dank.