Transcription
Entsprechend von Madeleine Delbrel, einer exemplarischen Christin des letzten Jahrhunderts, 1904 geboren, 1964 verstorben. Sie lebte in Ivry-sur-Seine, das ist eine Vorstadt von Paris, eine Industriestadt, und sie hat dort auch den Glauben gelebt, in einer Umwelt, die nicht glaubensfreundlich war. Im Gegenteil: Ivry-sur-Seine war die Hochburg des Kommunismus, und Karl Lenhard Brill hat festgestellt, dass im Kern des Kommunismus der Atheismus ist. Trotzdem hat sie auch mit Kommunisten zusammengearbeitet, denn sie war Sozialarbeiterin von ihrem Beruf her, und sie hat sich also auf dieses Milieu eingelassen und dort Zeugnis für ihren Glauben abgelegt. Ihre Lebensgeschichte ist also auch sehr interessant. Sie ist in einer katholischen Familie aufgewachsen, hat aber in der Zeit ihres Studiums an der Sorbonne sie hat dann früh damit eigentlich angefangen, hat sie ja – gab es eine große Distanz zum Glauben. Sie war – sie hat eine praktisch eine atheistische Phase durchlebt. Sie hat also einen aufrüttelnden Text geschrieben in der Zeit: „Gott ist tot, es lebe der Tod!“ Aber durch christliche Kommilitoninnen, Kommilitonen hat sie auch wieder zum Glauben zurückgefunden, und es gibt so etwas wie eine Umkehr, eine Lebenswende in ihrer Biografie, das Jahr 1924, wo sie sagt: „Also Gott ist für mich eine unbezweifelbar Realität, und man kann Gott lieben wie man einen Menschen liebt.“ Und – und daher – paradiesische Phase kann schon ein Ende gekommen – und sie hat also überzeugt ihren Glauben gelebt. Sie hat versucht, Anschluss zu finden an ihre Zeit, in der die Familie damals lebte, im zehnten Arrondissement in Paris, und hat sich da auch in Vereinen engagiert. Sie hatte – hat einen geistlichen Begleiter gefunden, den Abbé Lorenzo, der sie auch die nächste Wegstrecke begleitet hat, und es waren also Gleichgesinnte, Frauen, die der Abgrenzung um sich geschart hat. Wir haben die Bibel gelesen, das Evangelium gelesen und haben sich auch sozial engagiert, sozial karitativ engagiert.
Und dann kam ein wichtiger Punkt in ihrem Leben, nämlich die Übersiedlung von Paris nach Ivry-sur-Seine. Das ist eigentlich von der Distanz zu Paris her keine große Entfernung und wird praktisch mit der Metro an die Endstation – das ist heute noch Ivry-sur-Seine – und dann ist man in einer völlig anderen Welt, nämlich in dieser Stadt des Proletariats, in dieser Stadt des Kommunismus, wie gesagt, Hochburg des Kommunismus in Frankreich der 40er Jahre des letzten Jahrhunderts. Der Generalsekretär der Kommunistischen Partei lebte dort, und auf dem Rathaus wehte beständig die rote Fahne. Und auf dieses Menü hat sie sich eingelassen. Die Frauen wollten zunächst mal für eine Pfarrei tätig sein, aber sie hat festgestellt: Die Pfarrei ist zu weit von den Menschen entfernt. Die Partei hat keinen Kontakt mehr zu den Menschen. Und sie hat auch innerhalb von Ivry dann einen Ortswechsel vollzogen; sie ist nämlich ziemlich in die Nähe des roten Rathauses gezogen, in eine Mietwohnung. Und bei ihrem Wechsel 1933 – 13 Frauen, somit mit ihren – noch zwei weitere – und später ist das eine kleine Gemeinschaft geworden, eine Equipe von Frauen, die das Evangelium leben wollten, mitten in einer Welt, in der Gott keine Rolle spielt. Das hat sie nicht gehindert, mit den Kommunisten zusammenzuarbeiten. Sie wurde deswegen in der Pfarrei von den Parteimitgliedern so gut wie gar nicht verstanden. Es gab sogar Heimfahrt – er hat sie von der Kommunion ausgeschlossen, weil er gesagt hat: „Unmöglich! Christentum und – und Kommunismus in der Form des Atheismus passen nicht zusammen, da kann man – da gibt es keine Zusammenarbeit.“ Aber sie war vom Gegenteil überzeugt. Sie hat gesagt: „Wenn der Glaube recht ist, wenn der Glaube tief ist, dann ist der Glaube nicht gefährdet.“ Und so hat sie auch gelebt und hat also auch andere für ihre Equipe gewonnen, Frauen, wie Ergebnis beständig gewachsen. Das ging auch über Ivry-sur-Seine hinaus, in einen Ort in Lothringen, Bahn war ein Lkw, und Frauen – sie hat sogar einmal Frauen nach Afrika geschickt, nach Abidjan, an die Elfenbeinküste. Da gab es also auch eine kleine Aktivität, und sie war eigentlich so die – ja, die – die Führungsfigur, die Leiterin dieser – dieser Gemeinschaft, eine Frauengemeinschaft, die nach dem evangelischen Räten gelebt hat, ohne dass die Ordensleute waren. Die Form des – des Solitärenstituts gab es zu der Zeit noch nicht. Sie wollten auch als Laien in dieser Welt leben, weil sie gesagt haben: „Wir wollen ganz nah bei den Menschen sein.“ Begründet in der Hinsicht auch nicht von den anderen mit Christen und Christinnen unterscheiden.
Warum Madeleine Delbrel für mich eine große Rolle spielt: Im ersten Jahr meines Dienstes als Bischof und Weihbischof in Speyer hatte ich die Aufgabe, eine Predigt zu halten in der Reihe von Fastenpredigten, und ich habe mir Wandeltrainer ausgesucht. Das Gesamtthema war eben exemplarische Christen unserer Zeit, und ich habe mich dann in ihren Schriften vertieft. Ich habe dann auch persönlichen Kontakt gesucht zur Equipe in Ivry-sur-Seine. Damals lebten noch zwei Gefährtinnen von ihr aus ihrer Zeit in Ivry-sur-Seine in diesem Haus Nummer 11 in der Rue Spy in Ivry. Ich habe dann Kontakt gefunden zu dieser Equipe, zu diesen Frauen, und das hat eigentlich nur die Beziehung zu ihr noch verstärkt. Sie ist eine Frau, die eigentlich ja eine – eine Neuentdeckung für mich war in meinem Leben, aber sie hat mich auch die Zeit über begleitet bis zum heutigen Tag. Es sehr oft zitiere ich sie in Predigten, in Vorträgen, und meine Vortragstätigkeit geht sogar über die Diözese hinaus. Im Oktober 2010 war ich eingeladen vom Bischof von Châlons-en-Champagne zu einem Vortrag über Madeleine Delbrel, und ich verfolge natürlich auch die – den Fortgang des Seligsprechungsprozesses. Ist so ein Prozess der Seligsprechung jetzt eingeleitet worden von der Diözese Créteil. Ich habe guten Kontakt mit dem Bischof von Créteil und mit dem Postulator in diesem – in diesem – in diesem Seligsprechungsverfahren. Ja, und zum Erstaunen kann man feststellen, dass also Madeleine Delbrel in Ivry-sur-Seine bis zum heutigen Tag eine anerkannte Persönlichkeit ist. Es ist regiert dort immer noch ein kommunistischer Bürgermeister. Ich habe auch schon mal zwei Gruppen aus Deutschland hingeführt: eine Gruppe hier von der kfd der Diözese Speyer und eine Gruppe, eine Sympathie-Gruppe, die sich also auch schon ein bisschen mit der Spiritualität Delbrels auseinandergesetzt hatte, und da wurden wir auch im Rathaus empfangen, und der Vizebürgermeister hat gesagt: „Ich bin zwar kein Christ, aber Madeleine Delbrel in Ivry-sur-Seine – eine bemerkenswerte Frau.“ Und letzt hin hat man also auch dieses Haus, in dem sie – Miete gewohnt hat – renovieren lassen. Hat also auch die Stadtverwaltung dafür gesorgt, dass die Fassade neu gestrichen wird. Die waren nämlich in einem Grau-Schwarz über die Jahre, und man hat eine Plakette an diesem – an einem Haus festgemacht, angebracht. Darauf steht: „Madeleine Delbrel, Schriftstellerin, Sozialarbeiterin, Mystikerin.“ Und jetzt der Bischof von Créteil, den ich bei der Vollversammlung der französischen Bischöfe kürzlich getroffen habe, sagte mir – er war auch ein Vertreter der Stadt da, und er hat – er habe gesagt: „Zuliebe tun Sie alles dafür, dass man Madeleine Delbrel seliggesprochen wird.“