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Die sind unzufrieden, zerfleischen sich wie die Hund. Die wollen unabhängig sein. Die bringen sich gegenseitig um. Da werden Bomben gelegt. Hier geht's um Sprachkonflikte, da um Zugehörigkeit. Dort um regionale und kulturelle Identität. Ich lebe auch in solch einem Land mit zwei Regionen und zwei Sprachen, mit Flammen und Wallonen, aber die bringen sich nicht um. Irgendwas ist in Belgien anders.
Hier darf sogar der König für 24 Stunden abdanken und niemand stürzt. Ein Land, das 51 Tage ohne Regierung bleiben kann, ohne durchzudrehen. Statt ja, sagt man hier nein vielleicht. Und statt Nein, ja, bestimmt. Und wer unentschieden ist, sagt: "Ja, aber nein."
Ja, aber nein. Komm, hol den Ball. Ja. Ja, aber nein. Komm schon. Ja, aber nein, das bin ich. Ich mag meine Namen. Jame. Sie rufen mich auch Yamarne, das heißt natürlich dasselbe. Meine Mama war ein halber Jack Russell von der Nordsee und mein Papa ein halber Terrier aus den Adennen. Das heißt, ich bin ein Belgier, ein ganzer und in echter. Ein kleiner Zinnike, ein Mischling. In meinen Adern fließt von allem etwas. Oh, deshalb bin ich auch so schlau und jetzt habe ich die Schnauze voll von diesem blöden Ball. Ja, aber nein. Meine Nase verlangt nach einer wahren Aufgabe und ich schnüffle auch schon hoch interessantes. Ja, nee, ein toller Duft. Ja, aber nein. Mein Herrchen, der Vater der Kleinen, sagt: "In diesem Namen steckt der Geist Belgiens." Ja, aber nein. Der Geist von 33528 Quadkm in einem Namen. Da hätte ich doch Lust, jeden einzelnen Meter meines flachen Landes abzuschnüffeln, das allerdings nicht mehr lange so flach bleibt, wenn die Nationalisten weiter solche Wellen schlagen. Ist da das Meer? Nein. Eine Stadt, die Hauptstadt, der Hofstadt, Brüssel, mein schönes Brüssel. Ich komme. Ganz schön voll dieses Land hier. Ob die 11 Millionen, die hier auf den Straßen streunen, wohl genau wissen, wer sie sind? Ob Flamen oder Wallonen? Ich bin beides, ein reinrassiger, zweirassiger Mischling. Aber manchmal frage ich mich schon, wie ich mich mit meinem anderen Ich verstehe. Und vor allem, wie versteht sich mein anderes Ich mit mir? Das will ich herausfinden.
On même pas vrai compromis à la belge une fois de plus compromis la sauvage. Là où le compromis à la belge est mort il près de mes saluez le retour du compromis à la belge deromiss bin ich. Ich bin die Rettung dieses Landes. Ich wusste es. Ich bin Belgien.
[Musik] Hm, hier riecht's nach politischen Deals. Was für eine Hundehütte. Die Menschen nennen es Bundesparlament. Hier finde ich sicher einen Politiker, der mir sagen kann, was Sache ist. Wenn mich meine Nase nicht trügt, riechen diese Schuhe nach 49 Jahren politischen Pakett. Gegerbtes Leder, zweisprachige Sohle. Die Kanten sind vom vielen Buckeln ein bisschen abgestoßen. Hermann de Cro, Bürgermeister, Firma Minister, Präsident der Kammer, Senator und Staatsminister. Und ein genialer Ballspieler. Aber ist das denn seriös? Ein Politiker, der seit 49 Jahren ununterbrochen wiedergewählt wird? Komm, Hermann, du bist doch perfekt zweisprachig. Wie kommst du mit deinem inneren Zwiesp zurecht? Mit der Schizophrenie kann man auf zwei Arten umgehen. Entweder man wird verrückt oder man schließt einen Kompromiss. Kann man denn mit sich selbst Kompromisse schließen? Wir sind es gewöhnt, einer mit dem anderen zu leben, auch mit dem Gegensatz des anderen. Das ist doch blabla. Davon hängt das Überleben dieses Fläckchens Erde und seiner Bewohner ab. Es ist wie früher in italienischen Ehen. Eine Scheidung gibt's nicht. Man kann das von den Eltern geerbte Geschirzer deppern, aber am Ende muss man sich vertragen. Das viele zerbrochene Geschirr kostet den Start aber jede Menge Kohle. Oh, was ist das? Der süße Duft hübscher nagelneuer Damenballerinas. Sie gehören mit SM, die sich für Frauenrechte einsetzt. Staatsministerin. Witwe und wandelndes Denkmal von Ex-Premierminister Wilfried Martens. In Belgien brauchen wir Kompromisse. Zunächst einmal müssen wir Regierungen mit französischsprachigen und flämischen Parteien bilden und immer mit mindestens vier Parteien, weil keine von ihnen groß genug ist. Das ist typisch für Länder, in denen kein absolutes Mehrheitswahlrecht gilt. Das ist der Unterschied. Das hier ist Alexander de Cro, ein junger ehrgeiziger Liberaler, ein guter Ballwerfer, so jung und schon Pensionsminister und Vizepremierminister. Hey, der setzt mich doch glatt vor die Tür. Dabei ist ein Welpe aus Hermannswurf mit einem tadelosen politischen Stammbaum. In Ländern wie Frankreich, Großbritannien oder den USA, in denen das Wahlsystem dafür sorgt, dass die stärkste Partei alles übernimmt, bilden sich immer zwei Parteien heraus. Es gibt eine deutliche Linksrechtsausrichtung. So ist das in allen Ländern mit Mehrheitswahlrecht. In Belgien ist das anders. In Belgien haben wir ein Verhältniswahlrecht. Wir hatten schon Regierungen mit sechs oder sieben Parteien. Deshalb müssen wir Kompromisse schließen, ob wir wollen oder nicht. Und wer nicht will, macht den Abflug. Ich sehe mir jetzt mal jene Belgier an, die man immer vergisst. Unsere deutschen Brüder, die mich ja oder nein nennen, mit einem scharfen Schäferhundakzent. Die Belgier sind Meister aller Klassen in Sachen Kompromiss. Das hat fundamentale Gründe und kann schon etwas beängstigend sein. Und du, bist du ein ballonischer, flämischer, Brüsseler oder deutscher Hund? Bring mich nicht durcheinander. Karl Heinz Lambberz.
[Musik] Vier ich sind selbst mir zu viel. Seit seinem Bestehen wird Belgien von Entspannungen zwischen Flammen und Frankophonen erschüttert. Das ist angeboren und wird so bleiben. Solange dieser Planet existiert, wird es keinen Tag geben, an dem die Flammen nicht morgens aufstehen und als erstes darüber nachdenken, welche Frankophonen sie mit einem Wangenkuss begrüßen müssen. und umgekehrt genauso wie aussieht.
[Musik] Heute will einer der beiden Partner die Scheidung, der andere nicht. Dieser andere definiert sich weiterhin als Belgisch, während einer von beiden die Ehe beenden möchte. Das ist so ähnlich wie in einer Beziehung. Auch da gibt es Paare, die Entscheidung leben, aber das heißt nicht, dass sie sich nicht früher einmal aufrichtig geliebt haben und aus Liebe geheiratet haben. Wartest du noch auf etwas? Nein, vielleicht. Kompromissbereitschaft ist auch die Voraussetzung für eine bestimmte psychische Einstellung. Dass ein Kompromiss keine Schande ist, haben wir sehr stark verinnerlicht. Es gibt einen Satz von Jacques Brell. Er singt: "Da ist der Himmel tief, dass man nur Demut spürt." Diese Einstellung beobachtet man ganz allgemein in Belgien. Und was ist deine Einstellung, Lorette? Weißt du, dass ich auch Ministerin für Tierschutz bin? Nein, das wusste ich nicht. Aber im Ballwerfen hast du Ausdauer. Du bist ja auch seit 22 Jahren Nonstop Ministerin und bist gut rumgekommen. Soziales, Arbeit, Jusids, Bildung, Kultur, Gesundheit und jetzt Vizepremierministerin. Echt klasse. Na her. Alles für uns. Wir sind recht demütig. In der Politik darf man Demut nicht negativ bewerten. Sie verhindert nicht, dass man Ziele hat. Aber Demut sorgt vielleicht dafür, dass man nicht nur seine eigenen Überzeugungen hat, sondern auch die der anderen versteht. Oh, da ist ja ein Kollege. Für was stehst du? Markierst du dein Revier oder lässt du andere pinkeln? Belgen. Die Belgier sind sich der Gegenwart des anderen immer bewusst. Er ist immer da. Auch wenn man es im Alltag nicht sieht oder hört, weiß man, dass er da ist. Gerade in der Politik, wo Kompromisse besonders zum Tragen kommen, ist einem bewusst, dass man von Anfang an den anderen berücksichtigen muss. Das erklärt die prinzipielle Bereitschaft, Kompromisse einzugehen. Natürlich ist das Paradox. Bei einem Kompromiss gibt man im Grunde seine Prinzipien auf, aber hier in Belgien ist der Kompromiss selbst eine Sache des Prinzips. Etwas in unserer psychologischen Einstellung macht uns Belgiern bewusst, dass das Einverständnis mit anderen einem auch etwas geben kann. Man gibt nicht nur etwas auf, man bekommt auch etwas. Sieht so der belgische Kompromiss aus? Bei einem guten belgischen Kompromiss gibt es keinen eindeutigen Sieger. Jeder kann sagen, er hat irgendwie gewonnen. Es ist eine Übereinkunft, die beiderseitige Zugeständnisse beinhaltet. Jeder rückt ein Stück von dem ab, was ihm seine Ansicht nach zusteht. Es ist die Kunst, sich gegen seinen Willen mit dem anderen zu arrangieren. Ein guter gelungener Kompromiss ist einer, mit dem keiner zufrieden ist. Ein Kompromiss darf nie kompromettieren. Wenn die Lösung einen Verhandlungspartner zu sehr zufrieden stellt, ist es ein schlechter Kompromiss. Alle müssen mit einer unzufriedenen Miene aus den Verhandlungen gehen. Mit dem belgischen Kompromiss zu leben heißt nicht allein recht haben zu wollen. wie man das erreicht. Man sucht nach einer Win-Win Lösung. Man sucht nach einer Lösung, bei der jeder, der Partner das Gefühl haben kann, dass er etwas gewonnen hat, ohne auf der ganzen Linie zu verlieren. Wir sind aus einem Kompromiss hervorgegangen. Belgiens Gründung war ein Unfall der Geschichte. Wenn man auf die Geschichte der Gründung Belgiens in der Mitte des 19. Jahrhunderts zurückblickt, hätte es Belgien gar nicht geben dürfen. Hat er noch alle Knochen in der Schüssel? Damals gab es Bestrebungen, dass der Süden, Belgiens und Brüssel sich Frankreich anschlossen und der Norden sollte entweder unabhängig werden oder weiterhin zu den Niederlanden gehören. So sah die Logik aus. Da kennt sich aber einer aus mit der belgischen Logik. Doch die Großmächte von damals forderten die Gründung Belgiens als Pufferstaat. C'est une terre extrêmement découpée, très ondulente aux frontières capricieuses. Elle est bordée vers le haut par les Pays-Bas, à l'ouest par la mer du Nord, au sud parest de la France et à parest man die Belgier, die sich damals gar nicht als Belgier bezeichneten. Man zwang also die Wallonen und die Brüsseler mit den Flammen zusammenzuleben. wäre mich gegen diese Darstellung, denn es gab 1830 bei den Bewohnern des Südens der Niederlande, nennen wir sie Belgier, Bestrebungen nach Unabhängigkeit und den Wunsch nach einer eigenen Regierung und eigenen politischen Strukturen. Heute wird so getan, als wäre damals schon die Rede von Flammen und Wallonen gewesen, also von Niederländisch und französischsprachigen, was völlig falsch ist. Die Besonderheit Belgiens war, dass es nicht nur die progressiven Kräfte gab, die unzufrieden waren, sondern auch die Konservativen. Gemeinsam setzten sie die Holländer vor die Tür, zerteilten die Niederlande und schufen Belgien. Sie waren sich von Anfang an uneins darüber, was sie wollten. Sie wollten zwar von den Holländern nichts wissen, wussten aber nicht, was sie stattdessen wollten. Sie waren weniger ein Zusammenschluss aus germanischer und romanischer Volksgruppe, sondern eher aus Klerikalen und Antiklerikalen. Man nannte es das Monsterbündnis, glaube ich. Das Monsterbündnis war in Europa einzigartig. Es gab kein zweites Bündnis, das so tiefgreifende Zerwürfnisse und Unterschiede aufwarf wie zwischen den Katholiken und den Liberalen. Daraus musste nun einigermaßen langlebiges System geschaffen werden, das möglichst konfliktfrei war, dass Zusammenstöße verhinderte, die zu einer Spaltung des Landes hätten führen können. Belgiens gesamtes politisches System wurde darum herum aufgebaut.
[Musik] Als Belgien 1830 gegründet wurde, bestand eines der ersten Probleme in der Frage, welche Regierungsform es haben sollte. Zu jener Zeit kehrte man vieler Orts zur Monarchie zurück. Deshalb kam eine Republik nicht in Frage. Es musste eine Monarchie werden. Was tat man also? Man schuf eine konstitutionelle Monarchie. Der König war also nicht König von Belgien, sondern König der Belgier. Er herrschte nicht von Gottes Gnaden für die Ewigkeit, sondern leistete einen Schwur, unterschrieb also einen Arbeitsvertrag, der ihm bei Nichterfüllung gekündigt werden konnte, was bei einem König dann ja auch für 24 Stunden passierte. Ja, in der Tat ein schräger Kompromiss, der uns schlagartig berühmt machte. 24 Stunden lang waren wir ohne König, weil der Monarch eine religiöse Extravst spielen musste. Dass ein König für 24 Stunden abdkt, damit ein Gesetz verabschiedet werden kann, das von einer politischen Mehrheit im Land angenommen wird, gibt einem ein völlig surrealistisches Bild von diesem Land. Es ging um einen Kampf der belgischen Frauen, den unter anderem diese Frau vorantrieb, eine große Ökologin mit energischem Auftreten, wie man sieht. Mag Alwood, ihr widerspricht man nicht. Die Staatsministerin war auch Vorsitzende der Grünen im Europaparlament. Den ersten großen politischen Kompromiss, den ich schließen musste, war die Liberalisierung des Abtreibungsrechts. Damals forderten viele Schwangerschaftsabbrüche straffrei zu machen. Viele Ärzte saßen im Gefängnis, viele wurden für Abtreibungen verurteilt. Es gab eine sehr starke Opposition, vor allem auf Seiten der flämischen Christdemokraten. Die Stimmung war sehr angespannt. Irgendwann bildete sich eine alternative Mehrheit. Die regierenden Sozialisten bildeten mit den Liberalen aus der Opposition eine Art abweichende Mehrheit, die sich für Abtreibungen zu einem gewissen Zeitpunkt der Schwangerschaft aussprach. Ich werde das nie im Leben vergessen. Von der Schlussabstimmung gab es ein wunderbares Foto im Morgen. Das war am Tag nach der Entscheidung. Man sah den Block der Christdemokraten. Praktisch alles nur Kerle, die mit Nein stimmen und man sah ihre totale Ablehnung. Ich erinnere mich noch sehr gut an einen Besuch, den ich König Podou abstattete. Ich betrat sein Büro über die Terrasse. Er drehte sich zu mir um und sagte zu mir auf Flamisch: "Ich unterzeichne nicht." Obwohl wir gar nicht darüber sprechen sollten, wusste ich sofort, worum es ging. Ich ging nach draußen. Ich war in der Opposition. Ich telefonierte sofort mit dem Premierminister und sagte ihm: Wfried, er unterzeichnet nicht. ro a des principes très rigoureus en ce qui concerne l'avortement mais avant 30 mars 1990 il dit qu'il dante sich König Budan zu unterzeichnen. Ich hatte zum Staatschef gesagt bei allem gebotenen Respekt, aber sie sind ein konstitutioneller König, kein Staatspräsident auf Zeit mit umfassenden Machtbefugnissen. Sie müssen sich der höchsten Macht beugen und das ist das Parlament. pendant la semaine suivi quand il a rencontré aussi vicepriministre il a déclaré à tous vous pouvez envoyer le pape le cardinalit pas changer d'avis d'ailleurs si onit pas trouvé une solution il
[Musik] fen raffinierten Trick. Der König wurde für regierungsunfähig erklärt. Man erklärte ihn für unfähig, die Geschäfte des Landes zu führen. Unglaublich. Die belgische Verfassung sieht wie jeder Staat vor, dass ein Staatschef auch regierungsunfähig werden kann, ob aus psychischen oder physischen Gründen. Er trat also zurück. Das war ungeheuerlich. Wahrscheinlich konnte das im Ausland niemand nachvollziehen. Dass ein König für 24 Stunden abdkt und wiederkommt, ist unmöglich, aber unmöglich ist nicht belgisch. Das war eine Trickerei mit der Verfassung, wie es sie vorher und nachher nie gegeben hat. Es war ein Ausnahmefall in der Geschichte. Dass man überhaupt auf diesen Trick kam, ist schon verblüffend, aber dass niemand daran anstoß nahm, ist geradezu unfassbar. Eine große Mehrheit in Belgien war für das Abtreibungsgesetz, aber ein Großteil der Öffentlichkeit verstand auch den König und sein Gewissensproblem und fand, dass er das Recht hatte, die Unterzeichnung zu verweigern. Wer vertritt den belgischen König, wenn es keinen mehr gibt? Auf keinen Fall ein anderer König. Zu heikel. In diesem Fall wird die gesamte Regierung zum Staatschef. Nun geschah das Außergewöhnliche. Das Abtreibungsgesetz wurde verabschiedet und wer hatte es unterzeichnet? Sämtliche Minister der Regierung, auch die christlich sozialen und christlich katholischen Minister, die vehement und aus voller Überzeugung dagegen waren.
[Musik] Der Kompromiss bestand darin, dass meine Partei die Regierung nicht im Stich ließ. Hätte meine Partei gesagt, wir sind nicht einverstanden und verlassen die Regierung, wäre die Regierung gestürzt. Das war der Kompromiss. Nach wenigen Stunden kehrte der König zurück, dessen Regierungsunfähigkeit aus Gewissensgründen damit endete. Sie verschwand im Handumdrehen. Schon am Tag nach dem Wiederantritt des Königs herrschte Business As U. Gut, der König hatte für 24 Stunden abgedankt. So what? Gab es Demonstrationen im Land? Protestierten Leute dagegen, dass hier Schintluder mit der Verfassung getrieben wurde? Nein, es passierte gar nichts. Ja, das war schon etwas Borderleine. Manche Kompromisse bewegen sich hart an der Grenze der Legalität, aber solange es von allen akzeptiert wird, macht man es. Ein starkes Stück für ein Land, dessen Parlament in der Straße des Gesetzes steht. Es ist schon außergewöhnlich, dass der Kompromiss, den viele Leute grundsätzlich für einen faulen Kompromiss halten, bei uns nicht als Beleidigung gilt, sondern fast als ehrenhaft. Hier halten sich alle gegenseitig in Schach. Belgien ist das einzige Land, außer Nordkorea vielleicht, auch wenn das jetzt böse klingt, wo es keine politische Opposition gibt. Wieso? Weil in Belgien alle an der Macht sind. Die sozialistische Partei muss mit den Liberalen, den Grünen, den Christdemokraten, der flämischen Unabhängigkeitspartei und so weiter zusammenregieren. Wenn auf Bundesebenen nicht alle an der Macht sind, dann auf regionaler Ebene. Deshalb haben sie so viel Macht, ganz zu schweigen von den Kommunen. In den Kommunen sind alle Kräfte vertreten. Deshalb will jeder Bürgermeister werden. Deshalb gilt ich gebe dir etwas und du mir. Wir halten uns gegenseitig in Schach. Es ist also keine direkte Opposition möglich. Weil es einem dann auf einer anderen Ebene den Boden unter den Füßen wegzieht. Extrem gefährlich. In der Gemeinde, in der ich Bürgermeister war, könnte ich ein Bündnis mit meinen sozialistischen Freunden eingehen, die auf Provinzebene meine Gegner sind, denen ich aber in der Regierung als Kollegen wieder begegne. Auf regionaler Ebene sind sie meine Gegner und so geht es die ganze Zeit. Man kann niemals einheitlich denken. Man regiert nie so monarchisch wie der französische Staatspräsident.
[Musik] feststeht, dass die Belgier wenig Nationalgefühl haben. Die Flagge wird in vielen Ländern ja regelrecht kultisch verehrt. In Belgien wird sie nur bei Fußballspielen hervorgeholt. Im normalen Alltag treibt man mit ihr eher Schintluder, oft auch auf ganz seltsame Weise. Die guten alten Bodenwischtücher sind am Rand wie die Nationalflagge gestreift. Hunderte von Belgiern wischen sich also täglich ihre Füße auf der Nationalflagge ab. In anderen Ländern kommt man dafür ins Gefängnis. Erinnern wir uns, dass Premierminister Lernm statt der belgischen Nationalhymne die Marseillais anstimmte. la connaissez un peu
[Musik] ist unvorstellbar, dass Obama die Nationalhymne verwechselt und versehentlich die kanadische singt oder dass François Lond die italienische Hymne anstimmt. Aber in Belgien kann es passieren, dass der Premierminister die Marseilles statt der belgischen Hymne singt.
[Musik] Dieser fehlende Nationalismus ist auch ein Lob auf das Bastardentum. Denken wir nur an unsere Brüsseler Zineke Parade. Das ist eine Art Festzug, an dem alle teilnehmen dürfen. In erster Linie all diejenigen, die sonst kaum Zugang zum kulturellen Leben haben. Es ist genial, dass diese Stadt in der Lage ist, eine neue Form der Folklore zu schaffen, die ihrem heutigen Multikulturalismus entspricht. Auch das ist ein Kompromiss. Um Vielfall zu leben, darf man nicht aussortieren, sondern muss hinzufügen.
[Musik] In Anbetracht der ethnischen Konflikte der letzten zwei Jahrhunderte in der Welt steht Belgien sehr gut da, denn das Land hat es geschafft, eine extrem friedliche Multiethnizität auszuhandeln. Ein Zinike, von welcher Gattung bist du denn? von der cleveren, aber das fragt man nicht. Frage ich dich nach deinen Genen. Ein Zineke ist ein Hund, eine Promenadenmischung aus Afghane und Kckaspaniel oder aus allen möglichen anderen Rassen. Bastard ist in vielen Sprachen und Ländern eine Beleidigung, aber hier in Brüssel gilt Bastardentum als etwas Positives. Der Zineke ist so etwas wie sein eigenes Klischee. Ein kleiner Hund, der vielleicht keine Schönheit und eine wilde Mischung ist, aber auf jeden Fall pfiffig.
[Musik] Ich [Musik] spaziere hier entlang der Demarkationslinie der belgischen Sprachgrenze. Eine unsichtbare Mauer von 240 km Länge zwischen Osten und Westen. Im Zickzack teilt sie das Land seit 1963 in zwei Hälften. Ehrlich gesagt riecht es auf beiden Seiten gleich. Was bedeutet diese Grenze? Wer wollte sie? Die Leute oder ihr Boss? Hier 100% ballonisch, da flemmisch. Schon schizophren diese Zerrissenheit. Muss ich auf dieser Seite Französisch bellen und hier flemisch. Ist das nicht albern?
[Musik] Für mich ist ein wichtiger Kompromiss, der in der Geschichte Belgiens in verschiedenen Varianten wiedergekehrt ist. das Prinzip der linguistischen Territorialität, also die Anerkennung, dass in den verschiedenen Regionen des Landes eine bestimmte Sprache Vorrang hat, vor allem in Flandern und der Wallonie. Das wurde erst in den 1930ern eingeführt, also 100 Jahre nach Belgiens Unabhängigkeit und der Gründung des Königreichs Belgien. Es war ein Kompromiss zwischen einem Teil der Frankophonen, die es gewohnt waren, dass Flandern zweisprachig und die Wallonie einsprachig Französisch war und den Flamen, die diese Asymmetrie inakzeptabel fanden. Der Kompromiss, auf den man sich einigte, war die territoriale Einsprachigkeit auf 90% des Staatsgebiets mit wenigen Ausnahmen wie Brüssel und Löwen, die übrigens später ja auch Probleme machten. Die grundlegende Frage ist, wie viele Parteien überhaupt beteiligt sind. Die Flammen möchten grundsätzlich ein Belgien zu zweit, Flandern und die Wallonie. Die Wallonen sehen das anders. Sie sehen Belgien drei geteilt in Flandern, Wallonie und Brüssel. Und als ob das noch nicht reichen würde, gibt es noch die deutschsprachige Minderheit im Ostenbelgiens, die sagt, uns gibt es aber auch noch.
[Musik] Deshalb haben wir deutschsprachigen eines Tages eine sehr belgische Formel erfunden. Z, also die flammische Version Belgiens plus 3, die wonische Version ergibt vier, die deutschsprachige Version. Ein echtes Mathenie. Manchmal frage ich mich, ob dieser Sprachenstreit für unsere Politiker eine Art Gehirnjogging ist, damit sie in Form bleiben. Es würde nie jemand zugeben, dass der Konflikt zwischen Flammen und Wallonen auch rassistisch gefärbt ist. Aber wenn man die üblichen Rassismusriterien anlegt, dass Fehler und Eigenschaften von einzelnen einer ganzen Gruppe übergestülbt werden, dass man die anderen verachtet oder sich nicht für sie interessiert, dass man versucht, sie loszuwerden. Diese Kriterien gelten durchaus auch für die Beziehungen zwischen Flammen und Wallonen. Als es 1968 zu den Protestaktionen in Löwen kam, die schließlich zur Aufteilung der Universität führten, skandierten die Flammen Wallonen raus.
[Musik] Hätten sie mit Transparenten wie Juden raus, Araber raus oder Schwarze raus demonstriert, hätten alle mit dem Finger auf uns gezeigt, wie skandalös und rassistisch, schlimmer als in Südafrika, aber es hieß Wallonen raus und da nahm man es als netten Insiderwitz hin. Löwen war in den 60er Jahren eine Stadt mit der mit Abstand größten zweisprachigen Universität des Landes. Das aber noch nicht allzu lange. Nach ihrer Gründung im 15. Jahrhundert wurde auf Latein unterrichtet, bis man allmählich zu Französisch überging. Erst in den 1930er Jahren begann man in der fläischen Stadt auch auf niederländisch zu unterrichten. Die Universität war zu groß für die Kleine Stadt Löwen. 30.000 Studenten kamen auf 30.000 Einwohner. Damals kam die Forderung auf, den gesamten französischen Teil der Uni an einen anderen Ort zu verlegen, hinter die Sprachgrenze. Für mich ging es dabei erneut um eine französischsprachige Elite in einer mehrheitlich flämischen Stadt, die sich dort aufführte wie Besatzer. contre des gens qui parlent français mais j'ai bien quelque chose contre les gens qui parlent français et en plus fris man muss das immen berüchtigten Sprachgrenze sehen, die auf französischer Seite immer nur schwer akzeptiert wurde, sich nach Flandern auszubreiten, weil man sich dort niedergelassen hatte und dafür zu sorgen, dass dieser Teil Flandans französisch sprachig wurde, galt das völlig normal. Auf lemischer Seite wurde das anders erlebt. Das führte zu recht heftigen Spannungen. Ja, es kam zu heftigen Zusammenstößen. weniger zwischen den fläischen und den französischen Studenten, denen das egal war, sondern zwischen nationalistischen flämischen Studenten und Polizeitruppen, die die französischen Fakultäten vor den Steinewerfern schützen wollten. Was tat man also, um diese heftigen Spannungen beizulegen? Man schloss einen Kompromiss auf belgische Art. Der französische Teil der Universität würde geben. Aber wie bei vielen Kompromissen kam noch eine andere Dimension ins Spiel, die finanzielle Abfindung. Der Bundesstaat finanzierte einen riesigen Campus in der Gemeinde Otin, wo sich heute Louvan La Nerf befindet. 40 Jahre später feierte man gemeinsam den Umzug der Universität Löwen und der Uni Louvana Nerf und machte sich bewusst, dass dies für beide eine ausgezeichnete Sache gewesen war. Das Außergewöhnliche war, die beiden Universitäten begannen plötzlich wieder zusammenzuarbeiten, sowie andere. Das ist schon erstaunlich. So ähnlich wie Ehepaare, die sich dreimal scheiden lassen und doch immer wieder den Partner heiraten, von dem sie sich vor ein paar Jahren haben scheiden lassen. Das Sprachproblem als Auslöser der Dauereekrise wie im richtigen Leben. Gefahr im Verzug für mein schönes Brüssel, dem Liebling beider Seiten. Das beste Beispiel für den belgischen Kompromiss ist der Status der Region Brüssel Hauptstadt. Bis zum heutigen Tag gibt es nichts vergleichbares. Das ist so etwas wie der Mercedes der belgischen Kompromisse. Inwiefern. Man schuf hier etwas, das weltweit einzigartig ist. In allen föderalen Staaten der Welt gibt es nur einen Typ von föderalen Untereinheiten. Die Schweizer Kantone, die deutschen und österreichischen Bundesländer oder die kanadischen Provinzen. Nur in Belgien schuf man zwei Arten von Untereinheiten, die Gemeinschaften und die Regionen. Belgische Föderalismus beinhaltet drei Regionen und zwei Gemeinschaften. Eigentlich sogar drei, denn es gibt noch eine kleine deutschsprachige Gemeinschaft. Aber ansonsten ist das Land zwei geteilt. Ein Teil spricht Niederländisch, der andere Französisch und Brüssel gehört zu beiden. Wir haben viele Jahre darauf gewartet, dass Brüssel als eigenständige Region neben der Wallonie und Flandern anerkannt wird. Brüssel war eine Art Anhängsel ohne klare Zuteilung, ohne klare Kompetenzen oder ohne klare finanzielle Mittel. Brüssel gilt als eigenständige Untereinheit neben Flandern und der Wallonie. Somit gab man beiden Seiten Recht, aber es wurde gleichzeitig etwas extrem kompliziertes geschaffen. Kein Belgier oder Europäer versteht diese Konstruktionen. Außerdem kosten solche Kompromisse Geld. Alle Institutionen gibt es doppelt, alle Ministerien dreifach und die Regierungen gleich vierfach. Aber das ist der Preis, damit es weiterhin läuft. Wenn man noch stärker ins Detail geht, stellt man fest, dass die Dinge in Brüssel sogar noch weiter verkompliziert wurden, denn es wurden spezielle Systeme eingeführt, die der flämischen Minderheit hier in Brüssel Sonderrechte einräumen. Eine Minderheit von 6 bis 7% gegenüber einer Mehrheit von 84 bis 85% politisch gleichzustellen ist als institutionelles Konstrukt schon typisch belgisch. Das ist wirklich ein Kompromiss. Damit der Haussegen nicht schiefhängt, wurde die Mathematik neu erfunden. Aus 85% Frankophonen und 7% Flammen nicht eingerechnet die Ausländer, macht man 50 zu 50 quot Era Demonstrandum. Die flämische Minderheit ist also bestens geschützt und es kamen ganze Abordnungen von europäischen Juristen nach Brüssel, die völlig verblüfft waren über den Minderheitenschutz, den sie hier vorfanden. Dieses Modell kann als Vorbild für andere vergleichbare Situationen dienen. Tatsächlich werden ab und zu belgische Experten in Bosnienherzegovina oder im Israel Palästina Konflikt hinzugezogen. Was Israel und Palästina betrifft, ist die Situation ähnlich. Es sind ca. 11 Millionen Einwohner mit einem Verhältnis von 60 zu 40% zwischen beiden Bevölkerungsgruppen und sie sprechen verschiedene Sprachen. Eine zentrale Frage des Konflikts ist auch, wer die Hauptstadt Jerusalem beanspruchen darf. und wo genau die Grenzen der Hauptstadt verlaufen. Es gibt also ein paar Analogien. Stellen wir uns einmal vor, das Brüsseler Modell könnte in Jerusalem als Inspirationsquelle dienen. Unter einer Voraussetzung natürlich, dass man die Kalaschnikovs zu Hause lässt. Das Faszinierende in Belgiens Geschichte ist, und das spricht sehr für den Kompromiss, dass es in Belgien nie zu bewaffneten Konflikten kam, niemals. Dabei sind die Gegensätze durchaus heftig und auch das gegenseitige Unverständnis ist ausgeprägt. Ähnlich wie z.B. in Bosnien Herzegovina zwischen den Serben und den Muslimen. Während die Beziehungen zwischen zwei Bevölkerungsgruppen in anderen Ländern heftige Zusammenstöße hervorrufen, sind wir vernünftig genug zu sagen, wozu das Ganze versuchen wir lieber gleich einem Kompromiss zu schließen. Wir wissen ja, am Ende kommt es doch zum Kompromiss. Der belgische Kompromiss besteht darin, niemandem auf die Füße zu treten. Ein Konflikt wird nicht entschieden, sondern auf später verschoben, in der Hoffnung, dass der Konflikt nicht ausbricht, während man noch verhandelt. So ein Schnösel, der Typ kann kein Belgier sein. Das macht den belgischen Kompromiss aus. Das Problem wird auf später verschoben. Es ist kein hinausschieben. Man vertagt nicht die Probleme, die man heute nicht lösen kann auf künftige Generationen. Es geht eher um Lösungen und die Lösung von heute ist nicht die Lösung von morgen. Manchmal hört man, die belgischen Übereinkünfte sein zu lasch und zu simpel gestrickt. Manchmal hört man auch, ein Problem würde nur auf später vertagt, aber in der Zwischenzeit löst sich das Problem von selbst. Jean de Hane prägte den wunderbaren Satz: "Solange sich ein Problem nicht stellt, existiert es nicht." Man nannte der Hanne damals den Klemtner, aber jeder Kompromiss bedeutet im Grunde, dass man irgendwo ein Loch stopft. Es geht fast nicht anders, denn ein Kompromiss ist immer zeitlich begrenzt. Die belgischen Institutionen betreiben schon eine Art Hightech Klemtnerei. Es ist also kein Zufall, dass man Jeanlük de Hane als Klemtner bezeichnete. Man rief ihn immer zu. Hilfe, um neue Kompromisse zu schließen, um hier und da Lex zu stopfen und noch ein Stück Leitung mehr zu verlegen. Jeder Premierminister hat seine eigene Verhandlungstechnik. Puh, da sind alle ganz unterschiedlich. Ich habe schon für mehrere Ministerpräsidenten gearbeitet, die waren sich gar nicht ähnlich. Manche warten eher ab, bis das Obst allein vom Baum fällt. Andere dagegen schreiten sofort ein. Da gibt es die Verführungs und Komfortstrategie, die Strategie von Werhofstadt. Man istst gut, trinkt guten italienischen Wein. Die Werhofstadt servierte italienische Küche, um ein Ambiente zu schaffen, indem man irgendwann zum Kompromiss fand. Die Köchin Maria servierte etwas und es wurde versucht eine gesellige Atmosphäre zu schaffen. Bei anderen gibt es labrige Sandwiches, damit die Kollegen die Nase voll davon haben oder es gibt nichts mehr zu essen. Dann wird es spät und manchmal wird der Kompromiss so erzwungen. Da sitzen also Regierungschefs, die 48 Stunden lang nicht duschen, die ausgelaugt sind, die absolut widerliche Sandwiches serviert bekommen. Ich erinnere mich an eine solche Verhandlung. Es war 11 Uhr abends und mein Chef telefonierte mit dem Ministerpräsident, der sagte, ich habe Hunger, ich bringe Fritten mit. Wir kamen zur Frittenbude und der Außenminister rief noch einmal den Vizepremierminister an und sagte: "Frag doch mal die anderen vizepremiers, welche Soße sie möchten." Er kam also in den Ministerratssaal mit dieser Ladung Fritten und den Soßen, die sich jeder ausgesucht hatte mit Frikadellen und so weiter. Plötzlich fingen alle schallend an zu lachen. Das entspannte die Verhandlungen kolossal und anderthalb Stunden später war alles geretzt. Dann gibt es die Schlafentzugsstrategie. Alle versammeln sich zum Finish. Keiner verlässt den Raum und geht schlafen bis zum Kompromiss. Wir haben schon 36 40 Stunden am Stück verhandelt. Wenn man um Mitternacht denkt, man kommt der Sache näher, muss man weitermachen. Würde man um Mitternacht sagen, wir sind fast so weit, aber erstmal gehen wir nach Hause und treffen uns morgen wieder, das funktioniert nicht. Dann gehen alle nach Hause, sprechen mit dem Kollegen und mit ihrem Parteivorsitzenden und der sagt: "Gut, aber vielleicht kannst du es so oder so machen. Wenn man morgens wieder anfängt, ist es vorbei." Ein wichtiges Element beim belgischen Kompromiss ist auch die Klausur. Man zieht sich mit ein paar politischen Eliten an einen entlegenen Ort zurück, z.B. will in ein Schloss, um sich zu beraten. 2007 kam man erneut auf Schloss Wald Chesses zusammen, wo man gerade in den 60er Jahren sprachliche Kompromisse gefunden hatte. Inzwischen gibt es aber natürlich die neuen Kommunikationsmittel, neue Medien wie Smartphones und SMS, also war man nicht wirklich isoliert. Wal duch war also durchlässig geworden.
[Applaus] Es kann zu Blockaden oder Wutausbrüchen kommen, oft auch zu subtilem Zorn. Diese Leute sind alle zu großem Zornfähig. Das ist schon interessant. Ich habe alle Vizepremierminister schon mal wütend erlebt, so dass Türen geknallt wurden. Ich habe ein hitziges Temperament und es kommt schon vor, dass ich entnervt bin und an die Decke gehe. Erst wird es dramatisch, dann beruhigt sich die Lage, alle sind zufrieden und es gibt eine Einigung. Meistens passiert das am späten Abend oder kurz vor den Fernsehnachrichten, damit man sagen kann, es gibt eine Übereinkunft. Die Opposition kann nicht mehr reagieren und die Kommunikation kann wieder ins Lot gebracht werden. Oft hat man von außen das Gefühl, es wird dramatisiert. So als würde im Textbuch eines Theaterstücks stehen, an dieser Stelle muss es dramatisch werden. Natürlich stimmt das nicht. Das ist ganz normal. Man versucht eine Lösung zu finden und es klappt nicht. Man ist genervt oder versucht auf einem anderen Weg zum Kompromiss zu finden. Es gibt neue Ideen. Das liebe ich so an Verhandlungen. Sie zwingen einen kreativ zu sein. Das heißt, man muss eine völlig neue Idee auf den Tisch legen, an die noch keiner gedacht hat und die vielleicht zur Lösung führt. Nach einer langen Nacht des Diskutierens und Verhandelns kommt man zur Lösung und alle, die diese Lösung lesen, sind perplex. Sie ist so kompliziert, dass sie eigentlich keiner versteht, aber es darf auch keiner zugeben, dass er verloren hat. Jeder kann auf seine Weise sagen, dass er recht hatte. Wenn das gesagt ist, beruhigen sich die Dinge. Dann muss der Kompromiss in die Tat umgesetzt werden. Das ist dann der große Moment. Der finale Stresstest für einen belgischen Kompromiss ist, dass er funktionieren muss. Und wenn etwas kompliziertes mit Leidenschaft verhandelt wurde und in der Realität funktioniert, dann ist das ein echter belgischer Kompromiss. Einmal hat es nicht funktioniert, da blieb das belgische Rudel über ein Jahr lang ohne Rudelführung. Manche meinten, damit sei der Kompromiss
Am Ende. Belgien so gut wie tot. Schlimm. Na, die haben sich angeknurrt. 40 Jahre lang hat man versucht, Lösungen für das Problem Brüssel-Hall-Vilvoorde zu finden. Die Verbindung zwischen Brüssel und den angrenzenden Gemeinden auf flandrischem Gebiet. Das war nun wirklich kein großes, weltbewegendes Problem, aber es war zum Stachel in unserem Fleisch geworden und blockierte alles Mögliche.
Bei einer Kompromissdynamik kommt ein Ball ins Rollen. Das Problem war, dass der Ball zwischen 2007 und 2010 gar nicht rollte. Er steckte fest. Am Ende brachte der ehrgeizige Neuling den Ball ins Rollen, indem er ihn wegwarf. Und man ihn 541 Tage lang suchen durfte. Die Regierung stürzte und wir dachten, das war's. Wir wussten, dass das passieren konnte, aber ausgerechnet jetzt. Es endete im Chaos. Da gab es dieses Manöver von Alexander De Croo, den Stecker zu ziehen. Ja, auf Lëtzebuergesch sagt man "den Stecker ziehen". Das bedeutet, dass man einfach den Saft abdreht. Aus meiner Sicht war das etwas unbedacht, denn sobald das geschehen war, lief alles aus dem Ruder.
"On est un pays de fous pour ça. Il y a des problèmes économiques et sociaux terribles et on a un parti qui joue un jeu irresponsable et qui met la stabilité du pays, la situation des francophones..." Panik in den Redaktionen. Vorgezogene Wahlen.
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Nach den Wahlen von 2010 zeigte sich: Bei den Frankophonen hatten die Sozialisten ein hervorragendes Ergebnis. Doch in Flandern kam der Paukenschlag: die N-VA. Die Nationalisten mit Spitzenkandidat Bart De Wever wurde die stärkste flämische Partei und zugleich die stärkste Partei im Land.
[Applaus]
"dating nodig heeft." Die N-VA, diese neue, große Nationalistenpartei, wollte diese Dialog- und Kompromissstrategie beenden. "Aus dem 'Ich liebe dich nicht mehr' wird 'Ich kenne dich nicht mehr'. Ich dich auch nicht." Das ist traurig. Wenn eine Partei sagt: "Belgien, wir sind Separatisten, wir wollen eine flämische Republik", dann wird es schwierig, sich in eine Regierung wählen zu lassen, die das nicht vorsieht. Bei einer so extremistischen Haltung, von der man weiß, dass die anderen Parteien das nicht wollen und die eigene Partei sich auf keine Diskussion einlassen will, ist kein Kompromiss möglich.
Die Krise dauerte an und in den Redaktionen war man zeitweise sehr genervt, weil immer wieder neue Aufklärer, Erklärer, Wegbereiter und Vermittler bestimmt wurden. Einmal hieß es sogar: "Nehmen wir doch einfach Bart De Wever. Wir machten Witze darüber." Wicher.
Als letzte Rettung bat der König den Mann mit der Fliege, es noch einmal zu versuchen. Elio Di Rupo, ein italienischer Einwanderer, Vorsitzender der Sozialisten und sehr engagiert. Er wurde am Ende Premier. So ein Angeber, aber um mit den Flamen zu verhandeln, musste er erst ihre Sprache lernen. Niemals hätten die flämischen Separatisten von der N-VA mit den französischsprachigen Sozialisten regiert.
"Ik dacht na eerste gehoor dat we minstens een jaar maar zouden kunnen uitspreken. Eh maar helaas." Es ging um die Rettung des Landes und mit der N-VA war das nicht möglich. Man fragte sich, was man tun sollte. Die anderen flämischen Parteien waren nicht bereit, sich an den Verhandlungstisch zu setzen. Man kann sie verstehen. Sie meinten: "In Flandern wurde die N-VA, die Partei der Nationalisten, zur stärksten Partei gewählt und ihr wollt sie in der Opposition sehen und bittet uns Verlierer an den Verhandlungstisch?" Außerdem muss man sich vorstellen, wie schwierig eine Verhandlung vor dem Hintergrund einer institutionellen und gravierenden wirtschaftlichen Krise ist, mit Parteien, die so verschieden sind wie die Sozialisten und die Liberalen aus dem Norden. Die sind wie Tag und Nacht.
Die Verhandlung war nicht einfach. Elio Di Rupo war mehrfach beim König, um seinen Rücktritt einzureichen. Ich will damit sagen, dass die Lage sehr angespannt war. Gleichzeitig wussten alle am Tisch, dass wir keine Wahl hatten. Wenn wir keine Einigung erzielten, wäre Belgien als Land in der Krise. Würde es dann überhaupt noch als Land auf der Weltkarte existieren?
"on devrait peut-être pas devrait peut-être se révolter que les son pr."
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Juli hatte der König es satt. Er verlor die Ruhe und sein Lächeln und hielt diese Rede zum Nationalfeiertag, bei der er mit der Faust auf den Tisch haute und sagte: "Es wird Zeit." Man sah ihm an, dass er es ernst meinte.
"Chacun aura donc l'obligation de prendre responsabilités. Le moment est venu où le vrai courage consiste à chercher fermement le compromis qui rassemble et non à exacerber les oppositions."
Ich erinnere mich an eine denkwürdige Szene, besonders an diesem 21. Juli. Man spürte fast die Angst der Vorsitzenden der flämischen Parteien vor dieser Verantwortung. Als Parteien, die die Wahlen verloren hatten, mussten sie nun die Verantwortung für eine Verhandlung übernehmen, also für einen Kompromiss.
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Für Elio bedeutete dies viel Geduld. Er musste seinen Pilgerstab nehmen und von einer Partei zur anderen wandern. Er war der festen Überzeugung, dass man es schaffen würde. Hätte Di Rupo nicht so gedacht, hätte er sich sofort erschossen. Dann hätte er nicht durchgehalten und die Krise nicht lösen können.
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"Ah, ich hab ihn." Tja, nach 541 Tagen hatte die flämische Regierung, benannt nach dem Halsband ihres Anführers, endlich die Krise hinter sich. Und wie haben es die Belgier geschafft, die Krise zu überstehen? Indem sie in Flandern eine Minderheitenregierung errichteten. Das ist verrückt und langfristig unhaltbar. Wieso? Weil Flandern 60% der belgischen Bevölkerung ausmacht und die Frankophonen 40%. Im Norden haben wir also die Mehrheitspartei, die Partei, die die Wahlen gewonnen hat, aber von der Bundesregierung ausgeschlossen wurde. Regional ist sie vertreten. In Belgien ist das immer etwas kompliziert. Sie ist aus der Bundesregierung ausgeschlossen. Die Regierung repräsentiert also nicht die Mehrheit der größten Bevölkerungsgruppe des Landes.
Für mich ist die Tatsache, dass die 540 Tage schließlich mit einem Kompromiss zu Ende gingen und die Regierung wieder ans Werk gehen konnte, vor allem in diesem Jahr, dem Wahljahr 2014, trotz allem ein Zeichen für eine stabile Gesundheit. Die große Stärke des Bundesstaats ist außerdem, dass er es überhaupt geschafft hat, das zu überleben.
Und die Zukunft? Wie geht's weiter? Die Frankophonen machen sich absichtlich etwas vor, wenn sie davon ausgehen, dass Belgien für immer bestehen bleiben wird, dass es sich zwar entwickelt, aber immer ein föderaler Staat bleibt. Auf flämischer Seite macht man sich da weniger Illusionen, weil viele laut aussprechen, dass sie keine sentimentalen Gefühle für dieses Land haben. Sie möchten nur, dass es gut funktioniert. Also hängt alles vom Funktionieren des Landes ab.
Brauchen wir noch Kompromisse? Verstehen sich junge Politiker in der hohen Kunst des Kompromisses? Selbstverständlich brauchen wir Kompromisse. Wir können uns nicht scheiden lassen, denn wir haben doch ein gemeinsames Kind: die Hauptstadt. Was machen wir mit Brüssel, wenn wir uns trennen? Wer bekommt das Aufenthaltsbestimmungsrecht und wer das Besuchsrecht? Oder praktizieren wir ein Wechselmodell? Schaffen wir das finanziell überhaupt ohne den anderen?
Ich komme zu dem Schluss, dass wir mehr davon haben, zusammen zu bleiben. Ich fürchte, eines Tages wird es das Land nicht mehr geben und jeder wird wieder unabhängig in einem europäischen Rahmen, der jedem ein schützendes Dach über dem Kopf bietet. Aber ich hoffe es nicht, denn eine belgische Scheidung wäre ein sehr negatives Signal für ganz Europa. Es würde bedeuten, dass ein Zusammenleben in einem politischen Raum tatsächlich nicht möglich ist. Wenn schon Flamen und Frankophone nicht miteinander auskommen, wie sollen es dann Portugiesen und Litauer schaffen?
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Es wäre eine schreckliche Niederlage für die Gemeinschaft, wenn Belgien zerfallen würde und es wäre ein schrecklicher Sieg für den Eigennutz. Es würde bedeuten, dass man kein höhergestelltes Interesse jenseits des eigenen Tellerrands mehr sieht. Am Ende heißt es: "Das ist mein Dorf. Dein Dorf ist hier nicht willkommen. Ich zahle nicht für dein Wasser." Man kann das immer weiterspinnen bis hin zum eigenen Nachbarn. Wo hört das auf? Es wäre eine echte Niederlage für das Zusammenleben und letztendlich auch für die Menschlichkeit, denn die menschliche Rasse an sich ist schließlich eine Familie.
Ich bin froh, ein belgischer Zineke zu sein und diesem Volk von europäischen Bastarden anzugehören, die alles verstanden haben. In der Politik schließt man am Ende doch immer Kompromisse. Wieso fängt man dann nicht leicht damit an? Darauf muss man erstmal kommen. Ein Hoch auf Belgien! Vive la Belgique!
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[Musik]
Non, mais non, mais non. Ja, non. Ja. Nee. Ja oder nein? Ja.
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Non. Nee, men ja zekers. Men ja, ja.
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