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Ich habe PFAS im Blut | Ewigkeitschemikalien

MAITHINK X23:01

Transcription

Ich habe einen Bluttest gemacht. Und dabei wurden Substanzen gefunden, die eigentlich nicht ins Blut gehören, weil sie giftig sind. Sie gehören zu der Gruppe der PFAs. Die bezeichnet man auch als Ewigkeitschemikalien, weil sie eine Ewigkeit halten. PFAS sind sehr beständige Chemikalien, fast unkaputtbar, außerdem wasser-, fett- und schmutzabweisend. Das berühmteste PFAS findet man in jeder Küche in Form von Teflon. Die Beständigkeit und Anti-Haft-Eigenschaft machen Teflon zu einer super Pfannenbeschichtung. Aber PFAS stecken überall: in Handys, Regenkleidung, To-go-Bechern, Herzschrittmachern, Medikamentenverpackungen, Computerchips, Halbleitern — um mal nur ein paar Beispiele zu nennen. Auch für die Energiewende brauchen wir PFAS für Lithium-Ionen-Akkus oder in der Wasserstoffherstellung. PFAS helfen uns also in ganz vielen Bereichen. Aber sie sind auch wie Glitzer: Erst mal ganz toll, aber landen auch überall, wo man’s nicht braucht und das für immer. Überall auf der Welt kann man PFAS in der Natur nachweisen, in der Luft, im Boden, im Wasser, in Eisbären und auch in meinem Blut. Und damit bin ich nicht allein. Euch betrifft es wahrscheinlich auch.

Seit 2023 schlagen mehrere Mitgliedsstaaten vor, PFAS zu verbieten. Im August 2025 wurde dieser Vorschlag noch einmal aktualisiert. Längst überfällig, sagen Fachleute. Völlig unverhältnismäßig, sagt die Industrie. PFAS seien unverzichtbar. Denn ohne PFAS: “Kein Windrad, kein Energiespeicher, kein Auto, keine Halbleiter.” Auf die Energiewende zu pochen und gleichzeitig ein PFAS-Verbot zu fordern, laut der Gesellschaft Deutscher Chemiker sei das eine Forderung nach dem Motto: „Wasch mich, aber mach mich nicht nass.“ Unrealistisches Wunschdenken. Was ist da dran? Verbieten wir mit PFAS auch gute und wichtige Sachen wie den Fortschritt bei der Energiewende? Oder ist ein Verbot längst überfällig? Können wir PFAS überhaupt ersetzen? Wie viel PFAS haben wir denn im Blut und was macht es da mit uns? Darum geht es heute. Also holt euch einen Tee, macht es euch gemütlich. Wir steigen durch.

Dass schädliche Substanzen verboten werden, passiert ja immer wieder. Aber das ungewöhnliche an der aktuellen Diskussion ist, dass direkt die gesamte Stoffklasse verboten werden soll. Über 10.000 Verbindungen auf einmal. Da könnte man doch sagen: „Ist doch super, klingt effektiv.“ Aber diese 10.000 PFAS-Verbindungen sind teilweise sehr unterschiedlich. Dieses kleine nette Molekül zum Beispiel, 1,1,1,2-Tetrafluorethan, zählt zu den PFAS. Es wird unter anderem als Treibmittel in Asthma-Sprays eingesetzt. Man kann sich das Zeug also bedenkenlos in die Lunge pumpen. Gesundheitlich komplett harmlos. Ist es also überhaupt sinnvoll, die gesamte Stoffklasse pauschal zu verbieten? Um das zu beantworten, müssen wir die Stoffklasse erst mal ein bisschen besser kennenlernen.

PFAS steht für Per- und Polyfluorierte Alkylsubstanzen. “S” für Substanzen ist klar. Den Rest gehen wir mal nacheinander durch. Das A steht für Alkyl. Alkyl heißt, wir haben es mit Kohlenstoffketten zu tun. Kohlenstoffatome in einer Kette aneinandergereiht bilden das PFAS-Grundgerüst. Jede Perle dieser Kette, also jedes Kohlenstoffatom, kann außer zu seinen Kettennachbarn, noch zwei weitere Bindungen eingehen, zum Beispiel zu Fluor. Das bringt uns zum F in PFAS. So sieht eine fluorierte Kohlenstoffkette aus. Dann zuletzt noch das P. Wenn die gesamte Kette fluoriert ist, wie hier, nennt man das Perfluoriert. Genau so ist übrigens Teflon aufgebaut. Wenn nur ein Teil der Kette fluoriert ist, nennt man das Polyfluoriert. Diese Fluorierung verleiht diesen Substanzen ganz besondere Eigenschaften.

Erstens, fluorierte Kohlenstoffketten sind sehr hydrophob, übersetzt wasserhassend, und gleichzeitig oleophob, öl- oder fetthassend. Und das ist schon eher special. Meist ist ein Stoff entweder hydrophob oder oleophob, also entweder man ist eher Team Wasser oder eher Team Öl. Aber perfluorierte PFAS wie Teflon sind einfach Komplett-Hater. Die wollen mit Anderen Molekülen nichts zu tun haben. Was in der Praxis heißt, an ihnen gleitet alles ab. Daher kommt ihre Antihafteigenschaft. Sowohl Wasser als auch Schmutz werden abgewiesen. Zweitens: Die Fluor-Kohlenstoff-Bindung ist eine extrem starke Bindung. Noch stärker als die Bindung zwischen diesen zwei Mäusen. * Lachen * Fluor und Kohlenstoff scheidet noch nicht mal der Tod. Das bringt uns zum Punkt: Ewigkeitschemikalien. PFAS sind hitzebeständig, korrosionsbeständig, extrem stabil. Ein Stoff für die Ewigkeit.

Halten wir fest, PFAS haben besondere Eigenschaften, die sie extrem nützlich machen. Dass sie Alleshasser sind und alles an ihnen abgleitet, macht sie nicht nur zu perfekten Beschichtungen für Outdoor-Kleidung oder Teflonpfannen, sondern zum Beispiel auch für medizinische Anwendungen wie Katheter oder Endoskope, die möglichst reibungslos durch den Körper gleiten sollen. Auch dass PFAS chemisch so stabil sind, hat großen Nutzen. Sei es bei der Herstellung von Computerchips, in Lithium-Ionen-Akkus oder bei der Herstellung von Wasserstoff. In all diesen Anwendungen braucht man Materialien, die Hitze, Säure oder große Spannung problemlos aushalten und die mit nichts anderem reagieren. Da sich Kohlenstoff und Fluor so heiß und innig lieben und unzertrennlich sind, haben PFAS wenig Interesse, mit anderen Molekülen was anzufangen, also chemische Reaktionen einzugehen. Auch feuerfeste Schutz- oder Arbeitskleidung ist auf PFAS angewiesen. Dass PFAS so unreaktiv sind, macht sie auch zu guten medizinischen Materialien. Zum Beispiel werden Implantate mit PFAS beschichtet, damit nichts mit dem Körper reagiert. Da muss man doch mal kurz neidlos anerkennen: Geiles Zeug, oder? Yeah! Chemie! * Applaus und Jubel *

Und damit wäre die Geschichte auch schon zu Ende, wenn nicht genau diese extrem nützlichen Eigenschaften gleichzeitig auch ihre Kehrseite wären. Denn ihre Beständigkeit macht PFAS ja erst zu Ewigkeitschemikalien. Heißt, sie reichern sich überall an, auch da, wo man sie nicht haben will. Zum Beispiel in meinem Blut. Und in eurem auch. Soweit die allgemeinen Eigenschaften von PFAS. Aber es lohnt sich, die Stoffklasse noch genauer anzuschauen. Denn in Medienberichten werden die 10.000 verschiedenen PFAS meist in einen großen Topf geworfen. Oder sollte ich sagen, in eine große Teflonpfanne? Dabei können PFAS sehr unterschiedliche Eigenschaften haben. Schauen wir uns mal drei wichtige Typen von PFAS an, die man, wie ich finde, am besten anhand von Pokémon erklären kann.

Fangen wir an mit der ersten PFAS-Gruppe, die man gut mit Quapsel vergleichen kann. Quapsel-PFAS sind eher kleine PFAS, die eine Besonderheit haben: Sie gehören zum Typ wasserlöslich. Wasserlösliche PFAS sind in ihrer chemischen Struktur tatsächlich ähnlich aufgebaut wie Quapsel, oder wie eine Kaulquappe. Sie lassen sich in Schwanz und Kopf einteilen. Schauen wir uns dazu ein Quapsel-PFAS an, die Polyfluoroctansäure. Das Grundgerüst bildet eine Kette aus acht Kohlenstoffatomen. Sieben davon bilden den Schwanz, der komplett fluoriert ist, also perfluoriert. Dieser Schwanz alleine wäre nicht wasserlöslich. Im Gegenteil, der ist ja alleshassend und damit auch wasserhassend. Aber wir haben ja noch das achte Kohlenstoffatom hier am Kopf. Da hängt kein Fluor dran, sondern das C-Atom bildet mit Sauerstoff und Wasserstoff eine Säuregruppe. Und Säuren sind sehr hydrophil, sehr wasserliebend. Und zwar so sehr, dass dieser hydrophile Kopf das gesamte Molekül wasserlöslich macht, obwohl da noch ein hydrophober, wasserhassender Schwanz dranhängt. Das klappt, weil wir es hier mit einem recht kurzen Schwanz zu tun haben. Sieben Kohlenstoffatome würde man als Chemikerin als kurze Kette bezeichnen. Würde man diese Kette immer länger machen, wäre das Molekül irgendwann nicht mehr wasserlöslich, weil die wasserhassende Eigenschaft der Kette irgendwann überwiegen würde. Also, Quapsel-PFAS zeichnen sich aus durch Wasserlöslichkeit dank kurzer Ketten und hydrophiler Kopfgruppen.

Stärken? Sie können als sogenannte "Tenside" wirken. Tenside kennt man sonst aus dem Alltag von allem, was sauber macht und schäumt. Tenside stecken in Spüli oder Duschbad und haben auch so eine Schwanzkopfstruktur. Tenside können unter anderem Schäume stabilisieren, deswegen werden Quapsel-PFAS auch in Feuerlöschschäumen angewendet. Kommen wir zu den Schwächen. Toxizität und Mobilität in Wasser. Was genau heißt das? Erstmal zur Toxizität, zur Giftigkeit. Perfluoroctansäure zum Beispiel steht im Zusammenhang mit Leberschäden, Hoden- und Nierenkrebs, einem geschwächten Immunsystem und verringertem Geburtsgewicht bei Babys, unter anderem. Sorry an alle Quapselfans. Und zum Problem Mobilität in Wasser: Quapsel-PFAS sind geborene Wasserverschmutzer, eben wegen ihrer Wasserlöslichkeit. Wenn ich ein nicht-wasserlösliches PFAS in einen Fluss schmeiße, dann ist es ein bisschen so, als würde ich Steinchen, Sand oder Blätter da reinschmeißen. Die werden vom Wasser schon mitgerissen, aber ihre Mobilität ist begrenzt. Am Ende bleiben sie irgendwo hängen oder sinken zu Boden. Schmeißt man aber etwas Wasserlösliches in Wasser, wird dieser Stoff quasi Teil des Wassers. Er wird von dem Wasser so richtig umhüllt und aufgenommen. Sprich, wenn sowas erst einmal in einem Gewässer drin ist, wird das wirklich überall hingetragen, wo das Wasser auch hinkommt. Quapsel-PFAS sind damit sehr mobil und ein Riesenproblem für Wasserverschmutzung. Sie werden von Pflanzen und Tieren aufgenommen, gelangen so in die Nahrungskette. Auf diesem Weg oder übers Trinkwasser landen sie auch in unserem Körper. Und hinzu kommt, dass sich PFAS ewig halten. Deswegen sind Perfluoroctansäure und noch ein paar weitere Quapsel-PFAS inzwischen verboten oder stark eingeschränkt. Fun Fact! Das PFAS, das in meinem Blut nachgewiesen wurde, heißt Perfluoroctansulfonsäure und gehört auch zu den Quapsel-PFAS, die bereits verboten sind. Und zwar ist es schon seit 2006 verboten. Trotzdem schwirren davon 1,2 Nanogramm pro Milliliter durch meine Adern. Ist unter dem Grenzwert, der liegt bei zehn Nanogramm pro Milliliter. Aber wenn man bedenkt, dass das Zeug seit 20 Jahren verboten ist, wird auch klar, woher der Spitzname Ewigkeitschemikalien kommt.

Kommen wir zur zweiten Gruppe: Relaxo-PFAS. Wir haben es hier mit großen, gemütlichen PFAS zu tun. Große Moleküle, die sehr lange Ketten haben. Im Chemiesprech bezeichnet man solche langen Ketten als Polymere, also Typ Polymer. Teflon ist zum Beispiel so ein Polymer. Relaxo-PFAS-Polymere sind sehr faul und behäbig, heißt, sie sind chemisch unreaktiv. Weil sie so groß und langkettig sind, sind sie auch nicht wasserlöslich. Ihre Stärken: Relaxo-PFAS-Polymere sind extrem stabil und damit auch harmlos. Sie sind nicht nur beständig ggü. Hitze, Säuren oder anderen Chemikalien. Sie sind auch gesundheitlich unbedenklich, da sie in unserem Körper keine Reaktionen eingehen, also nichts anstellen. Deshalb werden sie unter anderem in medizinischen Produkten verwendet. Auch von der Teflonpfanne geht keine Gefahr aus. Grundsätzlich kann sich Teflon unter sehr langer, starker Erhitzung zersetzen und giftige Dämpfe bilden, was aber beim normalen Gebrauch in der Küche nicht passiert. Schwächen? Landen Relaxo-PFAS in der Natur oder im Körper, bleiben sie auch da faul liegen, reichern sich an oder lagern sich ab. Dieser Ewigkeitsaspekt ist ja eine generelle PFAS-Eigenschaft, aber die langkettigen Relaxo-PFAS sind da nochmal besonders stabil und beständig.

Die dritte Gruppe PFAS sind die Wommel-PFAS. Wommel gehören jetzt nicht zu den bekanntesten Pokémon, was aber passt, denn diese PFAS-Gruppe hat man meistens gar nicht auf dem Schirm. Wommel gehören zu den kleinsten und leichtesten Pokémon. Die Wommel-PFAS sind ebenso kleine, leichte Moleküle, oft Gase. Die Wommel-PFAS sind vom Typ Fluorkohlenwasserstoffe, kurz FKW. Wie zum Beispiel unser kleines Asthmaspray-Molekül von vorhin. Wir haben es hier mit sehr kurzen Ketten zu tun, so wie hier nur zwei Kohlenstoffatome. Stärken? Wommel sind harmlos, also gesundheitlich unbedenklich. FKWs werden außerdem als Ersatz für Fluorchlorkohlenwasserstoffe, FCKWs, eingesetzt, weil sie im Gegensatz zu FCKWs ozonfreundlich sind. Das heißt, sie greifen die Ozonschicht nicht an. Schwächen? Einige FKWs, wie etwa unser Tetrafluorethan aus dem Asthmaspray, sind Treibhausgase. Andere zersetzen sich zu Trifluoressigsäure, die sich in Gewässern anreichert und dort Umweltschäden anrichten kann.

Fassen wir zusammen. PFAS sind eine breite Stoffklasse. Manche sind nachgewiesen bis potenziell schädlich, wie die wasserlöslichen Quapsel-PFAS. Von Anderen geht erstmal kein direktes Risiko aus, das gilt für Relaxopolymere wie Teflon. Wommel-PFAS haben wieder ganz andere Probleme, wie ihre Treibhauswirkung. Und bei vielen, sogar den meisten, können wir über potenzielle Schäden noch gar nichts Konkretes sagen. Wie sinnvoll ist es da, pauschal die gesamte Stoffklasse zu verbieten? Würde es nicht reichen, nur die Ganze Quapselgruppe zu verbieten und die gemütlichen Relaxo-PFAS in Ruhe zu lassen?

Erstmal muss man sagen, bei der Herstellung von manchen Relaxo-PFAS, zum Beispiel bei Teflon, werden auch Quapsel-PFAS eingesetzt. Das heißt, Relaxo-PFAS tragen indirekt zur Umweltverschmutzung durch Quapsels bei. Aber es gibt noch zwei allgemeinere Gründe für ein Pauschalverbot der ganzen Stoffklasse. Der erste Grund ist das Vermeiden von Regrettable Substitutions, übersetzt ein bedauernswerter Ersatz. Damit ist nicht dieser Low-Carb-Burger gemeint, da wurde ja das Brot durch Bacon ersetzt, um gesünder zu sein. Bei Regrettable Substitutions ersetzt man ein bekanntes Risiko durch ein unbekanntes und damit unkalkulierbares Risiko. Ein gutes Beispiel dafür ist das Verbot der wasserlöslichen Quapsel-PFAS. Die wurden inzwischen ersetzt durch neue wasserlösliche Quapsel-PFAS, die allerdings chemisch sehr ähnlich aufgebaut sind wie ihre verbotenen Vorgänger. Kurze fluorierte Kohlenstoffschwänze plus hydrophile Säureköpfe. Dass die ähnlich wirken wie ihre verbotenen Vorgänger, ist nur naheliegend. Aber weil man für diese neueren PFAS noch keine Gesundheitsdaten hat, sind die jetzt als Ersatz erlaubt. No data, no problem. Beispiel: Beim PFAS-Bluttest, den ich gemacht habe, wurde nur auf bereits verbotene Quapsel-PFAS getestet, weil die eben nachweislich schädlich sind. Wie viel ich von den erlaubten Nachfolger-Quapsels im Blut habe, weiß ich schlicht und einfach nicht. Naja, dabei kann man sogar davon ausgehen, dass die neuen wasserlöslichen PFAS noch problematischer sein können, weil sie kürzere Kohlenstoffketten haben, das macht sie noch besser wasserlöslich und damit noch mobiler. Die haben quasi das Quapsel-Pokémon zur nächsten Stufe entwickelt, Quaputzi, und es damit im schlimmsten Fall nur noch stärker und schädlicher gemacht. Klar, man kann jetzt die Quaputzi-Schädlichkeit prüfen und gegebenenfalls auch verbieten, aber ihr wisst, was dann passiert? Dann kommt die nächste Entwicklung, genau, Quappo. Und alles geht wieder von vorne los. Eine Sisyphus-Arbeit für die Behörden und keine Sicherheit für Gesundheit und Umwelt. Die gesamte Stoffklasse zu verbieten, würde solche Regrettable Substitutions vermeiden.

Kommen wir zu einem zweiten guten Grund für ein Pauschalverbot: Die Ewigkeit der Ewigkeitschemikalien. So unterschiedlich die 10.000 Substanzen sind, so haben PFAS grundsätzlich gemeinsam, dass sie sich nicht oder so gut wie nicht abbauen. Selbst bei unseren großen reaktionsträgen Relaxo-Polymeren ist das ein Problem. Auch wenn von ihnen kein akutes gesundheitliches Risiko ausgeht, können wir nicht ausschließen, dass sie, zumindest ab einer gewissen Dosis, nicht doch problematisch werden können. Was, wenn sich z.B. kleinere PFAS-Partikel, ähnlich wie bei Mikroplastik, in Organen anreichern? Oder was passiert mit Ökosystemen, wenn sich PFAS in Boden und Gewässern immer weiter ansammeln? Im Moment sind potenzielle Folgen nur schlecht untersucht. Wir wissen für die meisten PFAS nicht, ab wann eine kritische Dosis erreicht sein könnte. Aber wenn es eine kritische Dosis gibt, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis die erreicht wird, da PFAS sich ja so schlecht und langsam abbauen.

Fassen wir zusammen: Die Ewigkeit und Regrettable Substitutions sind zwei Gute Gründe, um nicht nur bestimmte PFAS zu verbieten, sondern direkt die gesamte Stoffklasse. Aber es gibt auch gute Gründe dagegen. Nur seid ihr gerade vielleicht gar nicht bereit die zu hören, weil ihr denkt: "Ich hab PFAS im Blut, ist nicht eh alles zu spät?" Dass PFAS eine Bedrohung für Mensch und Umwelt sind, steht außer Zweifel. Aber wie tief ist das Kind aktuell schon in den Brunnen gefallen? Wie sehr Schaden PFAS akut unserer Gesundheit? Offenbar sehr, wenn man sich diese Übersicht anschaut. Von Erkrankung des Herz-Kreislauf-Systems über Unfruchtbarkeit bis hin zu Krebs. Die Liste der Krankheiten und Schäden, die mit PFAS assoziiert sind, ist lang. Und ich weiß, dieser Anblick erschlägt einen. Aber jetzt erstmal ganz ruhig, was genau heißt assoziiert überhaupt? Konkret heißt das, es gibt Zell- und Tierstudien, die zeigen, dass PFAS ab bestimmten Dosen Schäden hervorrufen. Und es gibt Beobachtungsstudien mit Menschen, die typischerweise so aufgebaut sind. Man nimmt eine Gruppe von Menschen und schaut, wie viel PFAS sie im Blut haben und welche Krankheiten sie haben. In solchen Studien sieht man dann zum Beispiel, Menschen, die mehr PFAS im Blut haben, haben auch öfter bestimmte Krankheiten. Aber ist das nur eine Korrelation? Ist es vielleicht wie bei der Möwe, die sitzt auf dem Zaun und der Zaun ist gebogen, aber der Zaun ist nicht gebogen, weil die Möwe drauf sitzt? Oder steckt hier mehr dahinter?

Nehmen wir mal ein konkretes Beispiel. Menschen, die eine hohe PFAS-Konzentration im Blut haben, haben häufiger einen hohen Cholesterinspiegel. Aber sind PFAS auch wirklich der Auslöser? PFAS sind zwar reaktionsfaul, aber manche können im Körper an bestimmte Rezeptoren andocken, zum Beispiel an Rezeptoren, die den Fettstoffwechsel regulieren. Es ist also durchaus denkbar, dass PFAS so den Stoffwechsel durcheinander bringen könnten und sich dadurch der Cholesterinspiegel erhöht. Das wäre eine Erklärung für die Korrelation. Eine andere mögliche Erklärung: PFAS-Konzentrationen können mit Ernährungsgewohnheiten korrelieren, denn verschiedene Lebensmittel sind unterschiedlich stark mit verschiedenen PFAS belastet. Ein hoher Cholesterinspiegel könnte nicht direkt mit PFAS zu tun haben, sondern mit dem erhöhten Verzehr von tierischen Produkten, wie Fleisch. Es könnte auch beides sein oder noch was ganz anderes. Und ich weiß, das ist jetzt total unbefriedigend, aber so ist das mit der Wissenschaft leider oft. Wir Wissen schlichtweg nicht, wo wir uns auf dem Panikometer befinden und wir müssen lernen, diese Unsicherheiten auszuhalten und nicht in Schwarz-Weiß-Auslegungen zu verfallen. Also kein Grund zur Panik, aber Grund zur Sorge und damit Grund genug, jetzt zu handeln.

Aber braucht es wirklich ein Verbot der gesamten Stoffklasse? Denn damit werden wir nicht nur die Risiken los, sondern gleichzeitig auch jeden Nutzen von PFAS. Klar, ein Verbot hat auch den Effekt, dass ein Innovationsdruck entsteht und die Entwicklung von Alternativen angefeuert wird. Aber was, wenn es für wichtige Anwendungen schlichtweg keine Alternativen gibt? Wir haben bisher vor allem über Endprodukte gesprochen, aber die Industrie ist nochmal besonders auf PFAS angewiesen für ganz verschiedene Produktionsprozesse. Wenn zum Beispiel Rohre abgedichtet werden müssen oder Maschinenteile Reibung erzeugen, dann werden PFAS etwa als Dichtungsmaterial oder Schmierstoffe eingesetzt. Dass aus der Industrie beim Vorschlag PFAS-Verbot kein Jubel kommt, sollte also nicht überraschen. Und es gibt viele Artikel oder Dokus über PFAS, über die shady Lobbyarbeit der Chemieindustrie, aber auch da darf man nicht in Schwarz-Weiß-Denken verfallen. Es gibt inzwischen auch Bereiche der Industrie, die den Schuss schon selbst gehört haben, auch weil das PFAS-Problem inzwischen mehr im öffentlichen Bewusstsein ist. Außerdem, ja, die Industrie vertritt ihre eigenen Interessen, aber manchmal fallen die durchaus mit den Interessen der Allgemeinheit zusammen.

Hier, ohne PFAS „Kein Windrad, kein Energiespeicher, kein E-Auto, keine Halbleiter.“ Hm, das klingt ja so, als müssten wir uns entscheiden zwischen Klimakrise und PFAS-Verschmutzung. Sollen wir mal abstimmen? Wer ist für Klimakrise? Das ist natürlich Quatsch. Wir können Klima und PFAS gleichzeitig angehen, indem wir PFAS zwar nicht zu 100 % loswerden, aber auf ein unverzichtbares Minimum reduzieren. Und wie machen wir fest, was unverzichtbar ist? Man muss für jede einzelne PFAS-Anwendung eine Risikonutzenabwägung machen. Nehmen wir mal PFAS als Beschichtung von To-Go-Bechern. Der Nutzen wiegt hier nicht allzu schwer, gehört eher zur Kategorie nice to have, zumal es hier ja auch PFAS-freie Alternativen gibt. Außerdem haben wir mit Einwegmaterialien auch einen extrem kurzen Nutzen. Auf der anderen Seite haben wir ein deutlich schwerer wiegendes Risiko für Gesundheit und Umwelt. Durch die sehr kurze Lebensdauer von To-Go-Bechern haben wir im Verhältnis eine extrem hohe Umweltbelastung durch Produktion und Abfall. Vergleichen wir das mal mit einer Anderen PFAS-Anwendung als Membranmaterial für die Wasserstoff-Elektrolyse, also die Herstellung von Wasserstoff. Als wichtiges Element der Energiewende wiegt der Nutzen hier natürlich deutlich schwerer. Auch hier gibt es auf der anderen Seite Risiken für Gesundheit und Umwelt. Aber wenn uns der Nutzen, wenn der Nutzen für uns mehr Gewicht hat, können wir entscheiden, diese Risiken in Kauf zu nehmen. PFAS in Membranen oder auch in Lithium-Ionen-Akkus oder Computerchips haben eine viel längere Lebensdauer als To-Go-Verpackungen. Man kriegt also viel längeren Nutzen pro PFAS-Menge. Übrigens kann man die Risiken noch weiter reduzieren, indem man Recycling-Systeme hochschraubt oder auch Schutzmaßnahmen erhöht. Da ist noch viel Luft nach oben. Zum Beispiel: Erst Anfang 2026 sind endlich PFAS-Grenzwerte für unser Leitungswasser in Kraft getreten. Fürs Grundwasser gibt es aber noch keine umfassenden PFAS-Grenzwerte.

Halten wir fest: Wir müssen uns bei PFAS nicht zwischen ganz oder gar nicht entscheiden oder zwischen Klimatechnologie und Umweltschutz. Wir sollten PFAS auf ein Minimum reduzieren. Und um das zu erreichen, kann eine sinnvolle Strategie sein: Wir verbieten erst mal die gesamte Stoffklasse aus genannten Gründen. Und davon machen wir dann Ausnahmen, wenn die Risiko-Nutzen-Abwägung stimmt. Diese Abwägung für jede einzelne Anwendung zu treffen, ist natürlich ein riesiger Aufwand, aber dafür müssen wir später nicht die Folgen von allgegenwärtigen PFAs ausbaden.

Mehr MAITHINK X findet ihr auf zdf.de. Seit heute mit einer neuen Folge zum Thema Musik. Darin klären wir unter anderem, warum Dur für uns fröhlich klingt und Moll traurig und wie der Imperial March von Star Wars in Dur klingt. Spoiler: Wie ein Karnevalslied. Also, wir sehen uns da oder hier beim nächsten Video. Bis dahin, bleibt sicher.