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Exotische Kleidung und fremde Götter - Klein-Indien in Deutschland | Galileo | ProSieben

Galileo10:16

Transcription

„Menschenmassen in farbenprächtigen Gewändern, fremde Götter, Opferschalen und heilige Rituale vollziehen. Wenn man diese Bilder sieht, könnte man meinen, man sei mitten in Indien. Aber nein, auch das ist Deutschland! Wir haben einen Deutsch-Inder besucht, der uns zeigt, wie indisch Deutschland sein kann.“

5000 Inder feiern friedlich bei einem hinduistischen Tempelfest. Die bunte Zeremonie findet mitten in Deutschland statt. Wie leben Inder hier bei uns? Was bewegt sie? "Ich hoffe, hier eine Frau für meinen Sohn Rohit zu finden.“ Arrangierte Ehen? Wie steht dazu die indische Jugend? Moderne und Tradition. Zwei Welten treffen aufeinander. Birgt das Konflikte? Wir schauen uns das mal genauer an.

„Hallo, guten Tag! Ich heiße Rohit und stamme aus Südindien. Aber ich lebe in Köln. Und heute zeige ich euch mein “Klein-Indien“ in Deutschland!“

Schüler Rohit ist 14 Jahre alt. Seine Eltern stammen aus Indien. Als er ein Jahr alt war, nahmen sie ihn mit nach Deutschland. Im Großraum Köln leben rund 30tausend Inder. Viele bereits in der 3. Generation. Ein Viertel wird sogar „Klein-Indien“ genannt. Dort gibt es an jeder Ecke indische Läden. Hier bekommen Inder alles, was es auch in ihrer Heimat gibt.

Auch Rohits Mutter Agila geht gerne in „Klein-Indien“ einkaufen, vor allem indische Lebensmittel. Hier gibt es alles: Von Schmuck über Echthaar und natürlich Saris. Mutter Agila ist 39 Jahre alt und hat 2 Kinder, die hier zur Schule gehen. Im Job spricht die Inderin englisch, zu Hause Tamil, eine indische Sprache.

Für Rohit wird Mutter Agila fündig. Ein Turban, wie man ihn für Hochzeiten trägt. „Den kannst du mal zu deiner Hochzeit tragen. Der steht dir! Ich hoffe, er gehorcht mir irgendwann und heiratet in meine Kaste ein. Ich werde die Augen nach einem passenden Mädchen aufhalten.“ „Ich will das nicht. Ich suche mir schon aus, wen ich heirate.“

Auch nach 13 Jahren in Deutschland: Das ist nicht vorgesehen. Kasten sind soziale Gesellschaftsschichten. Rohits Eltern gehören zur Kaste der Vaishyas (sprich: Wai-schia), der Bauern und Kaufleute. In den Städten ist das Kastensystem heute nicht mehr so streng. Das Familienleben aber ist Indern sehr wichtig!

Hier wohnt Rohits Familie. Eine durchschnittliche deutsche Siedlung. Aber, wie man am Türschmuck sieht, sind wir hier richtig. Mal sehen, wie es drinnen aussieht.

Rohit und sein Bruder Bharat sind im Wohnzimmer. Das wirkt eher deutsch. „Ich finde das eigentlich gar nicht mal so schlecht. Das einzige im Wohnzimmer, was jetzt indisch ist, sage ich mal, sind diese Elefanten. Die gibt’s halt aus Indien.“ „Wenn wir in Deutschland indische Möbel kaufen, sind sie zu teuer. Wir zahlen 10 Mal mehr dafür als in Indien. Das ist es nicht wert.“

Wir schauen uns weiter um. Im Schlafzimmer der Brüder: eine bunte Decke und ein richtiges Jungs-Bett. Im Spielzimmer – viel Platz. Und: damit spielen auch deutsche Jungs. Aber da: Ein bunter geschmückter Tisch: der Hausaltar. Eindeutig indisch.

Rohit und seine Familie sind gläubige Hinduisten. Wie rund 80 Prozent der Inder. Einmal am Tag wird gebetet. Zum Gott Ganesha, der höchsten Gottheit. Der Punkt auf der Stirn ist ein Zeichen ihres Glaubens. Aber was machen die Jungs jetzt?

Rohit küsst die Füße seines Vaters. „Ich habe Respekt vor meinen Eltern. Deshalb mache ich das auch!“ Füße küssen. Aus Respekt vor den Älteren. Der ist in Indien groß geschrieben, auch in Rohits Familie.

Die Eltern sind studierte Computerexperten. Mutter Agila arbeitet, entscheidet mit - trotzdem stellt sie nicht in Frage, wie sie als Mädchen in Indien erzogen wurde: die Küche ist das Reich der Frau. Gekocht wird aufwändig: Es gibt immer mehrere Gerichte, alle gleichzeitig serviert, nicht wie bei uns nacheinander. Und: Frauen bedienen ihre Männer und Söhne. “In Indien müssen Frauen schon früh aus dem Bett. Dann fangen sie gleich an zu kochen. Gegen 7 Uhr 30, 8 Uhr sitzt die Familie dann am Tisch. Die Frauen bedienen die Kinder und den Ehemann. Danach machen wir alles sauber und können dann selbst essen.“

„Hi!“ Besuch von Rohits Freunden Max und Leo. In Indien üblich: Schuhe aus! Die deutschen Freunde fühlen sich hier wie zuhause, beim Zocken gibt es keine kulturellen Unterschiede.

Auch Rohits Eltern geben oft Partys, zu denen Inder und Deutsche kommen. Mutter Agila kocht vegetarisch – wie es ihre Religion vorschreibt. Im Moment nimmt die Familie das besonders ernst. Es steht ein religiöses Fest bevor. „Wir bereiten uns diese Woche mit vegetarischer Ernährung vor. Damit wir mit innerer Reinheit unserem Gott gegenüber treten.“

Die Kinder sprechen fließend deutsch. Mutter und Vater schlagen sich mit einem Sprachmix durch. “Lecker!” „This is ein wenig scharf. You like to have?“ “Nee, nee!” „Probier mal. Kein scharf“ „Nein danke. Nein. Danke!“

Ungewohnt für die deutschen Freunde: mit den Fingern essen ist hier ganz normal. Vier Finger greifen einen Klumpen Reis, dann mit dem Daumen in den Mund. Das erfordert ein bisschen Übung. „Also bei Rohit sieht man, dass er es jetzt ganz schnell und geübt macht. Aber es geht gut.“ Gegessen wird aber nur mit der rechten Hand, die linke gilt als unrein. „Schmeckt gar nicht mal so kacke. Nur nach scharf. Schmeckt nur nach scharf!“

Max fällt etwas auf. „Rohit, warum isst denn eigentlich deine Mutter nicht mit? Die serviert uns erstmal allen. Das ist die Priorität. Das ist Tradition in Indien. Und wenn alle gegessen haben und alle satt sind, dann isst sie erst. Ach so! Bleibt ihr dann trotzdem sitzen? Ja… nee, eigentlich nicht! Okay!“ Ungewohnt. Aber Rohit kennt es nur so, dass seine Mutter und andere Frauen nicht mit am Tisch sitzen.

Nach dem Essen verabschieden sich Max und Leo. Die Familie hat heute noch Großes vor: sie besuchen ein hinduistisches Tempelfest. Und Religion ist den Indern heilig!

Was, was aussieht wie mitten in Mumbai, passiert 130 Kilometer von Köln entfernt: ein riesiges Tempelfest. Tausende gläubige Hinduisten aus ganz Europa feiern hier jedes Jahr. Im Tempel: gesteckt voll. Auch Rohits Familie kämpft sich durch die Massen. Der 14-Jährige ist begeistert. „Es fühlt sich sozusagen an wie in Indien.“

Rohit reist nur alle 2 Jahre zu Verwandten nach Indien. Seine Eltern nutzen jede Gelegenheit, ihm die indische Kultur zu zeigen. Beim Tempelfest in Üntrop trifft er auf 5tausend Landsleute, die heute alle die Schutzgöttin des Hindu-Tempels anbeten. „Sie ist halt die Göttin, die einem Glück bringt oder Wünsche erfüllt. Und zum Beispiel wünsche ich in Zukunft… ja zum Beispiel: ich will gut in der Schule sein oder so… sowas ist halt ganz wichtig. Und diese Göttin erfüllt mir das halt.“

Aber nicht ohne Gegenleistung. 20 € kosten diese Opferschale: Mit Bananen, Kokosnüssen, Orangen und Räucherstäbchen. Damit geht es in den Tempel. Den größten in Europa. Auch hier erst mal: Schuhe aus! Es herrscht ein Durcheinander wie auf den Straßen von Kalkutta. Der ganze Trubel findet nur für sie statt: Die Wunsch-Göttin Sri Kamadchi Ampal! Der Hinduismus kennt mehr als 3 Millionen Götter und hat rund 800 Millionen Anhänger weltweit. Einer davon ist Rohit. „Ich fühle mich wohl und ich bin auch stolz auf meine Kultur.“

Jeder will seine Opferschale weihen lassen. Das erhöht die Chancen, von der Göttin erhört zu werden. Nach einer Stunde hat sich Rohits Familie nach vorn gekämpft. Die Kokosnuss symbolisiert die „harte Schale“ der Menschen, die der Priester knackt. „Die Kokosnuss wird halt aufgemacht, damit sozusagen all die schlechten Dinge – das Ego sozusagen – aufgebrochen wird. Damit das nicht mehr existiert und das Gute frei werden kann.“

Der erste Schritt ist getan. Ganz nebenbei erfahren wir, dass die Menschen hier auch noch etwas anderes machen als beten. Es ist ein beliebter Heiratsmarkt! „Hier werden viele Ehen arrangiert. Das habe ich gesehen. Später hoffe ich, hier auch eine Frau für Rohit zu finden.“

Eine arrangierte Ehe also. Rohit hat dazu aber eine andere Meinung. „Meine Mutter sieht’s vielleicht aus anderem Blickwinkel. Aber ich sehe das einfach ganz neutral. Sie ist, glaube ich, noch zu altmodisch... Gibt’s hier die eine oder andere, die dir gefällt? - Um ehrlich zu sagen: Nein! - Warum?... Kein Interesse!“

Die große Prozession beginnt. Uns fällt auf: Hindus beten oft mit den Händen vor dem Gesicht. Das soll besondere Frömmigkeit zeigen. Genau wie dieses Spektakel: im Zug sehen wir Männer mit Metallhaken im Rücken. So zeigen sie der Göttin ihre besondere Dankbarkeit. (Vielleicht so ähnlich wie bei christlichen Märtyrern.) Es ist voll, wuselig und ohrenbetäubend laut. Musik, Gebets-Singsang und Trommeln tönen durcheinander. Jeder der Gläubigen hofft, dass sein Wunsch von der Göttin erfüllt wird. Wer die Rituale nicht kennt, schaut einfach dem bunten Durcheinander zu.

Nach 3 Stunden endet die Prozession wieder am Tempel. „So was kann ich in Deutschland nicht alle Tage erleben. Es kann mir sozusagen erklären, aus welcher Kultur ich komme. Woher ich komme. Was ich bin.“

Einen Tag lang konnten Rohit und die Familie sich wie echte Inder fühlen. Jetzt ruft sie wieder der deutsche Alltag.