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Vergewaltigt - Ann-Kristin kämpft gegen ihr Trauma I 37 Grad

37 Grad20:40

Transcription

Ab diesem Zeitpunkt hat mein Leben sich von einem auf den anderen Tag plötzlich um 180° gedreht. Man ändert sein komplettes Wesen, man ändert sein Verhalten, man ist nicht mehr derselbe Mensch. Ich hab mich auch z.B. lange nicht geschminkt, weil ich immer wieder das Gefühl hatte, ich muss, ich muss dick sein und ich muss schlecht aussehen, ich darf mich nicht schminken, weil so könnte man mich ja noch mal anfassen. Niemand, der mich von außerhalb sieht oder gerade kennenlernt, würde denken, dass es mir so schlecht geht. Ich habe lange gebraucht, um etwas für mich finden zu können, was mich wieder einigermaßen stabilisiert und in den Alltag zurückbringen kann, dass ich wieder ein normales Leben führen kann. Ein Trauma hat kein Verfallsdatum.

Mein Name ist Ann-Kristin, ich bin 32 Jahre alt und ich wurde vergewaltigt. Ja. Ich hab bis heute immer noch mit den Folgen zu kämpfen, das heißt, ich habe Angst vor Männern mit Bärten, ich habe auch Angst in der Dunkelheit, ich hab grundsätzlich Angst, wenn ich alleine z.B. einkaufen gehen muss oder Arzttermine wahrnehmen muss. Ich schlafe sehr schlecht, ich träume sehr schlecht und vor allem werde ich immer wieder mit Situationen konfrontiert, die mich immer wieder an die Vergewaltigung erinnern.

Ich kann es gar nicht verstehen, warum es dazu überhaupt gekommen ist. Den Täter kannte ich schon mehrere Jahre. Wir waren auch recht gut befreundet und wir haben uns, wie an jedem anderen Abend auch, haben wir uns verabredet, meine Freundin und ich, zusammen mit dem Täter und dessen Freund zu einem gemütlichen Abend. Und irgendwann sagte er zu mir: "Komm mal kurz mit, ich muss mit dir sprechen." Bin mit ihm dann auch in das Nebenzimmer gegangen in meiner damaligen Wohnung. Und dann ging auch alles schon ganz schnell. Er versuchte mich aus dem Nichts zu küssen und es war für mich absolut suspekt, weil er ist mein guter Freund gewesen. Und da ich das nicht erwiderte, schlug er mir gegen meine Schläfe und bin dann auch direkt hingefallen und bin mit dem Kopf auf dem Boden aufgeknallt. Er riss mir halt meine Sachen vom Körper und ich habe ihn mehrfach signalisiert, ich habe ihn getreten, also ich hab versucht ihn von mir abzuwehren, aber es funktionierte einfach nicht. Wenn ein Mann eben die Hände nach oben hält, man kann sich als Frau nicht wehren. Und irgendwann kam auch eben der Moment, dass mein Körper sich einfach totgestellt hat, ja, weil ich gedacht habe, dass ich das nicht überlebe.

Ich hab immer, seitdem ich Kinder hatte, mein Telefon am Bett. Und dann kam dieser Anruf, ja: "Ann-Kristin ist vergewaltigt worden." Ich weiß nur, dass ich geschrien habe, ich habe nur geschrien, total hysterisch.

"Dietmar, Dietmar, aus, aus heiterem Himmel, wir, wir müssen sofort müssen wir zur Polizei. Die Ann-Kristin ist vergewaltigt worden."

"Was, was?!"

"Ja, das war boom!" Dann sind wir dann zur Wache gefahren und ich musste wirklich alles von Anfang an bis zum Ende erzählen und es hat bestimmt vier Stunden gedauert. Ich konnte mich nicht ausruhen danach, ich konnte nicht sagen, ich brauch mal eine Pause. Es sollte ja immer authentisch rüberkommen und man muss ja die Gefühle des Opfers jetzt sofort festhalten und das ist ja auch alles der Wahrheit entspricht. Die häufigste Frage war natürlich: "Haben Sie nein gesagt? Wie haben Sie signalisiert? Haben Sie ihm deutlich gesagt: 'Nein, ich möchte das nicht?'" Immer wieder wurden die Fragen anders gestellt, immer wieder bekommt man das Gefühl: "Na ja, du lügst." Ich frage mich heute: Was wäre denn gewesen, hätte ich keine Prellungen gehabt? Als die Polizei mich in das Krankenhaus gebracht hat, wurde mir kein Ablauf erklärt. Mit einer der schlimmsten Momente dort war, als mein Vater dann diesen langen Flur im Krankenhaus runterkam und ja, sich vor meine Beine schmiss und einfach nur sagte, dass es ihm leid tut. In der Situation, als mein Papa sich da so vor mich geworfen hat, wurde mir einfach mal bewusst, was mir denn gerade passiert ist. Also, ich hätte nie gedacht, dass mir so etwas passiert, weil ich nie viele wechselnde Freunde hatte oder viele Beziehungen, ich war nie auf großen Partys, ja. Es war eines der schlimmsten Momente meines Lebens, kann ja also ohne weiteres sagen. Also auf diesem Flur da, auf sie zugehen, ich vergess' das nie. Diese Bilder wie eingebrannt, diese rote Decke, ist, wo sie da gesessen hat, das war wirklich schrecklich. Und ich muss da ja auch auch heute noch sehen, ist 11 Jahre her, ich muss da immer, wenn ich davon erzähle, muss mir also wirklich schwer in Acht nehmen. Ich bin also da, was, was das angeht, sehr, sehr, sehr nah am Wasser gebaut und es ist einfach so, so möchte man sein Kind nicht sehen. Es steht dem Opfer niemand, niemand bei. Die haben die einfach nach dem Krankenhaus, ja, kann nach Hause gehen, da müssen sie sich mal vorstellen, nichts. Auch für die Familie, da hätte doch jemand kommen müssen, sagen: "Wie kommen Sie zurecht mit dieser Situation?" Nichts. Nichts.

Ich kam nach Hause und realisierte: Mein Leben ist nicht mehr das gleiche, ich bin ein anderer Mensch, ich fühle anders, ich bewege mich anders, ich kleide mich anders, ich rede anders. Ich wollte einfach nur noch schlafen und ich war immer ein sehr lebenslustiger Mensch, ich war gerne unter Menschen, aber das war ich plötzlich nicht mehr. In meiner ganz schlimmen Zeit bin ich tatsächlich gar nicht rausgegangen, ich hab sehr viel gegessen, ich wurde immer dicker und dicker, ich wollte mich nicht mehr schminken, ich hab, ja, wenig Rücksicht auf mich selber genommen einfach. Ich war nicht feiern wie andere mit 21, 22 Jahren, ich war drinnen, ich hab meine Abende auf dem Sofa verbracht, in der Hoffnung, dass mir nichts passiert. Ich hab einfach nächtelang Fernsehen geguckt, weil ich nachts auch nicht schlafen konnte, weil immer wieder diese, ja, wie einen Film hat man das vor sich, auch wenn ich jetzt gerade erzähle, es ist so, dass ich aber wie einen Film vor mir sehen kann, was damals passiert ist.

Meine Gerichtsverhandlungen waren auch eine Katastrophe. Ich ähm, wurde aufgerufen, sollte in den Gerichtsaal eintreten, mache die Türe auf und stehe quasi Nase mit Nase vor meinem Täter. Ich hatte darum gebeten, dass ich eine Schattenwand oder ohne meinen Täter aussagen durfte und da wurde mir dann gesagt, dass das nicht möglich ist, weil ein Opfer ja authentisch sein muss. Ich weiß nicht, was ich verachtender finde, als dass man mir sagt, dass ein Opfer authentisch sein muss! Also ich muss nicht authentisch sein, ich muss einfach ehrlich sein und das so erzählen, wie's ist. Und es gibt Menschen, die können einfach nicht weinen, weil es den Menschen unangenehm ist, weil sie sich wieder in die Opferrolle zurückgedrängt fühlen. Und warum muss man denn vor Gericht weinen, warum? Viele Betroffene können das einfach nicht, weil es ein Zeichen von Schwäche ist. Und wenn ich dann höre: "Ihr Opfer müsst authentisch sein, ihr müsst dem Täter ins Auge blicken", wissen die eigentlich, was einem, was in einem vorgeht, wenn man diesen Menschen, der sein ganzes Leben verändert hat, wieder in die Augen gucken muss und dann, so wie mein Täter auch, noch lacht, man wird ausgelacht, vor, während der Gerichtsverhandlung, währenddessen man aussagt. Und sowas lässt ein Richter zu? Ich kann die Frauen verstehen, die eben keine Anzeige erstatten, weil es halt wirklich teilweise ein richtiges furchtbares Prozedere ist: die Aussage bei der Polizei, die Aussage vor dem Gericht, die ganzen Untersuchungen und dann eben wird man immer wieder irgendwo bloßgestellt, klein gemacht. Das macht, das ist ganz furchtbar für einen selber, das macht auch einiges, das bewirkt auch einiges. Da muss man wirklich stark sein und man muss auch an sich arbeiten, man muss sagen: "Ich schaffe das." Und was ich mir immer gesagt hab, ist: "Ich bin es nicht schuld gewesen." Und das war glaube ich mein, mein Halt, der mir die Kraft gegeben hat zu sagen: "Das ganze, was passiert ist, das ist nicht meine Schuld." Und irgendwo möchte ich auch oder wollte ich auch, dass der Täter bestraft wird in dem Sinne, das wirklich eine gerechte, eine Gerechtigkeit auch für mich! Mein Täter ist verurteilt worden zu drei Jahren und drei Monaten Haft, aber er konnte sich zwischen der Hauptverhandlung und dem Revisionsverfahren ins Ausland absetzen. Dass mein Täter die Haftstrafe nicht angetreten ist und immer noch auf freiem Fuß ist, und man weiß ja auch nicht wo, ähm, das macht ganz ganz viel in mir, und ich habe immer wieder Angst, dass er, ja, hier sein könnte.

Ja, ich habe in 11 Jahren noch nicht einmal mit meinen Eltern über die Vergewaltigung gesprochen. Also das heißt, wie geht es mir heute, wie es mir damals ergangen ist, was ist wirklich passiert. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, warum wir nie darüber gesprochen haben. Ich weiß aber jetzt heute, durch meine Mutter, dass meine Eltern damals aus psychologischer Sicht geraten wurde, einfach nicht mehr über diese Tat oder diesen Abend, was dort passiert ist, zu sprechen, was in meinen Augen der völlig falsche Weg ist. Ja, also ich werde das Gespräch mit meinen Eltern suchen und, ja, erhoffe mir da natürlich auch für mich ein paar Antworten.

"Thematik ja, verdrängt, verdrängt, verdrängt, verdrängt, verdrängt, ja, so wie du wahrscheinlich auch so in den ersten, in der ersten Zeit, alles nur weg, ja, haben wir ja mitbekommen, ja, dass du nur zuerst mal bei deiner Freundin gewohnt hast, dann nur auf deinem Zimmer da oben gewesen bist, man hat dich ja überhaupt nicht gesehen und, ja, wir haben denn gedacht, ja, ist wahrscheinlich besser, ich sag, wenn man so einfach mal in Ruhe lassen und, und dann nicht drüber, drüber reden, und war auch für uns, ist auch, war einfach auch Selbstschutz, wo wir sagten, wie du sagst, ich, ich, ich hätte da nicht drüber reden gekonnt damals, hätte nicht drüber reden gekonnt."

"Ja, also wenn ich das jetzt ehrlich sagen muss, dachte ich bis heute immer, dass, ja, ich will das jetzt nicht ausdrücken, dass es euch egal ist, um auf gar keinen Fall, aber das kam halt so rüber, ja, sehr emotionslos. Ich hatte immer das Gefühl, dass das so, ja, das ist jetzt passiert und, ja, aber das ist ja auch nach 11 Jahren immer noch schwer ist, und dass man halt auch genau deswegen ein bisschen anders ist, als vielleicht andere und dass halt gewisse Situationen auch so anders sind manchmal. Und ich hatte halt immer das Gefühl, dass es euch, ich drück' es jetzt hart aus, irgendwo egal ist."

"Das ist schrecklich, es ist schlimm, es ist einfach schlimm."

"Du hast ja keine Frage, was macht, was macht man denn da so, auch wenn, wenn dein Kind vergewaltigt worden ist, wie verhältst du dich da?"

"Ja, wir sind da komplett überfordert gewesen, komplett! Und man weiß überhaupt nicht, wie man, wie man, manchmal mit dir umgehen soll, ist es zu viel, ist es zu wenig, es ist, es ist als Mutter, es ist, das was da passiert ist, das glaub, das ist das Schlimmste, finde ich, was passieren kann. Manchmal weiß ich überhaupt nicht, was mache ich richtig, was mache ich falsch?"

"Dann frag einfach, du kannst das einfach fragen. Möchtest du heute darüber reden oder hast du heute keine Lust? Frag das einfach, das ist besser, als also gar nichts zu sagen dann."

"Wenn so ein behütetes Kind, sowas passiert, dann denkt man immer: Was hast du falsch gemacht? Wo warst du? Wieso ist das passiert? Wie, wie konnte das passieren? Warum, warum deiner Tochter, warum?"

"Es ist ähm, ja, man man kann es nicht mehr ändern, man kann, man kann es nicht mehr entfernen, es, es, es bleibt eine Narbe, die, die oder eine Wunde, die einfach nicht zu wächst. Man kann dabei einfach nicht helfen und ähm, es ist so eine Situation, also zwischen uns beiden war es echt, schwierig, sehr schwierig, extrem schwierig, ja, und..."

"Ich hab meinen Mann 2 Jahre nach der Tat kennengelernt, über das Internet. Ich war auf einer Dating-Plattform angemeldet, weil meine Freundin sagte: 'Ann-Kristin, es reicht. Schau dich an, du bist eine, sie hat wirklich gesagt, eine junge, hübsche Frau, du bist 23 Jahre alt, du hast das nicht verdient, dass du dein ganzes Leben bei deiner Oma drinnen verbringen musst, du musst jetzt mal wieder rauskommen.' Und ich bin wirklich ehrlich, der erste, mit dem ich geschrieben habe, war Stefan und das war irgendwie dann, sollte so sein!"

"Ja, total komisch, ja."

"Der erste und letzte."

"Ja, das hoffe ich doch!" Ich wüsste nicht, wo ich heute wäre, wenn er nicht da wäre.

Die Tat, die schränkt mich auch heute noch, nach 11 Jahren, absolut in jeder Hinsicht meines Lebens ein. Das Einkaufen, zum Arzt gehen, ja, also Stefan brauche ich schon als meine Unterstützung. Jetzt, wenn wir uns jetzt in einem Supermarkt befinden, hab ich die ganze Zeit das Bedürfnis, mich umschauen zu müssen. Also, wenn ich jetzt auch hier, diesen langen Gang lang gehe, habe ich auch immer wieder, wenn Menschen hinter mir gehen, das Gefühl so, ja, ich, ich muss mich jetzt umdrehen. An der Kasse z.B. das finde ich ganz schlimm. Ähm, ich finde die Leute sind dann auch immer so nah. Also, es gibt wirklich dann Situationen, wenn jemand hinter mir ist und mich auch schon mit der Hand an meinem Gesäß berührt oder irgendetwas, ich muss dann auch tatsächlich was sagen, also ich muss dann auch die Leute bitten, einfach Abstand von mir zu halten, weil mir das einfach, ich kann das nicht. Die Geräusche jetzt, ich weiß, da knistert es dahinten, das macht mich bekloppt, macht mich das.

"Ja, sie ist halt sehr angespannt, wenn man mit ihr auch, es geht es nicht nur ums Einkaufen, auch wenn man so in die Öffentlichkeit geht, ist halt sehr angespannt. Man merkt es schon an ihr, dass sie halt auch viel um sich guckt, viel die Leute beobachtet, so wie ich die Leute nicht beobachte, so sie guckt sich wirklich jeden ganz genau an. Könnte der irgendwann, also ich weiß nicht, ob sie dann Angst hat, ob derjenige etwas tun könnte, aber das halt wirklich jeden im Blick hat."

"Es gibt tatsächlich Situationen ähm, da steige ich dann auch einfach nicht aus, dann bleibe ich auch sitzen, dann sage ich auch Stefan: 'Wenn du jetzt nicht gehst, dann wird halt nicht getankt, ich kann das gerade nicht.' Da steht ein Mann in der Tankstelle z.B. oder an der Kasse und ich weiß, ich muss da jetzt hin, geht nicht."

Ich habe in der Vergangenheit, in den letzten Jahren natürlich auch diverse Psychotherapien gemacht, unter anderem auch Verhaltenstherapien, Gesprächstherapien. Ich habe versucht mit Meditation irgendwas zu machen, also ich hab sehr viel ausprobiert, ich hab sehr viele Bücher auch gelesen über Traumata, aber ich bin ganz ehrlich, nichts hat mir geholfen. Sobald ich schon hier den Hof betrete und weiß: "Okay, es geht jetzt rein, zu den Pferden", da ist alles vergessen. Das ist so suspekt. Also hier, ist der einzige Ort, wo meine Gedanken frei sind.

Für alle Betroffenen da draußen: Gib niemals auf, habt immer den Mut und immer die Kraft, egal was passiert, irgendwann wird alles besser. Ihr dürft halt nur nicht aufgeben, und wenn ich das schaffe, dann schafft ihr das auch. Und ja, wenn euch das Video gefallen hat, würde ich mich super darüber freuen, wenn ihr vielleicht ein Kommentar einfach schreibt oder einfach mal eure Meinung, vielleicht seid ihr selber betroffen und möchtet irgendetwas loswerden, ja, schreibt das gerne in die Kommentare.