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Platzangst (1/3) : Der Überfall

badischezeitung39:35

Transcription

[musik] [musik] Es kam wöchentlich, wenn ich manchmal täglich zu Polizei einsetzen.

[musik] Es war wirklich einfach keine schöne Atmosphäre mehr. Leute haben sehr offen Drogen konsumiert, teilweise auch vor unserer Ladentür. Es [musik] gab Schlägereien. Es ist einmal auch jemand mit einem Messer rumgerannt. Also es war wirklich krass und wenn man da so ein Hyperfokus drauf hat und eigentlich nur noch das [musik] sieht, das macht schon auch irgendwie ein bisschen was mit einem.

[musik] Das ist Karoirt. Sie ist 30 Jahre alt und knapp 60 groß. Sie [musik] hat kurze blonde Haare, trägt einen langen schwarzen Mantel und einen schwarzen Schal. An ihren Ohren glänzen Ringe und Stecker. Sie erzählt von ihrer Zeit am Stühlinger Kirchplatz in Freiburg. Hier hatte Caro Hirt ein Tattoo [musik] Studio zusammen mit einer Kollegin. Hatte ja, denn inzwischen [musik] haben sie es geschlossen. Was Angst.

[musik] Um zu verstehen, wie es soweit kommen konnte, laufe ich an diesem Morgen mit ihr durch die Kara Straße. [musik] Eine Straße voller Wohnung, Caffés und kleinen Geschäften, die zum Kirchplatz führt. Um uns rum fahren Autos und jede Menge Fahrräder. Eltern bringen ihre Kinder in die Kita. Immer wieder blickt Caro Hitiert Richtung Kirchplatz und vergewissert sich, dass uns niemand folgt, bis wir schließlich vor einer großen abgeklebten Glasscheibe stehen bleiben. In dem Raum dahinter hat Caro Hirt 2023 ihr Tattoo Studio eröffnet. Keine 20 m entfernt vom Stühlinger Kirchplatz.

Ja, also ich habe natürlich schon irgendwie ja Stories gehört gerade Richtung Drogendalerei und so weiter, aber ähm es war eigentlich nur so, wenn man durchgelaufen ist, dass ab und zu einmal Drogen angeboten worden sind oder eben, dass ich auch mal ja bisschen krasser angeflirtet wurde, aber es war jetzt nicht extrem bedrohlich. In der Anfangszeit ging Caro Hirt immer wieder in der Mittagspause mal auf dem Platz, hat mal eine Pizza gegessen. Manchmal kamen auch Leute vom Platz zu ihr ins Studio. Ein Jahr lang arbeitete sie unbeschwert vor sich hin und genoss es, ihr eigenes Studio zu haben. Es lief richtig gut bis zum 15. März 2024. Es war ein Dienstagnchmittag und Caro Hirt war gerade dabei, einem Kunden ein Tattoo am Bein zu stechen. Dann ging plötzlich die Tür auf. Es kamen drei Männer rein und meine Kollegin Helena hat die dann beraten. Der eine hat seinen Tattoo gezeigt und wollte einfach wissen, was man daraus machen kann. Die drei Männer haben Arabisch miteinander gesprochen und einer hat gedolmetscht. Karohiert schätzt sie auf Mitte 20, vielleicht auch 30. Einen von ihnen hat sie sogar schon mal auf dem Stühlinger Kirchplatz gesehen. Doch dann passierte etwas, was karohiert skeptisch werden ließ. Einer von den Männern ist sehr überstürzt aus dem Laden rausgeeilt und dann haben die anderen zwei das Gespräch auch relativ plötzlich abgebrochen und haben den Laden dann auch verlassen. Ich habe dann [musik] relativ direkt nach unseren Sachen geschaut und habe dann auch gleich gemerkt, dass meine Tasche fehlt. Eigentlich stand ihre Tasche ganz hinten im Raum. Einer der Männer muss es also irgendwie geschafft haben, sie unbemerkt zu greifen und einfach rauszurennen. In der Tasche waren ihr Schlüssel, ihre Kopfhörer und ihr Geldbeutel. Und in diesem Geldbeutel lagen ausgerechnet die Einnahmen der letzten Wochen. Ein paar tausend Euro.

[musik] Caro Hirt und ihre Kollegin sprinten los. Der Mann mit der Tasche ist längst verschwunden, aber die beiden anderen sehen sie noch. [musik] Sie rennen hinterher die Straße runter und tatsächlich am Ende der Straße holen sie sie ein. Karohiert stellt sich vor die Männer, konfrontiert sie mit dem Diebstahl und fordert ihre Tasche zurück. Doch einer der Männer ist mit ihr geflohen. Gleichzeitig spricht sie Passanten [musik] an, ruft ihnen zu. Sie sollen bitte die Polizei rufen. Aber niemand bleibt stehen, niemand hilft. Carohiert schafft es schließlich heimlich die 110 zu wählen. Ihr Herz hämmert, während sie wartet. 5 Minuten 10 15.

[musik] In der Zwischenzeit kommt einer der Männer zurück und hat ihre Tasche dabei. Er gibt sie ihr wieder, [musik] aber ohne das Bargeld. Als nach mehr als 30 Minuten endlich der Streifenwagen auftaucht und die Polizisten aussteigen, sind die Männer längst weg, auf Fahrrädern verschwunden.

[musik] Der Stühlinger Kirchplatz passt eigentlich nicht zu dem Freiburg, das man im Kopf hat. Freiburg. Das sind Bioläden, Bächle, Schwarzwald, Brennräder, Guterwein und Wahlrekorde für die Grünen. Doch neben diesem Freiburg gibt es ein zweites, das in den Statistiken seit Jahren als kriminellste Stadt Badenwürtemberbergs auftaucht. Und das liegt [musik] nicht nur an den Fahrraddiebstellen. Hier gab es zuletzt so viele Messerangriffe wie in keiner anderen Stadt im Land. Die Zahl der Gewaltdelikte und Raubüberfälle steigt auf Rekordhöhe. Und ein Ort fällt dabei besonders auf. Der Stüinger Kirchplatz. Zweieinhalb Hektar groß, eingeengt zwischen zwei Schulen, Wohnhäusern und der Kirche direkt am Bahnhof. Hier passieren Dinge, die man in Freiburg nicht vermuten würde. Messerstechereien, Überfälle, sexuelle Übergriffe, offener Drogenhandel auch an Minderjährige. Die meisten dieser Straftaten werden laut der Polizei von jungen Männern aus Nordafrika begangen.

[musik] Und die Freiburgerinnen und Freiburger, sie wissen irgendwie nicht so richtig, wie sie mit dem Platz umgehen sollen. Die einen sprechen von gescheiterter Integration, von Kontrollverlust, von einem Staat, der wegsieht. die anderen von einer Debatte, die entgleist ist und von rassistischen Zuschreibung. Ein Konflikt, der weit über Freiburg hinausweist.

[musik] [musik] Mein Kollege Jannik Jürgens und ich Joshua Kocher, wir stecken mittendrin, oder Jannick? Wir haben vor 5 Jahren direkt am Kirchplatz ein Büro angemietet, in dem wir als Reporter arbeiten. Als wir eingezogen sind, hatten wir das Bild im Kopf, dass viele Freiburger von diesem Platz kennen. Der schöne Bauernmarkt, der riesige Flohmarkt, Familien auf Picknickdecken und die ausgelassene CSD Party im Sommer. Gute Laune, viele Sprachen, ein bisschen Großstadtgefühl. Klar, auch damals standen da schon die Männer, die Drogen verkauft haben, aber das wirkte so wie etwas, was halt zu einer Großstadt dazu gehört. Seit wir hier arbeiten, sind wir fast jeden Tag auf dem Platz. Wir gehen spazieren, trinken Kaffee und wenn die Sonne rauskommt, stellen wir zwei Liegestühle auf und machen auf dem Platz Mittagspause. Aber Stück für Stück hat sich etwas verändert. Immer öfter sehen wir Drogenhändler, die sich prügeln und immer aufdringlicher um Kunden werben. Immer häufiger auch Blaulicht. Am Anfang schien nur der Stress auf dem Platz zu steigen. Wir dachten, das wären Revierkämpfe unter Kriminellen. Doch dann, so vor zwei Jahren, wurden auf einmal Unbeteiligte hineingezogen.

[musik] Ich erinnere mich an einen Abend, an dem ich über die Bahnhofsbrücke laufe. Unten im Dunkeln höre ich ein paar Männer aufgebracht, laut arabische Wortfetzen, die nach Streit klingen. Ich bleib kurz stehen, schau runter und gehe weiter. Am nächsten Morgen lese ich in der Zeitung, was eine Stunde später passiert ist. Ein 22-jähriger hat schwer verletzt vor einem Kaffee im Stühlinger um Hilfe geschrienen. Eine Stichverletzung. Er wäre fast verblutet. Nur weil zufällig eine Krankenschwester im Kaffee saß und sofort reagiert hat, lebt er heute noch. Ich habe mich gefragt, was wäre gewesen, wenn ich eine Stunde später dort vorbeigekommen wäre. Und das war kein Einzelfall. Ständig passierte damals etwas. Zwei Männer stechen am helligsten Tag auf einen 19-jährigen ein. Der muss ins Krankenhaus. Mehrfach werden nachtspassanten überfallen. Einer wird mit einer abgebrochenen Flasche bedroht, ein anderer bekommt Pfefferspray ins Gesicht. Und dann der Überfall im Tattoo Studio von Caro Hirt. In dieser Zeit habe ich gemerkt, wie ich sensibler wurde, irgendwie vorsichtiger. Ich gehe jeden Mittag eine Runde durch den Stühlinger spazieren und ganz am Schluss bin ich sonst immer über den Kirchplatz gelaufen. Doch plötzlich merke ich, wie ich einen großen Bogen um den [musik] Platz mache. Ich gehe nicht mehr drüber.

[musik] [musik] Wir beschließen dem ganzen auf den Grund zu gehen. Wir fragen uns, ist unsere Vorsicht nur ein Gefühl oder ist tatsächlich etwas ins Rutschen geraten? Klassische journalistische Fragen. Wir wollen die Fakten hinter den Gefühlen finden. Zwei Jahre lang haben wir versucht, den Stühlinger Kirchplatz zu entschlüsseln.

[musik] Wie kriminell ist dieser Platz wirklich? Warum ist er so geworden, wie er ist? [musik] Und was müsste passieren, damit sich etwas ändert? Für diesen Podcast haben wir intensiv recherchiert. Wir haben mit unseren Nachbarn gesprochen, mit Polizistinnen, die jeden Tag hier Streife laufen, mit Sozialarbeitern, Ladenbesitzerinnen, Forschern, mit Historikern und Politikern. Wir haben in Archiven gekramt und Gerichtsprozesse nachvollzogen und wir haben immer wieder versucht mit den Menschen auf dem Platz selbst ins Gespräch zu kommen.

[musik] Währenddessen holt uns die Tagespolitik ein. Der Freiburger Gemeinderat sucht Lösungen. Bundeskanzler Friedrich Merärz entfacht eine Debatte über das Stadtbild. Und genau deshalb machen wir diesen Podcast, weil die Geschichte dieses Platzes mehr erzählt als nur von Freiburg. Sie erzählt etwas darüber, wie unsere Gesellschaft gerade ringt, um die Fragen, die sich hier auf zweieinhalb Hektar zuspitzen.

[musik] Ich bin Jannik Jürgens. Und ich bin Joshua Kocher. Das ist Platzangst, ein Podcast der badischen Zeitung.

[musik] Der Platz hat dazu geführt, dass uns der Abschied leicht fehlt. Die Afrikaner sind eher ruhig, aber die arabischen Leute sind katastrophe. Die kommen mit Messer, mit Maen, mit Pfefferspray. Ist schlimm. Wir wollen, dass dieser Platz ein Platz für alle wird. Und die Frage ist, was passiert dann? Das ist ja keine nachhaltige Lösung. Ich bin nie mehr drüber gelaufen und ich lauf ungern dran vorbei. Folge 1: Der Überfall. Damit ihr alle wisst, von welchem Platz wir hier eigentlich reden, nehmen wir euch mal kurz mit. Wir gehen aus dem Büro raus über die Straße und dann sind wir schon fast auf dem Platz. Auf der großen Wiese, genau in der Mitte des Platzes, bleiben wir stehen. Also vor uns, da steht die Herz Jesu Kirche ähm mit ihren zwei Türmen und rechts und links davon sind so kleine Seitentreppen. Da sitzen immer wieder Menschen, die Drogen dialen und vorne dran ist noch eine Treppe. Da sitzen meistens Leute, die ich so am eh der Trinkerszene zuordnen würde oder auch oft Obdachlose. Und da vorne dran ist noch so ein kleiner Brunnen mit ein paar Sitzbänken und da chillen eigentlich meistens Männer aus Gambia, die schon ja fast schon zum Inventar von dem Platz gehören. Die sind schon viele seit 2015 da und kommen inzwischen mit ihren Kindern, aber ein paar Ticken auch immer noch Gras hier. Hinter der Kirche sind zwei Schulen, links die Grundschule, rechts die Realschule und die Schulhöfe, die sind durch ein Zaun von dem Platz getrennt. Es gibt ein Sicherheitsmann, der da immer wieder patrouliert und dafür sorgt, dass keiner einfach so auf den Schulhof drauf kommt, der nicht zur Schule gehört. Rechts sind dann Häuserfronten, so Altbau, Backsteinhäuser und dann fängt auch schon die Stadtbahnbrücke an, wo die Straßenbahnen dann zum Hauptbahnhof führen. unterhalb der Stadtbahnbrücke, das ist eher so ein dunkler Ort, sind die Altglascontainer und da sind immer viele Drogendealer. Es riecht auch manchmal so nach Pisse. Da wird man penetrant angesprochen zum Teil. Die Leute wollen da unbedingt ihr Zeug loswerden. Dann drehen wir uns noch mal ein kleines Stück nach rechts. Da sehen wir so ein kleines Plateau mit ein paar Büschen, einer Tischtennisplatte, Bänken. Ähm, das liegt eben so ein bisschen höher. Die Polizei nennt das Hartplatz 2. Da werden auch viele Drogen verkauft. Da chillen aber auch einfach viele auf den Bänken. Ist immer so ein bisschen dreckig dort und auch ja oft ein bisschen aufgeheizt so in den Abendstunden. Okay, dann gibt's so einen kleinen Weg, der unter so einem Rundbogen zu Säulen zur zum anderen Ende des Platzes führt. Dahinter ist die blaue Brücke und dieses Ende ist eigentlich so der Hauptort, wo die Drogen verkauft werden, vor allem von den Dealern aus Nordafrika. Wenn wir uns noch ein kleines Stück drehen, gibt's wieder so ein Plateau, also eigentlich fast gleich wie auf der anderen Seite. Und dieses Plateau nennt die Polizei Hartplatz 1. Da ist mittwochs und samstags immer der schöne Bauernmarkt und an den anderen Tagen sieht's ein bisschen anders aus. Da treffen sich auch eher so Menschen, die man der Trinkerszene zuordnen kann. Im Sommer spielen sie manchmal Bull, sie haben ihre Hunde dabei. Ist ein sehr beliebter Treffpunkt, wo auch abends noch Musik läuft und Ramba Zamba ist. Manchmal gibt's da auch Stress, also ab und zu. Ja, und dann drehen wir uns weiter. Dann sehen wir unser Büro da hinten an der Ecke und ähm rechts davon sind noch die Spielplätze, wo vor allem nachmittags halt auch immer ordentlich Betrieb ist. Viele Kinder, die rennen und spielen und rutschen und klettern. Wenn man jetzt unter der Stadtbahnbrücke hindurchgeht und ein bisschen die Straße hochgeht, dann kommt man zum Tattoo Studio von Carohi Hirt, dorthin, wo sie überfallen worden ist. Die drei Männer haben karohiert mehrere 1us Euro geklaut. Um das Geld wieder reinzuholen, arbeitet sie schon am nächsten Tag wieder in ihrem Studio. Aber wohl ist ihr dabei nicht. Wir haben uns danach schon verunsichert gefühlt. Also, ich habe es bei meiner Kollegin bemerkt, aber auch bei mir. Wir haben daraufhin eben die Ladentür geschlossen gehalten, also abgeschlossen auch wirklich und auch unsere Sachen mehr oder weniger angekettet. Doch wer dachte, nach dem Überfall könnte es schlimmer nicht kommen, der täuscht sich. Am Tag danach stand dann auch schon ein Mann vor der Tür in Begleitung von mehreren anderen Männern. Ich weiß jetzt gar nicht genau wie viele, aber es war eine richtige Gruppe und die haben auch versucht in Laden zu kommen und haben irgendwas geschrien, was ich nicht verstehen konnte, das glaube ich auch auf Arabisch war und ähm ja einfach gegen die Scheibe geschlagen. Die Männer wollen Karohiert in ihre Kollegin einschüchtern, damit sie die Anzeige zurückziehen, was sie nicht machen. Trotzdem zeigt der Auftritt Wirkung. In den Tagen und Wochen danach spüren die beiden Frauen, wie sie ihr Verhalten ändert.

[musik] Teilweise hatte ich schon auch das Gefühl, beobachtet zu werden und ich habe mich einfach auch nicht mehr wohlgefühlt. Wir haben immer versucht zusammen rauszugehen aus der Ladentür und ich habe den Raum natürlich auch nicht mehr so frei genutzt wie vorher, muss ich auch ehrlich sagen. und habe einfach drauf geachtet, das wirklich nur zu Tageszeiten ja zu nutzen.

[musik] [musik] Während Caro Hirt nach dem Überfall immer mehr ins Krübeln kommt, kocht in Freiburg eine größere Debatte hoch. Im Gemeinderat liegt ein neues Papier auf dem Tisch.

[musik] Ein soziokulturelles und integratives Gesamtkonzept für den Stühlinger Kirchplatz. Die Stadtverwaltung hat ein Jahr daran gearbeitet. Das Konzept soll die Lage auf dem Kirchplatz beruhigen. Plötzlich fügt sich das, was hier passiert, in die Diskussionen der ganzen Republik ein. Bundestagswahlkampf, die Messeangriffe in Mannheim und Schaffenburg, die CDU unter Friedrich März, die im Bundestag plötzlich gemeinsam mit der AfD abstimmt und Einwanderungsregeln verschärft. Überall geht es um dasselbe [musik] Migration, Kontrolle, Sicherheit. In Freiburg setzt sich immer mehr eine Überzeugung durch. Die Stadt muss härter durchgreifen. Ein Mann fällt in dieser Zeit besonders auf. Stefan Breiter, der Ordnungsbürgermeister. Im Gemeinderat sagte einen Satz, der hängen bleibt. Wir müssen uns diesen Platz zurückholen.

[musik] Um zu verstehen, was er damit meint, treffen wir uns mit Stefan Breiter in seinem Dizenat am Rotteckring. Vor dem Eingang warten schon die Mitarbeiter des kommunalen Ordnungsdienstes. Sie verteilen Strafzettel an Falschparker. Was ich noch nicht weiß, ich werde auch noch einen bekommen, denn unser Interview dauert länger als geplant. Wir fahren mit dem Aufzug hoch in den dritten Stock und laufen in einen Besprechungsraum. Dort schiebt Breiters Büroleiterin die Tische zusammen und legt ihm eine rote Mappe hin. Lass uns loslegen. Ich habe viel zu sagen. Anstecken hier an Kragen am Er klingt noch ein bisschen angeschlagen. Die Stimme ist rau. Er war letzte Woche krank. Mit mit wir wollen uns den Platz zurückholen, meine ich die Stadtbevölkerung. Wir wollen, dass dieser Platz ein Platz für alle wird. Ich glaube, dass Menschen, die im Drogenmilieö sich etabliert haben, diesen Platz für sich Stückweit ähm erobert haben, beschlagnahmt haben, ihn zu ihrem Platz gemacht haben. Doch nicht nur das, dazu kommen Diebstähle, Gewaltdelikte, Messeattacken, Ruhestörung und Verschmutzung. Immer mehr Menschen hätten sich bei ihm beschwert, sagt breiter Polizistinnen und Polizisten, aber auch Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt. Wir waren gezwungen immer wieder mit der Polizei so Großaktionen durchzuführen, so Rattien durchzuführen. Ähm Beschwerden letztendlich aber auch von von Eltern äh von Kindern, die auf die Schule oder auf dem Spielplatz gegangen sind, dass Spritzen rumliegen oder letztendlich es man sich unwölfühlt durch ein bestimmtes Klientel, wo man nicht wirklich so richtig zuordnen konnte. Sind sie jetzt gefährlich oder sind sie nicht gefährlich? Und mir ist do wichtig an dieser Stelle vollkommen unabhängig von jeglicher Hautfarbe, sondern einfach ein ein Gefühl, was ähm diesen Platz unattraktiv gemacht hat. Man, man, ich weiß nicht, wie es hingeht, aber man hat so ein Gefühl, da musst du jetzt nicht unbedingt sein oder da willst du dich jetzt nicht unbedingt aufhalten. Neulich war Stefan Breiter in Berlin. Zwischen zwei Terminen hat er sich einen E-Roller geschnappt und ist zum Girllitzer Park gefahren, eine der berüchtigtsten Grünflächen Deutschlands. Er sagt zwar, man könne Berlin nicht mit Freiburg vergleichen, aber das Gefühl am Girly sei irgendwie ähnlich gewesen. Und in dieser Zeit hat sich bei ihm etwas festgesetzt, eine ziemlich entschlossene Haltung. Für Freiburger Verhältnisse klingt er fast wie ein Sheriff. Was ich nicht für mich akzeptieren möchte, ist, dass eine eine Stadtgesellschaft aufgibt. Also, dass dass sie dass sie einfach bestimmte Angsträume oder jetzt nenn wir das das ganz furchtbare Wort no Areas akzeptiert, dass es Parallelgesellschaften in einer Stadt gibt.

[musik] In den Monaten nach dem Überfall halten die Tätowiererin carohiert und ihre Kollegin die Tür zu ihrem Studio verschlossen. Die Kunden müssen klopfen. Die beiden achten genau darauf, wen sie hineinlassen. Sie machen auch gemeinsam Feierabend, denn die Männer, die sie überfallen haben, sind noch immer auf freiem Fuß. Für uns hat sich ehrlich gesagt schon ein bisschen komisch angefühlt, dass die einfach weiter frei rumlaufen konnten und auch ja der eine, der uns bedroht hat, der einfach auch schon wohl Polizeibekannt war, das einfach irgendwie weitermachen konnte. Doch dann an einem Nachmittag, zwei Monate nach dem Überfall, wird Caro Hirts Kollegin auf dem Stühlinger Kirchplatz plötzlich von einem Mann angesprochen und sie merkt, das ist einer von den drei Männern, der hat uns überfallen. Er hat ihr tatsächlich hallo gesagt und daran hat sie ihn eigentlich erkannt. sein Äußeres war verändert, aber einfach an der Gestick und Mimik hat sie gesagt, war es ihr sofort klar, dass es einer von den Männern ist und sie hat dann auch die Polizei gerufen und das hat eigentlich dann auch alles zu der Festnahme geführt. Der Mann wird noch auf dem Stühlinger Kirchtplatz von der Polizei verhaftet, denn er war auf Bewährung wegen einer anderen Sache. Die anderen beiden Männer hingegen sind weiterhin auf freiem Fuß, vermutlich bis heute. Wie kann das sein? Wir sehen jeden Tag Blaulicht auf dem Platz. A ganz Badenwürttemberg kommen Polizistinnen und Polizisten nach Freiburg. Zivilbeamte stehen stundenlang vor unserem Büro und beobachten das Geschehen. Der Kontrolldruck ist [musik] extrem hoch und trotzdem gelingt es der Polizei nicht, die Männer zu fassen, die kariert überfallen und bedroht haben. Ist dieser ganze Aufwand am Ende wirkungslos?

[musik] Ich treffe mich mit dem Pressesprecher der Freiburger Polizei. Ich will seine Kollegen bei einer Kontrolle auf dem Stühlinger Kirchplatz begleiten. Wir wollen verstehen, wie die Polizei hier arbeitet und ab wann sie jemanden festnimmt, so wie damals bei den Männern, die Karohiert und ihre Kollegin überfallen haben. Damit die vielen Kontrollen überhaupt möglich sind, werden Polizisten aus ganz Badenwürtemberberg nach Freiburg geschickt. Sicherheitspartnerschaft nennt sich das. Und genau diese Partnerschaft wird heute zu meinem kleinen Problem. Der Pressesprecher erklärt, dass vor ein paar Minuten ein Mann mit einer Machete auf dem Kirchplatz gesehen wurde. Als die Streife kam, war er schon wieder verschwunden. Aber es könnte sein, dass er zurückkommt und einige der Polizisten, die heute kontrollieren sollen, sind noch ziemlich jung. Sie kommen aus Pforzheim, kennen den Stühlinger nicht und wissen nicht, was sie erwartet. Sie haben Angst, dass die Situation kippen könnte und das letzte, was Sie dann brauchen, ist ein Journalist mit Mikrofon im Nacken. Vielleicht steckt auch die Sorge dahinter, Fehler zu machen und ich nehme das dann alles auf. Der Pressesprecher schlägt vor, dass ich die Kontrolle aus sicherer Entfernung aufnehme. Bloß kriege ich da nichts mit und das ergibt für mich gar keinen Sinn. Wir diskutieren, gehen die Optionen rauf und runter und am Ende finden wir einen Kompromiss. Ich darf nah dran und die Polizei darf die Aufnahmen autorisieren, bevor sie veröffentlicht werden. Eigentlich mache ich sowas nicht, denn ich will ja unabhängig berichten. Aber bevor der Termin platzt, stimme ich zu. Der Sprecher bleibt den ganzen Einsatz über an meiner Seite. Ja. Hallo, der Herr Jürgens, guten Tag. Mein Name ist Bora. Wer würde vielleicht gerade da rüber, da kommen gerade die Kollege an und dort bei der Kontrolle mit einsteige. Jasmin Boher ist die Leiterin des Polizeipostens Stühlinger. Ich glaube, sie hat sich dafür eingesetzt, dass unser Termin nicht platzt. Ihre Kollegen sind schon am Kontrollieren und wir laufen dann gemeinsam zum Springbrunnen in der Mitte des Platzes. Auf der Rasenfläche liegen zwei Männer. Jasmin Boher bittet Sie um ihre Ausweise. Die beiden Männer stehen auf, sie schauen schüchtern auf den Boden und kramen dabei in ihren Taschen. Der eine hat einen Rucksack dabei. Ja. Haben Sie irgendwas dabei, was gefährlich ist? Was? Haben Sie etwas gefährliches dabei oder etwas verbotenes? Die beiden Männer sprechen kaum Deutsch. Der eine kann es wohl ein bisschen besser als der andere, also übersetzt er für ihn. Eine Kollegin unterstützt Jasmin Boher bei der Kontrolle. können Sie wieder einstecken, dann kann ich noch in die Jackentasche schauen. Alles gut? Ja. Ja. Können Sie wieder ein Die Polizistinnen filzen die beiden Männer. Sie fragen, wo sie arbeiten und wo sie wohnen. Ja, ich werde jetzt noch die Fahnungsdatei überprüfen, ob da irgendwas vorliegt. Ansonsten war die Kontrolle unabfällig und die kriegen ihre hier Papiere zurück und konnt dann den Tag wieder ganz normal hier verbringen. Bora geht zum sogenannten Hartplatz 2, einem Kiesplatz, auf dem eine Tischtennisplatte und ein paar Bänke stehen. Ein Mann hat ein Messer dabei. Als wir dort ankommen, hören wir Boras Kollege, wie er gerade versucht ihm zu erklären, dass das Messer verboten ist. Der Mann kann das allerdings gar nicht verstehen. Also bei der Kontrolle hat man jetzt ein Taschenmesser bei der kontrollierten Person festgestellt. Wir haben hier seit dem Sommer eine Messerverbotszone, wo man quasi keinerlei Art von Messer führen darf, außer bei bestimmten Zwecken, sage ich jetzt mal. Der Mann muss ein Bußgeld von 200 € bezahlen. Außerdem hat die Polizei einen mutmaßlichen Drogendealer geschnappt, der allerdings nicht von mir aufgenommen werden wollte. Verständlich. Jasmin Boher fasst die Kontrolle so zusammen. Es war so, dass wir mit dem Polizeihund einen Bunker von Marihuana festgestellt haben. Den hat eben dieser Hund aufgefunden und angezeigt. Es war eine Plastiktüte, worin sich portioniert ähm auch weitere kleine Beutel mit Mariana befunden haben. Grundsätzlich ähm dürfte die Menge im erlaubten Bereich sein, also was man tatsächlich legal besitzen darf. Allerdings ist es so, dass man bis heute nicht mit Marihuana handeln darf und aufgrund der Auffindesituation und der Portionierung gehen wir von ähm einem Handel aus. Da haben wir jetzt nicht direkt eine Person festgestellt, der wir das zuordnen können. Also, wir haben aktuell noch keinen Beschuldigten für dieses Verfahren. Lass uns das mal abkürzen. An diesem Nachmittag hat die Polizei mehrere Leute kontrolliert, die ein Verfahren am Hals haben. Mal eine Abschiebung, mal eine Anzeige wegen einem Einbruch oder sowas. Das Problem ist nur, wenn die Behörden nicht wissen, wo jemand wohnt oder wenn die Person einfach nicht vor Gericht auftaucht, dann liegt so ein Verfahren schnell mal auf Eis. Also es geht uns nicht immer nur drum, dass wir möglichst viele Straftaten feststellen, sondern einfach auch um die Erkenntnisse, die wir aus diesen Kontrollen ziehen und somit würde ich die Kontrolle als erfolgreich bilan. Welche Erkenntnisse haben Sie dann heute gezogen? Ja, eben, dass wir hier äh Personen haben, die von verschiedenen Institutionen, also Behörden, Ausländerbehörde, Staatsanwaltschaft etc. gesucht werden, weil eben ihre Erreichbarkeiten und Aufenthalte unklar sind und das sind sicherlich entsprechende Verfahren eben im Gange, die jetzt wieder aufgenommen werden können, weil man jetzt weiß, wo sich diese Personen befinden. Die Polizei wertet es also als Erfolg, wenn sie jemanden findet. Und schreibt das Amt jetzt einen Brief an den Stühlinger Kirchplatz? Ich weiß ja nicht. Eine Sache verstehen wir jedenfalls nach dieser Kontrolle. Wir merken, wie kompliziert Polizeiarbeit ist. Zuständigkeiten, Erreichbarkeiten, Aufenthalte. Vielleicht hat ja auch dieses Wir verhindert, dass die beiden anderen Männer, die karofallen haben, gefasst werden konnten. Aber immerhin einer konnte festgenommen werden, weil ihn Caro Hirts Kollegin auf dem Kirchplatz wiederer erkannt hat. Ein Jahr nach dem Überfall kommt es deshalb zum Gerichtsprozess gegen ihn. Am Tag vor der Verhandlung taucht plötzlich wieder ein Mann vor dem Tattoo Studio auf. Es stand wieder einer vor der Tür, hat versucht sich Zutritt zu verschaffen, hat rumgeschrien und es war auch einer, der einfach hätte als Zeuge aussagen sollen, da er die drei kennt und wir das auch so der Polizei mitgeteilt haben. Der Mann war früher mal bei Caro hier zu einer Tattooberatung gewesen. Sie wusste, dass er mit mindestens einem der Männer befreundet war, die sie überfallen hatten. Und das hat sie der Polizei auch verraten. Wieo Hirt später von ihrem Anwalt erfährt, hatte auch dieser Mann ein volles Vorstrafenregister, darunter Straftaten wie sexuelle Nötigung, Körperverletzung, auch ein Messerangriff. Das macht kohiert fassungslos. Dann lief er trotzdem ewig weiter rum und das finde ich halt schon krass, der jemand irgendwie wirklich mit Messer abgestochen hat und halt auch sexuelle Nötigung und sowas gemacht hat, so ein richtiger Haupttäter oder Intensivtäter von dem Platz. Also jemand, der schon richtig viele Straftaten begangen hat. Karohiert fühlt sich in dieser Zeit ziemlich alleinelassen. Sie ist wütend, dass zwei der Angreifer noch unbehelligt herumlaufen, dass sie von einem dritten noch bedroht wird und dass sie gefühlt nichts dagegen tun kann. Bei einigen ihrer Kundinnen und Kunden macht sie ihrem Ärger Luft, doch auch die wollen sie nicht immer verstehen. Manche verharmlosen den Überfall, andere vereinnahmen ihn hingegen. Bei manchen waren das halt wirklich nur Täter und es kam dann wirklich auch zur Äußerung, die ich so nicht unterstützen kann, also, dass da dann wirklich fast alle ja Menschen mit Migrationshintergrund eigentlich in einen Topf geworfen wurden. Und dann gab es auch die andere Seite, die die wirklich nur als Opfer sehen wollten, also auch gar nicht sehen wollten, dass sie auch Täter sein können, auch wenn die vielleicht eine schwierige Geschichte mitbringen auf dem Platz und natürlich auch nicht in guten Umständen leben. Caro Hert steckt auf einmal mitten in einer Debatte, die in der ganzen Stadt und in ganz Deutschland geführt wird. Wie gehen wir um mit kriminellen Ausländern? Doch sie versucht sich nicht unterkriegen zu lassen und geht mit ihrer Kollegin in den Gerichtssaal, wo sie als Zeuginnen aussagen und heftige Details erfahren über den Mann, der sie überfallen hat und über den, der sie bedroht hat. Und das hat uns tatsächlich dann auch so schockiert, dass wir gesagt haben, wir arbeiten nicht mehr weiter in dem Laden, da wir uns da schon schutzlos ausgeliefert gefühlt haben.

[musik] [musik] Wenn ich das so höre, werde ich schon ein bisschen wütend. machte eine kriminelle Bande mitten in Freiburg ihre eigenen Gesetze. Warum lassen wir als Gesellschaft es zu, dass zwei junge Frauen so verängstigt werden, dass sie ihren Laden aufgeben müssen? Und drohen Teile der Stadt zu einem rechtsfreien Raum zu werden? Mit diesen Fragen gehe ich im Spätsnommer des Jahres 2025 zu Ulrich Hildenbrand, dem Leiter des Polizeirevier Nord. Er ist auch für den Stühlinger Kirchplatz verantwortlich. Hildenbrand sitzt in seinem Büro mitten in der Innenstadt gleich neben dem Theater. Er trägt Uniform, hellblaues Hemd, Krawatte, Hose mit Bügelfalte. Ich spreche ihn auf den Fall von Caro Hirt an. Hirt fühlte sich ja von der Polizei im Stich gelassen, besonders als der Typ, der anscheinend ein Intensivtäter war, sie vor ihrem Laden bedrohte. Das sind Fälle, die die gibt's tatsächlich und dann ist oft schwer dagegen vorzugehen. Äh am Ende des Tages ähm brauchst dann die Voraussetzungen für entweder eine Aufnahme in der psychiatrischen Einrichtung, wenn schwere psychische Erkrankungen, Störungen vorliegen oder halt die Voraussetzungen für die Erteilung eines Haftbefehls. Warum es kein Haftbefehl für den Mann gab, der karhiert bedroht hat, konnten wir nicht nachvollziehen. Aber die Polizei hat ja noch weitere Instrumente. Bei Personen, die häufiger auffallen auf diesem Platz, gibt's die Möglichkeit Platzverweise zu erteilen. Setzt natürlich voraus, dass dem auch gefolgt wird. Die Folge bei Nichtbeachtung wäre der Gewahrsam oder in Zusammenarbeit mit der Stadt Freiburg die Erteilung eines Aufenthaltsverbot für den Stühlinger Kirchplatz, das dann für drei oder für sech Monate ausgesprochen wird. Im Fall von Karohiert hat das offenbar nicht funktioniert. Ich frage Hildenbrand nach der Statistik. Wie viele Straftaten wurden in den vergangenen Jahren auf dem Platz registriert? Ist er wirklich ein Kriminalitätshotspot oder ist Caro Hirts Geschichte nur ein tragischer Einzelfall? Statistik bezieht sich immer auf ein Gesamtjahr und bildet das polizeiliche Hellfeld ab. Also die Straftaten, die uns gemeldet worden sind, äh die wir selbst festgestellt haben, äh aber natürlich nicht das, was im Dunkelfeld liegt. Und äh das muss man immer wieder vorherschicken. Ähm im Jahr 2024 haben wir auf dem Stühlinger Kirchplatz und das ist wirklich nur der eng begrenzte Bereich des Kirchplatzes, also nicht die Seitenstraßen, sondern nur auf dem Kirchplatz. Äh insgesamt 413 Straftaten registriert. Das ist ein deutlicher Anstieg im Vergleich zu den Jahren davor. Die Zeit der Coronapandemie muss man allerdings ausklammern, denn da gab es wegen des Lockdowns bundesweit weniger Straftaten. Aber 2019, also vor der Pandemie, hat die Polizei fast 100 Straftaten weniger auf dem Kirchplatz festgestellt und in den Jahren davor noch weniger. 2013 waren es bloß 76, also nur ein Fünftel. Auch in den 2000er Jahren waren es nie über 200 Straftaten und 2024 so viele wie nie zuvor. Ein Großteil der Straftaten, die die Polizei registriert hat, haben mit Drogen zu tun. 177 Straftaten waren das im Jahr 2024. Viele davon werden nur erfasst, weil die Polizei ja so viel kontrolliert. Es ist aber eine andere Entwicklung, die Ulrich Hildenbrand Sorgen bereitet. Deutlich wird's am Bereich der äh sogenannten Rohheitsdelikte, also Körperverletzungen und und Raub. Und wenn man sich diese Zahlen anschaut, dann merkt man, wo das Problem liegt, das dann auch öffentlich wahrnehmbar geworden ist. In den letzten Jahren. Äh waren es 2020 noch 32 dieser Rohrheitsdelikte, also Körperverletzung, Raub. Sind wir jetzt bei 104, äh also eine Verdreifachung. Ähm und begonnen hat dieser Trend schon im Jahr 2023. 2023 äh hatten wir 76 dieser Delikte registriert, also schon damals eine Verdoppelung und jetzt noch mal ein Drittel mehr. Es sind genau diese Straftaten, die auch uns Angst machen, wenn Menschen überfallen werden, wenn Messer im Spiel sind oder wenn Männer mit Eisenstangen aufeinander eindreschen, wie wir das aus dem Büro gesehen haben, wenn Menschen wie karohiert am helligten Tag überfallen werden. Es sind diese Straftaten, die das subjektive Sicherheitsgefühl massiv erschüttern. Äh und wenn wir uns anschauen, wer die Täter sind, äh dann stellen wir fest, dass überproportional häufig ähm junge Männer mit aktueller Fluchterfahrung äh häufig aus dem Bereich der Landesärstaufnahmestelle auffällig werden und besonders aggressiv und gewalttätig gehen Gruppen aus Nordafrika vor junge Männer aus den Magribrebsstaaten, die fallen vor allem durch diese Gewaltstraftaten auf. Warum das so ist, ganz schwer zu erklären. Ganz schwer zu erklären. Was wichtig ist in diesem Zusammenhang, nicht die Herkunft macht jemand zum Gewalttäter. Äh, das wird uns oft vorgeworfen. Ihr seid pauschal und äh und kontrolliert rassistisch und äh das ist alles diskriminierend. Ähm nicht die Herkunft aus Marokko macht jemand zum Straftäter. Und nicht jeder äh Nordafrikaner ist ein Straftäter. Im Gegenteil, also die allermeiste sind absolute rechtstreue Bürger, aber diejenigen, die auf dem Stühlinger Kirchplatz in Erscheinung treten durch Gewalttaten und für diesen Anstieg verantwortlich sind, sind halt überwiegend überwiegend genau aus diesem Herkunftskreis.

[musik] Einer dieser Männer hat Caro Hirt in ihrem Tattoo Studio überfallen. Er war bereits zuvorkriminell geworden und auf Bewährung verurteilt wegen Körperverletzungen und Drogenhandel. Hirts Kollegin hat ihn ja wieder erkannt und [musik] direkt die Polizei gerufen. Die haben ihn noch auf dem Kirchplatz festgenommen. Bis zum Prozess saß der Mann in Haft und im Gerichtssal Karohiert gegen ihn aus. Seine Strafe wird um ein paar Monate verlängert. Noch während der Prozess läuft, beschließen Carohiert und ihre Kollegin das Tattoo Studio in der Kara Straße zu schließen. Sie beginnt in einem anderen Studio zu arbeiten, in der Innenstadt und fühlt sich super wohl dort. Auf ihre Zeit am Kirchplatz schaut sie mit gemischten Gefühlen zurück. Ich würde sagen, mich hat es als Mensch eigentlich nicht verändert. Ich finde nach wie vor, man sollte jeden Mensch erstmal als Individuum sehen, aber ich finde es auch wichtig zu sehen, wenn es Probleme gibt und die auch anzugehen. Man fühlt sich einfach nicht wohl und es herrscht einfach auch so eine negative Stimmung, die einfach runterzieht. Heute meide ich den Platz eigentlich immer, wenn es geht. Ich bin nie mehr drüber gelaufen und ich laufe ungern dran vorbei.

[musik] [musik] Boah, das war echt eine krasse Geschichte. Stell dir mal vor, uns wird das passieren. Jemand wird irgendwie unser Büro einbrechen, uns die Kaffeemaschine klauen, vielleicht auch noch ein Laptop und danach auch noch ständiger unsere Scheibe hämmern. kein Plan, wie ich da reagieren würde. Ja, und klar, man kann sagen, dass es ein Einzelfall ist und echt ein Extremfall, aber auf der anderen Seite ist die Statistik ja auch eindeutig. Also, es gibt mehr Überfälle, mehr Verletzung, mehr Messerattacken. Irgendwie macht mir das total Angst. Ja, mir auch. Ich habe das auch gemerkt nach der Polizeikontrolle. Da bin ich ganz anders über den Platz gelaufen. Da habe ich mich dann immer umgedreht und zum Teil haben die Dealer sogar hinter mir her gepfiffen, als wenn die sich gegenseitig warnen würden. Ich habe auch gemerkt, wie mein Blick sich verändert. Die spielenden Kinder auf dem Platz, die habe ich irgendwann gar nicht mehr gesehen, sondern nur die Kriminalität, die Drogen, die Dealer. Ich meine, ich fühle mich so ein bisschen wie Friedrich Merz. Ja, ich merk's. Dann dann lass uns vielleicht mal ganz schnell was dagegen machen. Also, ich kann unsere Gefühle total verstehen, das Unbehagen, vielleicht sogar die Angst, aber was steckt eigentlich dahinter? Also woher kommen diese ganzen Sorgen? Ich würde gern verstehen, wie der Platz zu diesem Hotspot geworden ist. Was ist eine Geschichte? Seit wann gibt es ihr die Probleme? Wie sehen die Anwohner das und was sagen eigentlich die Leute dazu, über die wir jetzt so viel geredet haben? Was sagen die Drogendealer? Das hört ihr in Folge 2.

[musik] Platzangst ist eine Produktion der badischen Zeitung. Host, Skript, Recherche und Schnitt. Jannik Jürgens und Joshua Kocher. Redaktion Gina Kutkut und Dora Schildz. Cover Andreas Weber. Titelmusik Fabian Fustinoni.

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