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Macht Zucker dumm? | 42 - Die Antwort auf fast alles | ARTE

ARTEde27:14

Transcription

Stellen wir uns vor, wir müssten vier Wochen auf Brombeeren verzichten. Geht. Oder vier Wochen auf Mandeln. Schafft man. Vier Wochen Salami nicht wirklich problematisch. Und jetzt vier Wochen auf Süßigkeiten. UPS! Menschen werden depressiv und sogar ängstlich, bekommen Schlafstörungen, als wären sie auf Kokainentzug. Wir lieben unsere Schokolade, unsere Gummibärchen, unser Eis. Und wenn wir ehrlich sind, es gibt Momente, ziemlich viele Momente, da ist es uns egal, wie ungesund Zucker ist.

Er ist mitverantwortlich für Karies, für Diabetes, Fettleber, Bluthochdruck, Herzkreislauferkrankungen und Übergewicht. Ist es dann aber nicht doch irgendwie dumm, so viel davon zu konsumieren? Also, was inzwischen unbestritten ist, ist, dass Zucker eine massive Wirkung auf unser Gehirn hat. Ist das der Grund, weshalb wir so viel Zucker essen? Weil er uns den Verstand raubt? Macht Zucker etwa... dumm?

Eigentlich ist es doch merkwürdig, dass Zucker so schlecht sein soll. Denn natürlich gibt es evolutionsbiologische Gründe, warum wir alles, was süß ist, so mögen und sofort und gleichzeitig essen wollen. Erstens bedeutet süß ungefährlich. Es gibt keine Pflanze in der Natur, die zugleich süß und giftig ist. Und zweitens: sehr schnell verfügbare Energie.

Für mich ist Chamich so absolut unwiderstehlich. Es ist, glaube ich, die perfekte Kombination zwischen Zucker, Fett, Alkohol und Schokolade. Und es hat einfach eine wunderbare Konsistenz. Deswegen kann ich mich da reinlegen. Und das ist frischer Blätterteig. Also so Croissants, Pain au Chocolat, solche Sachen. Ich hatte jahrelang immer Probleme, Donuts zu widerstehen. Sie sind köstlich, aber natürlich furchtbar schädlich. Wie kann es sein, dass wir offenbar dazu verdammt sind, immer zu heiß auf Zucker zu sein, obwohl der so furchtbar schädlich ist?

Zuckerrohr ist die am meisten angebaute Pflanze weltweit. Fast 2 Milliarden Tonnen werden pro Jahr geerntet, gedüngt mit Dünger und Pestiziden, dann verarbeitet in hochkomplexen Industrieanlagen mit Hilfe von jeder Menge Chemikalien. Also, Zucker ist halt unfassbar weit entfernt von irgendwas Natürlichem. In der echten Pflanze, die süß schmeckt, sind noch andere Sachen drin außer nur Zuckermolekülen. Da ist ja drin Ballaststoffe, da sind kleine Mineralien drin, da sind verschiedenste Naturstoffe drin, die das Ganze zu dem machen, was es ist in dieser Pflanze. Aber all das kommt weg und übrig bleibt halt nur noch das Zuckermolekül. Und das sieht so aus: einmal Glucose, einmal Fruktose, Verbindung dazwischen, fertig ist der bekannte Haushaltszucker.

Aber was daran soll nun so schädlich sein? Eine erste Spur führt von der Fruktose zu einem Stoff, von dem wir ebenfalls wissen, dass er schädlich ist und ihn trotzdem konsumieren: Alkohol. Was ganz interessant ist, ist, dass Fruktose wird vor allem in der Leber oder ausschließlich in der Leber quasi verstoffwechselt, was ja quasi beim Alkohol auch der Fall ist. Und vor allem wird quasi auch bei dem Fruktose-Umbau und -Abbau quasi werden auch einfach Stoffe freigesetzt, die direkt in der Zelle halt auch schädlich sein können. Der problematische Stoff beim Alkohol ist Acetaldehyd. Das entsteht, wenn unser Körper Alkohol zu Energie macht. Es kann Nerven- und Leberzellen zerstören. Auch beim Zucker entsteht ein problematischer Stoff, wenn er zu Energie verarbeitet wird: Methylglyoxal. Kann sprichwörtlich unser Gehirn grillen.

Nicht, dass Grillen kein Spaß machen würde. Freunde und Familie am Tisch, ein saftiges Steak auf dem Teller und stetiger Nachschub auf dem Grill. Wo allerdings ganz unbemerkt eine hochinteressante chemische Reaktion abläuft. Das Fleisch wird braun, das schmeckt aromatischer und die Zellstrukturen verändern sich. Eine spannende ist, jetzt dasselbe kann sogar in unserem Körper passieren. Wenn wir Zuckermoleküle in unserem Blut haben, viel auf lange Dauer, dann kann das kleine Zellbestandteile genauso verzuckern, sozusagen, wie wenn das Fleisch in der Pfanne brät. Das wirkt dann so, dass es einen sogenannten Zellstress auslöst. Die Zellen werden älter, teilweise degenerieren sie, zerfallen. Das wirkt sich auf hunderte von verschiedenen Proteinen aus. Sie verändern ihre Form, sie verändern ihre Funktion, sie funktionieren nicht mehr so gut wie zuvor. Wie schnell Proteine in unserem Körper kaputt gehen, also verzuckern, ist von vielen Faktoren wie z.B. Rauchen oder Sonneneinstrahlung abhängig und logischerweise von Zucker. Vor allem Fruktose wirkt hier wie ein Brandbeschleuniger.

Das Blöde ist, unser Gehirn ist ziemlich empfänglich für diese kaputten, also verzuckerten Proteine. Wie die sich auswirken, haben Versuche mit Ratten gezeigt. Die drei Monate lang stark gezuckertes Futter bekommen haben. Vor allem im Hippocampus starben die Zellen ab. Das ist das Areal des Gehirns, in dem ein Großteil unseres Gedächtnisses beheimatet ist. Resultat: Die Zuckerratten fanden selbst nach vorherigem Training das Futter in einem Labyrinth nicht mehr. Waren die Ratten durch Zucker vergesslich geworden?

100%ig. Zucker ist schlecht für unser Gehirn. Zucker ist schädlich für unseren Stoffwechsel, für unser Gedächtnis und langfristig erhöht er die Risikofaktoren für kognitiven Verfall. Es ist unser Gehirn steht auf Zucker, der aber produziert Giftstoffe, die ihm Schaden zufügen. Jedes Mal, wenn wir ein Zuckermolekül essen, löst unser Gehirn sozusagen ein Glücksgefühl aus. Das ist das, was man schon quasi sieht, wenn Kinder neu geboren werden. Also beim Neugeborenen sehen wir das schon, wie viel Zucker mit dem Gehirn zu tun hat. Man sieht an der Grimasse schon, dass das direkt ein positives Belohnungsfreit auslöst, obwohl quasi vorher noch nie ein Zuckerkontakt bestanden hat. Alles Teil der evolutionären Prägung. Das ist garantiert ungiftig, das bringt jede Menge Energie. Unser Gehirn belohnt uns, wenn es glaubt, dass wir etwas Gutes, vor allem lebenserhaltendes tun. Und zwar mit Hilfe des Neurotransmitters Dopamin.

Dopamin wird vor allem von den Nervenzellen im Mittelhirn gebildet und ins Belohnungssystem geschickt, wenn wir etwas Schönes erleben und uns freuen. Weil Dopamin auch für unsere Motivation und fürs Lernen zuständig ist, werden diese Erfahrungen mit dem Befehl verknüpft: Das war toll, das musst du wieder machen. Nur kann Zucker diesen Dopaminausstoß auch auslösen, ohne dass wir etwas Schönes erleben. Zucker steht im Zusammenhang mit Ernährung und Ernährung ist ein Hauptantrieb, das hält uns am Leben.

Kann man alles überschreiben, am Ende des Tages jede Art von Vernunft ausschalten? Vernunft ist in den Situationen, in denen wir etwas Süßes essen, meistens ohnehin nicht gefragt, sondern Spaß. Wir essen ein Eis mit Freunden, backen zu Weihnachten Plätzchen mit den Kindern und bekommen Kuchen zum Geburtstag. Unser Belohnungssystem rastet geradezu aus. So schön. Das allerdings ist inzwischen in so vielen Lebensmitteln Zucker drin, dass unser Belohnungssystem immerzu mit Dopamin befeuert wird. Gezuckerte Cornflakes und ähnliches galten sogar mal als richtig gesundes Frühstück, solange sie nur schön fettarm waren. Viel Zucker, egal.

Könnte es also sein, dass unsere Spezies ein echtes Problem hat? Das zumindest lassen hunderte Studien vermuten, die zeigen, dass Zucker alles andere als harmlos ist. Erst 2015 gab die Weltgesundheitsorganisation Empfehlungen raus: 50 Gramm oder 16 Stück Würfelzucker pro Tag. Besser wäre die Hälfte: 25 Gramm pro Tag oder 8 Stück Zucker. Tatsächlich aber essen wir durchschnittlich 95 Gramm pro Tag. Das sind 31 Stück Würfelzucker täglich. Diese ungefähr 100 Gramm Zucker, die wir am Tag essen im Durchschnitt, die kommen nicht davon, dass man sich jetzt 100 Gramm Zucker in den Kaffee packt oder ein Stück Kuchen jeden Tag ist, sondern viel mehr von versteckten Zucker in industriellen Nahrungsmitteln. Und fast 80% der industriellen Nahrungsmittel enthalten Zucker. Es führt nämlich dazu, dass wir es noch lieber essen. Wem ist schon klar, dass ein Großteil seines Einkaufs im Prinzip Süßwaren sind?

Zucker ist z.B. in Senf, Kartoffelsalat, Nudelsoße, Dressings, Blaukraut oder Joghurt. Bei der Industrie ist Zucker sehr beliebt, denn er ist ein billiger Rohstoff, verbessert den Geschmack und die Haltbarkeit. Dabei werden auf den Zutatenlisten auch Namen verwendet, die den zugesetzten Zucker nicht ahnen lassen. Dextrose, Weizensirup, Saftkonzentrat, Maltodextrin, Glukose-Fruktose-Sirup oder Gerstenmalzextrakt sind nichts anderes als Zucker. Und auch Honig ist vor allem Zucker. Viele Menschen, die sich ein bisschen zuckerärmer und gesünder ernähren möchten, verzichten auf Haushaltszucker und greifen dann zu Honig oder Agavendicksaft oder auch Datteln, um Desserts zu süßen oder anderes Trockenobst und vergessen dabei, dass es eigentlich auch hauptsächlich Zucker ist.

Vor dem Gesetz gilt Zucker als unproblematisch, nämlich einfach als Lebensmittel und darf so jedem anderen Lebensmittel in unbegrenzter Menge zugefügt werden. Es gibt keine Grenzwerte wie bei Zusatzstoffen, weshalb er sich überall heimlich einschleichen konnte. Es ist, als würden wir dauernd Süßigkeiten essen, ohne es zu merken, und unser Belohnungssystem ist immerzu im Partymodus.

Es ist ein Mechanismus, der verdächtig nach Sucht aussieht. Unser Gehirn wird ständig mit Dopamin zugedröhnt, aber wir brauchen immer mehr, um den gleichen Kick zu bekommen. Die Geschichte ist ziemlich ähnlich. Man findet schnell Gefallen an dem Essen, dann wird man süchtig nach dem Essen. Man bekommt einen schnellen Energieschub, aber auf lange Sicht ist es schrecklich für dein Körper und dein Gehirn. Allerdings sind wir wirklich zuckersüchtig? Schließlich holen wir uns keinen Würfelzucker, wenn wir etwas Süßes wollen.

Es gibt eine ganz teuflische Kombi, die man in wahnsinnig vielen industriellen Lebensmitteln findet, die dazu führt, dass man einfach nicht mehr aufhören kann. Denken wir an Chips, denken wir an Schokolade, an Nuss-Nougat-Creme. Man packt ungefähr 50% Zucker, schnell verfügbare Kohlenhydrate da rein und 35% Fett. Und gleichzeitig bleibt nicht mehr viel Platz für Protein. Protein hat eigentlich einen sättigenden Effekt. Und dieses 50% Zucker und 35% Fett-Verhältnis, das sorgt dafür, dass all unsere Sättigungsmechanismen fast wie ausgeschaltet sind. Bei Schokolade gibt es kein Halten mehr. Wir können Eis nicht widerstehen und Kekse schmecken eben. Na ja. Aber ist das denn so schlimm, dem auch mal nachzugeben? Man wird ja wohl nicht sofort süchtig.

Bei einer Studie bekam Testpersonen zwei Monate lang täglich einen kleinen Pudding zusätzlich zum Mittagessen. Die eine Gruppe Pudding mit viel Fett und viel Zucker, die andere die Light-Variante mit wenig Fett und wenig Zucker. Beide hatten gleich viel Kalorien. Nach zwei Monaten Puddingessen wurden die Probanden dann ins Institut eingeladen. Mit einem knallsüßen Milchshake sollte jetzt das Belohnungssystem getriggert werden. Im Magnetresonanztomographen wurde sichtbar, dass das Belohnungssystem der Personen, die zwei Monate lang den süßen, fettigen Pudding gegessen hatten, richtig ausflippte. Bei denjenigen, die vorher den Light-Pudding bekommen hatten, war deutlich weniger los.

Wir haben gesehen, dass sich die Vorlieben der Menschen ändern für Zucker und fettreiches Essen. Und wenn sich Vorlieben verändern, müssen sich auch die entsprechenden Kreisläufe, über die das im Gehirn wahrgenommen wird, verändern. Das heißt, ähm, die neuronalen Schaltkreise haben sich neu programmiert. Wenn wir viel Süßes essen, wird unser Belohnungssystem neu verschaltet. Die neuen Netzwerke führen dazu, dass wir immer mehr und immer häufiger nach Süßem greifen. Unser Verlangen wird zunehmend auf Süßes umprogrammiert, als wären wir ferngesteuert. Was sich vor allem dann bemerkbar macht, wenn wir mit dem Zucker aufhören wollen. Die merken ganz extrem, dass was fehlt, unterbewusst. Man wird impulsiver, man hat ein starkes Verlangen danach, was zu essen. Es führt zu einer Entzugssymptomatik, wenn man es weglässt. Bei Süßigkeiten ist es dann so, dass man das kaum mehr abstellen kann. Es gibt diese zwanghafte Komponente dabei, die üblich auch ähnlich zu Süchten ist. Und da liegt der Hund begraben. Wir lieben Zuckerwaren nicht, weil sie so nahrhaft sind. Wir lieben den Zucker, weil er so ähnlich wirkt wie eine Droge, die abhängig macht. Und auch er verändert etwas in uns, und zwar nicht nur unser Verlangen.

Lange Jahre lang hat man Gehirn irgendwie in Isolation untersucht, hat bestimmte Prozesse im Gehirn untersucht, hat die aber nicht im Zusammenhang gestellt mit dem restlichen Körper. Und ich denke, dass das quasi etwas ist, was jetzt neu noch mal dazu kommt, wo wir eigentlich verstehen wollen, welchen Effekt hat Ernährung auf Gehirn und welchen Effekt hat Ernährung auf die Psyche. Es ist schon länger bekannt, dass es einen Zusammenhang zwischen erhöhtem Zuckerkonsum und der Entstehung von psychischen Erkrankungen, also z.B. Depressionen und Angststörungen gibt. Nur wusste niemand genau warum, bis ein typisches Krankheitsphänomen auf eine Spur führte, dass Leute, die eine akute Erkrankung haben, z.B. eine starke Erkältung haben, eine starke Grippe haben, dass die das sogenannte "Behavior" aufzeigen, das heißt, die ziehen sich sozial zurück, empfinden keine Freude, verlieren Interesse an Dingen, haben auch wenig Antrieb. Warum wir bei einer Erkältung so fertig sind, ist klar. Wir haben einen Virus im Körper, der ruft eine Entzündung hervor. Dann hat man festgestellt, dass das ja sehr ähnlich ist mit diesem depressiven Syndrom, was wir beobachten und hat sich überlegt, spielt vielleicht bei der klassischen Depression Entzündung eine relevante Rolle. Und das hat man jetzt über viele, viele Patienten hin untersucht und was man schon feststellen kann, ist, dass bei 30% der Patienten, die einer Depression leiden, Entzündung in einem sehr niedriggradigen Bereich erhöht ist und dadurch vielleicht auch zur Entstehung der depressiven Symptomatik beiträgt.

Diese Entzündungen haben natürlich einen Zweck. Sie gehören zu unserem Abwehrmechanismus gegen Fremdkörper. Nur wenn sie nicht verschwinden, werden sie für uns zum Problem. Wenn Entzündung quasi dauerhaft da ist, dann kann es dazu führen, dass gewebeschädigende Prozesse entstehen. Ja, dann entsteht tatsächlich an den Zellen Schäden, dann führt das dazu, dass vermehrter Zelluntergang entsteht, dass auch die die Regeneration von Zellen im Gehirn blockiert wird und dadurch ist quasi eine chronische Entzündung eigentlich ein schädlicher Prozess für den Körper. Es gibt viele mögliche Auslöser dafür, beispielsweise eine vorangegangene Infektion, aber auch unser Lebensstil ist entscheidend, z.B. wie unsere Ernährung aussieht. Das sind z.B. Omega-6-Fettsäuren, die sind im Sonnenblumenöl drin, aber auch in viel verarbeiteten Produkten, in Schweinefleisch. Und es sind sowas wie Transfette, aber allen voran auch der Zucker in unserer Nahrung. Hier ist also der Zusammenhang: Hoher Zuckerkonsum führt zu chronischen Entzündungen. Chronische Entzündungen haben mentale Folgen.

Es gibt aber noch einen Weg, wie sich Zucker auf unseren emotionalen Zustand auswirken kann, und der hat mit Glucose zu tun, einem der beiden Bausteine von Zucker. Damit unser Körper Glucose zu Energie machen kann, braucht er sowas wie ein Paketboten. Der muss die Glucose an die Tür der Zelle bringen. Dieser klingelnde Bote ist das Insulin. Was allerdings nur so lange wohl gelitten ist, solange es nicht zu oft klingelt. Wenn ich jetzt eine Zelle bin und ständig klingelt das Insulin bei mir und möchte Glucose liefern und ständig soll ich meine Tür aufmachen, dann nervt das irgendwann. Dann denke ich irgendwann, das ist ein Klingelstreich, ich höre nicht mehr zu, ich lasse die Türen zu. Die Glucose darf draußen bleiben und dann habe ich eine Insulinresistenz.

Insulinresistenz. Der Körper produziert jetzt Fett statt Energie. Das erhöht nicht nur die Wahrscheinlichkeit, an Diabetes zu erkranken, es spielt auch eine wichtige Rolle für das Gedächtnis und die Selbstkontrolle. Wozu Insulinresistenz im Gehirn noch führt, haben Untersuchungen an Mäusen gezeigt. Und was wir ganz klar aus Studien zeigen können, ist, dass Mäuse, die insulinresistent sind, dass die eigentlich ein depressives Phänotyp zeigen. Also, dass die quasi weniger Motivation haben, weniger Antrieb haben und dass die vor allem auch so eine ängstliche Symptomatik zeigen, im Gegensatz zu ihren insulinsensiblen Artgenossen. Erkundeten die insulinresistenten Mäuse ihre Umgebung nicht mehr, interessierten sich weder für Futter noch für Artgenossen. Es ist ein weiteres Paradox von Zucker: Kurzfristig werden wir in einen glücklichen Rausch versetzt, langfristig aber kann er zu Ängsten und Depressionen führen. Es hat sowohl kurzfristige als auch insbesondere langfristige negative Auswirkungen. Sie werden z.B. feststellen, dass sie einschlafen, eine Stunde nachdem sie etwas Süßes gegessen haben. Ihre Wahrnehmung ist einfach nicht normal. Ihr Gehirn wird buchstäblich vernebelt.

Attakiert unser Gehirn noch über eine ganz andere Flanke, mit Hilfe von Komplizen, die vor allem deshalb lange Zeit unbemerkt blieben, weil sie ziemlich weit weg vom Gehirn operieren. Im Darm leben Billionen Mikroorganismen. Ihre Zusammensetzung hängt sehr davon ab, womit wir uns ernähren, denn unsere Nahrung ist auch ihre Nahrung. Manchmal füttern wir die guten, immunstärkenden Bakterien und manchmal die schädlichen, die dann die guten abtöten. Wir wissen, dass gerade diese prozessierten Ernährungsmittel, die sehr viel Zucker enthalten und die sehr viel Fett enthalten, dass die dazu führen, dass genau die ungünstigen Darmmikrobiomstämme quasi weiter bevorzugt werden und dadurch quasi auch unsere gesamte Gesundheit, vor allem die psychische Gesundheit gefährden können. Denn vom Darm hinauf führt eine Achse mit hunderten Millionen von Nervenzellen bis hinauf zum Gehirn. Hier herrscht ein reger Austausch. Dem Gehirn soll nicht entgehen, was weiter unten vor sich geht. Wenn etwa zuckerliebende Darmbakterien ihren schlechten Einfluss auf andere Darmbewohner ausüben, hat das auch einen Effekt im Gehirn.

Die Frage ist, ab wann setzen die schädlichen Effekte von Zucker ein? Wenn man wissen möchte, wie viel Zucker darf ich jetzt genau essen, bis mein Gehirn irgendwie Thema damit hat, kann man leider keine pauschale Antwort geben. Die WHO empfiehlt nicht mehr als 25 bis 50 Gramm Zucker am Tag zu essen. Und der Grund ist, dass da ab 50 Gramm z.B. schon Probleme im Herzkreislaufsystem entstehen. Und das Gehirn ist ganz eng vernetzt mit allen anderen Körperteilen. Das heißt, man kann davon ausgehen, dass ich auch schon da Themen habe. Nur tatsächlich essen wir ja fast 100 Gramm Zucker täglich.

Glukose und Fruktose, also einfache Kohlenhydrate, zählen zu den Hauptursachen für kognitiven Abbau in Zusammenhang mit der Alzheimer-Krankheit. Derzeit leiden weltweit etwa 40 Millionen Menschen an Alzheimer-Demenz. Alzheimer bedeutet vor allem, dass man seine Erinnerung verliert, an die eigene Geschichte, die Menschen, die man liebt, die Orte, an denen man sich wohlfühlt, die Ereignisse, die einen geprägt haben. Wir verlieren die Orientierung, wir verlieren unser Ich. Alzheimer gilt als unheilbar. Auch die neuesten Medikamente können den Verlauf nur leicht verzögern. Als ich begann, mich mit dem Gehirn zu befassen, wurde mir klar, dass das größte Versagen der Medizin darin besteht, dass es nicht gelungen ist, Erkrankungen des Gehirns wirksam zu behandeln. Jeder kennt jemanden, der Krebs überstanden hat, aber niemand kennt jemanden, der Alzheimer überlebt hat.

Aber wie genau trägt Zucker zu Alzheimer bei? Es gibt einen Umschalter. Das Amyloid-Precursor-Protein ist buchstäblich ein molekularer Umschalter. Das Amyloid-Precursor-Protein sitzt vor allem in den Zellmembranen von Nervenzellen und sorgt dafür, dass die Signalübertragung funktioniert. Um seinen Job richtig machen zu können, wird es normalerweise von einem Enzym in zwei Teile geschnitten. Wenn alles gut läuft, hat das Gehirn genug Energie und Unterstützung. Wir können uns weiterentwickeln, neue Erinnerungen abspeichern und so weiter. Es kann aber auch passieren, dass das Protein in drei oder vier Teile geschnitten wird, und das ist sehr ungünstig. Wenn es nicht gut läuft, also zu hohe Entzündungswerte, nicht genug Unterstützung für Gehirn, Giftstoffe oder ähnliches, schaltet unser Gehirn von einem Wachstums- und Entwicklungsmodus in einen Rückzugs- und Schutzmodus, indem es kleiner wird. In unserem Gehirn verklumpen Proteine, was das Gehirn schrumpfen und zerfallen lässt. Aber was hat Zucker damit zu tun, dass das Protein falsch durchgeschnitten wird und unser Gehirn schrumpft?

Der Umschalter kippt, wenn in unserem Körper Giftstoffe vorhanden sind, durch chronische Entzündungen, Proteinverzugerung, Insulinresistenz oder eine ungünstige Zusammensetzung der Darmflora. Und das sind alles Prozesse, die auch durch Zucker in Gang gesetzt werden können. Es ist eine Fehleinschätzung seitens der Lebensmittelindustrie und der Gesellschaft, dass man einfach all diese einfachen Kohlenhydrate zu sich nehmen kann und alles ist in Ordnung. Nein. Was sehen wir? Mehr Bluthochdruck, mehr Fettleibigkeit, mehr Alzheimer, mehr Herzkrankheiten, mehr Nierenversagen, Veränderungen im Darmmikrobiom. Das ist unglaublich schädliches Zeug.

Wie aber sollen wir nun mit diesem schädlichen Zeug, das unser Gehirn angreift, das wir aber so sehr lieben, umgehen? Wir können den Zucker doch nicht einfach abschaffen. Wir würden vorschlagen, möglichst auf Null reduzieren. Denn wir wissen, uns geht es dann besser. Wir brauchen keinen Zucker und den süßen Rausch anderen überlassen. Die Willenskraft, die hält vor allem den ersten Vormittag und dann abends spätestens ist es sozusagen damit vorbei mit der Willenskraft, weil es über so tiefliegende Hirnstrukturen programmiert ist. Das Zuckerproblem kann nicht jeder für sich allein in den Griff bekommen. Man sollte Zucker regulieren wie Alkohol, Tabak und Schusswaffen. Sehr schädlich. Okay, Zucker mit Ekelbildern wie bei Zigaretten und einer Altersgrenze wie beim Alkohol oder hinter Panzerglas verschließen wie Waffen.

Vielleicht gibt es aber auch andere Lösungen. Einfach weiter tun, als ob in den letzten Jahrzehnten Zuckerforschung nichts passiert sei, geht jedenfalls nicht. Wir wissen heute sehr viel besser, was Zucker anrichten kann, gerade wenn viel davon konsumiert wird, wie wir es durchschnittlich tun. Gewollt oder ungewollt. Vielleicht sollte man Zucker einfach anders labeln, als Zusatzstoff und nicht als Nahrungsmittel und verpflichtende Grenzwerte festlegen, anstatt ihn überall massenhaft reinzupacken. Was ich wahnsinnig wichtig finde, ist, dass wir das Thema Zucker schon bei Kindern angehen. Also, da wünsche ich mir auf jeden Fall eine Änderung, dass wir zumindest für die Allerkleinsten weniger super zuckerreiche Lebensmittel auf dem Markt bringen dürfen oder sie weniger bewerben dürfen.

Und wenn wir Zucker doch einfach ersetzen mit Allulose, z.B. ein Hoffnungsschimmer aus der Lebensmittel-Forschung, der gerade von der EU geprüft wird. Er kommt z.B. in Kiwis vor und in Feigen und in Rosinen. In den USA ist Allulose schon seit 2021 zugelassen. Ich denke, das hat großes Potenzial. Es löst keinen Insulinschub aus, hat keine Kalorien und wird nicht verstoffwechselt. Es bietet uns die Möglichkeit, etwas ohne Kalorien und ohne schädliche Nebenwirkungen zu süßen. Bisher sieht das sehr gut aus. Zucker hat sich in unser Leben und vor allem in unser Gehirn geschlichen. Es wird höchste Zeit, ihn von dort wieder zu vertreiben, sonst raubt er uns den Verstand.