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Galt früher das Prinzip "Auge um Auge"? | Stimmt es, dass ...? | ARTE

ARTEde24:09

Transcription

[musik] Strafe muss sein. Wer anderen schadet, soll dafür gerade stehen. Alles andere wäre ungerecht. Und so unterschiedlich Strafen auch ausfallen, beim Grundprinzip war man sich lange einig, denn früher galt angeblich vor allem eins: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Aber stimmt das eigentlich?

Schon bei der Frage, was wir unter Strafe verstehen, [musik] gehen die Meinungen, nun ja auseinander. Wie würde ich Strafe definieren? Eine Stunde lang Donald Trump zuhören. Also Strafe bedeutet ja übelst Zufügung. Für mich führt das nicht unbedingt zu einer Änderung des Verhaltens. Es handelt sich um einen Übel oder einen Schmerz, der einer Person zugefügt wird. Je nachdem, wo auf der Welt man lebt, hat es eine unterschiedliche Bedeutung. An einigen Orten könnte es eine körperliche Bestrafung bedeuten, an anderen eine Freiheitsstrafe.

Einigkeit hingegen besteht darin, was die wohl berühmteste Textstelle der Weltliteratur ist, [musik] wenn es um Bestrafungen geht. Entsteht ein dauernder Schaden, so sollst du geben Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brandmal um Brandmal, Wunde um Wunde, Strieben um Strieben. War das zu viel? So steht es im Alten [musik] Testament. Die Idee dahinter, gleiches mit gleichem zu vergelten, nennt sich auch Talionsprinzip. Vom lateinischen Wort Talio für Vergeltung.

Als Kriminologe und Historiker hat Mitchell Roth ein Fable für die Geschichte der Strafen und sie bis zu den frühsten Anfängen verfolgt. [musik] Er weiß deswegen auch, die Bibel ist nicht die erste Quelle für Auge um Auge. Das Talionsprinzip Auge um Auge, Zahn um Zahn stammt aus dem Kodex Hamurabi und der ist aus Babylonien, also aus dem alten Nahen Osten. Rund 1800 Jahre bevor das Christentum entsteht, herrscht im alten Babylon ein König namens Hamurabi. In seinem Namen wird damals ein Gesetzestext verfasst, einer der Ältesten, die wir heute kennen.

Der Kodex Hamurabi führt im Grunde genommen Rache als Form der Bestrafung ein. Ein Beispiel: Nehmen wir an, ein Haus stürzt ein. Der Sohn des Hausbesitzers, der eben noch friedlich gespielt hat, wird von den herabfallenden Trümmern erschlagen und stirbt. Angeklagt ist dann der Mann, der das Haus gebaut hat und König Hamurabi urteilt über ihn: "Auch dein Sohn muss jetzt sterben." Klingt brutal, aber im Sinne von Auge um Auge immerhin konsequent, nicht ganz. Denn wenn der getötete ein Sklave ist, muss nur ein Sklave ersetzt werden.

Wenn wir über die babylonische Zeit und Hamurabis Gesetzbuch sprechen über Vergeltung, dann geht es dabei um Macht. Nicht die Macht des Staates, sondern die Macht des Königs, also Hamurabis. Es ist im Wesentlichen ein Gesetz der Reichen. Ungeachtet dessen sollen körperliche Strafen aber keineswegs willkürlich erscheinen. Z. Wenn jemand meine Eid leistet, lügt oder Gerüchte verbreitet, welchen Körperteil bestraft man dann? Die Zunge. Die Zunge ist sozusagen der Überbringer dieser Information. Und wenn man einen Sexualdelikt begeht, geraten die Genitalien ins Visier. Die Logik dahinter ist weit verbreitet. Wir finden das über Jahrtausende hinweg in einer Vielzahl unterschiedlicher Kulturen, die nichts voneinander wussten. Es erschien einfach rational. Aber die eigentliche Logik dahinter ist nach wie vor eine Logik der Macht. Solche Strafen sollen den Menschen vermitteln, dass eine Person aufgrund ihres Verhaltens gebranntmarkt ist. Sie dienen als Abschreckung. Das passiert dir, wenn du dich gegen die Macht des Königs, gegen die Macht des Heiligen Buches, gegen die Macht Gottes aufdehnst.

Doch so verbreitet und akzeptiert solche Methoden, auf dem eurasischen Kontinent damals auch sind. Anderswo sieht man das skeptisch. Dieses System basiert auf Macht. Unseres nicht. Wir haben ein wertebasiertes System, das sich auf Verhalten, Verantwortungsübernahme und Interaktion bezieht. Wenn man ein Machtmensch ist, kann man jemanden einsperren. Wenn es um Verantwortung geht, kann man das nicht. Man muss ihm beibringen, wie man Verantwortung übernimmt, sonst funktioniert es nicht. Bei den Europen Kaliforniens waren Strafen nie ein Konzept. Hier ist jedes [musik] Mitglied des Stammes unverzichtbar, auch die, die kriminell sind. Gerechtigkeit bedeutet [musik] sicherzustellen, dass alle in Harmonie zusammenleben. Und wenn man Fehler macht, versucht man Verantwortung dafür zu übernehmen und mit allen Beteiligten zusammenzuarbeiten, um die Situation wieder in Ordnung zu bringen.

Aber selbst wenn das Konzept von Strafe in anderen Kulturen durchaus existiert, heißt das noch lange nicht, dass die Regel Auge um Auge gelten muss. In der Tule Kultur der Inuit in Grönland um das Jahr 1000 sieht das beispielsweise ganz anders aus. Ein Inuit, der Opfer einer Straftat wird, hat das Recht über den Täter ein satirisches Lied zu verfassen. Der Täter darf aufs übelste verspottet und verbal gedemütigt werden. Aber abgesehen davon sind keine Feindseligkeiten oder gar Gewalt erlaubt. Der Täter darf kontern. Vielleicht die frühste Form des Rap Battles. [musik] Das zeigt, wenn die Ehre genommen wird, gilt das in einigen Kulturkreisen [musik] als härtere Strafe, als durch Auge um Auge ein Körperteil zu verlieren.

Und während die Inuid schon vor Jahrhunderten bereits auf gewaltfreie Strafen setzen, geht es in Europa zunehmend brutaler zu. Eine Besonderheit der Bestrafung im Mittelalter war ihre Grausamkeit. Kriminelles Verhalten wurde als Herausforderung der Macht des Souveräns angesehen. Und die einzige Möglichkeit in einem Herrschaftsbereich Ordnung zu halten, ist die Androhung körperlicher Züchtigung. Es wird verbrannt, gevierteilt, gehängt, manchmal auch alles gleichzeitig. Der Hauptzweck körperlicher Bestrafung bestand darin, ein Exempel zu statuieren, eine Warnung auszusprechen. Im Grunde genommen ging es darum, den Menschen zu zeigen, wo sie in der Gesellschaft stehen. Menschen mit Einfluss werden oft nur zu Geldstrafen verurteilt. Wer keine Macht und kein Geld hat, muss brutale Strafen fürchten.

Selbst Straftäter, die keine [musik] Menschen sind. Man glaubte zwar nicht, dass Tiere eine Seele haben, aber sie waren Teil des menschlichen Alltags, weshalb ein Tier, das einen Angriff verübte, vor Gericht gestellt wurde und tatsächlich das gesamte formelle Verfahren durchlaufen musste. Aus dem 16. Jahrhundert ist ein Fall einer kleinen französischen Berggemeinde überliefert. Während der Predigt soll die Kanzel [musik] nachgegeben und mit samt dem Bischof von Bisanson zu Boden gestürzt sein. Die Täter dieses grausamen und gotteslästernden Verbrechens, eine Rotte Holzwürmer. Den Würmchen wird ordentlich der Prozess gemacht mit Vorladung, Anklageschrift und gerichtlicher Verurteilung. [musik] Das Gericht hat entschieden und verfügt, dass die besagten Würmer innerhalb von sechs Tagen nach Verkündung dieses Urteils dem Bischofsstuhl verlassen und sich zu der alten Eiche am südlichen Rand des Dorfes begeben mögen. Auch Tierprozesse sind ein Versuch, die Macht des Herrschers um jeden Preis zu [musik] sichern. Ein Muster, das sich immer wieder zeigt. Man hat es damals für notwendig erachtet, bis zum äußersten zu gehen, vor allem, wenn es um Hochverrat während eines Krieges oder ähnliches ging.

Apropos, wir stecken mitten in der Zeit der europäischen Aufklärung. Eigentlich ist der Wunsch nach humaneren Strafmethoden beim Volk schon angekommen, bis Robert François Damier versucht, König Ludwig den 15. zu töten. Und die Strafe, die darauf folgt, läuft völlig aus dem Ruder. Man reiße das Fleisch mit glühenden Zangen von seinen Brüsten, Armen, Oberschenkeln und Waden. So, dann werde sein Körper von vier Pferden gefiertteilt und die Lehre daraus. Es ist gar nicht so einfach jemanden zu vierteilen auch. Aber vor allem so kann es mit den Strafen nicht weitergehen. Es gab viele Proteste, es gab Unruhm. Sowas konnte ein König oder ein Politiker sehr unbeliebt machen. Es gab deshalb immer ein Geben und nehmen, was die Frage betraf, wie weit man mit Strafen gehen konnte, bevor die Menschen genug hatten. Und tatsächlich sehen wir an diesem Punkt die Entstehung der Gefängnisse.

Mit der Geburt des modernen Gefängnissystems Ende [musik] des 18. Jahrhunderts erhoffen sich die Reformer endlich Gerechtigkeit. Keine brutalen Strafen mehr. Der Körper bleibt unversehrt. Weniger grausam wird es dadurch aber nicht. Zumindest erstmal. Denn [musik] bis Gefängnisse so aussehen, muss noch eine Menge Zeit vergehen. Im Laufe der Zeit, als man sich eingehender mit den Alternativen und mit verschiedenen Kulturen befasste, experimentierte man damit, Menschen für einen bestimmten Zeitraum einzusperren. Das Gefängnis als Abkehr von Körperstrafen gilt als revolutionär. Die Realität sieht dann aber ganz anders aus. Die Gefangenen dürfen nicht miteinander sprechen, sind vollständig voneinander isoliert. Alle Zellen, das ganze Gebäude ist ein riesiges Panoptikum. Dahinter steht die Idee, Menschen zu überwachen und zu beobachten. Es geht nicht mehr darum, den Körper anzugreifen, sondern den Geist. Und das soll jetzt [musik] gerechter sein als Auge um Auge. Haben Gefängnisse Fairnes und Gleichheit geschaffen? Nein. Unterm [musik] Strich werden Gefängnisse oft genutzt, um Menschen wegzusperren, die nicht ins Gesellschaftsbild passen. Bis zu diesem Zeitpunkt scheint Strafe ein Glücksspiel zu sein. Komme ich ungeschoren davon oder muss ich büßen für das, was ich getan habe?

Eine Sache, die sich bis heute nicht geändert hat, ist, dass es bei Strafen um Macht geht, unabhängig davon, wo man lebt. Denn es ist die Machtstruktur, die über die Art der Strafe entscheidet. Aber was würde passieren, wenn beim Strafen zur Abwechslung mal das im Vordergrund stünde, worum es bei Rechtssprechung eigentlich gehen sollte? Gerechtigkeit, der Satz Auge um Auge, Zahn um Zahn. ist oft missverstanden worden als ausufernde Vergeltung. Tatsächlich geht's darum, dass Vergeltung begrenzt wird, dass es einen angemessenen Ausgleich gibt. Clivia von Davids ist Jugendrichterin. Hier am Kurdapell in Montpellier hat sie angefangen, sich mit einer anderen Form des Strafens zu beschäftigen. Besser gesagt dem nichtstrafen. Im Fachjargon heißt das Restorative Justice. Anthropologische Forscher waren ganz überrascht festzustellen, dass es in den aller allermeisten Kulturen keine Strafe gab. Es ging darum, Konflikte friedlich zu lösen, miteinander zu sprechen. Ein Auge für ein Auge, mehr nicht. Keine Rache, kein Blutrausch, keine Fäden. [musik]

Waren Strafen früher also weniger brutal und eigentlich gerechter als wir bisher dachten? Früher war das Ziel auf eine Straftat zu reagieren Heilung und nicht strafen. Das bedeutet also, ist ein Unrechtgeschehen wird in der Gemeinschaft entschieden, wie das [musik] gesellschaftliche Gleichgewicht wiederhergestellt werden kann. Stihl Essen, muss der Dieb sein Opfer mit Essen entschädigen. Taten werden so abgegoldten, dass die soziale Ordnung [musik] intakt bleibt. Doch mit wachsenden Gesellschaften wird die soziale Ordnung zunehmend komplexer und lokale Regeln des Ausgleichs weichen den Gesetzen großer Herrschaftsgebiete. [musik] Dabei setzen die Machthaber zunehmend auf Sanktionen und wenden sich nach und nach vom Prinzip der Restorative [musik] Justice ab. In dem Moment, wo sich die Menschen zu größeren Gemeinschaften zusammengeschlossen haben und der Zusammenhalt einer kleineren Stammesgemeinschaft abnimmt, in dem Moment entsteht Staatsgewalt, in dem Moment entsteht staatliche Strafe. Und zu was das geführt hat, wissen wir ja schon.

Doch während Restorative Justice aus Europa verschwunden ist, war sie woanders nie weg. Ich bin Abby Abbyant, die oberste Richterin der Jok Nation. Abby Abinanti ist die erste [musik] Indigene, die als Richterin am State Court amerikanisches Recht sprechen durfte. Doch das Rechtssystem, [musik] in das sie sich eingliedern soll, unterscheidet sich grundlegend von dem, wie in ihrem Stamm recht gesprochen wird. Wenn man nicht in Harmonie lebt, leidet alles darunter, nicht nur die direkt betroffenen, sondern vor allem die Gemeinschaft. Das hat die Geschichte sie gelehrt. Die Invasion brachte viel Chaos und Probleme mit sich und wir versuchen immer noch uns davon zu erholen. Im Jahr 1775 erreichen spanische Seefahrer die Küste Kaliforniens. Anfangs handeln sie mit den Küstenbewohnern noch mit Biberpelzen. Bald aber strömen die Invasoren ins Land und kehren aus dem Wald mit truhen voller Gold zurück. [gelächter] Sie kamen und nahmen, sie raubten, sie verletzten viele Menschen und zerstörten den Ort. In Kalifornien gab es mehr Massaker als in jedem anderen Bundesstaat. Kleine Kinder wurden gewaltsam von ihren Eltern getrennt und in Boarding Schools gesteckt. Mit der Ansiedlung der Invasoren verlieren die UK nicht nur die Macht über ihr Land, auch das Ausüben ihrer Kultur steht unter Strafe. Wenn man auf ein Internat geht und dafür geschlagen wird, dass man seine Sprache spricht, verlangernt man sie. So verliert man einen Teil seiner Geschichte. Man hat ihn zwar im Kopf, aber man hat keine Worte dafür. Wir durften jahrelang nicht tanzen, also hielten die Ältesten die Orte geheim. Sie versteckten die zeremoniellen Gegenstände. Wir kamen unseren Pflichten nicht nach. Es war ein schwerer Schlag. Die Zahlen von Alkohol und Drogenkriminalität steigen. Es gibt mehr häusliche Gewalt. Verurteilt werden die Indigenen von westlichen Gerichten nach Gesetzen, die nicht die sind. Und Jok wiederfuhren viele schlimme Dinge und für einige davon müssen wir die Verantwortung übernehmen, um konstruktiv nach vorne zu schauen.

Seit 2009 schaffen sich die Rock mit ihren Wellness Cours nach Vereinbarung mit den Bezirksgerichten eigene Gerichte, um das Rechtsverständnis durchzusetzen, das für sie zählt, echte Verantwortung für die eigenen Taten zu übernehmen. Für uns geht es darum, Fehler zu korrigieren, zu erkennen, dass man das kann und dass das Teil der eigenen Verantwortung ist. Nicht darauf zu warten, dass jemand anderes einschreitet und entdeckt, dass man einen Fehler gemacht hat oder einen dabei erwischt. Das ist nicht meine Aufgabe. Meine Aufgabe ist das einer Gemeinschaft, die Hilfe braucht, Orientierung zu geben. Und was heißt das jetzt konkret? Ich wurde mehrfach festgenommen. Das erste Mal, als ich noch schwer drogenabhängig war für ein Waffendelikt. Sean O'il landet damals vor dem Wellness Court der Eurock. Er gelobt Besserung, kommt aus dem Gefängnis. Doch zu diesem Zeitpunkt hat er noch nicht verstanden, was die Drogen in ihm auslösen. Er wird weiter straffällig, wird wieder verhaftet. Sein Stamm und der Wellness Court sind weiter für ihn da. besuchen ihn, helfen ihm einen Anwalt zu bekommen und clean zu werden. Und sie geben ihm seine Verbindung zu seiner Kultur zurück. Wir vergessen, wer wir sind, woher wir kommen. Aber wenn man das entdeckt, dann schließt sich der Kreis. Ich würde das um nichts in der Welt hergeben. Ich habe überlebt, aber es war nicht einfach. Ich bin dem Wellness Court dankbar, dass er mir geholfen hat. Das Schöne daran ist, dass man sieht, wie sie zu besseren Menschen werden und dass ich das auf ihre Familie und die Menschen in ihrem Umfeld auswirkt, sodass sie zu Vorbildern für andere werden. Und genauso sollte es auch sein.

Ist keine Strafe also die gerechteste Strafe? Clivia von Davids ist zwei Jahre gereist, um bei verschiedenen indigenen Tribal Cours eine Antwort auf diese Frage zu finden. Überall auf der Welt finden sich Formen der Restorative [musik] Justice, die schon seit Jahrhunderten praktiziert werden. Inzwischen im Westen am bekanntesten ist Ubuntu geworden von den afrikanischen Stämmen, was für Menschlichkeit steht. Ich bin, weil du bist. Dahinter steckt dieses Konzept, dass wenn ich einen anderen verletze, verletze ich mich selbst, weil ich bin, weil du bist. Ich bin, weil wir sind. Wir sind eine Gemeinschaft. Es bleibt alles in dem Kreis, wenn wir so wollen.

Fassen wir noch einmal zusammen, welchen Weg wir bereits zurückgelegt haben. Begonnen haben wir mit König Hamurabi und dem berühmten Auge um Auge. Ein Prinzip, das ursprünglich auf Ausgleich beruhte. Ebenso wie die Spotlieder der Inuit oder andere frühe friedliche Formen der Konfliktlösung. Mit der Entstehung von Staaten aber wandelt sich dieser [musik] Ausgleich. Aus Strafe wurde ein Sanktionswerkzeug, um Herrschaft zu sichern. Und jetzt stellen wir fest, es funktioniert nicht. Vergeltung führt zur Gewaltspirale. Abschreckung hat auch nicht funktioniert, weil die Menschen begehen weiter munter Straftaten. Irgendwas müssen wir verändern, wenn wir wollen, dass Menschen mehr die Regeln einhalten und weniger Straftaten begehen. Und jetzt blicken wir insgesamt weltweit zurück, was hat funktioniert und entdecken wieder alte indigene Kulturen, Traditionen, wo friedlich miteinander gelebt wurde, weil friedlich auf Konflikte reagiert wurde. Ironischerweise also genau das, was westliche Kolonialisten jahrhundertelang versucht haben auszumärzen.

Statt Strafen. Das funktioniert vielleicht nicht immer und überall, aber es [musik] zeigt, dass es in der Geschichte des Rechts immer schon Alternativen gab und gibt, z.B. in Norwegen. Die Menschen, die hier sind, leiden unter dem Entzug ihrer Freiheit und das ist der einzige Schmerz, den sie empfinden sollen. Sie sollen keine Schmerzen erleiden, während sie hier sind. Der Schmerz besteht im Entzug der Freiheit. Wir bestrafen, um etwas zu erreichen, nicht aus Rache. Und das bedeutet auch so die Juristin Bere Jonsen, dass ab dem ersten Tag nach der Verurteilung an der Resozialisierung gearbeitet wird. Das Ziel für diejenigen, die hier sind, ist die individuelle Rehabilitation, dass sie die Möglichkeit haben, eine Ausbildung zu absolvieren. Sie sollten Hilfe und Unterstützung erhalten, um nach ihrer Entlassung tatsächlich ein Leben ohne Straftaten führen zu können.

Dabei geht es nicht nur um Resozialisierung wie in anderen europäischen Gefängnissen, sondern auch um einen reflektierten Umgang mit Macht. Soft trifft es nicht ganz, aber wir verwenden den Begriff dynamische Sicherheit. Es ist ein Gefängnis mit menschlichem Faktor. Menschlich heißt hier keine Mauern, sondern Zäune. Von außen kann man hineinschauen, von innen die Landschaft sehen. Transparenz. Das Gefängnis hier in Mandal ist auf einer Anhöhe. Die Gefangenen können über den Zaun hinweg das Meer sehen. Im Garten arbeiten, eine Ausbildung oder Schulabschluss machen, ihr eigenes Essen kaufen und kochen. Ein System, das funktioniert, zumindest hier. Bereits in den 1990er Jahren hat Norwegen den Strafvollzug grundlegend reformiert. Doch das Land ist reich, hat wenig Einwohner, kleine Gefängnisse, sehr privilegiert. Es ist eine gute Investition. Man könnte sagen, dass unser Gefängnissystem gute Nachbarn schafft, denn diese Gefangenen werden eines Tages ihre Nachbarn sein.

Die Geschichte der Strafe ist noch nicht zu Ende geschrieben, doch eines hat sich über die Jahrtausende kaum geändert. Solange die Gesetze von Menschen einer bestimmten Klasse gemacht werden, werden sie immer ungerecht sein. [musik] Sie werden immer ungleich sein. Müssen wir uns also damit abfinden, dass Menschen mit Geld und Einfluss vor dem Gesetz immer einen Vorteil haben? Sind Strafen immer unfair oder ist die viel entscheidendere Frage vielleicht eine ganz andere? Wie wollen und können wir auch nach [musik] erlittenem Unrecht miteinander leben.