Transcription
Sieh dich um, wo bist du? Wo ist dieser Ort, an dem du dich befindest? Irgendein Zimmer, vielleicht in einer Stadt, auf einem Kontinent, auf einem Planeten, der um einen Stern in einer von Milliarden Galaxien kreist. Aber wo ist das alles?
(Mystische Musik)
Das hört sich vielleicht nach einer blöden Frage an, aber das Konzept einer festen Position hat der Mensch nur erfunden. Sagen wir mal, das Universum ist ein großer Sack voller Raum, in dem es Dinge gibt. Würden wir all diese Dinge entfernen, Sterne, Planeten, Schwarze Löcher und den ganzen Staub, bliebe nur leerer Raum übrig. Laut Einstein ist das zwar noch deutlich komplizierter, aber für dieses Video tun wir mal kurz so. Denn uns geht's hier um was anderes.
Im leeren Raum verliert das Konzept einer festen Position jede Bedeutung. Leerer Raum ist überall gleich. Den Raum, den wir einnehmen, können wir uns nicht vorstellen wie eine Bühne, auf der wir stehen. Wir können darin keine festen Orte kennzeichnen. Oder etwas in der Raumzeit festnageln, um eine Art Fixpunkt zu haben. Wo es nichts gibt, gibt es auch keine Position. Sich an einem bestimmten Ort zu befinden, geht immer nur in Relation zu anderen Dingen. Weshalb auch vieles, was wir als gegeben annehmen, etwa oben und unten, eigentlich relativ ist.
Okay, packen wir die ganzen Dinge wieder ins Universum und versuchen mal herauszufinden, wo du jetzt gerade bist. In Relation zu allem anderen.
(Fröhliche Musik)
Beginnen wir dieses Video in vertrauter Umgebung, bevor es immer absurder wird. Aus deinem Blickwinkel scheint die Welt flach vor dir zu liegen. Bewegen kannst du dich in drei Dimensionen. Sie bilden dein eigenes Bezugssystem. Also die Perspektive, aus der du das Universum und alles, was sich um dich herum bewegt, siehst. Wo dein Oben und dein Unten ist. Dieses Bezugssystem gilt nur für dich. Aber nicht für den Rest des Universums.
In etwa fünf Kilometern Entfernung endet deine scheinbar flache Welt. Am Horizont krümmt sich der Erdboden von dir weg. Könntest du durch die Erde schauen, sähest du andere Menschen von der Seite oder von unten. Dass sie nicht vom Planeten fallen, liegt daran, dass das Unten deines Bezugssystems für die Erde irrelevant ist. Im Bezugssystem der Erde wirkt die Schwerkraft einfach nach innen. Für uns Menschen auf der Erde gibt es ein Oben und Unten, weil es sinnvoll ist, dieses in unserem Bezugssystem zu definieren. Für unsere Erde haben wir auch so was definiert. Norden ist oben, Süden ist unten. So richten wir unsere Landkarten aus. Jemand, der von außen auf unsere Erde schaut, könnte es auch genau andersrum sehen. Wir sind daran gewöhnt, dass auf Landkarten Norden oben ist. Aber andersrum ist es genauso korrekt.
Gut, das ist also der Anfang. Du befindest dich auf einer scheinbar ebenen Fläche, die eigentlich die Oberfläche einer Kugel ist. Aber diese Kugel steht nicht still, sie bewegt sich. Während sie sich um sich selbst dreht, umkreist die Erde die Sonne, die im Zentrum unseres Sonnensystems steht. Das hört sich erst mal ziemlich übersichtlich an, ist es aber in Wahrheit nicht. Nicht, wenn man sehr genau hinschaut. Dazu übertreiben wir einige Bewegungen ganz bewusst. Das ist aber nicht maßstabsgetreu.
Zuerst einmal: Unsere Umlaufbahn ist kein Kreis, sie ist eine Ellipse. Die Hälfte des Jahres verringert sich unser Abstand zur Sonne, und wir werden schneller, dann werden wir wieder langsamer und der Anstand zur Sonne wächst. Die Form der Ellipse selbst ändert sich dabei periodisch. Alle 100.000 Jahre einmal. Eine weitere periodische Bewegung, die rund 112.000 Jahre dauert, ist die Rotation unserer elliptischen Umlaufbahn um die Sonne. Was zumindest eine hübsche Form ergibt. Was rauskommt sieht ein bisschen aus wie ein zittriger Kreis mit gewellten Rändern. Und es wird noch schlimmer, denn der Mond pfuscht auch noch rein. Der Mond hat ziemlich viel Masse und zieht die Erde an. Die beiden Objekte kreisen um ihren gemeinsamen Schwerpunkt, der etwa 4.700 Kilometer neben dem Erdmittelpunkt liegt. In der Praxis hat das den Effekt, dass der Mond, während er um die Erde kreist, auch immer ein bisschen an ihr ruckt. Gerade fest genug, um sie ins Schlingern zu bringen.
Du stehst also an der Oberfläche eines Planeten, der sich um sich selbst dreht und sich dabei schlingernd um die Sonne bewegt. Auf einer elliptischen Umlaufbahn, die sich von Jahr zu Jahr verändert. Aber wer sagt denn, dass die Erde den Ton angibt? Von der Sonne aus gesehen ist die Ebene unseres Sonnensystems völlig zufällig. Sie wird nur deshalb als genau die Ebene definiert, in der die Erde die Sonne umkreist, weil das für uns Sinn ergibt. Tatsächlich sind die anderen Planetenbahnen im Vergleich zu unserer Ebene leicht geneigt. Von ihnen aus gesehen sind wir diejenigen mit einer leicht gekippten Umlaufbahn.
Und das ist noch nicht alles - noch lange nicht. Unser Sonnensystem kreist wie unzählige andere um das Zentrum unserer Galaxie - der Milchstraße. Sehen wir uns die Milchstraße von weit entfernt an, sieht sie aus wie eine Scheibe. All die Sterne mit oder ohne Sonnensystem umkreisen das Zentrum der Galaxie alle 230 Millionen Jahre. Zunächst einmal liegen unser Sonnensystem und die Galaxie nicht in der gleichen Ebene. Eigentlich befindet sich gar nichts auf einer Ebene. Genauso wie die Planeten im Sonnensystem die Sonne jeweils auf ihrer eigenen Ebene umkreisen, kreisen auch die Sterne in der Galaxie auf eigenen Ebenen um das galaktische Zentrum. Das ganze Sonnensystem ist in einem 60-Grad-Winkel zur galaktischen Ebene geneigt. Und rast mit fast einer Million Kilometern pro Stunde durchs All.
Setzen wir unser Bezugssystem in das Zentrum der Galaxie. Nun beschreiben die Planeten auf ihren Umlaufbahnen, zusammen mit ihrer Bewegung um das Zentrum der Galaxie eine Helix, was du dir als eine Art Korkenzieher-Bewegung vorstellen kannst. Durch diese Ausrichtung im Raum befinden sich die Planeten teilweise quasi vor der Sonne, während diese das galaktische Zentrum umkreist. Schauen wir uns das einfach mal eine Weile an. Der Bewegung unserer Planeten und der Sonne durchs All wohnt eine fremdartige, unheimliche Schönheit inne. Ist dir schon schwindelig?
Es wird noch schlimmer. Die Masse der Galaktischen Scheibe zerrt auch noch ständig am Sonnensystem. Wie ein betrunkener Delfin tauchen wir Hunderte Lichtjahre auf und ab durch die galaktische Ebene. Zehnmal pro Umkreisung, auf Bögen von Tausenden Lichtjahren Länge. Noch konnten wir diese Bewegung nicht komplett nachverfolgen. Denn das Sonnensystem braucht zig Millionen Jahre, um einmal ganz auf und wieder ab zu tauchen. Und tja ... so alt ist die Menschheit noch nicht.
Schauen wir uns doch einmal deine relative Position an. Auf einem zur Sonne hin geneigten Planeten, der vom Mond ins Schlingern gebracht wird. In einem Sonnensystem, das zur galaktischen Ebene geneigt ist, bewegst du dich spiralförmig um das Zentrum der Milchstraße, wobei du ständig durch die galaktische Ebene auf- und abtauchst.
(Mystische Musik)
Hm, aber was ist in einer Galaxie überhaupt oben? Die Natur des Universums in dieser Größenordnung macht ein Bezugssystem relativ zufällig. Die Milchstraße ist Teil einer galaktischen Gruppe, die Teil von größeren Strukturen wie dem Laniakea Supercluster zu sein scheint. Welches wiederum Teil des gigantischen Pisces–Cetus Supercluster Komplexes ist. Und schließlich Teil eines galaktischen Filaments, das Hunderte Millionen Lichtjahre in alle Richtungen reicht. Von so weit weg ist nur noch das sogenannte End of Greatness zu sehen. Alles erscheint homogen - überall gleich. Genau wie beim leeren Raum. Wer kann denn sagen, dass ein Blickwinkel richtiger ist als der andere, wenn alles gleich aussieht?
Damit wären wir am Ende unserer kleinen Übung in kosmischer Demut. Schauen wir uns alles noch mal rückwärts an. Vom unbeschreiblich Großen zum richtig Großen, zu unserem galaktischen Zuhause, zu unserer Galaxie, zum Sonnensystem, das durch die Milchstraße auf- und abtaucht, zum Geschlinge unserer Existenz. Und schließlich zurück zu dir, genau jetzt, während du dir dieses Video anschaust.
Falls das alles etwas zu viel ist - keine Sorge. Die Größe des Universums ist unfassbar. Und es ist unglaublich schwierig, sich vorzustellen, wie alle Objekte ausgerichtet sind und was gerade die beste Definition von oben und unten ist. Aber es ist auch gar nicht so wichtig. Denn es ändert nichts daran, wo du dich befindest. Du bist bereits an dem einen besten Ort, an dem du sein kannst. Genau hier und jetzt. Du wirst immer das Zentrum deines eigenen kleinen Universums sein.
(Entspannte Musik, Vogelzwitschern)