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Kontrollverlust: Rias (19) Leidenschaft wird ihr zum Verhängnis | TRU DOKU

TRU DOKU15:24

Transcription

Wir sind eben eine Strecke gefahren, die ich kannte, aber mit dem großen Motorrad noch nicht gefahren bin. Wo ich dann eben schon kurz vor der Kurve war, mit dieser hohen Geschwindigkeit, habe ich gemerkt: Oh scheiße! Und dann bin ich eben auf die Seite und dann in die Leitplanke reingerutscht.

Bei diesem Aufprall auf die Leitplanke ist vor allem ein Wirbel in Millionen Teile gefühlt zersplittert. Also, der war einfach nicht mehr existent. Ich war einfach in diesem Überlebensmodus.

[Musik]

Mein Name ist Ria, ich bin 19 Jahre alt und durch einen Motorradunfall querschnittsgelähmt.

Meine Eltern haben sich auf einem Motorradtreffen kennengelernt. Da waren bestimmt immer 100 Leute, alle mit den Motorrädern angereist, übers Wochenende da gezeltet auf einer großen Wiese und dann wurde halt gegrillt und ein bisschen was getrunken und viel erzählt. Meine Eltern haben halt auch mit Motorrad geheiratet. Meine Mutter mit dem pompösen Kleid hat sich in den Beiwagen gesetzt, mein Vater ist vor das Standesamt gefahren.

Und dann ging es zur Hochzeit. An meiner Familie ist besonders, dass wir wirklich alle fahren. Meine Eltern fahren, mein Bruder fährt, meine Tante, mein Onkel. Mein Bruder und ich sind eben auch in diesem Gespann, in dem geheiratet wurde, aufgewachsen. Wir saßen immer zusammen im Beiwagen und sind wirklich seit klein auf mitgefahren, auf dem Motorrad groß geworden. Und daher war das dann später gar keine Frage, dass wir auch anfangen, selber zu fahren.

So ist natürlich dann auch das Interesse an den Motorrädern dann gewachsen. Und als Ria dann auch die entsprechende Größe hatte, konnten wir tatsächlich als Familie dann auch zusammen mal kleine Touren fahren.

Wie und ich, jeweils drauf bei Mutter und Vater. Das sind natürlich so prägende Momente. Wo ich dann so 16 war, weißt du noch, hat Papa ja immer so gesagt: Ja, in der Kurve musst du z.B. aufpassen auf das. Und hat dann auch immer so unsere Fahrweise richtig analysiert. Hat er uns beiden ja immer sehr vermittelt. Ja, die ersten Fahrten bin ich zusammengefahren mit ihm und ich bin eben hinter ihm hergefahren, habe mir die Kurvenlinien eingeprägt. Und auch bei späteren Touren, da hat man immer wieder drüber gesprochen, was bei den Touren gut war, wo man aufpassen musste. Und es auch immer wichtig war, darauf zu achten, wie die anderen Verkehrsteilnehmer fahren.

Als ich zwei Jahre alt war, ist meine Mutter an Gebärmutterhalskrebs erkrankt und musste operiert werden. Sie hat es eben überlebt, also sie war danach krebsfrei. Zehn Jahre nach der ersten Erkrankung hat sie dann noch mal Krebs bekommen. Sie hat dann zwei Jahre lang gekämpft, aber dann war halt nach zwei Jahren und ganz lang im Kampf klar: Okay, das wird nichts mehr. Und da war ich eben dann 13. Und dann, ja, ist sie eben im Krankenhaus eingeschlafen.

Für mich war das ganz schlimm, weil sie war eben wirklich der größte Mensch für mich. Und damit ist dann einfach die größte Angst wahr geworden. Und das dann erstmal zu realisieren, war ganz schön schwer.

Es ist unbeschreiblich, wie sehr ich sie vermisse. Ich denke jeden Tag an sie. Ich stell mir eben auch Sachen vor, wie sie hat meinen ersten Freund verpasst, sie hat meinen 18. Geburtstag verpasst, sie hat mein Abi verpasst, mein Schulabschluss. Sie wird später auch meine Hochzeit verpassen. Und dieser Gedanke ist ganz tief in meinem Herzen und macht mich auch noch tief traurig.

Beim Motorradfahren konnte ich eben auch einfach meiner Mutter auf eine gewisse Weise nah sein. Sie war auch immer irgendwie dabei.

Mit 15 1/2 habe ich angefangen, den ersten Motorradführerschein zu machen. Und dann habe ich mit 16 das Motorrad von meinem Bruder quasi übernommen. Und mit 18 konnte man dann eben eine Erweiterung machen, den größeren Motorradführerschein. Das war dann eben mein großes Motorrad. Das habe ich dann eben selbst gekauft.

[Musik]

Mein Fahrstil war eigentlich immer sehr wachsam. Ich habe immer damit gerechnet, dass vielleicht auch andere Fehler machen, dass mich mal jemand übersieht oder so. Halt immer mein Umfeld beobachtet beim Fahren. Und ich bin auch eben nicht gerast. Ich bin einfach normal gefahren, würde ich sagen. Nicht zu schnell, aber auch jetzt nicht zu langsam. Hab also so ein gutes Mittelmaß.

Ich war mir schon den Gefahren vom Motorradfahren bewusst. Motorradfahren ist eben risikoreich, das weiß man eben. Man darf eben auch keine Angst davor haben, aber man sollte eben einfach Respekt davor haben.

Ich sehe das Motorrad gerade zum dritten Mal und es ist immer noch unglaublich emotional für mich, es so zu sehen. Das allererste Mal habe ich es an Weihnachten gesehen. Da durfte ich kurzzeitig mal nach Hause über die Feiertage. Aserea. Und da habe ich zum ersten Mal das Motorrad gesehen und sofort losgeweint. Da habe ich auch erst so richtig realisiert, wie schlimm es eigentlich ist und wie viel Glück ich eigentlich hatte.

[Musik]

Am Tag des Unfalls hatte ich schon ein komisches Bauchgefühl. Ich war einfach müde, ich war ein bisschen kaputt und ich wollte auch gar nicht fahren. Und mein Fahrlehrer hat mir das damals schon gesagt und mein Vater eben auch. Bei diesem Gefühl, wenn du nicht ganz klar bist, weil das musste zum Motorradfahren einfach sein: Dreh um, dann ist heute nicht der Tag. Dann [Musik] um.

Ich bin eben mit zwei Freunden gefahren und die haben mich halt so nicht überredet, aber sie waren so: Ja, komm doch mit. Und habe dann gedacht: Ja, okay, ne, wird so schlimm jetzt schon nicht sein. Wir fahren einfach noch ein bisschen, machen uns einen schönen Tag und vielleicht werde ich dabei auch noch wacher. Also, ich habe es schon einfach weggewischt.

Bei der Fahrt war, habe ich dann schon gemerkt, so irgendwie, bis irgendwie ist es halt heute komisch. Als hätte ich es eben geahnt. Ich habe dir auch ein paar Handzeichen gegeben, dass ich mich nicht so wohl gefühlt habe.

Wir sind eben eine Strecke gefahren, die ich kannte, aber mit dem großen Motorrad noch nicht gefahren bin. Ich bin eben in der Mitte gefahren, ein Freund vor mir, der andere hinter mir. Der vor mir war eben schon zwei, drei Kurven voraus und der hinter mir war auch schon ein bisschen dichter an mir dran. Und ich habe mich so ein bisschen unter Druck gesetzt gefühlt, dass ich jetzt eben irgendwie auch hinterherkommen wollte. In dem jugendlichen Leichtsinn habe ich dann eben bisschen mehr Gas gegeben.

Wo ich dann eben schon kurz vor der Kurve war, mit dieser hohen Geschwindigkeit, habe ich gemerkt: Oh scheiße! Habe total Angst bekommen, wahrscheinlich total in die Bremse gegriffen. Dadurch ist mir eben das Hinterrad durchgedreht und dann bin ich eben auf die Seite und dann in die Leitplanke reingerutscht.

Ich kam von oben rein, als Linkskurve, also genau in diese Richtung bin ich gefahren. Und da unten bei dem letzten doppelten Pfeil bin ich eben in die Leitplanke rein und von dort eben noch mal 14 Meter hier über diese breite Straße in diesen Grünstreifen, da in diesen Graben. Und da lag ich dann.

Bei diesem Aufprall auf die Leitplanke hat dann eben die Wirbelsäule zusammengedrückt. Dabei sind dann drei Wirbel so rausgeplatzt und hat dabei eben das Rückenmark verletzt. Bei diesem rausplatzen aus der Wirbelsäule ist vor allem ein Wirbel in Millionen Teile gefühlt zersplittert. Also, der war einfach nicht mehr existent. Und diese Knochensplitter stecken dann in sämtlichen Organen. Die mussten ja irgendwo hin. Dadurch hatte ich halt auch massive innere Blutungen. Und die Wirbelsäule stand eigentlich nebeneinander.

Ich habe alles mitbekommen. Ich hatte unbeschreibliche Schmerzen. Ich habe nur geschrien. Mir ging es unbeschreiblich schlecht. Ich war einfach in diesem Überlebensmodus. Ich hatte auch noch eine Lungenembolie beim Unfall und habe total nach Luft gerungen und hatte dadurch auch totale Panik. Da konnte mir aber niemand helfen. Ich musste halt warten, bis ein Krankenwagen da war. Und dann wurde mir eben auch erstmal ein Schlauch in die Lunge gelegt und dadurch konnte ich dann noch erstmal wieder atmen.

Wenn ich so im Nachhinein drüber nachdenke, fühlte sich auch so an, als hätte ich so neben mir gestanden und mir selber zugeguckt. Ich hatte große Angst am Unfallort. Ich dachte wirklich, jetzt ist vorbei. Ich habe wirklich gedacht, ich sterbe.

[Applaus] [Musik]

Jetzt. Ich habe dann wirklich den Menschen, die dann eben vor Ort waren, meine zwei Freunde, wirklich Sachen gesagt, die ich quasi als Abschied meinte. Und wirklich noch mal Sachen, wo ich wusste, wenn ich das jetzt nicht sage, kann ich das nie sagen.

Ist bewusst, dass es eben eine richtig krasse Nahtoderfahrung war. Es war halt wirklich sauknapp. Und jetzt eben noch mal den Unfallort so zu sehen, macht mich auch total fertig und zittrig und bringt mich voll zurück. Aber gleichzeitig bin ich auch froh, einfach hier noch stehen zu können und mir das noch angucken zu können.

Nachhinein betrachtet, denke ich, dass meine Mutter die ganze Zeit bei mir war. Es wäre sie so mein Schutzengel gewesen. Das ist auch heute der einzige Punkt, warum ich glaube, dass ich überhaupt noch hier bin, dass sie mich in gewisser Weise geschützt hat, so gut sie konnte und mir auch ein Teil der Angst genommen hat.

[Musik]

Ich denke, wenn ich an dem Tag einfach ein bisschen konzentrierter und wacher gewesen wäre, wär der Unfall auch nicht passiert. Ich gebe meinen Freunden nicht die Schuld am Unfall. Sie sind schneller gefahren, ich habe mich dadurch beeinflussen lassen, aber die Verantwortung liegt vollkommen bei mir. Ich saß alleine auf dem Motorrad, ich habe gehandelt, ich habe in dem Moment entschieden und ich bin eben Schuld am Unfall.

Im Krankenhaus kam ich halt direkt in den OP und wurde dann eben 6 Stunden lang notoperiert. Als ich aufgewacht bin, dachte ich erstmal: Ach du Scheiße. Für mich war das eher so, als hätte ich den ganzen Unfall geträumt. Als ich aufgewacht bin, war das so: Scheiße, es war kein Traum. Ich habe direkt gemerkt, irgendwas stimmt in meinen Beinen nicht. Die haben die ganze Zeit gekribbelt, wie wenn Körperteil so einschläft, wie so ein Fuß oder so. Das hat man ja manchmal. Und wenn ich versucht habe, sie zu bewegen, ging es eben einfach nicht. Ich hatte höllische Angst, weil ich nichts bewegen konnte und ich hatte auch höllische Schmerzen, dass ich aber auch wiederum gar nichts bewegen wollte.

Nach vier Wochen kam ich in die Reha. Das war dann so 5, 6 Wochen nach dem Unfall, wo ich wirklich realisiert habe, was wirklich los ist, was meine Diagnose ist und was meine Prognose ist. Ich habe dann wirklich verstanden, was überhaupt passiert ist und wie die Zukunft jetzt aussieht.

Meine Diagnose war dann eben eine inkomplette Querschnittslähmung. Inkomplett bedeutet einfach, das Rückenmark wurde nicht ganz durchtrennt und man hat eben die Chance, dass sich die Nervenbahnen da so ein bisschen erholen, regenerieren und dann wieder eben Informationen vom Gehirn weiterleiten.

Insgesamt war ich 6 Monate im Krankenhaus und Reha. Eine große Schwierigkeit war eben damit psychisch klarzukommen, dass man eben von heute auf morgen komplett anders ist. Wie wirke ich denn jetzt auf andere und mag ich mich überhaupt noch so im Spiegel anschauen? Aber auch, werde ich überhaupt jemals so wie früher? Werde ich überhaupt wieder laufen können? Das sind all Sachen, die einen die ganze Zeit beschäftigen.

[Musik]

Ich würde sagen, der größte Wendepunkt ist, wenn man wieder irgendwas bewegen konnte oder sich irgendwas getan hat. Es war wirklich so, wie man sich das vorstellt. Man wacht morgens auf und es ist einfach wieder da. Hat das dann noch mal getestet, hat das dann noch mal vom Arzt angucken lassen und vom Physiotherapeut, ob es wirklich so ist. Und dann hat man angefangen zu weinen.

[Musik]

Dann habe ich halt immer direkt an diesem Tag noch versucht, was Neues damit zu machen. Habe halt immer weiter trainiert und das den ganzen Tag einfach nur bewegt. Voller Freude und bin zu jedem hin und habe gezeigt: Guck mal, was ich wieder kann!

Aktuell ist der Unfall ja ein Jahr her und ich bin ziemlich weit. Ich kann eigentlich meine Beine vollständig wieder bewegen. Ich kann jeden Muskel bewegen, nur unterschiedlich gut. Ich kann stehen, ich kann laufen, aber das eben nur mit Krücken und noch nicht so weit. Aber ich laufe. Ich ziehe halt aktuell um in meine erste eigene Wohnung und ich bin überhaupt, dass ich überhaupt selbstständig wohnen kann und eben nicht auf jemanden angewiesen bin. Als ich fahre auch wieder Auto und das war auch so ein großer Meilenstein.

Das eigentlich so größte Ziel ist natürlich auch das Motorradfahren. Erstmal möchte ich komplett regenerieren und wirklich schmerzfrei sein. Ich habe gesagt, mit diesen Schmerzmitteln, die ich jetzt nehme, setze ich mich da niemals drauf. Und ich gebe mir noch ein bisschen Zeit, aber ich möchte schon eigentlich ziemlich dringend wieder fahren. Weil wenn mir auf der Straße halt Motorradfahrer entgegen kommt, bin ich schon ein bisschen melancholisch.

Das Motorrad, wie es jetzt hier liegt, warnt mich einfach davor, wie schnell ich in so eine gefährliche Situation damit kommen kann und dass man einfach unglaublich aufpassen muss. Das ist für mich besonders wichtig auch in Zukunft Motorrad zu fahren, um eben die Verbindung zu meiner Mutter wieder zu haben, weil ich weiß, wie wichtig ihr das Motorradfahren war. Aber gleichzeitig weiß ich auch, wenn Sie heute noch hier wäre, würde sie das nicht wollen, weil sie einfach so eine Angst um mich hätte und sich unglaublich einfach Sorgen machen würde.

[Musik]

Wie sind deine Gedanken oder wie fühlst du dich dabei, wenn du daran denkst, dass ich ja wieder fahren möchte? Das weißt du ja schon, aber wenn das jetzt wirklich eintritt, dass ich anfange wieder zu fahren, was geht dir dabei so durch den Kopf?

Na ja, ich halte das für ehrlich gesagt keine gute Idee. Ich meine, mein größten Respekt, wenn das klappen soll und wenn du das unbedingt machen willst, dann mach das. Aber du musst ja nicht schuld sein, wenn jetzt noch mal was passieren sollte. Wenn irgendwas an der Wirbelsäule erneut dadurch kaputt geht, dann hast du vielleicht noch weniger Funktion als ohnehin schon. Und jetzt kann man ja froh sein über alles, was die Ärzte wieder repariert haben. Von daher habe ich kein wirklich gutes Gefühl, wenn da noch mal so eine Aktion gestartet wird.

Ich habe aus meinen Fehlern gelernt, manchmal die Sache noch zweimal zu überdenken und nicht einfach zu machen. Vielleicht auch wirklich die Konsequenzen einfach hinterfragen, bevor man etwas tut. Zukünftig denke ich einfach, dass ich mehr auf mein Bauchgefühl hören sollte und wirklich zu sagen: Okay, mein Körper gibt mir jetzt Signal, ich höre da jetzt auch wirklich drauf.

Ich bin unglaublich stolz auf mich. Ich habe so viel erreicht in dieser kurzen Zeit und das ist überhaupt nicht selbstverständlich. Es ist nicht mal selbstverständlich, dass ich hier heute überhaupt sitze. Ich bin unglaublich stolz, dass ich wieder so viel schon machen kann, dass ich selbstständig bin, dass ich arbeiten gehe, dass ich Auto fahre, dass ich das alles erreicht habe und tatsächlich auch echt glücklich bin, so wie es jetzt ist.

[Musik]