Transcription
Miss Germany ist früher ein Schönheitswettbewerb gewesen. Miss Germany 2023, seit 2019 aber nicht mehr. Und es ist überhaupt nicht so, wie man sich das vorstellt. Kira Geist: „Also, ich war schon immer so eine, die gerne so ein bisschen abenteuerlustig war. Bin dann in einen neuen Freundeskreis reingerutscht, und der dann angefangen hat, mich anzufassen. Da war der Gedanke: Okay, ST jetzt auf und drin weg. Und der zweite Gedanke war: Ich verliere alles. Das erzähle ich tatsächlich auch zum ersten Mal jetzt in der Öffentlichkeit. Ich habe mich unwohl gefühlt. Ich, ich habe mich gefühlt wie ein Stück Fleisch, das angeguckt wird. Was, was hilft ihr da in den Momenten?"
Herzlich willkommen zu einem neuen Lifeline-Video. Ich bin heute hier mit der lieben Kira Geist. Hallo, Kira! Hat Miss Germany gewonnen und wird uns heute aus ihrem Leben erzählen. Lifeline finanziert sich hauptsächlich von Spenden. Wenn du Bock hast und du unsere Arbeit cool findest, dann unterstützt uns doch gerne.
Kira, bist du die schönste Frau Deutschlands?
„Nein, zum Glück nicht. Also, Miss Germany, wie man es kennt, ist früher ein schöner Wettbewerb gewesen. Seit 2019 aber nicht mehr, weil Max Klemmer, das ist der Inhaber von Miss Germany, gesagt hat, er möchte mit seinem Namen nicht mehr dafür stehen, dass Frauen im Bikini über den Laufsteg laufen. Er möchte das lieber füllen mit Inhalt und Frauen eine Plattform geben, um über ein Thema zu reden. Und das fand ich super stark und habe mich da beworben mit dem Thema Jugendarbeit, Förderung der jungen Generation und dem richtigen Umgang mit Social Media. Und bin es tatsächlich geworden. Und danke schön, es ist immer wieder abgefahren."
Kira, wie bist du denn überhaupt auf Miss Germany aufmerksam geworden?
„Ich habe so ganz klassisch Werbung auf Instagram dafür bekommen. Hab sie weggeswipt, weil ich das total affig fand. Also, ich bin überhaupt kein Fan von Schönheitswettbewerben, Germany’s Next Topmodel, Victoria’s Secret. Das alte Konzept von Miss Germany. Am Ende habe ich kein Problem damit, weil die Frauen entscheiden selber, ob sie da mitmachen wollen oder nicht. Aber ich finde das einfach falsch, Menschen auf, auf ihren Körper zu reduzieren. Und deswegen finde ich das so cool, wie Miss Germany heute ist. Also, ich habe mich da so beworben, keine Erwartung gehabt, da irgendwie weiterzukommen. Also, es gab 15.000 Bewerberinnen."
„Ach, krass!"
„Und es sind 160 weitergekommen von diesen 15.000. Dann ist immer halbiert worden. Also, 80, 40, 20, 10. Und dann habe ich den wieder entfolgt, weil ich dachte: Okay, ich komme da eh nie rein. 15.000 Frauen, die Chance bei 1 % gefühlt. Und an dem Tag, wo ich den entfolgt habe, habe ich Zusage bekommen: K, du bist in unser Top 160. Und ich so: Oh, Scheiße! Schnell wieder folgen. Nee, aber das war, es war eine Erfahrung, es war super cool. Wir hatten dann Online-Casting, wo wir noch mal Videos eingeschickt haben, wo es ein bisschen konkreter auch war über unser Thema. Und dann hatten wir bei den Top 80 ein Live-Event in Hamburg. Dann haben wir bei den Top 40 im Europapark gewohnt. Ja, genau. Und dann ging es so Phase für Phase. Man kennt es ja so von Schönheitswettbewerben, wie jetzt z.B. bei Germany’s Next Topmodel, dass die Konkurrentinnen ja schon teilweise bissig sind gegeneinander. Hattest du das Gefühl auch bei Miss Germany?"
„Also, ich höre das oft, dass Leute denken: Oh, hattet ihr da einen Zickenkrieg? Oder war das so ein Fight? Und es ist überhaupt nicht so, wie man sich das vorstellt. Am Ende sind das alles kompetente Frauen, die ein Thema auf dem Herzen haben, um die Gesellschaft nachhaltig zu verändern. Und eigentlich ziehen wir an einem Strang, nur mit unterschiedlichen Themen. Und das war wirklich so ein breites Spektrum. Also, hatten eine Hebamme dabei, die gesagt hat, sie will die Geburtshilfe wieder menschlicher machen. Und eine Handwerkerin, Schornsteinfegermeisterin, war dabei, die gesagt hat, sie möchte mehr junge Menschen fürs Handwerk und auch gerade Frauen fürs Handwerk begeistern. Wir hatten eine Mom dabei, die Unternehmen führt und Mom gleichzeitig ist und sagt, das ist kompatibel. Also, sind so unterschiedliche Themen gewesen. Es ist auch schwer zu sagen, welches Thema ist am besten. Bin selber super krass überrascht gewesen. Also, es gibt auch ein Video, wo verkündet wird, dass ich Miss Germany bin. Und ich bin überhaupt nicht klargekommen. Also, ich muss auch ehrlich sagen, ich erinnere mich fast nicht an den Abend, weil das so…"
„Du bist wie…“
„Aber hattest du in der Zeit irgendwann mal das Gefühl, schon so auf dein Äußeres reduziert zu werden, immer wieder? Und das voll schade."
„Also, es gibt unterschiedliche Situationen. Es gibt so, so dieses harmlose klassische: Ja, du hast ja nicht nur gewonnen, weil du schön bist. Ich denke mir: Nein, es ging überhaupt nicht darum. Mein Körper hat nichts damit zu tun gehabt. Also, das ist einfach Zufall gewesen. Die letzte Miss Germany sah überhaupt nicht aus wie eine klassische Miss Germany, sondern wilde Locken, bisschen kleiner, Powerfrau aus Brasilien. Und ich weiß, einen dazu verleitet, weil Miss Germany eben fast 100 Jahre Schönheitswettbewerb war. Aber es ist nicht mehr. Und ich würde das niemals machen wollen, wenn es ein Schönheitswettbewerb wäre, weil ich finde, dass es das impliziert, was Falsches in unser Leben. Und es gibt so viele junge Mädchen, die das in Social Media konsumieren und die sich denken, sie sind nicht gut genug. Und das ist schon auch… ach man, fühlt sich so reduziert einfach. Also, man wird gar nicht ernst genommen. Auch einmal noch eine Situation: Das war tatsächlich während der Miss Germany Staffel. Da waren wir bei einem Friseur, und wir hatten da unser, unser Umstyling. Das aber nicht so, wie man sich das bei Germany’s Next Topmodel vorstellt. Man setzt sich vor dem Spiegel, ohne dass man sich sieht, und dann kommt eine neue Frisur. Die haben gesagt: Ihr seid, ihr könnt selber entscheiden. Wir wollen, dass euch gut geht, dass ihr euch wohl fühlt. Und danach war eben ein Partner von diesem Friseurstudio auch noch da, und das ist eine Hochzeitsagentur gewesen, und die sich halt dachten: Ja, jetzt sind da so viele hübsche Mädels. Und es ist viel so ein Hand-in-Hand-arbeiten, und wir machen Presse für euch, und müsst ihr weniger zahlen und so. Also, einfach so. Das war freiwillig. Also, M. Jam hat gesagt: Wir verpflichten ja keine Frau zu irgendeinem Shooting, sondern wenn die da Bock drauf haben, wenn die Zeit haben, können das machen. Das habe ich irgendwie verpasst. Und ich musste ein Kleid anziehen, das in, in dem ich mich überhaupt nicht wohl gefühlt habe. Also, ich bin ganz krass geschminkt gewesen. Ich sah bisschen aus wie so eine „Karen Mom“, also mit so umrandeten Lippen und so richtig glossy und ganz krasses Augen-Make-up. Ich mich super unwohl gefühlt. Auch dunkle Lippen. Und ich hatte Plateaustiefel an, mit so einem Plateau und 15 cm Absatz. Und B. so rumgestorkert. Und dann wollten die halt Fotos und so ein Video machen, und ich stehe auf dieser Platte, und da sitzen keine Ahnung, 7, 10, 12 ältere Männer und sagen so: Und jetzt tanz mal für uns. Und dieses Video zu machen, es war so schlimm. Ich hatte am liebsten geweint."
„Überhaupt zu tanzen?"
„Ja, ja. Ich wollte nicht tanzen. Ich habe mich unwohl gefühlt. Ich fand, ich habe mich gefühlt wie ein Stück Fleisch, das angeguckt wird. Und ja, das war einfach, war eine schreckliche Erfahrung. Ich habe es danach auch dem Miss Germany Team gesagt. Die waren richtig wütend, also, weil es eben nicht abgesprochen war. Und genau das passiert einfach so nebenbei. Und dann gibt’s natürlich auch viele Momente, wo man einfach so ein bisschen auch als Sexsymbol gesehen wird. Ich war bei einem Golfevent, das primär Herrenveranstaltung gewesen ist. Da hast du die ganze Zeit von irgendeinem Mann die Hand in… Teil oder kriegst Komplimente. Und das habe ich einfach super oft, solche Erfahrungen, dass Menschen denken: Ich bin ja die Miss Germany. Oder dass das einfach, vor allem Männer da übergriffig sind. Und ich habe manchmal das Gefühl, Menschen merken das nicht. Und das passiert bei Frauen und bei Männern. Das sind nicht nur Männer, die solche Sachen machen, die irgendwie darauf gepolt sind. Dass man denkt, man kann, weil einem jemand optisch gefällt, die Person ansprechen auf eine intime Art und Weise, ohne sich zu kennen. Das ist erschreckend. Und ich versuche darüber zu reden, um andere Menschen zu sensibilisieren und auch den Weg für andere junge Frauen zu ebnen. Weil ich glaube, dass wir lange noch nicht angekommen sind. Aber das ist auch warum ich heute Miss Germany… Also, ich habe in Jugendarbeit investiert, weil Jugendarbeit mein Leben verändert und gerettet hat, so ein Stück weit. Vielleicht möchtest du uns so ein Einblick, ein bisschen mehr in deine Jugend geben, wie es bei dir privat oder halt auch noch vor der Zeit aussah."
„Ich glaube, man kannte sich gar nicht vorstellen. Meine Eltern sind echt ein bisschen crazy. Ich bin in einem Haus groß geworden, wo es keine einzige weiße Wand gab. Unsere Decke war orange-grün kariert, rote Couch und an den Wänden sind riesige Käfer gemalt worden, oder Flammen, oder Sonnen sind an der Decke gewesen und Sterne und Mond. Und für mich war es auch richtig lange schwer, in weißen Räumen zu schlafen und zu sein, weil es so, so konträr war. M. Und ich bin mit 12 dann in eine Phase gekommen, wo ich rebelliert habe und ausgebrochen bin. Also, ich glaube, das ist natürlich auch geprägt von dem, dass meine Eltern mir immer früh viel zugetraut haben, und ich natürlich dann auch dachte: So, ich bin jetzt 12, jetzt gehört mir die Welt. Okay. Also, ich war schon immer so eine, die gerne so ein bisschen abenteuerlustig war. Und ich habe dann eine kennengelernt, die war so ein bisschen so die Beauty aus der Klasse, und alle Jungs fanden die toll. Und das war meine beste Freundin geworden. Und dann bin ich eben in den Freundeskreis von ihr rein, und ich bin schnell zum Cool Kid geworden, so zur, zur beliebten in der Klasse. Und ich fand das richtig gut. Also, ich habe das total gefeiert. Und da habe ich dann auch meinen damaligen Freund kennengelernt. Der war glaube ich zwei Jahre älter, der war Schülersprecher, der war super cool, der hat schon lange geraucht, der hat Alkohol getrunken, alles was irgendwie so ein bisschen rebellisch war, was ich total gefeiert habe. Ich erinnere mich, dass wir Bauwagenpartys hatten, so dieses klassische Dorfding. Ja, halt so ein alter Wagen, wo halt eine Bar drinne ist, und dann trifft man sich heimlich irgendwo im Wald, wo der steht, und besäuft sich. Bin dann da angekommen als seine Freundin, und er ist halt so der Trinker gewesen. Also, schon lange getrunken, schon lange geraucht. Und alle dachten dann, ich muss ja auch so eine sein. Ich glaube, ich habe innerhalb der ersten halben Stunde 3, 4 Flaschen Alkohol getrunken. Ich kann das bis heute nicht trinken. Ich habe den Blackout meines Lebens gehabt. Ich habe wirklich die ganze Nacht alles wieder ausgekotzt. Ich in der Nacht gelernt, wie man raucht. Und das war, das war der Anfang meiner, meiner Raucherphase. Ich erinnere mich, dass ich mich von zu Hause rausgeschlichen habe mit dem Ausweis von meinen Eltern, um beim Zigarettenautomat Zigaretten zu holen. Und das ist dann halt einfach Realität geworden. Also, jedes Wochenende bei irgendwelchen Bauwagenpartys, bei irgendwelchen Festen, Hauspartys, sich betrunken, getanzt, auch super close mit jedem gewesen. Und ich habe das geliebt. Meine Eltern haben das überhaupt nicht mitbekommen. Aber das hat mir echt nicht so gut getan. Und über die Zeit sind einfach auch Sachen passiert, die irgendwie auch so bisschen Narben hinterlassen haben. Ich habe dann immer bei meinem Freund übernachtet und bin dann morgens, wenn er gegangen ist, zu seinem besten Freund rüber und habe bei dem weiter geschlafen. Und der dann angefangen hat, mich anzufassen. Und ich hatte richtig Panik. Und ich habe dann so getan, als würde ich schlafen. Habe versucht, mich immer wieder wegzudrehen. Und dann halt an meinem Po und meinen Brüsten und im intimen Bereich. Und das war… ich konnte irgendwie nichts dagegen tun. Ich hatte einfach Angst, meinen Freund zu verlieren. Ich hatte Angst, meine beste Freundin zu verlieren. Ich hatte Angst, aus diesem ganzen Freundeskreis irgendwie rauszukommen. Ich wollte das Partyleben weiterhin haben, deswegen habe ich das einfach hingenommen. Da das immer wieder gemacht, vor allem auch wenn ich betrunken war. Das, das erzähle ich tatsächlich auch zum ersten Mal jetzt in der Öffentlichkeit, weil… da muss man voll sensibel mit umgehen. Und ich will auch nicht dafür bekannt sein. Aber das hat mich irgendwie auch zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Ja. Und man trägt das schon mit sich rum."
„Und deinem Freund hast du das nicht erzählt?"
„Nee, nee. Es war ja sein bester Freund. Also, vielleicht hat er mir das überhaupt nicht geglaubt."
„Mhm."
„Und die Beziehung zu meinem Freund ist dann irgendwann auch echt schwierig geworden. Der hat dann gesagt: Findet mich peinlich, und hat mir verboten, rauszugehen. Und ich durfte nur noch ihn treffen."
„Krass!"
„Ja, einfach viel, irgendwie viel über Kontrolle über mich gehabt, ohne dass ich das gemerkt habe. Und ich bin so jemand, der super harmoniebedürftig ist und immer so: Okay, was kann ich tun? Und er hat nur geschrien, und ich hatte einfach richtig Angst, weil ich war irgendwie immer so abhängig von ihm. Und er wollte immer ganz close sein und auch sexuell sein. Und ich habe irgendwann gemerkt: Ich möchte das nicht mehr. Ich fühle mich so fremd von ihm. Ich habe das Gefühl, ich werde nur, ich werde immer nur geliebt, wenn ich mit ihm schlafe. Und sonst ist er wütend und, und schreit mich an und will über mich bestimmen. Und der hat mir immer gesagt: K, du bist so sensibel. Und ich muss gerade voll lernen, dass sensibel sein auch eine Stärke sein kann. Ich höre den manchmal noch in meinem Kopf, wie der sagt: Du bist so ein Sensibelchen, du kannst es überhaupt nicht. Und dann denkt man sich: Nein, ich kann das überhaupt nicht, ich bin viel zu sensibel. Und so… also, Jahre, Jahre später noch. Das ist so krass. Ich war fast vier Jahre mit dem zusammen. Und ich dachte: Ja, das ist voll okay, weil der macht das ja aus Liebe. Und dann… ja, es sind einfach paar Sachen zu viel passiert. Ich erinnere mich an… ich glaube, das war Silvester, ja, 2017 auf 2018. Und ich bin nach der Silvesterfeier mit meiner Familie noch zu Freunden gegangen, wo er auch war. Und er wollte bei mir schlafen, aber er war super angetrunken. Und ich habe mich einfach geschämt, und meine Eltern haben das ja auch nicht so mitbekommen, deswegen wollte ich ihn nicht mitnehmen. Und der ist so ausgerastet, und er hat mich dann gegen den Türrahmen geschlagen. Und, und ich bin da dann gesessen, musste richtig weinen. Und dann haben die Jungs angefangen, sich zu prügeln, weil die einen mich in Schutz genommen haben."
„Deine Freunde?"
„Ja, genau. Und, und dann aber andere auf seiner Seite waren, weil er darf ja machen, was, was er mit mir will, weil ich bin ja seine Freundin. Und ich war so dazwischen, bin einfach gesessen, habe geweint und wusste nicht, wie mir geschieht. Und hatte Angst. Das war das erste Mal, wo ich wirklich dachte: Es ist… also, ist es das richtige."
„Mhm."
„Also, der war selber jung, und ich weiß nicht, ob dem bewusst ist heute. Ich habe nie wieder mit dem geredet nach der Trennung, ob dem bewusst ist, was er mit meinem Leben gemacht hat und wie er mich heute noch begleitet. Das nächste halbe Jahr war, war krass, weil ich angefangen habe, mich abzukapseln. Und ich dachte dann: Okay, ich habe jetzt die Möglichkeit noch mal neu zu starten, wenn ich meine Ausbildung zur Gestalterin für visuelles Marketing anfange. Und habe dann Schluss gemacht. Das war super schwer, aber ich habe eine Minute geweint und dann nie wieder. Das war einfach wie eine Befreiung. Ich habe mich von diesem ganzen Freundeskreis getrennt, und sie haben mir keinen einzigen Tag gefehlt. Und es hat sich keine Sau jemals wieder gemeldet."
„Ja, aber nee, das war richtig gut. Manchmal frage ich mich, ob noch mehr passiert wäre, wenn ich länger drin gewesen wäre. Also, einfach auch, weil Drogen in dem Freundeskreis eine große Rolle gespielt haben. Und dann gab es so ein paar Extremfälle von einem damaligen Freund. Und das bewegt mich heute immer noch. Der wirklich… ich habe den kennengelernt, hat er keinen Alkohol getrunken. Und der ist in diesen Freundeskreis reingekommen und hat angefangen, Alkohol zu trinken, Gras zu rauchen. Und irgendwann hat es nicht mehr gereicht, und dann haben die echt heftige Sachen genommen. Also, Fliegenpilze gegessen, Pillen genommen. Und bis heute hat der keinen Schulabschluss, der ist fünf Mal von der Schule geflogen, glaube ich, hat angefangen zu dealen, hat Minijobs gemacht, kann aber ohne Drogenkonsum überhaupt nicht aufstehen. Und das… so habe ich ein paar Freunde gehabt, die einfach so abgestürzt sind. Und ich habe echt auch Mädels gesehen, die Zeug genommen haben und dann auf dem Bett lagen mit offenen Augen und geschrien haben: Ich kann nicht sehen, ich kann nicht sehen. Und die, und die Augen rollen so nach hinten, und der Kiefer knackt. Und einfach, weil wenn man so viel genommen hat und überhaupt keine Kontrolle mehr hat. Und das sind Bilder, vergisst man nicht mehr."
„Nee."
„Was denkst du, warum das vier Jahre gedauert hat, bis du da rausgekommen bist?"
„Ich habe mich nach Liebe und Anerkennung gesehnt, und ich hatte das Gefühl, ich bekomme das da. Meine Family wollte mir das immer geben, aber von denen habe ich das nicht angenommen."
„Wie hat es dein Leben verändert, den Schlussstrich zu ziehen? Also, nur wenn man sich entscheidet, aus einem Freundeskreis rauszugehen und ein Break zu machen, heißt es nicht, dass man von heute auf morgen ein neues Leben hat."
„Mhm. Ich habe nicht aufgehört, Alkohol zu trinken von heute auf morgen. Mhm. Und ich habe nicht aufgehört, mich anzuziehen, oder, oder zu reden, so wie ich geredet habe, oder wie ich rumgelaufen bin. Es ist echt ein Prozess gewesen. Und ich habe dann in meine Ausbildung angefangen, und die war am Anfang richtig scheiße, muss ich ehrlich sagen. Also, man denkt so: Okay, jetzt fange ich neu an. Und dann kommst du so in den nächsten direkt rein. Weil wir hatten einen Hausmeister, keine Ahnung, Mitte 40 vielleicht, mit allen gut und immer so ein bisschen geshakert und so ein bisschen drüber, so ein bisschen schmierig, aber vor allem viel zu den älteren Frauen, die sich natürlich dann immer sehr gerührt gefühlt haben. Und der ist dann bisschen zu close geworden. Also, der hat dann immer meine Hand gehalten und in meine Taille gefasst und gesagt: Du bist die Liebe meines Lebens. Ich finde das so scharf, wie du hier Sachen zusammenliest und so. Und hat mir auf die Backe geküsst und wollte dann, dass ich ihn auf die Backe küsse und war einfach sehr, auch verbal sehr anzüglich die ganze Zeit. Und ich hatte richtig Angst vor dem, also, weil den alle gemocht haben. Und es gab dann mal ein Vorfall, wo ich ihm gesagt hab, dass er mich in Ruhe lassen soll. Und ich habe ihm dann gesagt: Ich will das nicht. Und dann hat er es so dargestellt, als hätte ich das gewollt und als wäre ich die Böse und würde ihm was Böses wollen. Hat er im ganzen Laden rumgeschrien, und die Kunden haben das gesehen, und die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen haben das gesehen. Und ich bin dann freigestellt worden für einen Tag. Und er ist dann auch drei Tage nicht zur Arbeit gekommen. Also, durfte nicht kommen, hat aber an diesen halben Tag, wo ich nach Hause geschickt worden bin, allen Leuten, die in diesem Unternehmen gearbeitet haben, erzählt, dass ich lüge. Und die Leute haben aufgehört mit mir zu reden. Und niemand hat mir geglaubt. Das war so schlimm. Ich war so alleine in dieser Zeit, und ich hatte so viel Angst, und ich hatte das Gefühl, ich gehöre nirgendwo hin. Und niemand sieht mich."
„Was, was hilft dir da in den Momenten? Oder hattest du irgendwie Leute, die dir, die in dein Leben gekommen sind? Hattest du irgendein besonderes Ereignis?"
„Ich bin dann auf jeden Fall jeden Morgen mit dem Bus zu dieser Ausbildung in die Stadt reingefahren. Und zwei Mädels, die ich noch aus der Grundschule kannte, sind immer zu mir gesessen und haben mit mir geredet und haben mich dann irgendwann auch eingeladen zu, im Jugendkreis und Jugendgottesdienst und Jugendveranstaltung und Freizeit. Und ich dachte so: Ja, danke, ist nett. Also, ich habe da auch zugehört, aber ich fand das halt einfach weird. Und ich war immer so: Danke, aber nie vorgehabt, da mal hinzugehen. Also, in meinem Kopf war ich immer noch cool, auch wenn ich nicht mehr in dem Freundeskreis war und hatte überhaupt keine Lust mit denen Zeit zu verbringen. Und ich fand es einfach komisch, die ganze christliche Bubble. Warum? Ja, irgendwie keine Ahnung. Da sind da Leute, die, die beten in die Luft, okay, und denken, da passieren Sachen, wenn man das ausspricht. Und leben da Gemeinschaft und feiern das und sind irgendwie auf einem… und ich dachte mir: Spinnt ihr alle? Was los mit euch? Aber ich habe einfach den Punkt gehabt, wo ich gemerkt habe: Ich habe nichts zu verlieren, gehe ich halt mit auf diese blöde Winterfreizeit von denen. Hab mich einfach gemocht, warum auch immer. Und vielleicht wollten die auch einfach haben, die da was gesehen, meine Einsamkeit, Liebe im Herzen gehabt. Genau. Und da bin ich dann eben mit… war eine Winterfreizeit über vier Tage, glaube ich, verlängertes Wochenende. Und dann steht da dieser Jugendreferent von dieser Gemeinde, Johannes, dem seinen Namen sage ich auch bewusst, weil es ein so wertvoller Mensch in meinem Leben ist und heute auch noch so ein, ein toller Pastor und Jugendreferent und, und Theologe. Und der stand da und hat gesagt: K, es ist so schön, dass du da bist. Mich gesehen und wertgeschätzt. Und diese vier Tage, die waren so intensiv. Also, diese ganze Kirche Sache fand ich komisch, aber die Gemeinschaft, die war irgendwie anders. Ich komme aus diesem: Du bist wertvoll, wenn du trinkst, wenn du feierst, wenn du dich kurz anziehst, jeder mit jedem, wir machen Party, wir leben High Life, du bist cool, zu… niemand kennt mich, und ich bin geliebt. Und die Menschen sehen mich mehr als, als die Leute, mit denen ich fast vier Jahre verbracht habe. Die Menschen lieben mich mehr, ohne mich zu kennen. Sie haben ehrliches Interesse, und das fand ich komisch, aber auf eine gute Art und Weise. Also, hat mich überrascht, dass es so Leute gibt außerhalb von Familie. Und ich habe da so zu Hause gefunden. Also, ich habe jede freie Minute irgendwann nur noch in diesem Gemeindehaus verbracht und paar richtig gute Freunde dann auch gehabt. Und dieser Jugendreferent Johannes hat ganz viel mit mir aufgearbeitet, was aus dem alten Freundeskreis gekommen ist und was in meiner Beziehung passiert ist. Und da war so ein bisschen Halt. Also, die Beziehung ist besser geworden mit der Zeit bei meiner Family und mit meiner Mom. Und die sind auch richtig froh gewesen, dass ich so ein bisschen in einen besseren Freundeskreis gekommen bin. Ja, es war richtig gut, vor allem, weil ich in dieser Zeit gemerkt habe, dass Kirche so viel mehr ist als das, was ich immer dachte. Und irgendwie sind diese Menschen von ihrem Herzen so gut und so glücklich, da muss was dran sein. Und ich wollte das auch und habe gemerkt: Hey, okay, das ist alles Kirche. Also, Gemeinschaftsleben, Pokerveranstaltungen machen, Partys feiern, in der VG sein, Jugendarbeit leiten, das alles Kirche. Und es ist gar nicht so kalt und düster und langweilig, wie ich lange immer dachte, sondern ist richtig… es hat so Feuer. Und manchmal denke ich mir: Ich wünschte, Leute würden alle einmal Kirche so erleben, wie ich sie erlebt habe über die Jahre. Und ich habe dann selber einfach gemerkt, wie sich mein Leben durch Jugendarbeit verändert hat. Und dann dachte ich: Ich will das zurückgeben. Also, ich bin immer wieder in meinem Leben an den Punkt gekommen, wo ich mich gefragt habe: Wieso musste so viel Blödes in meinem Leben passieren? Und dann bin ich in dieser Jugendarbeit gewesen, und junge Mädels, 12, 13, sind zu mir gekommen und haben mir von Sachen erzählt, die in ihrem Leben abgehen. Ja, und ich konnte fast jedes Mal sagen: Ich weiß, ich fühle so… ja, ja, ich weiß, wie es denen geht. Und das hat mir geholfen. Und ich hatte das Gefühl, dieses Schlechte ist genutzt worden, um bei anderen Menschen Licht zu sein und Gutes zu tun. Und ich bin dankbar drum. Also, ich bin nicht dankbar für die Erfahrung, ich bin dankbar, was, was Gott irgendwie auch daraus gemacht hat und was für eine Kraft der mir gegeben hat."
„Schön, du das so im Nachhinein dann sehen kannst, auch wenn du es nicht gespürt hast vielleicht in dem Moment."
„Genau. Ja, ich bin sehr dankbar. Bin dann eben nach Magdeburg gezogen und habe da Jung Gemeinde gegründet, die…“
„… ist die Zeit, die du allein gegründet hast?"
„Nee, mit zwei, mit zwei anderen Frauen. Okay. Habe mich dann parallel dazu bei Miss Germany beworben, eben in diesem neuen Konzept mit Jugendarbeit, weil ich weiß, gerade jetzt auch, wenn wir auf Social Media und, und Digitalisierung gucken, wie viel Zeit wir in diesen Räumen verbringen und was machen wir, wenn wir nicht da sind? Wir sind… oder super viele Teens sind dann eben draußen und trinken und rauchen. Und das hat irgendwie weh getan, weil ich weiß, wie es mir gut getan hat damals. Und genau deswegen haben wir die Seite gemacht, weil es einfach so viele junge Menschen gibt und so wenig Angebot. Und es tut mir im Herzen einfach weh. Also, wir haben in Magdeburg z.B. eine Sozialraumanalyse gemacht, wo wir rausgefunden haben, dass es kein einziges Jugendangebot außer den Fußballverein in diesem Bereich für junge Menschen über 12 gibt. Hallo! Und das ist in Deutschland grundsätzlich einfach keine Seltenheit. Und ich dachte dann: Wenn ich diese Plattform von Miss Germany nutzen kann, dann könnte ich Leute sensibilisieren, die Ressourcen haben oder die Lust haben, was zu starten, um Jugendarbeit grundsätzlich einfach in Deutschland größer zu machen. Und deswegen erzähle ich auch meine Geschichte, darüber zu reden, anderen Menschen Hoffnung zu machen und Mädels irgendwie Zuspruch zu geben, dass… und auch Jungs natürlich. Das habe ich mir so ein bisschen als Aufgabe gemacht. Und deswegen teile ich das."
Von Herzen, auch gern. Auch wenn es mich manchmal die Herausforderung kostet, genau aber freue ich mich, dass ich gerade diese Plattform bekommen habe und auch da noch mal eine Stufe größer über Jugendarbeit zu reden und Jugendarbeit zu denken.
Mm, wenn du eine Botschaft hättest an die Jugend da draußen, was wäre so das, was du ihnen mitgeben wollen würdest? Ich verstehe das vorher, wenn man als junger Mensch Kirche nicht feiert und die Hürde ist einfach auch groß, zu einem Ort zu gehen oder zu einer Veranstaltung zu gehen, wo man niemanden kennt. Aber hey, man steht sich so selber im Weg. Was ich als super Einstieg sehe, ist auch immer, um sich das mal anzugucken, wenn man sich noch nicht nicht sicher ist: auf ein Festival mitgehen, auf eine Freizeit mitgehen, weil das immer noch mal eine andere Base, andere Atmosphäre; man kann Leute richtig kennenlernen. Ja, und mein Rat ist: spring über deinen Schatten, weil dir entgeht was, wenn du nicht in der Jugendarbeit bist. Ich dachte am Anfang, ist übelst cheesy. Es hat mein Leben verändert. Super viele von meinen Teens haben am Anfang gesagt: Ich habe keinen Bock auf Jugendarbeit. Sind heute drin, wollen nie wieder raus. Also ist wirklich ein gamechanger. Ich kann es von Herzen empfehlen, dadurch zu starten, sich mal zu informieren und was mitzumachen.
Vielen vielen Dank, dass du so private Einblicke in dein Leben gegeben hast. Ich glaube, dass sich ganz ganz viele Leute mit deiner Story identifizieren können und dass du da echt irgendwie ein Licht sein kannst, gerade für die Jugend. Genau. Vielen Dank, dass ihr eingeschaltet habt und dass ihr das Interview mitgeschaut habt. Und abonniert gerne Lifeline, wenn ihr noch mehr solcher Videos schauen wollt. Und wir sehen uns dann beim nächsten Mal. Tschüss, Tschü.