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Das Leben im Mittelalter - Geschichte - Hörbuch Doku - Black Screen - Doku

AudioVideoDoku3:25:32

Transcription

[Musik] im 5ünft jahrhundert nach Christi Geburt versank das römische Imperium im Chaos von hunnensturm und Völkerwanderung. übrig blieb das Byzantinische Reich im Osten mit einem Kaiser der in Konstantinopel residierte. übrig blieb auch die römische Kirche. ihre Macht war ungebrochen denn in jenen schweren Zeiten suchten die Menschen mehr denn je Trost im Glauben. entwurzelte Germanenstämme zogen rauben und mordend durch Europa und machten sich auf dem Boden des einstigen Imperiums breit. sie waren Heiden und die eroberten Gebiete waren römischkatholisch. die Eindringlinge waren zu wenige um in den besetzten Gebieten dauerhaft zu herrschen. das gelang nur einem germanenvolk den freien den Franken. das römische Gallien hatten sie schon fest in ihrer Hand und innerhalb von drei Jahrhunderten wuchs das Frankenreich zu zur neuen Weltmacht heran. es reichte von den pyreneen bis an die Nordsee vom Atlantik bis an die Elbe und im Südosten bis tief hinein ins heutige Ungarn. der größte Teil Italiens gehörte zu seinem Herrschaftsbereich und eigentlich auch die römische Kirche. ja die heidnischen Franken waren Christen geworden ganz pragmatisch denn mit der Unterstützung der Kirche regierte es sich leichter. und der mächtigste der christlichste aller Herrscher Karl der Große vereinigte konsequent die Welt des Glaubens mit der Staatsgewalt und verwirklichte seine Vision vom Gottesstaat auf Erden. auf der Höhe seiner Macht wurde er am Weihnachtstag des Jahres 800 vom Papst der römischen Kirche zum Kaiser gekrönt. Karl der Große hielt das Zepter fest in seiner Hand. er war der Vertreter Gottes auf Erden und die römische Kirche war sein Werkzeug. doch als sein Sohn Ludwig der Fromme den Thron bestieg wendete sich das Blatt. der Klerus wurde zum eigentlichen Herrscher. die Berater des Kaisers die Bischöfe hatten das Sagen und die heilige Allianz zwischen Kaiser und Papst wurde bald zum Machtkampf hinter den Kulissen. die Söhne Ludwigs des Frommen teilten das fränkische Riesenreich des Abendlandes schließlich unter sich. der Gottesstaat auf Erden zerbrach. Karl I i auch der Karle genannt erhielt das westfränkische Reich das heutige Frankreich. lotha I wurde Herrscher über Lothar ringien das von der Nordsee über den Rhein bis nach Italien reichte. und ludwig der Deutsche bekam den ostfränkischen Teil das heutige Deutschland. während die Macht der Karolinger jetzt schnell versiegte schwang sich die römische Kirche zu neuen Höhen auf. rund ein Drittel des Grund und Bodens in Europa nannte sie ihr eigen. und durch die zehnprozentige Kirchensteuer die ihr Karl der Große per Gesetz eingeräumt hatte war sie die stärkste Wirtschaftsmacht. Rom wurde Mitte des Jahrhunderts das Zentrum der abendländischen Welt und der Bischof von Rom einst ein Bischof und der vielen fühlte sich jetzt als Papst und Alleinherrscher über den Klerus ja sogar über die ganze Christenheit. um jeder Mann von der Rechtmäßigkeit der päbstlichen Herrschaftsansprüche zu überzeugen war es notwendig nachweisen zu können dass schon die ersten römischen Bischöfe solche Machtvollkommenheit besessen hätten. Urkunden und Briefe der allerersten Kirchenväter sollten jeden Zweifel daran beseitigen dass diese pseudoisidorischen Dekretalen wie sie genannt werden größten teils Fälschungen waren hergestellt in den Schreibstuben des Papstes. war dabei völlig unerheblich. kaum 50 Jahre nach dem Tod Kaiser Karls des Großen setzte Papst Nikolaus der I mit einem vorher nie daagewesenen Selbstbewusstsein die kirchlichen Herrschaftsansprüche durch. er nannte sich Richter über die ganze Welt fühlte sich durch keinerlei fremdes Recht gebunden da er von Christus selbst eingesetzt zu sein glaubte. bei solcher Machtvollkommenheit war es kaum verwunderlich dass das Papsttum bald seltsame Blüten treiben. [Musik] [Musik]

sollte im Jahre 900 wird im ostfränkischen dem Deutschen Reich ein neuer König gekrönt. in deutschen Landen ist ist er der Letzte aus dem Geschlecht der Karolinger. doch ein Hoffnungsträger für das schwache reich ist er nicht. er ist erst 7 Jahre alt. Ludwig das Kind. er wird auch nicht erwachsen werden denn er ist schwachköpfig. die Verwaltung des Reichs liegt in den Händen der Erzbischöfe hatto von Mainz und Salomon von Konstanz. sie regieren im Namen des Königs für die Kirche. der Adel die Pfalzgrafen einst die Stützen des Reichs kümmern sich jetzt nur noch um ihre eigenen Interessen und bekriegen sich oft genug gegenseitig. dabei wäre gerade jetzt eine starke Hand nötig die Einheit schafft um den alljährlich sich wiederholenden Raubzügen der Ungarn wirkungsvoll entgegenzut treten. auch die nordische Gefahr ist keineswegs gebannt. die Wikinger fallen in schönster Regelmäßigkeit im Reich ein. und was tut der Bischof von Mainz? er redet von der verdienten Geißel gotott die man demütig über sich ergehen lassen muss. dabei gäbe es den starken Mann im Reich der sich auch bei den anderen mächtigen durchsetzen könnte der den täglich wachsenden Ansprüchen der geistlichen Herren wirkungsvoll entgegentreten könnte. es ist Otto der Sachsenherzog. gerade die Sachsen die noch vor 100 Jahren von Karl dem Großen so schrecklich dezimiert mit Feuer und Schwert ins Christentum geprügelt worden gerade die sind wieder stark geworden und weiterhin trotz sich dem Klerus gegenüber. otto hat sein Lehen nicht wie andere aus der Hand des Bischofs im Namen eines regierungsunfähigen Königs erhalten. er ist von seinem sachsenvolk gewählt worden nach altem stammesbrauch. doch Otto stammt aus keinem Herrschergeschlecht. dagegen ist König Ludwig das Kind ein Karolinger. damit ist sein Thron unantastbar. und Erzbischof to kann in seinem Namen regieren wie er will. keine macht selbst nicht der König hat das Recht den Priester zu widersprechen denn der Priester ist Gottes rechtsverwahrer. die edlen aber sind nur irdische Machthaber. solcherlei Weisheit ist jetzt in mancher Predigt zu hören. als endlich im Jahre 911 Ludwig das Kind in seinem 18 Lebensjahr stirbt wird der Reichstag einberufen. alle pfalsgrafen sind versammelt um einen neuen König zu erwählen. die Herrschaft der Karolinger ist im Deutschen Reich mit Ludwig zu Ende gegangen. es gibt keinen Nachfolger. jetzt soll einer der Pfalzgrafen König werden. Otto von Sachsen wäre wohl der richtige. aber viele der edlen sind dagegen. sie fürchten Otto könnte nicht nur die Rechte der Kirche beschneiden sondern auch ihre eigenen. außerdem ist Otto den herrschenden Bischöfen ein Dorn im Auge und wie sollte er gegen den Klerus regieren können? auch Otto selbst will die zum Greifen nahe Königskrone nicht. er fühlt sich zu alt für diese schwere Aufgabe. das Reich und die zerstrittenen Grafen zu einen gegen einen starken Klerus. auch würde Erzbischof hatto der Wahl sicher nicht zustimmen. hatte doch Otto kürzlich verlauten lassen er würde das Mainzer Erzbistum mit seinen riesigen Ländereien in Sachsen und Thüringen einfach auflösen. viele die Wahl tatsächlich auf Otto so würde sich Bischof hatto beim westfränkischen König Hilfe holen. bei den Franken des westreichs herrschte nämlich noch ein Karolinger. Karl II der hatte zwar selbst alle händevoll zu tun gegen die Aufständischen großen seines Reichs und gegen die Nordmänner auch erfreute er sich nicht sonderlich großer Machtvollkommenheit. die Kirche war bei den Westfranken ebenfalls mächtiger als die kön. doch Karl der einfältige wie er auch genannt wurde hätte er ablehnen können wenn ihn die Kirche um Hilfe bat? wahrscheinlich hätte er sich mit Unterstützung der Bischöfe auch die deutsche Krone geholt. das alles galt es zu bedenken. schließlich einigte man sich auf Konrad von Franken. der war ein tapferer Kriegsmann und den Kirchenmännern sehr willkommen. er Bischof hatto selbst hatte ihn vorgeschlagen. sie Jahre lang versuchte Konrad dem zerrissenen Reich Ruhe zu geben. trat mit Hilfe der Bischöfe den immer eigenmächtiger werdenden Herzögen entgegen. versuchte das Reich vor den Ungarn zu schützen. doch alles war vergeblich. er hatte nicht das Volk auf seiner Seite sondern nur die Kirche. sein Gegenspieler war erst Otto von Sachsen und als der starb war es dessen Sohn Herr Heinrich der sich wie sein Vater von seinem Volk zum Herzog wählen ließ beim ting nach altem stammesbrauch. das war ein GL versto GEG das hersende Recht des Königs. nur derfte einen Herzog ernnen und ihm ein Lehen geben. Konrad zog gegen Heinrich ins Feld und holte sich eine blutige Nase. in deutschen Landen konnte man nur mit den Sachsen herrschen nicht gegen sie. das war Konrads bittere Erkenntnis. und so war seine größte tat wohl die dass er auf dem Sterbebett seinen Bruder der die Königswürde erben sollte veranlasste auf den Thron zu verzichten. stattdessen schickte er ihn zum Sachsenherzog zu Herrn Heinrich um ihm die Krone anzutragen. Herr Heinrich saß am vogelhert. die minesänger an den mittelalterlichen Burgen und Höfen erzählten noch lange die Geschichte von Herrn Heinrich und seineer Berufung zum deutschen König zum Gründer des Deutschen Reichs. das Reich das Heinrich vorfand war im großen und ganzen ein recht schmaler Streifen von der Nordsee bis zum Kamm der Alpen. im Westen reichte das Gebiet nur stellenweise über den Rhein. im Osten waren die Slawen rings um den Thüringer Wald vorgedrungen hatten Elbe und Saale überschritten und sich im mainal breitgemacht. zwischen den eng zusammengeschobenen Flanken lag war nur zum Teil kultiviertes Land umgeben von ausgedehnten Wäldern und zmpfen. nur am Rhein und an der Donau gab es größere Siedlungen die noch meist aus der Römerzeit stammten. hier wurden die Waren getauscht Werkzeuge aller Art Waffen und Rüstungen und feinere Kleider für die Reichen. das karg Leben war ständig bedroht von den Horden der verschiedenen slavenstämme die denostimtenimmben es dieungarn. sie kam in gröeren oder Kiner schärmenangen in häer und kirchenauten die Vorräte und schätzeerstampft die Felder und töt verschleten die Einwohner wenn diese nicht rechtzeitig in wäer undmpfefeten schen. als wen dieit der hunninfällegehr als Herr Heinrich gtur lag die kmach Amen. stattdessen regierten die Bischöfe und in den einzelnen Territorien hatten die stammesherzöge das sagen. das führte andauernd zu Auseinandersetzungen denn die Herzöge mussten sich gegen die Feinde von außen zur Wehr setzen und zogen oft genug auch gegeneinander ins Feld. dazu brauchten sie Vasallen die Sie bezahlen mussten. in ihrer Not zogen sie häufig Kirchengüter ein was dem Klerus seh missfiel. nein es war eigentlich kein Reich dass der neue König Heinrich der erste bei seiner Krönung vorfand. es war mehr oder weniger eine Ansammlung von Fürstentümern die bald miteinander bald gegeneinander kämpften. Herr Heinrich wie der neue König überall genannt wurde ging gleich sehr tatkräftig zu Werke. auf sein eigenes Volk die Sachsen auf die konnte er sich verlassen. auch die Franken waren auf seiner Seite denn der Herzog der Franken war Eberhard der Bruder des verstorbenen Königs. gleich zu Beginn seiner Herrschaft erteilte Herr Heinrich dem Klerus eine herbe Abfuhr. als der Nachfolger hatus von Mainz Erzbischof heriger ihn zum König Salben wollte lehnte Heinrich der er einfach ab. heriger drohte darauf hin: niemand wird einen König Anerkennen der nicht gesalbt ist. auch der König des westfrankenreiches drüben jenseits des reheines wird nicht dulden dass hier jemand sich König nennt der die heilige Weihe verachtet unter die selbst Kaiser Karl sich beugte. die Drohung verfehlte jedoch ihr Ziel. da Herr Heinrich die Kirchenmänner brisierte war er ziemlich sicher die anderen edlen auf seiner Seite zu haben. und der König der Westfranken Karl der einfältige der hatte sich selbst einen Dorn ins Fleisch gesetzt als er den Nordmännern Land an der Atlantikküste gegeben hatte die heutige Normandie. und die Wikinger hatten dort sofort einen starken und blühenden Staat errichtet. Karl der einfältige als der hatte genug zu tun seine eigene Krone zu behalten. Erzbischof heriger gab sich geschlagen. aus Rom war keine große Hilfe zu erwarten denn auf dem Stuhl Petri herrschte ziemliches Chaos. entschlossen festigte Herr Heinrich seine Macht gegenüber der Kirche indem er auf frühere Gepflogenheiten zurückgriff. die Bischöfe wurden jetzt wieder vom König eingesetzt ihm ergebene Männer die ihr Amt nicht mehr dazu benutzten um in die Geschäfte des Reiches hineinzureden oder gar Unfrieden zu sehen. fast im Handumdrehen schaffte er es jetzt ohne Blut vergießen die restlichen stammesherzöge unter seiner Führung zu einen. in überraschend kurzer Zeit war es dem neuen König gelungen das Reich im Inneren zu festigen. viel größer waren die Schwierigkeiten die ihm die Ungarn bereiteten. ihre schnelle Reiterei galt als unbesiegbar. sie nur einigermaßen auf zu halten ging schon fast über die Kräfte seiner Armee. sie gar vernichten zu schlagen daran war einstweilen noch nicht zu denken. in seiner Not unterbreitete Heinrich dem ungarnführer ein Angebot dass dieser nicht ausschlagen konnte. für neun lange Jahre verpflichtete er sich zu einer jährlichen tributleistung wenn die Ungarn für diese Zeit sein Volk unbehelligt ließen. so hatte er Zeit gewonnen die er entschlossen nutzen W wollte. er der König ordnete daher folgendes an: zum ersten dass allen talben in den Gauen sofort steinerne Burgen angelegt oder vorhandene umgebaut werden sollen; zum zweiten das Städte und größere geschlossene Siedlungen mit festen steinernen Mauern zu umgeben sind; zum dritten dass ein Reiter herer geschaffen werde in dem von neun Männern immer einer ständig in der Burg wohnen soll während seine acht Gefährten ihre Ecker ellen sähen und ernten mögen; zum vierten dass von jeder Ernte ein beträchtlicher Teil auf der Burg abzuliefern sei sowohl zum Unterhalt der Reiter als auch zum Vorrat wenn bei einem Überfall die gausassen dort Zuflucht suchen müssen; zum fünften schließlich dass alle tinge Tagsatzungen und Feste im Gau immer in den Burgen sollen begangen werden damit das Volk sich an sie gewöhne und in ihnen heimisch werde. es galt uns gutes Recht dass wer den Boden bebaut auch das Schwert tragen darf. nun wird bald manch einer das Schwert Tragen der Ecker nicht mehr sein eigen nennt. aber die Not gebietet uns so zu handeln. das war die Geburtsstunde der Ritter der Armee der Panzerreiter. land auf Land ab konnten sie intonieren ihre Künste zur Schau stellen und dabei gegenseitig ihre Kräfte messen. es war eine Waffe mit gewaltiger durchschlagsk KfT die da entstand und fortan sollten als vollwertige Krieger nur noch die Panzerreiter gelten. aber die neue Elitetruppe war teuer. der Wert einer Rüstung samt Pferd entsprach einem Gegenwert von 40 bis 45 Kühen das war der Bestand eines ganzen Dorfes. als erstes führte Herr Heinrich sein neues Reiter herer gegen die Slawen die mit den Ungarn befreundet waren und sich oft genug auf deren Seite gestellt hatten. mit der neuen Waffe war die Slaven leicht zu besiegen. dann endlich kam wieder der Tag an dem die Abordnung der Ungarn erschien um ihren jährlichen Tribut einzufordern. euer Weg war vergeblich. die Männer meines Volkes wollen nun nichts mehr hererschenken und unser Vertrag vom Jahre 924 ist damit hinfällig geworden eröffnete ihnen der König. für die Ungarn war das eine herbe Enttäuschung hatten sie sich doch bere an diese bequeme Art des Broterwerbs gewöhnt. eine Auseinandersetzung auf dem Schlachtfeld war unausweichlich. um die Jahreswende 933 wälzte sich ihr Zug von der Donau zum Elbetal und flutete durch Böhmen heran. der Hunger hatte sie noch mitten im Winter aufbrechen lassen und als die erste strenge Kälte nachließ und sich der Winter dem Ende zun neigte da stießen sie an die Grenzen des Reichs. doch über überall waren Burgen entstanden uneinnehmbar für die steppenreiter und die Burgen zu umgehen und sie im Rücken zu lassen das wagten sie nicht. sie wären zwischen zwei Fronten geraten. so teilten sie ihr herer. während der eine Teil an der Belagerung festhielt umging der andere Teil die Befestigungsanlagen um über das Landesinnere herzufallen. doch statt der erwarteten Beute fanden sie nur verlassene Hofstellen kein nur leere Stelle und Scheunen. enttäuschung machte sich breit. Hunger und Kälte zehte an den Kräften. und irgendwo in den Wäldern da wartete Herr Heinrich mit seiner Streitmacht auf sie. erschöpft schlagen sie ihr Nachtlager auf und postieren ihre Wachen. noch ist der neue Tag nicht angebrochen da sind Sachsen und Thüringer mitten unter ihnen. in wilder Flucht rettet sich wer kann. doch sie geben sich noch nicht gesch noch nie hatten sie einen Kampf verloren. und jetzt im Sattel ihrer Pferde da sind sie wieder in ihrem Element und neuer Mut keimt auf. das nächtliche Gemetzel Mann gegen Mann das war nicht ihr Kampf da waren sie chancenlos. als der neue Tag anbricht da reiten sie an. es ist noch ihre altbewährte Kampfesweise die sie anwenden. Welle auf Welle den Pfeil auf dem Bogen sprengt heran schießt wendet und t zurück. aber der Erfolg ist nicht mehr der Gleiche wie früher. von den Berghängen fliegen ihnen die Pfeile entgegen reißen Löcher in die Angriffsfront. getroffene Männer wie Pferde wälzen sich am Boden und behindern die nächsten Angriffswellen. doch nicht genug damit in ihrem Rücken ertönen hornsignale. Herrn Heinrichs neue Waffe die Reiterei sprengt heran. da ist es vorbei mit den Ungarn mit der Geißel Gottes. wer noch fliehen kann der sucht das Weite. solange Heinrich König ist werden sie nicht [Musik] wiederkommen.

Waffen tragen und zum Kampf ziehen ist nun ausschließlich Sache der Reiter geworden. die Bauern können nicht ihre Felder bestellen und zugleich wirkungsvoll Krieg führen. die Zeit der Ritter bricht jetzt an. ihre Burgen versprechen Schutz und Zuflucht. die Krieger müssen versorgt werden nicht nur mit Lebensmittel sondern auch mit Waffen Werkzeugen Kleidung und Hausrat aller Art. so siedeln sich rund um die Burgen Handwerker und Händler an. Städte entstehen. es ist der Beginn einer neuen Gesellschaftsordnung. ein Jahr nach dem großen Erfolg gegen die Ungaren kam es zum Krieg mit der Dänemark. die Dänen gehörten zu den Nordmännern den Wikingern die im 8 9 und 10 jahrhundert einen großen Einfluss auf die damalige Welt ausübten. die begabten Seefahrer starteten von ihren skandinavischen Heimatländern aus in die ganze Welt. bis nach Kanada kamen sie. in Europa gab es kaum einen Flecken der von den Wikingern nicht bedroht wurde. zur Zeit Karls des Großen überfielen sie die Nordseeküste in und kehrten mit großer Beute im Winter Heim. die Dänen suchten hauptsächlich die englischen Küsten heim kamen aber auch bis ins Mittelmeer. sie fuhren auch rein aufwärts bis nach Mainz und plünderten die Dörfer der Region. Jahrhunderte später sprach man noch von der nordischen Gefahr. das war der Feind dem sich jetzt Herr Heinrich entgegenstellte. im Juni des Jahres 934 zog er mit seinem neuen Ritter herer nach Norden. die Dänen verschanzten sich hinter den festen Wellen die sie von der Schlei bis zur Eide gebaut hatten um jedem Feind den Zugang zu ihrer Handelsstadt Haitabu zu verwehren. erdwelle und Holzpalisaden aber waren für Heinrichs Panzerreiter schon lange kein ernstes Hindernis mehr. und die Dänen mussten zu ihrem Schrecken erleben dass in kurzer Zeit nicht nur die Welle in Heinrichs Hand fehlen sondern auch die Stadt Haitabu belagert und berannt ur. da gab der Dänenkönig den Kampf auf und verlegte sich aufs verhandeln. Herr Heinrich erklärte er habe nicht die Absicht das Land der Dänen zu unterwerfen und das Volk sich bootmäßig zu machen. aber er müsse fordern dass die Züge der Nordmannen in sächsisches Gebiet und nach Friesland künftig hin unterblieben. und er verlange zum Unterpfand dafür die Abtretung des jetzt genommenen Gebiets einschließlich der Welle und der Stadt Heer. das waren harte Bedingungen für die Dänen. denn von Haitabu aus führten die Handelswege nach Friesland und im Süden sowie die Seewege nach Schweden. was willst du mit Haitabu König der deutschen ihr habt keine Schiffe und deine Leute sind nicht der Seefahrt kundig? was nützt Dir die Stadt am Meer wenn du es nicht befahren kannst? als Kompromiss wurde vereinbart dass die Dänen ihre Stadt weiter nutzen dften aber gleichzeitig Sachsen in Haitabu angesiedelt werden sollten. der Norden des Reichs blieb von jetzt an von den Einfällen der Nordmänner verschont. Herr Heinrich stand nun im 61 lebensjahr. sein Reich war wohl bestellt. die äußeren Feinde besiegt. die Übermacht der römischen Kirche zurückgedrängt. die Herzöge hatten jedoch große Macht behalten und herrschten nahezu uneingeschränkt in ihren Territorien. doch solange sie sich unter den König stellten war das Reich stark. eines blieb König Heinrich noch zu tun. er musste die Nachfolge seiner Herrschaft sicherstellen. das mag ihm so manche schwere Stunde bereitet haben. seine Tochter gerberga die wusste er wohl verheiratet mit dem Herzog von lotringen. lotringen war damit fest ans Deutsche Reich gebunden. aber seine vier Söhne die mögen ihm wohl Kopf zerbrechen bereitet haben. gerade Otto der sein Nachfolger werden sollte war kein Herrscher nach dem Sinn Herrn Heinrich. er strebte zu sehr nach Geltung. Kaiser wollte er werden sagte er schon als junge. Herr Heinrich soll dagegen gehalten haben: mein Sohn Otto der i du Hosenscheißer wirst niemals Kaiser. da stieg aus der Hose Otto der Große so wusste man in späteren Zeiten über das Verhältnis zwischen Vater und Sohn zu berichten. doch als Herr Heinrich im Jahre 936 starb erwählten die Großen des Reiches einstimmig den 24-Jährigen Otto zu seinem [Musik] Nachfolger.

otto hat von seiner königlichen würde eine sehr hohe Meinung. er will herrschen wie Karl der Große und den gottesstad auf Erden wieder zum Leben erwecken. in der karlsstadt achen lässt er sich vom Meinzer Erzbischof mit dem heiligen Öl salben. die Kroninsignien werden ihm überreicht. das Schwert zum Schutz gegen alle Feinde Christi die Armspangen der Königsmantel sowie Zepter und Stab. zwei erzbischöf für setzen ihm die Krone aufs Haupt und König Otto nimmt auf dem marmorron Karls des Großen Platz. jetzt ist er König von Gottes Gnaden gesalbt von den Vertretern des Himmels auf Erden. ganz nah fühlt er sich seinem Vorbild Karl dem Großen. gleich zu Beginn seiner Regierung gründet er das Magdeburger Kloster und lässt es dem heiligen Mauritius Weihen dem Bekämpfer der Heiden. denn Heiden gibt es noch viele den Grenzen des Reichs. Otto will herrschen und er will allein herrschen. er will nicht von den landesherzögen abhängig sein. er will ihre Macht brechen und allein regieren. so hat er sie bald alle gegen sich und im Reich herrscht Bürgerkrieg. drei Jahre toben die Aufstände dann hat Otto sie alle bezwungen. der Herzog von Franken fällt bei Andernach im Kampf und der Herzog von lotringen ertrinkt auf der Flucht im Rhein. Ottos Bruder Heinrich und der Erzbischof von Mainz werden gefangen gesetzt. jetzt kann Otto über die Herzogtümer der Verschwörer verfügen. aber die Wirren im inan Schwächen das Reich. im Osten erheben sich die mühsam unterworfenen Slaven und durchstoßen die Grenze. auf der anderen Seite des Reichs fallen die Westfranken und der König Ludwig im Elsas ein. otto hat große Mühe seine Macht zu behaupten. der Weg zum Kaisertum und zum Gott ST auf Erden scheint endlos lang. doch mit viel Glück kann er die Ruhe im Reich wiederherstellen und die Grenzen sichern. jetzt da seine Herrschaft weitgehend gefestigt ist beschließt er die Slawen zu missionieren und auch den Dänen will er das Heil der Kirche bringen um sie für die Zukunft zu befrieden. gleichzeitig beginnt er die Machtstrukturen im Inneren des Reichs zu verändern. er will sich die Kirche gefügig machen. mit ne Gründungen und großzügigen landüberschreibungen an Bistümer und Klöster sichert er sich das Recht dort auch Bischöfe und Äbte zu ernennen oder auf die Wahl Einfluss zu nehmen. die treuesten aus seiner Gefolgschaft sollen diese hohen Kirchenämter bekleiden und Aufgaben der Reichsverwaltung übernehmen. nach deren Tod werden die Ländereien wieder dem König zufallen. dieses reichskirchensystem wird ein Pfeiler seiner Königsmacht und sich als sehr vorteilhaft für das ganze Land. otto ist dadurch vom Wohlwollen des Adels weitgehend unabhängig denn über die Kirche beherrscht er das Volk. eine neue Anziehungskraft geht jetzt aus von dem gefestigten Reich der Deutschen in der Mitte Europas und seinem König Otto dem eren. aber er ist noch nicht Kaiser noch nicht Otto der Große. Kaisers sein bedeutet Beschützer der ganzen Christenheit zu sein. kaisersein bedeutet auch den Stuhl des Papstes in Rom zu schützen. kaisersein bedeutet letztlich auch über Italien zu herrschen. und was sich in dem Land südlich der Alpen seit ein paar Jahrzehnten abspielte das schrie förmlich nach einer starken ordnenden Hand. in jener Zeit gab es noch keine Kardinäle. der Papst wurde von der römischen Geistlichkeit und vom Volk Roms gewählt. vom Volk das heißt von denen den größten Einfluss hatten und das war der römische Stadtadel. für die Papstwahl war daher nicht immer ein gottesfürchtiges Leben von Bedeutung sondern oft völlig andere Qualitäten. so trug es sich zu dass zu Beginn des Z jahrhunderts nicht der Heilige Geist sondern die metresse des mächtigen Markgrafen Adalbert von Toscana marozia den päpstlichen Stuhl mit ihrem Liebhaber Sergius de i besetzte. marotiia geb dem Papst einen Sohn der später ebenfalls Papst werden sollte. als Sergius starb erhob maroia ihren neuen liebaber die auch ihre Schester Theodora begete zum nchsten Papst Anastasius den Z. diesem folgte in kurzer Zeit Johannes der denn das schesternpaar kumierte viele pste. aber Johannes der überwarf sich mit maroia so ließ sie ih gefangen setzen undtertien Leo der VI der ihm folgte wurde ebenfalls nach einigen Monaten ermordet. endlich machte maroti ihren mit Sergius dem dritten gezeugten Sohn Johannes den el zum Papst. Mord und Totschlag erfüllten Rom. einer der Feinde des Papstes bemächtigte sich desselben und ließ ihn im Gefängnis vergiften. als römisches hurenregiment ging die Zeit in die Geschichtsschreibung ein. und der pästlich Schriftsteller Bischof baronius berichtete: in diesem Jahrhundert war der Gräuel der Verwüstung im Tempel und Heiligtum des Herren zu sehen und auf Petr Stuhl saßen die gottlosesten Menschen nicht päbste sondern ungeheuer. wie hässlich sah die Gestalt der römischen Kirche aus als geile und unverschämte zu Rom alles regierten mit den bischöflichen Stühlen nach Willkür schalteten und ihre galane und Beischläfer auf pilriistuhl setzten. selbst rend nahm sich so mancher hohe geistliche Würdenträger ein Beispiel an den römischen Verhältnissen. man findet unter dem cllerus nichts anderes als üppigkeiten liederliches Leben Völlerei und Hurerei. ihre Häuser haben sie ganz in Farm gemacht und sie in hurenherbergen verwandelt. Tag und Nacht wird darin gesoffen getanzt und gespielt. ihr böse Wichte müsset ihr die Vermächtnisse der Könige und die Allmosen der Fürsten so anwenden? so klagte ein Zeitgenosse. aber die politischen Verhältnisse in Italien waren nicht minder chaotisch. der König der Langobarden war im Jahr 950 unverhofft verstorben und die 19-Jährige Königin Adelheit war somit plötzlich Witwe geworden. Markgraf Berengar von Ivrea war Herr eines Fürstentums der westlichen Lombardei und nutzte die Stunde. er riss die Herrschaft über die Langobarden an sich und wollte die Königin witfe Adelheit zwingen seinem Sohn Adalbert ihre Hand zu reichen. damit sollte die Machtergreifung legitim gemacht werden. als Adelheit die Verbindung mit Adalbert zurückwies wurde sie so der Bericht des Abtes Odilo von Kü unschuldig gefangen gehalten durch vielfache quellereien geängstigt ihres schmuckes beraubt und am Ende mit einer Dienerin in einen dunklen Kerker eingeschlossen. die Kunde von ihrem Leiden verbreitete sich schnell im Abendland. schließlich gelang es ihr zu fliehen. ein Geistlicher hatte der Königin Witwe und ihre Dienerin Männerkleidung verschafft. unter vielen Gefahren schlugen sich die beiden Frauen durch bis in die Gegend von Mantua wo sie ein Ritter namens azo auf seiner Burg am Gardasee in Sicherheit brachte. von dort rief Adelheit die Hilfe des deutschen Königs an. jetzt ist es soweit. König Otto muss nach Süden. im Spätsommer 951 überquert er mit seiner Heeresmacht den Brenner und kommt durch das edsgtal nach Oberitalien. kein Widerstand regt sich. Trient und Verona öffnen ihm die Tore. im September rückte in die Hauptstadt Pavia ein. auch Mailand die größte Stadt ober Italien nimmt ihn mit offenen Armen auf. nun nach dem erfolgreichen Einmarsch wirbt er um die Hand der jungen Adelheit. welche Frau könnte einem solchen Sieger widerstehen? noch im gleichen Jahr findet die Hochzeit statt. mit der Heirat gewinnt der deutsche König auch die langobardenkrone und nennt sich jetzt wie sein Vorbild Karl der Große Rex frankorum et langubadorum König der Frank und [Musik] langobarten.

jetzt ist Otto seinem kaisertraum schon zum Greifen nahe. er lässt bei Papst agapetus iten nachfragen ob der seinem Wunsche nach der Kaiserkrönung entsprechen wolle. der Papst lehnt ab. otto ist nicht in der Lage trotz seiner Streitmacht in Italien Druck auf den Papst auszuüben denn zu Hause im Deutschen Reich revoltiert wieder der Adel. er muss so schnell wie möglich zurück will er Herr im eigenen Lande bleiben. in eilmärchen geht es über die Alpen nach Norden dem aufsässigen schwabenherzog entgegen. aber es kommt noch schlimmer. während Otto noch in blutiger Schlacht den Sieg erkämpft kommt es im Osten des Reiches zum nächsten Aufstand. es sind die Slawen die sich gegen seine Herrschaft und die Christianisierung auflehnen. entschlossen wirft er seine Streitmacht nach Osten. die slavwen sind noch nicht besiegt da fallen die Ungarn in Bayern ein. sie überqueren den Lech und versuchen Augsburg zu nehmen. die Augsburger wären sich verbissen wollen nicht kapitulieren obwohl die Stadt nur von einer einfachen Mauer umgeben ist halten die Verteidiger undter Bischof Ulrich mehrere Wochen lang dem Feind stand. doch mit jedem Tag wird die Lage aussichtsloser. auf die Nachricht vom ungarneinfall übergibt Otto der er den Befehl über die an der Elbe stehende Streitmacht dem Markgrafen Gero. er soll sich allein mit den slavwen schlagen. mit einem Teil der Truppe hastet der König über Weißenburg an der altmül und Donau Wört in Richtung Augsburg. am 9 August schlägt er nicht weit von der belagerten Stadt entfernt sein Lager auf und sammelt in aller Eile Bayern und Schwaben Franken und Böhmen unter sein Banner. als die Ungarn durch spättrups von der Ankunft der deutschen Streitmacht erfahren geben Sie die Belagerung von Augsburg auf und beziehen Schlachtordnung am linken Lechufer. am Morgen des 10 August rückten die Deutschen unter dem Banner des heiligen Michael auf beschwerlichem und unebenem Gelände dem Feind entgegen. nur rund 8000 Mann sind sie stark doch es sind schwer gerüstete Panzerreiter. die Ungarn greifen mit schnellen berittenen Bogenschützen an. ein Teil von ihnen umgeht das her Ottos in weitem Bogen fällt mit gellendem Geschrei überraschend den Tross an und verursacht erhebliche Verwirrung. erst Konrad der rote im Jahre zuvor noch Rebell gegen den König kann mit seinem fränkischen Aufgebot die Ordnung wiederherstellen. jetzt stürmen die Deutschen mit Vehemenz gegen die Reihen der Ungarn. mehrere Stunden wird erbittert und blutig gekämpft. gegen Abend ist der Sieg errungen. das feindliche her in den Lech getrieben da die Flussufer sehr steil sind werden die Ungarn fast vollständig aufgerieben. in dieser Schlacht hat sich Otto seinen Beinamen der große erworben. jetzt hat er auch das Volk auf seiner Seite und seine Herrschaft ist jetzt endgültig gefestigt. die Ungarn werden nicht wiederkommen. der Jubel des deutschen Heeres war nicht ungetrübt. viele Kampfgefährten waren gefallen unter ihnen auch Konrad der rote der so viel zum Sieg beigetragen hatte. als der Ausgang der Schlacht schon abzusehen war hatte Konrad wegen des heißen Tages die helmbänder geöffnet zu früh ein Pfeil drang durch seine Kehle. nach der Schlacht auf dem Lechfeld zog Otto sofort wieder an die elbfront gegen die Slawen. die Boten freiwillig Tributzahlungen an wollten aber ihre Selbständigkeit behalten. Otto der Große wollte sie jedoch als Teil seines christlichen Reiches. der Sieg blieb ihm treu. gleich in der ersten Schlacht Unterlagen die Slaven unter Fürst steunev. sein Kopf wurde auf eine Lanze gesteckt und auf freiem Feld zur Schau gestellt. seinem Berater stachen die die Augen aus schnitten ihm die Zunge ab und ließen ihn zwischen den Leichen auf dem Schlachtfeld liegen. keine sehr christliche tat. das Deutsche Reich Otto des großen war endlich innerlich gefestigt. jetzt war die Zeit sich seinem kaisertraum zu widmen. nach der Schlacht auf dem Lechfeld gegen die Ungarn hatte er vorsorglich schon mal die Kaiserkrone in Auftrag gegeben. das himmlische Jerusalem sollte sie symbolisieren denn das Heilige Römische Reich war das Abbild des himmlischen Gottesreichs und hatte damit weltweite Geltung. die Krone ist heute noch in der Wiener Hofburg zu sehen. während die besten der Goldschmiedekunst an Ottos Kaiserkrone arbeiteten bestieg am 16 Dezember 1955 in Rom ein neuer Papst den petrusstuhl Johannes der X. Johannes x hieß zuvor tctavian. er war erst 19 Jahre alt und kein Geistlicher. seine Großmutter war jene lebenslustige und einflussreiche geliebte mehrerer päbstlicher Vorgänger marozia geliebte auch des Markgrafen von Toscana. Johannes verkaufte biststümer und Kirchenämter an den Meistbietenden und gab ungeheure Summen aus für Pferde und Hunde. Pferde hielt er nicht weniger als 2000 und diese durften nur mit Pistazien Rosinen handeln und Feigen gefüttert werden die vorher in gutem Wein eingeweicht worden waren. guter Hafer und Heu wäre ihnen wahrscheinlich lieber gewesen. unter seiner Regierung ging es recht lustig zu. man lachte und tanzte in der Kirche und sang dazu sehr ungeistliche Lieder. der päbstliche Palast wurde von Johannes dem X in einen Harem verwandelt. kein Weib war so keck sich sehen zu lassen denn Johannes notzüchtigte alles Mädchen Frauen und Witwen selbst über den Gräbern der heiligen Apostel. so schrieb über ihn der Bischof von kremona lidbrand. es versteht sich von selbst dass diese Art zu leben nicht ganz billig war. Papst Johannes der X sann auf Abhilfe.

Und fand eine sehr ergiebige Geldquelle, die Dispensations- und Absolutionsgelder. Wollte jemand trotz mangelnden Alters Priester werden, so kostete das sechs Dukaten. Große Summen brachte auch die Erlaubnis, das Fasten zu umgehen. Eine weitere Einnahmequelle war die Erlaubnis zur Ehe zwischen Blutsverwandten. Wenn man bedenkt, dass bis zum 14. Verwandtschaftsgrad jede eheliche Verbindung per Kirchengesetz verboten war, dann musste nahezu jeder Heiratswillige diese Taxe entrichten, denn in ländlichen Gebieten war dann fast jeder mit jedem verwandt.

Das war der Stern, der Otto den Großen zum Kaiser krönen sollte. Fast 20 Jahre waren seit König Ottos Italienreise und seiner Heirat mit Adelheid vergangen. Aus dem Süden kamen jetzt zunehmend Klagen über den Lehenskönig, den Otto über die Langobarden eingesetzt hatte. Spoleto in Mittelitalien hatte dieser erobert und bedrohte jetzt auch Rom. Papst Johannes IX. sowie Bischöfe und Adlige in Nord- und Mittelitalien riefen Otto um Hilfe.

Otto der Große war bereit. Die Kaiserkrone fertiggestellt, seinen siebenjährigen Sohn Otto den II. ließ er in Aachen zum König krönen und übergab dem Erzbischof von Mainz die Vormundschaft sowie die Regentschaft im Reich. Dann brach er im Herbst 961 mit einem Heer und seiner Gemahlin nach Italien auf. Sein Lehenskönig dachte nicht daran, sich einem Kampf zu stellen; er zog sich stattdessen in seine Festungen zurück. Und Otto der Große dachte nicht daran, ihn dort zu belagern; er hatte anderes im Sinn. Der Mönch Adalbert von Trier berichtet: 961 feierte der König Weihnachten in Pavia. Dann zog er weiter, war zu Rom günstig aufgenommen und unter dem Zuruf des ganzen römischen Volkes und der Geistlichkeit von dem Papst Johannes am Lichtmesstag 962 zum Kaiser und Augustus ernannt und eingesetzt. Der Papst hielt ihn auch mit vieler Herzlichkeit bei sich und versprach, zeit seines Lebens wolle er nicht von ihm abfallen.

Jetzt war Otto endlich Kaiser, Beschützer der Christenheit. Papst und Kirche waren ihm untertan. Jetzt saß er auf dem Thron Karls des Großen. Im Privilegium Otonianum vom 13. Februar 962 bestätigte Otto nun als mehr Schutzherr der Stadt Rom den päpstlichen Besitz, das heißt alle von König Pippin und Kaiser Karl dem Großen gemachten Schenkungen. Ausdrücklich bekundete Otto, dass er sein Kaisertum als Erneuerung und Fortsetzung der karolingischen Tradition verstehe. Das muss dem Papst wohl Sorge bereitet haben, denn Kaiser Karl der Große verstand sich als der Vertreter Gottes auf Erden und hatte den Papst nur Stellvertreter Christi sein lassen. Doch das päpstliche Dogma lautete inzwischen: Kein weltlicher Herrscher durfte über dem Papst stehen.

Kaiser Otto der Große verließ Rom, um den Widerstand seines Lehenskönigs im Langobardenreich endgültig zu brechen. Doch während er noch dessen feste Plätze belagerte, schickte Papst Johannes IX. seine Sendboten in das byzantinische Kaiserreich und zu den Ungarn, um sie gegen Otto den Großen zu mobilisieren. Das wurde dem neuen Kaiser doch zu bunt. Er kehrte zurück nach Rom, berief ein Konzil ein und angeblich erfuhr er erst hier höchst unheilige Dinge über den Heiligen Vater. Die achtungswertesten Bischöfe traten gegen Johannes den X. als Ankläger auf. Einer sagte, dass er gesehen habe, wie der Papst einen im Pferdestall zum Bischof ordinierte. Andere bewiesen, dass er Bischofsstellen für Geld verkaufte und dass er einen Zehnjährigen Knaben zum Bischof von Lodi gemacht habe. Man beschuldigte ihn ferner des unzüchtigen Lebenswandels, dass er den Kardinalsubdiakon kastriert, mehrere Häuser in Brand gesteckt, beim Wein auf des Teufels Gesundheit getrunken und beim Würfelspiel oftmals Venus und Jupiter angerufen habe. Nachdem die Synode feierlichst die Wahrheit dieser Aussagen beschworen hatte, bat sie den Kaiser, den Papst trotz aller Beweise nicht ungehört zu verdammen. Johannes wurde dazu beordert, aber statt seiner kam ein Brief, in welchem er schrieb: „Wir hören, dass ihr einen anderen Papst wählen wollt. Ist das eure Absicht, so exkommuniziere ich euch alle im Namen des allmächtigen Gottes, damit ihr außerstand gesetzt werdet, weder einen Papst zu wählen noch eine Messe zu halten.“

Nun machte Kaiser Otto nicht sehr viel Umstände mit dem liederlichen Papst; setzte ihn ab und den von Volk, Adel und Geistlichkeit erwählten Leo den X. an seine Stelle. Johannes hatte sich in der Zwischenzeit mit den Schätzen der Peterskirche davon gemacht. Kaum war Kaiser Otto mit seinen deutschen Rittern wieder abgezogen, da verlangten die römischen Damen nach ihrem Liebling Johannes und wussten es durch ihre einflussreichen Gatten dahin zu bringen, dass er wieder im Triumph nach Rom zurückgeholt wurde. Dem neugewählten Papst Leo gelang es zu entkommen, aber mehrere seiner Freunde fielen Johannes in die Hände, der sie schändlich verstümmelte, neben anderen den Bischof von Speyer, Otgar. Er wurde so lange gepeitscht, bis er tot war. Der Heilige Vater Johannes der X. genoss aber die neue Herrlichkeit nicht lange. Er entführte eine schöne Frau, wurde von dem Manne derselben auf frischer Tat ertappt und totgeschlagen. Ein seltsamer Tod für den Statthalter Christi auf Erden.

Otto kehrte Italien den Rücken, auch wenn es auf dem Papstthron immer noch drunter und drüber ging. Er war jetzt endlich Kaiser von Gottes Gnaden und auf der Höhe seiner Macht. Den größten Teil von Italien beherrschte er, und sein Reichskirchensystem hatte sich als vortreffliches Instrument seiner Macht erwiesen. Er konnte Bischöfe und Äbte ernennen und wieder absetzen; damit war auch die Kirche seinem Einfluss unterworfen. Er saß auf dem Thron Karls des Großen, auch wenn sein Reich nicht ganz so groß geworden war. Doch sein Aufenthalt in Deutschland dauerte nur ein Jahr. Die chaotischen Zustände in Rom forderten erneut seine Anwesenheit. Auf dem Stuhl Petri saß jetzt Johannes XIII. Bereits im Jahr seiner Ernennung wurde er von den Römern davon gejagt und rief jetzt nach Ottos Hilfe. Also brach der Kaiser wieder nach Italien auf. Diesmal nahm er seinen Sohn mit auf die Reise. Papst Johannes der XIII. sollte die kaiserliche Hilfe gleich ordentlich bezahlen und seinen Sohn zum Mitkaiser salben, damit die Thronfolge unumstößlich sei. Schon auf die Kunde vom Herannahen des kaiserlichen Heeres beriefen die Römer Johannes den XIII. als sei nichts gewesen auf den Papstthron zurück, und am Weihnachtstag 967 krönte der Papst Ottos elfjährigen Sohn zum Kaiser, Otto den II.

Otto der Große beschloss, in Italien zu bleiben, um auch in diesem Teil seines Reiches Ordnung zu schaffen und die Anerkennung seiner Kaiserwürde durch Byzanz zu erzwingen. Unteritalien war immer noch Teil des byzantinischen Reiches und dessen Kaiser in Konstantinopel sah sich auch als Beschützer der Christenheit, auch wenn er bisher nicht viel unternommen hatte, um diesem Anspruch gerecht zu werden. Aber er war der rechtmäßige Erbe des römischen Imperiums, nicht der Papst oder der neue Kaiser des Germanenreichs. Otto der Große. Es folgten Feldzüge gegen die byzantinischen Besitzungen in Unteritalien und immer wieder Verhandlungen. Dann war es soweit: 972 wurde der Zwist endlich beigelegt durch eine Hochzeit. Die byzantinische Prinzessin Theophanu reichte dem deutschen Kaisersohn Otto dem II. ihre Hand. Dass Theophanu in Wirklichkeit keine Prinzessin, sondern nur die Nichte des Kaisers in Konstantinopel war, das brauchte in der Heimat ja keiner zu wissen. Wichtig war das Prestige, und dass durch diese Heirat das deutsche Kaisertum endlich von den byzantinischen Herrschern anerkannt wurde. Das war ein gewaltiger politischer Erfolg. Das hatte nicht einmal Karl der Große zuwege gebracht.

Als im August 972 Kaiser Otto der Große nach Deutschland zurückkehrte, war er auf dem Gipfel seiner Macht. Seinen Ruhm konnte er allerdings nicht mehr lange genießen; er starb bereits ein Jahr später. Von den zeitgenössischen Geschichtsschreibern wurde er als Haupt der Welt gepriesen, als von Gott Erwählter, mächtigster Herrscher und Beschützer des christlichen Abendlandes. Er hatte den Gottesstaat auf Erden nach dem Vorbild Kaiser Karls wiedererstehen lassen und die römische Kirche noch einmal unter seine Herrschaft gezwungen. Doch wie lange werden sich die Päpste in Rom das gefallen lassen, unter den Herrschern der Welt nur die zweite Geige zu spielen? Im Moment war daran nichts zu ändern. Das Reichskirchensystem Ottos des Großen war ein starkes Bollwerk gegen die Allmacht des Oberhirten in Rom. Also begnügten sich die Nachfolger Petri einstweilen damit, dem Satan das Leben recht schwer zu machen und die Sünde aus der Welt der Gläubigen zu schaffen.

Wer in der 40-tägigen Fastenzeit vor Ostern seiner Frau beiwohnt, muss ein Jahr Buße tun oder 16 Solidi an die Kirche bezahlen oder unter die Armen verteilen. Tut er es in Besoffenheit und zufällig, so darf er nur 40 Tage Buße tun. Jeder muss sich vor Empfang des Abendmahls der Frau sieben Tage enthalten. Der Verheiratete, der sich von der sichtbaren Empfängnis bis zur Geburt des Kindes von der Frau nicht enthält, muss, wenn ein Sohn geboren wird, 30 Tage, wenn eine Tochter geboren wird, 40 Tage Buße tun. Derlei Vorschriften gab es eine ganze Menge. Buße tun, das hieß opfern, fasten und beten. Nein, es war nicht leicht, nach den Regeln des christlichen Gottes zu leben. Überall lauerte die Versuchung, die Sünde, das Böse, Satan. Die ganze Welt war Teufelswerk. Fratzen Luzifers waren die alten Götter, an die man seit Menschen Gedenken geglaubt hatte. Uralte heilige Bräuche waren Hexenkünste, und leider gab es noch genug Volk, das daran festhielt. Hebammen waren sehr bewandert in der Kunst des Heilens, und ihr Wissen über die Kräuter wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Beim Pflücken war es wichtig, die richtigen magischen Worte zu murmeln, damit das Kraut später auch seine volle Wirkung entfalten konnte. Die Kirche verbot das Sammeln der Kräuter nicht, aber es musste unter Gebeten erfolgen und mit Nachdruck verurteilte sie, dass an Stelle des Credo oder des Pater noster abscheuliche Zaubersprüche angewandt wurden.

Eine große Menge verbrecherischer Frauen haben sich dem Teufel ergeben. Auf dem Rücken von Tieren durchqueren sie in der Luft riesige Entfernungen, um sich an dem Orte zu versammeln, wo der Hexensabbat stattfindet. Dort dienen sie in bestimmten Nächten der heidnischen Göttin Diana als ihrer Herrin. Ach, dass sie doch die einzigen Opfer ihres Wahns wären und nicht noch viele andere auf den Weg des Verderbens zerren würden! Eine unglaubliche Anzahl von Menschen lässt sich nämlich von ihrem Lug und Trug verführen und hält all das für wahr. In diesem Wahn weichen sie sogar vom rechten Glauben ab und verfallen in den heidnischen Irrtum, es gäbe irgendwelche Götter und höhere Mächte außer dem einzigen Gott. In Wirklichkeit tritt doch der Teufel immer zu in anderer Gestalt und Verkleidung auf und täuscht so ein ihm verfallenes, schwaches Gemüt mit mancherlei Bildern. Einstweilen begnügte sich die Geistlichkeit in den meisten Fällen noch damit, die so vom Satan Verführten von der Kanzel herab auf den rechten Weg zu bringen. Aber es war höchste Zeit, Buße zu tun.

Das Jahrtausend ging zu Ende. Ein Fieber bangen Hoffens, Furcht und Erwartungen begann sich der Menschen zu bemächtigen. Augustinus hatte gelehrt, dass mit der Geburt Christi das tausendjährige Reich begonnen hätte; jetzt gingen die tausend Jahre zu Ende. Stand die Wiederkunft Christi unmittelbar bevor? Im Jahr 999 erfasste viele Christen Todesangst. Sie ließen ihre Äcker unbestellt und spendeten große Summen der Kirche. Viele pilgerten nach Rom. Andere glaubten nach der Offenbarung der Heiligen Schrift, müsse der Wiederkunft Christi die Herrschaft des Antichrist vorausgehen. Die müsse mit dem Jahre tausend anbrechen. Hat nicht gerade jetzt, so kurz vor der Zeitenwende, ein Mann den Papstthron bestiegen, von dem alle Welt behauptet, er stünde im Bündnis mit dunklen Mächten, begünstige die Wissenschaften und dergleichen Teufeleien? Dabei ist doch die Heilige Schrift die einzige Wahrheit; alles andere muss Teufelswerk sein. Papst Silvester II. trieb eifrig Mathematik und hatte die arabischen Ziffern eingeführt. Man erzählt sich, der Teufel selbst habe ihm die Papstwürde verheißen und versprochen, ihn nicht eher zu holen, als bis er in Jerusalem Messe lesen würde. Dazu besteht freilich wenig Hoffnung, denn diese Stadt ist von den Sarazenen besetzt, und Silvester II. glaubte daher, die Bedingung eingehen zu können. Als mit dem Anbruch des neuen Jahrtausends nichts geschah, atmete man auf und erinnerte sich an die Bibelworte: „Den Tag und die Stunde kennt niemand, nicht einmal die Engel des Himmels.“ Doch drei Jahre später sollte Papst Silvester sein Schicksal erleiden. Es gab nämlich in Rom eine Kirche, welche den Namen Jerusalem führte. Hier las der Papst eine Messe, ohne an den Namen zu denken, und der Teufel holte ihn gewissenhafterweise. Silvesters Grab hat lange geschwitzt und seine Gebeine rasselten schrecklich.

Das Leben der Menschen begann sich allmählich zu verändern. War es der Beginn des neuen Jahrtausends, in dem viele einen Neuanfang sahen? Ein burgundischer Mönch berichtet: Als das Mitte des Jahres nach dem Jahrtausend ins Land zog, wurden fast auf der ganzen Erde, vornehmlich aber in Italien und Gallien, die Kirchen umgebaut. Nicht etwa wegen Baufälligkeit; die meisten waren sogar recht gut erhalten, sondern weil jede christliche Gemeinde von glühendem Wetteifer erfasst, eine noch prächtigere besitzen wollte als die Nachbargemeinden. Es war geradezu, als schüttle die Welt ihr Alter ab und lege allen Ländern einen weißen Mantel von Kirchen an. Damals wurden fast sämtliche Kirchen der Bischofssitze, die den verschiedenen Heiligen geweihten Klosterkirchen, ja selbst die Dorfkirchlein von den Gläubigen schöner wieder aufgebaut. Diese rege Bautätigkeit war teuer, aber die Jahrtausendwende hatte der Kirche durch die Spenden der Gläubigen solche Reichtümer beschert, dass sie sich den Kirchenbau gut leisten konnte. Es wird angenommen, dass zu dieser Zeit in Deutschland Land und rund die Hälfte des Grund und Bodens Eigentum der Kirche war. Ungarn- und Normanneneinfälle gehörten scheinbar der Vergangenheit an. Die Bevölkerung war kräftig gewachsen, und die Orte um Burgen und Klöster wurden schnell größer und gaben gute Verdienstmöglichkeiten für ein aufstrebendes Handwerk. Verstärkt setzte jetzt auch der Handel mit Waren aller Art ein. Es arbeiteten nicht mehr alle Menschen auf dem Feld. Die Erträge waren durch die Einführung der Dreifelderwirtschaft mit ihrem Fruchtwechsel deutlich besser geworden, und neuerdings konnte man schon Pflüge mit Rädern sehen, die sich viel tiefer in den Boden gruben. Die Zugtiere schafften das ohne Mühe, denn es waren auch neue Zuggeschirre erfunden worden, die die Kraft der Tiere besser nutzten: das Kummet für die Pferde und das Stirnjoch für die Rinder. Verstärkt wurde jetzt auch die Kraft des Wassers genutzt, nicht nur zum Korn mahlen, sondern neuerdings auch zum Walken der Wollstoffe. Wassergetriebene Hammerwerke für die Eisenverarbeitung waren die allerneueste Errungenschaft.

In den Gelehrten Stuben jener Zeit, das waren die Klöster, las man jetzt neuerdings Cicero und Aristoteles, und mancher Kirchenmann schätzte die antiken Dichter höher als das Christentum. Südlich der Alpen soll es von diesen Leuten noch mehr gegeben haben, die aber häufig durch Schwert und Feuer ihr Ende fanden. Besonders in den wirtschaftlich besser entwickelten Regionen tauchten jetzt immer wieder so unglaubliche Ansichten auf, wie diese: dass nicht die göttliche Vorsehung, sondern der Zufall die Welt regiere. In der Diözese Utrecht ermahnte der Priester den Dorfältesten doch zur Kommunion zu gehen. „Ihm sei ein Krug voll Bier lieber als der Kelch des Herrn“, gab der zur Antwort, und so blieb die Kirche leer, weil auch die übrigen Dorfbewohner der gleichen Meinung waren. Das war Rebellion gegen Gott. Warnungen, dass literarische Bildung zu jener Dummheit anleite, die in eitler Ruhmsucht bestehe, und dass Beredsamkeit und Philosophie zu Arroganz verführten, fruchteten wenig. Auch der Hinweis auf die Einfachheit der galiläischen Fischer, die Christus gefolgt waren, konnten den neuen Unglauben nicht aus der Welt schaffen. „Die menschliche Seele ist nichts; sie verschwindet mit dem letzten Atemzug.“ Das hatte der Mönch Alpert von Metz gehört, von Wirtshausgängern. Wie kamen solch gotteslästerliche Behauptungen in die Welt? Entsprangen sie den Werken der antiken Philosophen, oder spielte die Enttäuschung mit, dass zur Jahrtausendwende weder der erwartete Christus noch der Antichrist erschienen waren? Es war eine eigenartige Situation: Auf der einen Seite wuchsen als Zeichen einer neuen Frömmigkeit überall die romanischen Kirchen aus dem Boden, auf der anderen Seite wucherte dazwischen das Unkraut des Unglaubens, der Häresie. Es musste etwas geschehen. Die Kirche hatte deutlich an Glaubwürdigkeit verloren und die Päpste an Macht und Ansehen.

Papst Benedikt VIII., nach den Aussagen vieler seiner Zeitgenossen ein verkommener Jüngling, hatte es sich mit den Römern verdorben, bevor er davon gejagt wurde. Er verkaufte sein Amt an den ehrwürdigen Gregor VI. gegen klingende Münze. Die Römer aber wählten gleichzeitig Silvester III. zum Papst. Während sich nun Silvester III. mit Gregor VI. darum stritt, wem denn nun eigentlich der päpstliche Thron gehören solle, tauchte Benedikt VIII. wieder auf, wollte den Verkauf seines Amtes wieder rückgängig machen und den Petrus-Thron erneut besteigen. Das waren unhaltbare Zustände. Der deutsche König musste einschreiten. Es war Heinrich III. und er kam aus dem Geschlecht der Salier, nachdem die ottonische Linie erloschen war. Heinrich III. war noch nicht zum Kaiser gesalbt wie seine Vorgänger, aber seit Otto dem Großen verstand sich jeder deutsche Herrscher als Beschützer der Christenheit.

Im September 1046 zog Heinrich III. mit seinem Heer über die Alpen nach Süden, entschlossen, dem päpstlichen Spuk ein Ende zu bereiten. Seine erste Station Pavia: In einer Synode lässt er den Beschluss fassen, den Handel mit kirchlichen Ämtern zu verbieten. Weiter geht es Richtung Süden. Kurz vor Rom beruft er die nächste Synode ein. Die Rechtmäßigkeit des Pontifikats der drei Päpste wird überprüft. Da dankt Gregor VI. freiwillig ab, Silvester III. wird seines Amtes enthoben. In Rom dann die dritte Synode: Auch Benedikt VIII. wird abgesetzt. Heinrich III. schlägt Bischof Suitger von Bamberg als Clemens II. zum Papst vor. Dem wird auch sofort zugestimmt, und zum Weihnachtsfest salbt der neue Papst Heinrich III. zum Kaiser. Doch die Päpste jener Zeit hatten ein gar kurzes Leben. Es dauerte kein Jahr, und Clemens II. war tot, vergiftet, wie man vor einigen Jahren an den Gebeinen des Toten feststellen konnte. Nun schlug Heinrich III. den Bischof Poppo von Brixen vor als Papst Damasus II. Er lebte ganze 23 Tage. Kaum ein Bischof hatte nun noch große Lust, als Papstkandidat nach Rom zu gehen. Doch nun wandten sich die Römer selbst an Kaiser Heinrich III. mit der Bitte um einen neuen Papstvorschlag. Des Kaisers Wahl fiel auf Bischof Bruno von Toul. Der war gar nicht besonders begeistert von der Aussicht, Papst zu werden. Er war aber ein Vetter Kaiser Heinrichs III., und so konnte er nicht gut ablehnen. Nach einigen Monaten Bedenkzeit stimmte er zu und wurde Papst Leo IX.

Leos Amtszeit währte immerhin 5 Jahre, und er nutzte die Zeit vehement. Ging er gegen den Handel mit Kirchenämtern, auch Simonie genannt, vor. Er hielt feierliche Gottesdienste ab und konnte als glänzender Redner die Gläubigen begeistern. Auf einmal wurde der Papst für die Massen des Volkes ein unmittelbares Erlebnis und belebte überall, wo er hinkam, den Glauben an seine heilige Sendung. Zum Ratgeber erwählte sich Papst Leo IX. einen kleinen, braunen, ungewöhnlich hässlichen Mönch mit Namen Hildebrand, den er alsbald zum Subdiakon beförderte. Hildebrand wurde schnell zur grauen Eminenz, zur verborgenen Seele aller päpstlichen Maßnahmen. Als Leo IX. am 19. April 1054 starb, war es Subdiakon Hildebrand, der zum Kaiser nach Deutschland reiste und sich dessen Ängsten vertraute, den Bischof Gebhard von Eichstätt als Kandidaten für die Papstwahl erbat. Nur wie strebend entsprach der Kaiser dem Wunsche Hildebrands, und Bischof Gebhard von Eichstätt wurde Papst Viktor II.

Der 5. Oktober 1056 ist ein Datum, das kaum in irgendeinem Geschichtsbuch große Erwähnung findet, und dennoch geschieht an diesem Tag etwas, das das Machtverhältnis zwischen Kaisertum und Papsttum völlig verändern wird. Im Alter von nur 38 Jahren stirbt Kaiser Heinrich III. Sein Sohn Heinrich IV. soll die Nachfolge antreten, doch der ist noch keine sechs Jahre alt. Also übernimmt dessen Witwe Agnes die Regentschaft für ihr Kind. Papst Viktor II., der frühere Vertraute und Berater des verstorbenen Kaisers, eilt ihr zu Hilfe, denn sie ist dem Ränkespiel um die Macht keineswegs gewachsen. Doch hinter Papst Viktor II. zieht bereits ein anderer die Fäden: Subdiakon Hildebrand. Als im folgenden Jahr auch Papst Viktor II. stirbt, ist es wieder Hildebrand, der die Papstwahl entscheidend beeinflusst. Dem Aufschwung des Papsttums zu neuen Höhen steht jetzt nichts mehr im Wege. Ziel ist die unbedingte Herrschaft der geistlichen Gewalt über die weltliche, und Subdiakon Hildebrand ist der Stratege hinter den Kulissen. Zuerst muss die Wahl des Papstes dem Einfluss weltlicher Herrscher entzogen werden. Dass ein Kaiser wie der verblichene Heinrich III. drei Päpste absetzen konnte und vier intronisieren, das durfte es nicht mehr geben. Den Papst zu erwählen, das wird von nun an Aufgabe der Kardinäle, die einen aus ihrer Mitte zum Oberhirten ernennen. Natürlich wird Hildebrand jetzt Kardinal.

Ob die folgende Begebenheit auch dem Einfluss Hildebrands zuzurechnen ist, muss offen bleiben. Hauptdrahtzieher war jedenfalls ein Erzbischof, nämlich Anno von Köln. Die Bischöfe Günther von Bamberg und Egbert von Braunschweig waren mit von der Partie, ebenso wie einige deutsche Herzöge. Es war ein Anschlag auf den mittlerweile elfjährigen Thronfolger Heinrich. Das Pfingstfest im Jahr 1062 verbrachte die Kaiserin mit ihrem Sohn auf der Rheininsel Kaiserswerth bei Düsseldorf. Vor den Augen seiner hilflosen Mutter wurde der junge Thronfolger auf ein bereitgehaltenes Schiff gelockt und entführt. Heinrich versuchte sich durch einen Sprung in die Fluten des Rheins zu retten, doch des Erzbischofs Männer fischten ihn wieder heraus und brachten ihn nach Köln. Erzbischof Anno setzte anschließend auf einer Reichsversammlung den Beschluss durch, dass immer derjenige Verwalter der Krone sein solle, in dessen Gebiet sich der junge Herrscher gerade aufhielte. Agnes, die Mutter des Thronfolgers, gab auf; sie ging in ein römisches Kloster, während in Rom Kardinal Hildebrand die päpstliche Politik beherrschte, regierte Erzbischof Anno von Köln jetzt das Kaiserreich.

Dass das Papsttum nun die Oberhand über das Kaisertum gewann, ist nicht verwunderlich. Im heranwachsenden Heinrich IV. muss die erzwungene kirchliche Bevormundung eine Rebellion ausgelöst haben. Sein Vater Heinrich III. hatte noch die Macht, Päpste einzusetzen oder nach Belieben auch abzusetzen. Er, Heinrich IV., war ein Gefangener der Kirche, ohnmächtig sogar den Bischöfen gegenüber. Im 15. Lebensjahr mündig erklärt, trat König Heinrich IV. im März 1065 die Regierung des Reiches an, so recht und schlecht, wie man das von einem Heranwachsenden seines Alters erwarten konnte. Ohne die Hausmacht eines eigenen Herzogtums war er dem Wohlwollen der geistlichen und weltlichen Landesfürsten ausgeliefert, und die machten ihm das Regieren ziemlich schwer, mussten sie doch um ihre eigenen Vorrechte fürchten, wenn sie den König stärkten. Während Heinrich noch darum kämpfte, seine Macht zu festigen, wurde im Jahr 1073 in Rom ein neuer Papst gewählt. Es wird niemanden wundern, dass es gerade jener kleine, braune, ungewöhnlich hässliche Mönch mit Namen Hildebrand war, der als Papst Gregor VII. den Stuhl des Oberhirten bestieg.

Die Aussichten Gregors VII. als Weltherrscher in die Geschichte einzugehen, waren nicht schlecht. Das Reichskirchensystem Otto des Großen hatte überall im Reich mächtige Kirchenfürsten entstehen lassen, die von einem noch mächtigeren Kaiser eingesetzt und auch abgesetzt werden konnten. Viele Regierungsämter waren von Kirchenmännern besetzt, die Rechtsprechung lag meist in den Händen der Bischöfe. Jetzt gab es keine Kaisermacht mehr, nur noch den jungen König Heinrich IV., der verzweifelt um seine Anerkennung kämpfte. Jetzt lag die ganze Macht bei ihm, Papst Gregor VII. Dass sein Anspruch auf die völlige Herrschaft über die gesamte Christenheit, ja über die ganze Welt, außer Frage stand, das sollten wieder einmal die Urkunden und Briefe der allerersten Bischöfe Roms, die sogenannten pseudoisidorischen Dekretalen, beweisen – bekanntlich Fälschungen aus der Feder päpstlicher Schreiber des neunten Jahrhunderts. Nach Gregors Grundsatz war der Papst der Statthalter Gottes; Gott hatte ihm die ganze Welt zu Lehen gegeben. Daraus folgte, dass alle weltlichen Herrscher ihren Besitz nur als Lehen aus den Händen des Papstes empfangen könnten. Jeder Herrscher, der dem nicht entsprechen wollte, wurde mit dem Bann bedroht.

In seinen Kanzleigrundsätzen, den Dictatus Papae, offenbarte er den neuen Kurs der Kirche: „Quod Romana ecclesia solo Domino sit fundata.“ – Dass die römische Kirche vom Herrn allein gegründet worden ist. „Quod solus Romanus Pontifex jure universalis.“ – Dass allein der römische Bischof mit Recht weltumfassend genannt wird. „Quod solus deponere episcopos vel reconciliare.“ – Dass allein er Bischöfe absetzen und wieder einsetzen kann. Dass er allein die kaiserlichen Herrschaftszeichen verwenden kann. Dass alle Fürsten allein des Papstes Füße küssen. Dass allein sein Name in den Kirchen genannt wird. Dass dieser Name einzigartig ist auf der Welt. Dass es ihm erlaubt ist, Kaiser abzusetzen. Dass sein Urteilsspruch von niemanden widerrufen werden darf und er selbst als einziger die Urteile aller widerrufen kann. Dass er von niemandem gerichtet werden darf. Dass niemand es wage, denjenigen zu verurteilen, der an den apostolischen Stuhl appelliert. Dass die wichtigen Streitfragen jeder Kirche an ihn übertragen werden müssen. Dass die römische Kirche niemals in Irrtum verfallen ist und nach dem Zeugnis der Schrift niemals irren wird. Dass der römische Bischof, falls er kanonisch eingesetzt ist, durch die Verdienste des heiligen Petrus unzweifelhaft heilig wird, nach dem Zeugnis des heiligen Bischofs Enodius von Pavia, dem viele Heilige Väter beistimmen, wie aus den Dekreten des heiligen Papstes Symachus hervorgeht.

Zur Ausführung seiner ehrgeizigen Pläne hielt es Gregor VII. für nötig, die Geistlichkeit von allen Banden zu trennen, durch welche sie mit der bürgerlichen Gesellschaft und mit dem Staate verbunden war. Sie sollte kein anderes Interesse als das der Kirche haben und dieser mit Leib und Seele angehören. Da Familienbande die fesselndsten und einflussreichsten Bande von allen sind, so unternahm er es, um jeden Preis die Ehe bei Geistlichen auszurotten. Dass im Hintergrund noch andere Beweggründe eine Rolle spielten, zeigt ein Konzil aus dem Jahre 1278, also rund 100 Jahre später. Die Priester hatten nämlich den Kampf um ihre Frauen nicht sogleich aufgegeben. Es heißt dort in einer der Verordnungen: „Da die Fleischeslust den Klerikalstand vielfältig entehrt, besonders wenn es zum Kinderzeugen kommt, so verordnen wir, dass die Kleriker, besonders die in den heiligen Weihen sich befindlichen, sich nicht unterstehen, ihren im geistlichen Stand erzeugten Söhnen und ihren Konkubinen etwas testamentarisch zu vermachen. Solche Vermächtnisse sollen der Kirche des Testators zufallen.“

Die Gregorianische Reform gilt als herausragende Leistung Gregors VII. und ging in die Kirchengeschichte ein. Doch sie erschöpfte sich nicht in der Forderung nach dem Zölibat der Geistlichen. Eines der Hauptziele war die Einsetzung von Erzbischöfen, Bischöfen und Äbten durch weltliche Machthaber zu unterbinden. Investitur wird die Zeremonie genannt, in welcher der Kaiser den künftigen Bischof zum Reichsfürsten erhob und ihn mit Landbesitz belehnte. Der Bischof war jetzt Vasall des Kaisers. Gleichzeitig überreichte ihm der Herrscher einen Ring zum Zeichen der Vermählung des Bischofs mit dem Reich und den Hirtenstab, das Symbol des geistlichen Hirtenamtes. Der Geistliche wurde nicht eher in seine Würde eingesetzt, bis diese Zeremonie stattgefunden hatte. Sie war das Band, durch welches die Bischöfe mit dem Landesfürsten zusammenhingen. Dieses Band wollte Gregor lösen, um der weltlichen Macht alle Gewalt über die Kirche und deren Diener zu entziehen.

Auf eine Synode im Jahr 1075 erließ er ein Dekret, welches allen Geistlichen bei Strafe des Verlustes ihrer Ämter verbot, die Investitur aus der Hand eines Laien, eines Nichtgeistlichen, zu empfangen. Laien, die dem zu widerhandelten, wurden mit dem Bann bestraft. Die Fürsten waren erstaunt über die neue Anmaßung des Oberhirten und scherten sich nicht um seine Befehle. Gregor wusste jedoch sehr wohl, was er wagen konnte. Er mühte sich nicht mit den kleineren Fürsten ab; er wollte ihnen seine Macht zeigen, indem er sie gegen den angesehensten unter ihnen, gegen König Heinrich IV., richtete. Als Heinrich IV. des Papstes neue Ansprüche nicht beachtete und fortfuhr, in Deutschland und Italien nach herkömmlicher Weise Bischöfe zu ernennen, schlug das Unvermeidliche zu.

Neujahr 1076 erhielt der König ein drohendes Schreiben des Papstes mit der Aufforderung, nach Rom zu kommen, um sich vor dem Oberhirten zu verantworten. Heinrich IV. war empört über diese Unverschämtheit und berief eine Synode nach Worms. Hier erhob Kardinal Hugo Candidus, der unter Umgehung der anderen Kardinäle Gregor auf den Papstthron befördert hatte, schwere sittliche Vorwürfe gegen den Oberhirten. 26 deutsche Kirchenfürsten erklärten daraufhin einstimmig Gregor VII. für abgesetzt. Ein königlicher Brief mit der Mitteilung hiervon wurde nach Rom gesandt und dort öffentlich verlesen. Eine Synode lombardischer Bischöfe in Piacenza schloss sich dem Urteil von Worms an. Auch in Rom empörte sich eine Menge Gebannter gegen den Papst und überfiel ihn in der Kirche, als er gerade sein Hochamt hielt. An den Haaren schleppten sie ihn ins Gefängnis. Aber Gregor hatte nicht nur Feinde in Rom; vor allem Mathilde, die mächtige Markgräfin von Tuszien, war ihm sehr eifrig zugetan, und so kam er schnell wieder frei.

Der Oberhirte war kein Mann, der schnell klein beigab, und so ließ seine Antwort an Heinrich IV. nicht lange auf sich warten: „Heiliger Petrus, erster unter den Aposteln, höre mich, deinen Knecht! Kraft deiner Vollmacht zur Ehre und zum Schutze deiner Kirche im Namen des allmächtigen Gottes untersage ich dem König Heinrich, der sich gegen deine Kirche in unerhörter Anmaßung erhoben hat, die Regierung des Deutschen Reiches und Italiens. Entbinde alle Christen des Eides, den sie geleistet haben oder noch leisten werden, und verbiete hierdurch, dass irgendjemand ihm als König diene.“ Zugleich mit dem Bannspruch überschwemmte ein Heer von Mönchen ganz Deutschland und bearbeitete das Volk. Zuerst schlugen die Deutschen fast einstimmig gegen den verwegenen Papst, doch schnell fielen des Königs Getreue von ihm ab, bis auf einen Herzog, Gottfried von Lothringen. Doch den räumten Mörder aus dem Wege. Die deutschen Fürsten versammelten sich zu und erklärten hier dem König, dass sein Reich zu Ende sei, wenn er sich nicht innerhalb eines Jahres vom Bann befreite. Als Heinrich die Verhandlungen mit dem Papst nicht zustande brachte, luden die Fürsten zum Reichstag nach Augsburg. Auch der Papst war geladen und dachte sich den Weg Heinrichs gegenüber, da eine Allianz bilden. Niemand stand mehr auf seiner Seite. Niedergedrückt von dem finsteren Geist seiner Zeit, von aller Welt verlassen, nur noch wenige Soldaten waren bei ihm, entschloss sich der deutsche König im Büßerhemd nach Rom zu gehen und den so furchtbar gewordenen Gegner zu versöhnen.

In bitterer Kälte – es gab einen strengen Winter in jenem Jahr – eilte er mit Frau und Sohn durch Burgund und über den Mont Cenis nach Oberitalien. Die Italiener strömten ihm zu und verlangten, er solle an der Spitze eines Heeres den rebellischen Großpfaffen zur Rede stellen. Aber der Mut des Herrschers war gebrochen; er wollte demütig von Gregor Gnade erflehen. Dieser ließ sich nichts weniger träumen, als dass er auf seiner Reise nach Augsburg bereits in die Lombardei gekommen war, als er die Ankunft des Kaisers vernahm. Floh er eiligst nach dem festen Schloss Canossa, welches seiner Buhlerin, der reichen Markgräfin Mathilde von Tuszien, gehörte. Hier erschienen am 25. Januar 1077 der deutsche König in einem leinenen Büßerhemde, bloßen Hauptes und barfuß. So stand er in dem Raum vor der inneren Ringmauer des Schlosses drei Tage und drei Nächte lang mitten im Schnee, zitternd vor Frost und matt vor Hunger und Durst. Aus den Fenstern des Schlosses schaute Gregor an der Seite seiner Buhlerin auf seinen gedemütigten Feind herab und hätte ihn gern so sterben sehen. Des Papstes unmenschliche Härte brachte alle Hausgenossen zum Murren, und endlich gab er den Bitten der Markgräfin nach, die zwar Heinrichs Feindin, aber barmherziger war, und führte den Kaiser an den Altar. Hier durchbrach Gregor eine Hostie: „Bin ich der Verbrechen schuldig, deren du mich in Worms bezichtigst, so mag Gott der Herr mich durch einen plötzlichen Tod strafen“, sprach der Papst und nahm die Hälfte der Hostie. Gregor war nicht abergläubisch und nicht nervenschwach; er blieb am Leben.

Der Bann wurde nun von Heinrich genommen, aber die Bedingung war hart: „Wirst du dich auf dem zusammengerufenen Reichstage rechtfertigen und die Krone wiedererhalten, so sollst du mir Gehorsam und untertänig sein.“ Heinrich IV. kehrte nach Deutschland zurück, doch die deutschen Fürsten waren mit ihrem König nun doch nicht mehr zufrieden und wählten einen anderen, Rudolf von Schwaben. Jetzt brach der Bürgerkrieg aus. Gregor VII. verhielt sich ruhig, solange nichts Entscheidendes geschah. Als aber Heinrich in einer Schlacht geschlagen wurde, sandte er dem Gegenkönig eine Krone zu mit der stolzen Inschrift: „Der Fels gab Petrus, Petrus gab Rudolf die Krone.“ Über Heinrich verhängte er aufs Neue den Kirchenbann, doch diesmal verfehlte der Bannfluch seine Wirkung. Der politische Zweck war zu vordergründig, und so konnte Heinrich genug Getreue um sich scharen, vor allem die Bürger der schnellwachsenden Städte waren auf des Königs Seite, da sie oft von ihren Bischöfen genug hatten. Auf drei Synoden ließ er Gregor VII. absetzen und den Erzbischof von Ravenna zum Oberhirten wählen als Clemens III. bestieg der den päpstlichen Stuhl. Drohend prophezeite der abgesetzte Gregor, dass noch in demselben Jahre vor dem Petersfeste ein falscher König sterben werde. Damit seine Prophezeiung an Heinrich auch in Erfüllung gehe, sandte er einige Meuchelmörder aus. Aber Gregors Absicht wurde zum Segen für Heinrich. Am 15. Juni

1080 besiegte er Rudolf. Rudolf wurde im Kampf die rechte Hand abgeschlagen, die Hand, mit der er Heinrich dem VI. die Treue geschworen hatte. Er starb noch auf dem Schlachtfeld an dieser Verletzung. Das galt als Zeichen des Himmels, als Erfüllung der gregorianischen Zählung, nur nicht ganz im Sinne des Propheten.

Nun rückte Heinrich gegen Rom, vernichtete das Heer der päpstlichen Gespielen. Matilde eroberte die Stadt und belagerte den rasenden Gregor den IV. in der Engelsburg. Die von diesem zu Hilfe gerufenen Normannen, welche damals in Unteritalien herrschten, rückten mit 30.000 Mann an. Aber anstatt Gregor zu befreien, eroberten sie die Stadt und legten Rom in Schutt und Asche.

Jetzt musste Gregor vor der Wut der Römer fliehen. Er ging nach Salerno zu den Normannen, wo er kurz darauf starb. Erst Sohn eines Schmieds, dann der eifernde Mönch Hildebrand, spätere Schreiber gaben ihm den Namen Höllenbrand, endlich dann Papst Gregor VI. Das Reich Gottes auf Erden wollte er errichten und starb zuletzt wie ein gestürzter Tyrann.

Für Heinrich den IV. muss Gregors Tod eine große Erleichterung gewesen sein. Das Reichskirchensystem Otto des Großen war noch einmal gerettet und mit Clemens dem III. saß jetzt wieder ein Papst auf dem Petrusstuhl, der nicht dagegen ankämpfte. Heinrich IV. hatte ihn zum Papst erhoben und im Gegenzug salbte Clemens III. Heinrich den IV. zum Kaiser. So einfach war die Welt plötzlich wieder.

Doch der Waffenstillstand zwischen Kaisertum und Papsttum wird nicht lange währen. Bereits im Jahre 1122 wird die römische Kirche den Sieg in der Auseinandersetzung um die Investitur davon tragen.

Im Wormser Konkordat, gegen den Sohn Heinrichs des VI., aus der Urkunde Heinrichs des V. im Namen der Heiligen und unteilbaren Dreieinigkeit: Ich, Heinrich, von Gottes Gnaden erlauchter Kaiser der Römer, überlasse aus Liebe zu Gott und zur Heiligen Römischen Kirche und zu dem Herrn Papst Calixtus und um meines Seelenheils willen Gott und seinen heiligen Aposteln Petrus und Paulus und der heiligen katholischen Kirche jede Investitur mit Ring und Stab und gestatte, dass in allen Kirchen meines Königreiches und Kaiserreiches die Wahl auf kanonische Weise stattfinde und die Weihe frei sei. Die Besitzungen und Regalien des heiligen Petrus, die vom Beginn dieses Streites bis auf den heutigen Tag, sei es zu meines Vaters oder auch zu meiner Zeit genommen wurden, stelle ich, soweit ich sie habe, derselben Heiligen Römischen Kirche wieder zu. Die ich aber nicht besitze, werde ich getreulich zurückerstatten lassen. Auch gebe ich wahren Frieden dem Herrn Papst Calixtus und der Heiligen Römischen Kirche und allen, die auf seiner Seite stehen oder gestanden haben, und worin die Heilige Römische Kirche Hilfe verlangen wird, werde ich getreulich helfen und worüber sie Klage vor mich bringt, ihr Recht verschaffen, wie es sich gebührt.

Und so wird der Streit um das Recht, Bischöfe einsetzen zu dürfen, mit der Niederlage des Kaisers im Wormser Konkordat enden. Das Streben des Papsttums nach absoluter Macht war durch das Vorbild Gregors zum Wahn der römischen Kirche geworden.

Im Jahre 1095 berief Papst Urban II. eine Synode nach Clermont, um das Überhandnehmen von Unglauben und Sittenlosigkeit zu bekämpfen und der sinkenden Kirche wieder aufzuhelfen, um Zucht und Sitten wieder aufzubauen und den Frieden, der aus der Welt entschwunden ist, wiederherzustellen. Der Papst sprach unter freiem Himmel, da kein Gebäude die 14 Erzbischöfe, 225 Bischöfe, 400 Äbte und die Unmasse der niederen Geistlichen und der Laien, die anwesend waren, aufzunehmen vermochte.

Das gottlose Volk der Sarazenen drückt die heiligen Orte, die von den Füßen des Herrn betreten worden sind, schon seit langer Zeit mit seiner Tyrannei und hält die Gläubigen in Knechtschaft und Unterwerfung. Die Hunde sind ins Heiligtum gekommen und das Allerheiligste ist entweiht. Das Volk, das den wahren Gott verehrt, ist erniedrigt. Das auserwählte Volk muss unwürdige Bedrückung erleiden. Das königliche Priestertum muss als Sklave Ziegel brennen. Die Fürsten der Länder, die Stadt Gottes, muss Tribut zahlen. Will einem nicht die Seele darüber zergehen? Will einem nicht darüber das Herz zerfließen? Liebe Brüder, wer kann das mit trockenen Augen anhören?

Der Tempel des Herrn, aus dem er in seinem Eifer die Käufer und Verkäufer hinausgetrieben hat, damit das Haus seines Vaters nicht eine Mördergrube werde, ist nun Sitz des Teufels geworden. Die Stadt des Königs aller Könige, die den anderen die Gesetze des unverfälschten Glaubens gegeben hat, muss heidnischem Glauben dienstbar sein. Die Kirche zur Heiligen Auferstehung, die Ruhestätte des Herrn, steht unter der Herrschaft derer, die an der Auferstehung keinen Teil haben, sondern als Stoppeln zur Erhaltung des ewigen höllischen Feuers werden dienen müssen. Die ehrwürdigen Orte sind in Schafskrippen und Viehställe verwandelt. Dem preiswürdigen Volke werden die Söhne entrissen und gezwungen, heidnischer Unreinheit dienstbar zu sein und den Namen des lebendigen Gottes zu verleugnen und mit lasterhaftem Munde zu schmähen. Und wenn sie sich den Gottlosen Befehlen widersetzen, so werden sie wie das Vieh hingeschlachtet.

Genossen der heiligen Märtyrer, den Tempelschändern gilt jeder Ort, jede Person gleich viel. Sie morden die Priester im Heiligtum. Wehe uns, die wir in den Jammer der gefahrvollen Zeit versunken sind, von der der fromme König David sie im Geist voraussehend klagend gesprochen hat: "Gott, es sind Heiden in dein Erbe gefallen, die haben deinen heiligen Tempel verunreinigt. Herr, wie lange wirst du zürnen?"

Bewaffnet euch mit dem Eifer Gottes, liebe Brüder! Gürtet eure Schwerter an eure Seiten, rüstet euch und seid Söhne des Gewaltigen! Besser ist es im Kampfe zu sterben, als unser Volk und die Heiligen leiden zu sehen. Wer einen Eifer hat für das Gesetz Gottes, der schließe sich uns an! Wir wollen unseren Brüdern helfen. Ziehet aus und der Herr wird mit euch sein. Wendet die Waffen, mit denen ihr in sträflicher Weise Bruderblut vergießt, gegen die Feinde des christlichen Namens und Glaubens. Die Diebe, Räuber, Brandstifter und Mörder werden das Reich Gottes nicht besitzen. Erkauft euch mit wohlgefälligem Gehorsam die Gnade Gottes, dass er euch eure Sünden, mit denen ihr seinen Zorn erweckt habt, um solch frommer Werke und der vereinigten Fürbitten der Heiligen willen schnell vergebe.

Wir aber erlassen durch die Barmherzigkeit Gottes und gestützt auf die heiligen Apostel Petrus und Paulus allen gläubigen Christen, die gegen die Heiden die Waffen nehmen und sich der Last dieses Pilgerzuges unterziehen, alle Strafen, welche die Kirche für ihre Sünden über sie verhängt hat. Und wenn einer dort in wahrer Buße fällt, so darf er fest glauben, dass ihm die Vergebung seiner Sünden und die Frucht ewigen Lebens zu Teil werden wird. Unterdessen aber betrachten wir diejenigen, welche im Glaubenseifer jenen Kampf auf sich nehmen wollen, als Kinder des wahren Gehorsams und stellen sie unter den Schutz der Kirche und der heiligen Apostel Petrus und Paulus. Sie sollen vor jeder Berührung ihres Eigentums oder ihrer Personen gesichert sein.

Es zeigte sich, dass das Werk von Gott gesegnet war, denn Alt und Jung folgten mit der größten Freude diesem Aufgebot, so schwierig es auch verlangte. Und nicht nur die persönlich Anwesenden hatten sich an dem Feuer der Worte des Heiligen Vaters begeistert. Die Predigt ging in alle Welt hinaus und entzündete auch die, welche sie nicht aus seinem Munde gehört hatten, zu gleichen Entschlüssen. Da trennte sich der Mann von dem Weibe und das Weib von dem Manne, der Vater vom Sohne, der Sohn vom Vater. Es war kein Band der Liebe, das diesem Eifer hätte Nachteil bringen können, sodass viele Mönche aus ihrem Kloster kamen und viele, die sich freiwillig um des Herrn willen eingeschlossen hatten, kamen aus ihrer Klausur.

Doch hatte nicht bei allen die Liebe zu Gott ihren Entschluss veranlasst und nicht alle trieb die weise Überlegung dazu. Viele schlossen sich bloß an, um ihre Freunde nicht zu verlassen, oder um nicht für träge zu gelten, oder aus Leichtsinn, oder um ihrer Gläubiger, denen sie schwer verschuldet waren, spotten zu können. Verschieden waren also die Beweggründe. Alles eilte herbei. Niemand dachte im Abendland an Alter oder Geschlecht, Rang oder Stand. Niemand hielt sich an Abreden. Alles gab ohne Unterschied sein Wort und gelobte einmütig mit Herz und Mund den Pilgerzug. Wo ein Fürst die Reise gelobt hatte, da strömte das Volk haufenweise zusammen, um sich seinem Gefolge anzuschließen.

Es hatten aber alle miteinander verabredet, und auch der Herr Papst hat es ihnen geboten, dass die, die den Zug mitzumachen gelobten, das segensreiche Zeichen des lebendig machenden Kreuzes auf ihren ...

... hier vor Freude frohlockend kamen bis zur Stadt Jerusalem am Dienstag, acht Tage vor den Iden des Juni, und wir belagerten sie bewunderungswürdig. Das Heer litt jedoch schrecklich unter dem Durst. Die Umgebung von Jerusalem ist dürr und wasserarm, und man findet nur in ziemlich großer Entfernung ein paar Bäche, Quellen oder Brunnen. Selbst diese Quellen waren kurz vor der Ankunft unserer Truppen von den Feinden zugeschüttet worden, damit sie weniger lange ausreichten.

Bei der Belagerung der Festung hatten sie Erde hineingeworfen oder sie durch verschiedene andere Mittel verstopft. Sie hatten auch die Zisternen geöffnet und die anderen Behälter von Regenwasser, oder hatten sie auch boshaft verborgen, damit die von Durst gequälten Armen Unglücklichen nicht kommen konnten, dort Linderung zu suchen. Während dieser Belagerung erlitten wir die Qual des Durstes in solchem Maße, dass wir Rinder und Büffel heute zusammen nähten, in denen wir Wasser sechs Meilen weit herbeiholten. Das Wasser, das uns derartige Behälter lieferten, war stinkend und ebenso wie dieses faulige Wasser war das Gerstenbrot für uns ein täglicher Anlass zu Unbehagen und Betrübnis.

Die Sarazenen stellten den Unserigen heimlich Fallen, indem sie die Brunnen und Quellen verpesteten. Sie töteten alle, die sie fanden, und versteckten ihre Tiere in Höhlen und Grotten. Unsere edlen Herren sannen nun auf Mittel, die Stadt mit Hilfe von Maschinen anzugreifen, um in sie einzudringen und das Grab unseres Erlösers zu verehren zu können. Man baute zwei hölzerne Burgen und nicht wenig andere Maschinen: Katapulte für Steine, Rammböcke und Sperrwurfmaschinen. Der Herzog Gottfried stellte einen mit Maschinen bewährten Turm her und Graf Raimund tat es gleich. Aus fernen Gegenden ließen sie Holz beischaffen.

Als die Sarazenen die Unserigen diese Maschinen bauen sahen, befestigten sie die Stadt bewundernswert und verstärkten die Wehren der Türme. Am Mittwoch und Donnerstag griffen wir die Stadt von allen Seiten stark an, aber bevor wir sie im Sturm nahmen, ließen die Bischöfe und Priester durch ihre Predigten und Ermahnungen den Beschluss fassen, dass man zu Ehren Gottes einen Bittgang um die Wälle von Jerusalem machen wolle und dass er begleitet würde von Gebeten, Almosen und Fasten.

Am Freitag ganz früh unternahmen wir einen allgemeinen Sturm auf die Stadt, ohne ihr Schaden zu können. Wir waren bestürzt und in großer Furcht. Als dann die Stunde kam, in der unser Herr Jesus Christus es zuließ, dass er für uns den Kreuzestod erlitt, schlugen sich hitzig unsere auf dem Turm aufgestellten Ritter und der andere Herzog Gottfried und Graf Eustachius, sein Bruder. In diesem Augenblick erkletterte einer unserer Ritter mit Namen Lietaut die Stadtmauer. Bald nachdem er hinaufgestiegen war, flohen alle Verteidiger von den Mauern durch die Stadt, und die Unserigen folgten ihnen und trieben sie vor sich her, sie tötend und niedersäbelnd bis zum Tempel Salomon, wo es ein solches Blutbad gab, dass die Unserigen bis zu den Knöcheln in Blut warteten. Der ganze Tempel war von ihrem Blut überrieselt.

Nachdem die Unserigen die Heiden zu Boden geschlagen hatten, ergriffen sie im Tempel eine große Zahl Männer und Frauen und töteten oder ließen leben, wie es ihnen gut schien. Bald durcheilten die Kreuzfahrer die ganze Stadt und rafften Gold, Silber, Pferde und Maulesel an sich. Sie plünderten die Häuser, die mit Reichtümern überfüllt waren. Dann, glücklich und vor Freude weinend, gingen die Unserigen hin, um das Grab unseres Erlösers zu verehren und entledigten sich ihm gegenüber ihrer Dankesschuld.

Am folgenden Tag erkletterten die Unserigen das Dach des Tempels, griffen die Sarazenen, Männer und Frauen, an, zogen das Schwert und schlugen ihnen die Köpfe ab. Einige stürzten sich von der Höhe des Tempels hinab. Bei diesem Anblick wurde Tankred von Entrüstung erfüllt. Die Unserigen beschlossen im Rat, jeder solle Almosen spenden und beten, damit Gott denjenigen wähle, von dem er wünschte, dass er über die anderen herrsche und die Stadt verwalte. Man befahl auch, alle toten Sarazenen aus der Stadt zu werfen, wegen des unsäglichen Gestanks, denn die ganze Stadt war völlig mit ihren Leichnamen angefüllt.

Die lebenden Sarazenen schleppten die Toten aus der Stadt und machten daraus haufenweise hohe Haufen. Niemand hat jemals von einem ähnlichen Blutbad unter dem heidnischen Volk gehört oder es gesehen. Scheiterhaufen gab es wie Ecksteine, und niemand außer Gott kennt ihre Zahl. Man konnte nicht ohne Entsetzen diese Menge von Toten sehen, und der Anblick der Sieger, die von Kopf bis Fuß mit Blut bedeckt waren, war nicht minder entsetzlich.

So wurde am Freitag, den 15. Juli 1099, die heilige Stadt der christlichen Welt erstürmt. So berichteten die Augenzeugen. Es gab keinen Grund für diesen ersten Kreuzzug der Christenheit im Jahre 109 für dieses Massaker an den Mohammedanern, außer dem Wahn eines allumfassenden Gottesstaates auf Erden unter der Führung des Papstes. Rund 70.000 Männer, Frauen und Kinder waren in Jerusalem von den christlichen Horden niedergemetzelt worden.

Für die römische Kirche war der Kreuzzug ein voller Erfolg. Der Papst hatte sich als Herrscher der ganzen Christenheit gezeigt, als Statthalter Gottes auf Erden. Sein Schwert hatte die Sarazenen bezwungen und Palästina dem Reich Gottes auf Erden einverleibt. Und vielleicht konnte man ja die christliche Herrschaft über den gesamten Orient ausdehnen.

Sobald das Heilige Grab aufgefunden war, strömten jetzt die frommen Christen dorthin. Wallfahrten nach dem Heiligen Land kamen in Mode. Alle Orte, die durch die Bibel eine besondere Bedeutung erlangt hatten, wurden zum Ziel der Pilger. Sogar der Misthaufen, auf welchem Hiob gesessen hatte.

Als mit der Wallfahrt auch der Ablass verbunden wurde, überschwemmte eine wahre Pilgerflut das Heilige Land. Der Ablass ist ein Kind des Fegefeuers und der Ohrenbeichte. In der ersten Zeit der christlichen Kirche mussten diejenigen, welche wegen grober Vergehen aus der Gemeinde ausgestoßen waren und wieder aufgenommen werden wollten, alle ihre Sünden und Verbrechen öffentlich vor der Gemeinde bekennen. Als die Priester mächtig wurden, verwandelten sie dieses öffentliche Bekenntnis bald in ein geheimes, um ihre Macht zu erhöhen. Nach Anordnung des Papstes sollte ein jeder jährlich wenigstens einmal einen Priester seine Sünden geheim bekennen und die ihm auferlegte Buße tragen. Wer die Beichte unterließ, wurde von der Kirche ausgeschlossen und erhielt kein christliches Begräbnis.

Durch diese Einrichtung erlangten die Priester eine große Macht über die Gläubigen, denn sie erfuhren von ihnen die geheimsten Dinge. Es lag jetzt ganz in der Hand des Geistlichen, den Beichtenden von seiner Schuld zu erlösen, und diese Macht wussten die Priester zu nutzen, indem sie den Sünder freisprachen, absolvierten, je nachdem, wie viel er zahlte. Man konnte also die Zeit, die man nach dem Tode im Fegefeuer verbringen musste, durch den Kauf eines Ablasses verkürzen.

Wer zu diesem oder jenem Gnadenort wallfahrte und das bestimmte Geld auf dem Altar opferte, der erhielt Ablass nicht allein für schon begangene Sünden, sondern sogar für einige Jahre im Voraus. Das war natürlich äußerst verlockend, denn man wurde nicht nur seine Sünden los, sondern konnte die Wallfahrt auch noch mit einem kleinen Nebengeschäft verbinden.

Reliquien erfreuten sich größter Beliebtheit. Eine Reliquie aus dem Heiligen Land, die war nicht mit Gold und Edelsteinen aufzuwiegen. Ein kleines Hindernis gab es dabei allerdings: Die Reliquie musste auf Anordnung des Papstes in Rom geprüft werden und wurde nur für echt befunden, wenn der Besitzer die Echtheit zu beweisen wusste, durch klingende Münze. Eine gute Reliquie war ein Schatz für ein Kloster und jeder christliche Altar musste seine Reliquie haben, und je heiliger diese war, desto größer war wiederum der Nutzen, den man daraus ziehen konnte, denn anzusehen waren diese Reliquien nicht umsonst.

So wurden aus dem Heiligen Lande Heiligtümer aller Art mitgebracht. Die ganze Garderobe Jesu, der Jungfrau Maria, des Heiligen Josef und viele andere Heilige kam zum Vorschein. Man fand die Heilige Lanze, mit der der römische Ritter Longinus Jesus in die Seite gestochen hatte. Das Schweißtuch, mit dem die Heilige Veronika Jesus den Schweiß abgetrocknet hatte, als er nach Golgatha ging. Sogar ein Abdruck seines Gesichts war auf dem Tuch zu sehen. Von diesem Tuch gab es so viele Stücke, dass sie zusammen wohl 30 Meter lang sein mochten. Die Weinkrüge von der Hochzeit von Kanaa entdeckte man auch, und in ihnen war noch Wein enthalten, der nie weniger wurde. Ursprünglich waren es nur sechs, aber sie vermehrten sich, und man zeigte sie zu Köln und zu Magdeburg.

Splitter vom Kreuz gab es so viele, dass man aus dem dazu verwendeten Holz hätte ein Kriegsschiff bauen können, und Nägel vom Kreuz wogen viele Zentner. Dornen aus der Dornenkrone fanden sich, einige bluteten an jedem Karfreitag. Der Kelch, aus dem Jesus getrunken hatte, als er das Abendmahl einsetzte, fand sich auch, nebst Brot, welches von dieser Mahlzeit übrig geblieben war. Ferner die Würfel, mit denen die Soldaten Jesu Rock spielten.

Erinnerungen nährte eine ganze Menge, unter anderem zu Trier, Santiago, Rom und Sevilla, und wo die größte Wahrscheinlichkeit der Echtheit hat: ein zu Moskau aufbewahrter, der durch den Soldaten, der ihn gewann, einen Georgier mit nach Hause gebracht worden sein soll. In Trier wurde noch im Jahre 1845 ein altes Kleidungsstück ausgestellt, das den Anspruch erhob, ein Rock Jesu zu sein. Die ganze gebildete Welt empörte sich, und es gab eine Menge Untersuchungen über diese heiligen Röcke. Sie besaßen nämlich alle eine wohlbezahlte päpstliche Bulle, die ihre Echtheit bezeugte.

Man fand Hemden der Maria, die so groß sind, dass sie einem dicken Mann als Umhang hätten dienen können. Einen sehr kostbaren Trauring der Maria, der zu Perugia gezeigt wurde. Sehr niedliche Pantöffelchen und ein paar ungeheuer große Schuhe, welche sie trug, als sie der Heiligen Elisabeth ihren Besuch machte. Ja, man fand Haare der Heiligen Jungfrau von allen möglichen Farben, nebst ihren Kämmen. Blut Jesu fand sich bald tropfenweise, bald in Flaschen gefüllt. Etwas davon, so erzählt die Legende, hatte Nikodemus, als er Jesus vom Kreuz nahm, gesammelt und damit viele Wunder vollbracht.

Windeln Jesu fanden sich in großer Menge. Auch die Hosen des Heiligen Josef entdeckte man, nebst seinem Zimmermannshandwerkszeug. Einer der 30 Silberlinge fand sich, und der ungeheuer dicke, 4 Meter lange Strick, an welchem sich der Verräter Judas erhängte. Sein sehr kleiner, leerer Geldbeutel tauchte ebenfalls auf, nebst der Laterne, mit welcher er leuchtete, als er Jesus verriet. Sogar die Stange kam zum Vorschein, auf welcher der Hahn saß, als er Petri Gewissen wach krähte, nebst einigen Federn dieses Vogels. Ferner der Stein, mit welchem der Teufel Jesus in der Wüste versuchte. Das Waschbecken, in welchem sich Pilatus die Hände wusch. Die Knochen des Esels, der Jesus am Palmsonntag getragen, wie auch einige der an diesem Tage gebrauchten Palmzweige. Ferner fand man die Steine, mit denen Stephanus gesteinigt wurde. Herrliche und eine Unmasse von Knochen der zu Bethlehem umgebrachten. Sogar aus dem Alten Testament fanden sich Reliquien. Manche hatten demnach wohlbehalten Jahrtausende auf dem ...

... Entdeckung wartet man und den Stab, mit welchem Moses das Rote Meer teilte. Manna aus der Wüste. Noahs Bart. Ein Stückchen von dem Felsen, aus welchem Moses Wasser schlug. Nein, diese Aufzählung ist kein Scherz. Es schien völlig natürlich, die wundertätige Kraft, die von einem Heiligen ausging, auch auf alle Gegenstände zu übertragen, mit denen er je in Berührung gekommen war. Das ganze Mittelalter ist geprägt von dem tiefen Glauben an diese Kräfte, und man könnte fast sagen, dass der Reliquienkult die eigentliche Religion des Mittelalters war.

Der Glaube des Volkes daran war so stark, dass die Geistlichkeit es wagen konnte, Dinge als Reliquien zu zeigen, die unsinnig oder unmöglich waren. Noch im 15. Jahrhundert berichtet der päpstliche Geheimschreiber Poggio Bracciolini die Geschichte von den heiligen Hosen. Ein Mönch hatte sich in eine hübsche Frau verliebt und versuchte es auf alle Weise, sie zu verführen. Es gelang ihm auch. Sie stellte sich sehr krank und verlangte nun den Mönch als Beichtvater. Dieser kam, blieb mit ihr der Sitte gemäß allein, um ihr die Beichte abzunehmen, und wurde erhört. Am anderen Tag kam er wieder und legte, um es sich bequemer zu machen, seine Hosen auf das Bett der Frau. Dem Manne schien die Beichte etwas lange zu dauern. Er wurde neugierig und tat unvermutet in das Zimmer. Der Mönch absolvierte so schnell als möglich und floh, aber vergaß seine Hosen mitzunehmen.

Diese fielen nun dem Rache schnaubenden Ehemann in die Hände. Er stürzte damit auf die und zeigte diese verräterischen Beinkleider seinen Nachbarn. Entflammt sie zur Wut und brach mit ihnen ins Kloster ein. Der Mönch sollte sterben. Ein alter, besonnener Pater versuchte vergebens, den Hitzkopf zu beruhigen, der übrigens jetzt die Sache gern vertuscht hätte, wenn es angegangen wäre. Das merkte der alte Pater und sagte ihm, er brauche wegen dieser Hosen nichts Übles zu denken, denn diese wären die Beinkleider des Heiligen Franziskus, welche Krankheiten wie die, woran seine Frau litt, gründlich heilten. Zu seiner Beruhigung wolle er die Hosen feierlich abholen. Als bald zogen Mönche mit Kreuz und Fahne nach dem Hause des ehrlichen Dummkopfes, legten die heilige Reliquie auf ein seidenes Kissen, stellten sie zur Verehrung aus und reichten die heiligen Hosen des liederlichen Mönchs den Gläubigen zum Kuss her, um dann trug man sie in feierlichem Bittgang nach dem Kloster zurück und legte sie hier zu den übrigen heiligen Reliquien.

Diese Erzählung ist kein Scherz. Sie findet sich in einem ganz ernsten Werk, in dem Poggio Bracciolini mit großer Entrüstung von der Verderbtheit der Geistlichen berichtet.

Doch die Kreuzzüge hatten nicht nur großen Einfluss auf den Reliquienhandel. Ihre Wirkung auf das gesamte Abendland kann kaum überschätzt werden. Siebenmal überfielen die christlichen Heere das Heilige Land, bis endlich am 18. Mai 1291 die letzte Bastion der Christenheit Akkon wieder aufgegeben werden musste. In dieser Zeit kam der Orienthandel so richtig in Schwung, und die Handelsstädte wuchsen, wurden reich und mächtig.

Die Stadt Pisa hatte unter dem Oberbefehl ihres Erzbischofs mit 120 Schiffen an der Belagerung Jerusalems teilgenommen. Eine Kolonie in Jaffa sprang dabei heraus. Genua war ebenfalls am ersten Kreuzzug beteiligt. Niederlassungen in Antiochien erhielten die Genueser dafür, das versprach gute Geschäfte. Venedig drohte leer auszugehen. Es hatte den ersten Kreuzzug nicht mitgemacht, aber jetzt, ein Jahr nach der Eroberung Jerusalems, ging die venezianische Handelsflotte gleich mit 200 Schiffen in Jaffa vor Anker. Die Händler witterten die unermesslichen Reichtümer des Orients, und damit begann die Blütezeit der großen Handelsstädte.

Eine andere Auswirkung der Kreuzzüge konnten weder Päpste noch Kaiser erahnen, und doch sollte sie im Laufe der nächsten Jahrhunderte das mittelalterliche Weltbild sprengen. Das war der direkte Kontakt mit der hochstehenden arabischen Kultur. Auch wenn in früheren Zeiten schon Berührungspunkte vorhanden waren, vor allem durch die arabischen Besitzungen in Spanien und Süditalien, von jetzt an bricht sich neues Wissen Bahn, vor allem im Bereich der Wissenschaften, der Medizin und Mathematik. Diesen Kampf wird die römische Kirche nicht gewinnen, selbst wenn sie mit dem Schwert der Inquisition, mit Folter und mit dem Feuer der Scheiterhaufen dagegen ankämpfen wird.

Nach dem ersten barbarischen Kreuzzug im Juli 1099 gaben sich die christlichen Heerscharen im Heiligen Land einer überaus verwerflichen Lebensweise hin. Einer der Kreuzfahrer war Hugo de Payen, ein Edelmann aus der Champagne, der damals gerade 19-Jährige. Kehrte entsetzt nach Frankreich zurück. Mit seinem Onkel Godefroi de Champagne reiste er 1104 erneut nach Jerusalem. Fünf Jahre lang suchten die beiden dort nach uralten Schriften. Wieder in Frankreich übergaben sie die gefundenen Dokumente zur Auswertung und Deutung dem Zisterzienserorden. Es war offensichtlich bedeutungsvoll, was sie da gefunden hatten, denn im Jahre 1114 bereisten sie erneut das Heilige Land, um weitere geheimnisvolle Schriften mit nach Hause zu bringen.

Die Zisterziensermönche waren wohl sehr hilfreich mit ihrer Übersetzungs- und Deutungsarbeit, denn Hugo de Champagne schenkte dem Orden ein großes Stück Land und gab die Gründung der Abtei von Clairvaux in Auftrag. Ein junger, eifriger Mönch sollte sie leiten: Bernhard de Fontaine. Er wird sich einen Namen machen als Bernhard von Clairvaux oder Heiliger Bernhard, und er wird die Seele des zweiten Kreuzzuges ins Heilige Land werden.

Vier Jahre später gründete jener Kreuzfahrer der ersten Stunde, Godefroi de Payen, zusammen mit sieben weiteren Männern, darunter zwei Mönche der Zisterzienser, den Orden der Tempelritter. Bernhard von Clairvaux hatte an der Abfassung ihrer Ordensregel mitgewirkt und pries alsbald die Ziele des Ordens. Frei vom Streben nach Reichtum und in völliger Hingabe an Gott sahen die Templer ihre Aufgabe darin, die Pilger vor Angriffen der Sarazenen und Wegelagerer zu schützen. Seltsam war jedoch, dass sie bei ihrer Gründung gelobten, neun Jahre lang keine neuen Mitglieder aufzunehmen.

Sie bezogen in Jerusalem Quartier im Palast König Balduins, der auf den Ruinen des Tempels Salomons stand. Doch beteiligten sie sich zu dieser Zeit an keinen Kämpfen. Stattdessen unternahmen sie archäologische Grabungen in der Umgebung und im Bereich des Salomonischen Tempels. Was sie dort suchten und vielleicht auch fanden, ist bis heute rätselhaft. Die Spekulationen reichen von der Bundeslade über den Heiligen Gral bis hin zu Schriften aus der Zeit Christi, die dem Glauben einen völlig neuen Inhalt geben könnten, oder war es der Schatz König Salomons?

Was immer sie auch in Jerusalem entdeckt haben mögen, an keinem Ort der Welt kommt man den Gründungsgeheimnissen der drei Offenbarungsreligionen so nahe. Christentum, Judentum und Islam haben hier ihren Ursprung. Als 1894 britische Offiziere eine Karte der unterirdischen Gänge und Gewölbe dieses Bereichs anlegten, stießen sie überall auf die Spuren der Templer. Der Orden war seit seiner Gründung immer von Geheimnissen umwoben. Niemand konnte sagen, woher ihr Vermögen kam. Ihr Reichtum wuchs plötzlich immens, und ihr Einfluss auf die Politik nahm zu.

1139 verlieh ihnen der Papst das Recht, eigene Kirchen zu bauen und eigene Steuern zu erheben. Keine andere weltliche Macht durfte sich in ihre Handlungen einmischen. Sie wurden zu den eigentlichen Herren Jerusalems und zu einer Handelsmacht im gesamten Mittelmeerraum.

Der erste Kreuzzug hatte bewiesen, dass es möglich war, Besitz und Macht zu erwerben. Die Eroberung des Heiligen Landes hatte dem Handel neue Dimensionen eröffnet. Als im Jahre 1144 die Stadt Edessa in Mesopotamien von den Sarazenen wieder zurückerobert wurde, sah der Papst die heiligen Städte Palästinas aufs Neue bedroht und rüstete zum Zweiten Kreuzzug. Die Städte Genua, Pisa und Venedig warteten bereits darauf, sich zu engagieren, schien es doch wieder eine äußerst profitable Unternehmung zu werden.

Das Volk war zu Anfang nicht sehr begeistert. Am Rhein predigte der Mönch Radulf für den Kreuzzug, aber er hatte nur erreicht, dass sich in mehreren Städten das Volk gegen die Juden erhob, denen man Geldwucher vorwarf. Doch jetzt bestieg ein anderer Streiter Gottes auf Geheiß des Papstes die Kanzeln. Bernhard von Clairvaux hatte die Zelle seines Klosters verlassen, zog wie eine lodernde Fackel über die Lande und entzündete in den Herzen der Gläubigen die Opferfreude. Erst wirkte er in Frankreich, wo König Ludwig VII. mit zahlreichen Rittern die Fahrt ins Heilige Land gelobte. Dann begab er sich über Flandern nach Deutschland. Allein seine Erscheinung, die hagere, von frommen Übungen ausgezehrte Gestalt und das von einer heiligen Glut überstrahlte Antlitz genügten, um überall, wo er predigte, einen wahren Taumel dahinzubringen. Man glaubte Wunder zu erleben und folgte besinnungslos seinem Ruf.

Auch der deutsche Herrscher Konrad III. nahm das Kreuz und machte sich mit einem Heer von 60.000 Mann auf den Weg. Alle waren dem Ruf des Papstes und des Heiligen Bernhard gefolgt, sogar die Herrscher der beiden mächtigsten Reiche Europas: Ludwig VII. von Frankreich und Konrad III. von Deutschland. Ein gewaltiges Heer verließ Europa, doch der Kreuzzug wurde zu einem furchtbaren Fehlschlag mit riesigen Verlusten. Allein der König von Frankreich konnte sich über sein Unglück trösten: Es war ihm nämlich gelungen, einige Splitter vom Kreuz, einige Nägel, den Schwamm, den Purpurrock Jesu und die Dornenkrone für eine ungeheure Summe zu kaufen. Als diese Heiligtümer ankamen, ging er mit seinem ganzen Hofe denselben barfuß bis Vincennes entgegen.

Es schien, als wäre endlich ganz Europa in religiösem Rausch dem Glanz der römischen Kirche erlegen, und Männer wie Bernhard von Clairvaux hatten daran vielleicht den größten Anteil. Bernhard stammte aus einer altadeligen burgundischen Familie. Er war ein Schwärmer, dem es wahrhaft ernst war, die verdorbenen Geistlichen und die Menschen überhaupt zu bessern. Er quälte seinen Körper auf grauenhafte Weise, indem er mit seinen Mönchen oft nur von Buchenblättern und dem elendsten Gerstenbrot lebte. Genoss er einmal zur Stärkung seines geschwächten Magens etwas Mehlbrei mit Öl und Honig, dann weinte er bitterlich über diese Schwachheit.

Seine Frömmigkeit und sein scharfer Verstand erwarben ihm bald einen bedeutenden Ruf. Als er einst in Mailand einzog, waren ihm Hände und Arme geschwollen von den Küssen, mit denen ihn die zudringlichen Gläubigen überdeckten. Er hätte Erzbischof, ja Papst werden können. Er schlug alle Würden aus, aber als einfacher Bruder Bernhard von Clairvaux übte er den bedeutendsten Einfluss aus. Er schlichtete Streitigkeiten zwischen Päpsten und Königen, zwischen Fürsten und ihren trotzigen Vasallen, und der wildeste Kriegsmann zitterte vor dem gewaltigen Mönch. Weder Kaiser noch Papst wagten es, in Bernhards Nähe einzureiten, sie gingen demütig zu Fuß.

Aus Überzeugung und religiösem Eifer unterstützte er den Zweiten Kreuzzug, diese großartige Narrheit, wie sie manche Historiker nennen. Selbst über die hartnäckigsten Widersacher siegte seine Beredsamkeit. Der deutsche Herrscher Konrad III. war zuerst völlig abgeneigt, den Kreuzzug mitzumachen, aber als er in Speyer die Predigt Bernhards gehört hatte, legte er seinen Königsmantel ab und trug den Heiligen auf seinen Schultern durch das Gedränge. Bernhards verführerische Zunge entvölkerte die Städte von Männern, so dass in manchen kaum einer für sieben Weiber zurückblieb, denn "alles, was die Wand bepisst, nahm das Kreuz", klagte ein Zurückgebliebener.

Zwischen Bernhard von Clairvaux und dem Orden der Tempelritter muss es manche Querverbindungen gegeben haben. Nicht nur, dass er bei der Ausarbeitung der Ordensregeln behilflich war, sondern er war es auch, der 1128 die kirchliche Anerkennung des Ordens beim Papst erwirkte. Doch dann scheinen sich die Wege getrennt zu haben. Bernhard blieb seiner Überzeugung treu: Askese und Armut, und wurde ein Heiliger. Der Orden der Templer wurde überraschend schnell reich. Ja, man sprach bald vom sagenhaften Templerschatz. Ein Nimbus geheimen Wissens und geheimer Macht umgab die Tempelritter.

Überragende Kenntnisse in der Architektur wurden ihnen nachgesagt, und die gewaltigen gotischen Kathedralen, die in jenem Jahrhundert entstanden sind, sind in erster Linie auf ihre Kenntnisse zurückzuführen. Dieses Wissen entsprang zweifellos der Kultur. Der Bau der Kathedrale von Chartres nahm von der Planung bis zur Fertigstellung nur 26 Jahre in Anspruch. Innerhalb dieser Zeit schufen Zimmerleute, Glaser, Bildhauer, Geodäten und Astronomen ein derart unfassbares Meisterwerk, dass jeder Besucher, der die Kirche betritt, unweigerlich ihrer Faszination erliegt. Die Proportionen sind so perfekt, dass der ganze Bau schwerelos zu sein scheint. Wo man blickt, entdeckt man bedeutungsvolle Tafeln und Glasbilder, die sich jeder Entschlüsselung entziehen. Welche Geheimnisse könnten die Baumeister hier verborgen haben? Chartres ist nur eine von 80 riesigen gotischen Monumentalbauten, die in dem Jahrhundert in Frankreich entstanden, das auf die Rückkehr der Tempelritter aus dem Heiligen Land folgte.

Das Ende des Ordens ist ebenso geheimnisvoll wie sein Anfang. Allmählich wurde klar, dass die Templer auch in Glaubensfragen ihre eigenen Wege gingen. Das konnte Papst Clemens V. nicht dulden. Er tat sich mit dem französischen König Ludwig X. zusammen, denn der schuldete dem Orden der Templer sehr viel Geld.

Im Morgengrauen des 13. Oktober 1307 begann die erbarmungslose Jagd auf alle Mitglieder des Ordens. Ziel war, alle Tempelritter in Frankreich zu verhaften und ihre Besitztümer zu beschlagnahmen. Die Anzahl der Templer in ganz Frankreich schätzte man auf etwa 15.000 Mann. Viele konnten fliehen: nach Spanien, Portugal und Schottland. Doch die meisten wurden gefasst und eingekerkert. Wer nicht schon in der Folterkammer starb, der brannte auf dem Scheiterhaufen. Der sagenhafte Templerschatz jedoch blieb verschwunden.

Doch es sollte nicht lange dauern, da ging von Schottland eine neue Bewegung in die Welt: die der Freimaurer. Bis heute sagt man ihnen nach, insgeheim an den Fäden des Weltgeschehens zu ziehen. Sind sie die Erben der Tempelritter?

Zur Zeit der Kreuzzüge war das Papsttum auf dem Gipfel seiner Macht. Auf Geheiß des Heiligen Vaters zog ganz Europa in den Krieg. Erbarmungslos erschlugen die christlichen Streiter den Feind oder wurden selbst hingeschlachtet oder starben auf dem Weg ins Heilige Land an Hunger, Krankheit und Erschöpfung. Dass die Männer auf dem Stuhl Petri dem Machtrausch erlagen, ist menschlich. Doch mit Religion oder gar mit Gott hatte die sittliche Dekadenz der katholischen Geistlichkeit nichts mehr zu tun. Enttäuschung machte sich daher bei den Gläubigen breit, und das Ideal christlicher Lebensführung, wie es der Heilige Bernhard verkörperte, gewann an Bedeutung. Bernhard blieb.

Zwar sein Leben lang dem Papsttum treu ergeben, versäumte es aber nicht, immer wieder den weltlichen Machthunger und das zügellose Treiben der kirchlichen Herrscher zu kritisieren. Die nahmen ihm das keineswegs übel und sprachen ihn schon 1173 heilig.

Die Hinwendung zum asketischen Ideal nahm neue Formen an. 1182 wurde der heilige Franz von Assisi als Johannes Bernardone geboren. Die Idee der Bettelorden ist sein Verdienst. Der Sohn eines reichen Kaufmanns aus Assisi in Umbrien wollte nicht in die Fußstapfen seines Vaters treten, also wurde er Soldat. Er geriet in Gefangenschaft und erkrankte dort schwer. Nach seiner Genesung trieb er sich unter Bettlern und Aussätzigen herum, küsste ihre Geschwüre, kleidete sich in Lumpen und bestahl seinen Vater, um das Gestohlene zum Ausbau einer verfallenen Kirche zu verwenden. Der Bischof von Assisi nahm ihn in Schutz und bald zog er im Lande umher, bettelnd für den Bau der eben erwähnten Kirche. Die Kollekte fiel so reichlich aus, dass er auf den Gedanken kam, einen Bettelorden zu gründen.

Papst Innozenz III. war durch einen Traum dazu veranlasst, bestätigte die von Franz aufgesetzte Mönchsregel, die ja anfangs noch eine Regel für Schweine, aber nicht für Menschen genannt hatte. Der nächste Papst, Honorius III., war auch nicht sonderlich begeistert. „Ihr seid ein Einfallspinsel“, meinte er, aber er ließ den Einfallspinsel gewähren. Anfangs wurde Franz verspottet und verhöhnt, aber nach drei bis vier Jahren stieg der Ruf seiner Heiligkeit so sehr, dass ihm, wenn er sich einer Stadt näherte, Geistlichkeit und Volk feierlich entgegenzogen und alle Glocken geläutet wurden.

Wenn er in Assisi umherging und bettelte, so steckte er alles Essbare, das er erhielt, in einen Topf und wenn ihn hungerte, so langte er zu und aß von dem ekelhaften Gemisch. Einst wurde Franz von einem Kardinal zu Tische geladen. Er ließ jedoch alle Gerichte unberührt und aß zum allgemeinen Ekel der erlauchten Gäste den Fraß, den er gesammelt hatte. „Die Almosen sind unser Erbe, Almosen unsere Gerechtigkeit, das Bett unser Zweck und unsere Königswürde, die Schmach und Verachtung unsere Ehre und unser Ruhm am Tage des Gerichts.“ Das war sein Leitsspruch und er ging selbst mit gutem Beispiel voran. Je mehr ihn die Gassenjungen verhöhnten, desto lieber war es ihm. Ganz vergnügt war er, wenn sie ihn gar mit Schmutz bewarfen. Aus lauter Demut ließ er sich mit Füßen treten.

Die Tiere liebte er sehr und nannte sie seine Brüder und Schwestern. Gar oft predigte er den Gänsen, Enten und Hühnern und als ihn einst die Schwalben und Sperrlinge durch ihr Gezwitscher störten, bat er die lieben Schwestern um Ruhe. Einen Bauern, der zwei Lämmer zu Markte trug, fragte er: „Warum quälst du meine Brüder so?“ Eine Laus, die sich auf seine Kutte verirrt hatte, nahm er sorgfältig zwischen die Finger, küsste sie und sagte: „Liebe Schwester Laus, lobe mit mir den Herrn.“ Dann setzte er sie auf seinen Kopf, woher sie gekommen war.

Seinen Körper nannte er Bruder Esel und wenn diesen Esel der Hafer stach, dann plagte er ihn wacker. Er wälzte sich nackt auf Dornen, stieg bis an den Hals in gefrorene Teiche oder legte sich in den Schnee, bis jede wollüstige, eselhafte Regung verschwunden war. Sein Orden wuchs außerordentlich schnell. Schon im Jahre 1216, als er ein Generalalkapitel desselben nach Assisi ausschrieb, kamen hier 5000 Franziskaner zusammen. Im Laufe der Zeit wurden die Franziskanerklöster so wohlhabend wie keine anderen. Reichtum durch Armut – eine verblüffende Konstellation.

Im Süden Frankreichs hatte sich seit dem ersten Kreuzzug als Reaktion auf die sittliche Dekadenz der katholischen Geistlichen eine neue Glaubensgemeinschaft gebildet, die der römischen Kirche aus dem Ruder lief: die Katharer. Katharer kommt vom griechischen „katharos“ und bedeutet rein. Die Katholiken verwendeten den Ausdruck mit abfälligem Unterton: „Hochmütige, die sich rein nennen.“ Die Katharer selbst nannten sich gläubige Christen, die Priester sogar gute Christen. Die Bezeichnung „Vollkommener“ oder „Perfectus“ für einen katarischen Priester wurde nur von den Inquisitoren der römischen Kirche verwendet, natürlich ironisch.

Die Katharer strebten danach, den in ihrem Körper eingefangenen göttlichen Funken zu befreien. Da sie die Bibel auf ihre eigene Art und Weise auslegten, standen sie in völligem Widerspruch zur römischen Kirche. Ja, sie bestritten sogar die Göttlichkeit Christi; er war für sie nur ein Mensch, allerdings ein vorbildlicher Mensch. Das heilige Sakrament der Taufe war für sie ohne Bedeutung und sie waren Pazifisten, Kriegsgegner. Das hatte es in der römischen Kirche schon seit 1000 Jahren nicht mehr gegeben. Das konnte der Papst unmöglich dulden, zu einer Zeit, in der auf sein Geheiß ganz Europa zu den Waffen griff.

Bernhard von Clairvaux hatte schon versucht, die Katharer oder Albigenser, wie sie auch genannt wurden, zum wahren Glauben zu bekehren. Angesichts seiner geringen Erfolge wurde dann auf dem dritten Laterankonzil im Jahr 1179 beschlossen, entschiedener gegen diese Häresie vorzugehen. Drei päpstliche Abgesandte trafen im südfranzösischen Okzitanien ein. Hier blühte der Minnesang, was die heiligen Patres wohl verwirrt haben mag. Von den Troubaduren wurde das hohe Lied der Frau gesungen, wiewohl die Weiber Gefäße des Teufels waren, quälende Sünde, Lusthäuser des alten Feindes. Aus dem Wort „Katharer“ wurde jetzt der Begriff „Ketzer“.

Der päpstliche Legat Pierre de Castelnau wurde ermordet. Bis heute weiß man nicht, ob er von den Katharern oder von heimlichen Mördern des Papstes beseitigt wurde. Jedenfalls war das der Anlass, jetzt mit Waffengewalt gegen die teuflische Häresie vorzugehen. Im März 1208 rief Papst Innozenz III. zum Kreuzzug gegen die Albigenser auf. Ritter aus ganz Frankreich, aus Flandern und Burgund, aus Bayern, Österreich und Friesland folgten dem Aufruf. Der heilige Krieg sollte mehr als 20 Jahre dauern und man schätzt die Zahl der Opfer auf eine Million.

Dominikus Guzmán, einer der drei päpstlichen Legaten, erkannte, dass der römischen Kirche ein geeignetes Instrument fehlte, um den Unglauben in den eigenen Reihen rechtzeitig und erfolgreich bekämpfen zu können. Und so gründete er den Orden der Dominikaner. Der Orden befasste sich mit Predigen und Unterrichten im wahren Glauben, mit der Zensur gefährlicher Bücher und mit der Verfolgung der Irgläubigen, der Ketzer. Im päpstlichen Auftrag trat jetzt die Heilige Inquisition auf den Plan und Dominikus selbst war der erste, der förmliche Ketzerjagden anstellte. Die peinliche Befragung, auch Folter genannt, war das Instrument der Wahrheitsfindung, der Scheiterhaufen das Urteil.

Dominikus wollte seinen Orden mit dem des heiligen Franziskus vereinigen, aber dieser hatte keine Lust dazu. Beide Orden standen sich indessen anfangs bei, aber bald gerieten sie in bitterste Feindschaft. Zum einen wollten die gebildeten Dominikaner stets etwas Besseres sein als die Franziskaner, von denen durchaus keine Gelehrsamkeit gefordert wurde. Zum anderen war auch der Dominikanerorden ein Bettelorden wie der der Franziskaner, und so kam Neid ins Spiel. 1221 starb Dominikus Guzmán. Bereits 13 Jahre später wurde er heilig gesprochen, denn seine Verdienste für die römische Kirche waren enorm. Mit der Heiligen Inquisition war das Werkzeug geschaffen, um dem Irglauben buchstäblich kräftig einzuheizen.

Es gab in jener Zeit der Kreuzzüge und der heiligen Kriege gegen Ketzer auch Menschen, die das Wort „heilig“ weit eher verdienten. Oft waren es die Frauen, die in dem erstarrten Patriarchat und dem Größenwahn des Papsttums leise Töne anschlugen und meist zurückgezogen in ein Kloster sich mystischer Betrachtung hingaben. Mitunter leuchtet ihr milder Glorienschein bis in unsere Zeit. Darüber die Nonne des Benediktinerordens, Hildegard von Bingen, wäre hier zu nennen. Ihr Wissen über Heilkräuter und Medizin erfreut sich gerade in unseren Tagen wie der reger Aufmerksamkeit. Unter dem Begriff „Hildegardmedizin“ kann man in manche Apotheke auf ihre Rezepturen zurückgreifen, wenn die Schulmedizin mit ihrem Latein am Ende ist.

„Wer im Herzen Schmerzen leidet, dass seines Herzens Stärke keine Fortschritte macht, sondern traurig wird, esse oft die rohen Kerne der Maroni, und das gieß em Herzen gleichsam einen Schmelz ein, und er gelang zu Stärke und Frohsinn.“ Durch ihre Betrachtung der Natur erkannte sie den Menschen als ganzheitliches Wesen, als ein Zusammenspiel von Geist und Körper, von Kopf bis Fuß. Versuchte sie, den Krankheiten auf die Spur zu kommen, befasste sich mit Gehen und Stehen und Reiten, mit der Ernährung und der Verdauung, mit den Gemütsbewegungen und Stoffwechselstörungen und gab Anweisungen für eine gesunde Lebensführung. Angst, Zorn oder auch übergroße Freude können den Menschen das Einschlafen erschweren. Erst wenn er in seinem Gemütszustand mit seinen Angelegenheiten in Übereinstimmung kommt, erhalten die Gefäße des rechte Maß zurück, dann schläft der Mensch ein.

Mit dem Nachtgottesdienst begann um 3 Uhr morgens der Tag hinter den Klostermauern. Nach der Regel des heiligen Benedikt: „Ora et labora“ – bete und arbeite. Zwischen den kurzen Stunden gebeten, arbeitete man im Garten und auf dem Feld. Das Nachtgebet kurz nach Sonnenuntergang beendete den Tag. Hier ein Gebet aus der Feder Hildegards für diejenigen, die in den christlichen Litaneien keine Erbauung finden: „Wenn ich mit offenen Augen betrachte, was du, mein Gott, geschaffen hast, besitze ich hier schon den Himmel. Ruhig sammle ich im Schoß Rosen und Lilien und alles Grün, während ich deine Werke preise.“

Hildegards erstes großes Werk ist „Scivias“ – Wisse die Wege. Begründete ihren Ruf als Mystikerin und Seherin und drang bis in die höchsten Kirchenkreise. Im Jahre 1141, der Menschwerdung Jesu Christi, als ich 42 Jahre und 7 Monate alt war, sah ich ein überaus stark funkelndes Licht aus dem geöffneten Himmel kommen. Es durchströmte mein Gehirn, mein Herz und meine Brust ganz und gar, gleich einer Flamme, die jedoch nicht brennt, sondern erwärmt. Es erglühte mich so, wie die Sonne einen Gegenstand erwärmt, auf den sie ihre Strahlen ergießt, und plötzlich hatte ich die Einsicht in den Sinn und die Auslegung des Psalters, des Evangeliums und der anderen Schriften des Alten und Neuen Testaments.

„Die Gesichte, die ich schaue, empfange ich nicht in traumhaften Zuständen, nicht im Schlafe oder in Geistesgestörtheit, nicht mit den Augen des Körpers und nicht an abgelegenen Orten, sondern wachend, besonnen und mit klarem Geist, mit den Augen und Ohren des inneren Menschen an allgemein zugänglichen Orten, so wie Gott es will. Und ich hörte eine Stimme vom Himmel sagen: Ich bin das lebendige Licht, das das Dunkel durchleuchtet.“ Hildegard von Bingen gilt als die größte Mystikerin des Mittelalters.

Hier, in der Mitte des 12. Jahrhunderts, spürt man bereits, wie eine neue Zeit ihre Schatten vorauswirft, wie neues Denken sich allmählich Raum schafft. In Italien entstehen die ersten Universitäten, doch gelehrt werden vor allem die christlichen Glaubenswahrheiten. Philosophie erfreut sich bei den Gelehrten großen Ansehen; philosophieren bedeutet in dieser Zeit, die gepredigten Wahrheiten möglichst spitzfindig zu beweisen. Daneben steht die Mystik, die aus der inneren Gottesschau gespeist wird. Gleichzeitig bilden sich neue Glaubensgemeinschaften: Katharer und Waldenser, und die römische Kirche antwortet mit drakonischen Maßnahmen, mit Schwert und dem Feuer der Heiligen Inquisition.

Der Papst ist mächtiger als je zuvor, schon ist die Allmacht über den ganzen Erdkreis zum Greifen nah durch den großartigen Erfolg des Ersten Kreuzzuges. Doch der Misserfolg der christlichen Heere im Zweiten Kreuzzug wendet noch einmal das Blatt. Das sinnlose Sterben der Kreuzritter in Kleinasien und Palästina lastete man den Urhebern des unseligen Unternehmens an. Die Enttäuschung über das große, vergebliche Opfer fiel auf die zurück, die das Opfer verlangt und mit tausend schönen Sprüchen dafür geworben hatten.

Während die römische Kirche in ihrer weltlichen Machtentfaltung deutlich Federn ließ, wurde in Deutschland im Jahre 1122 ein neuer Herrscher gewählt: Friedrich Barbarossa. Er nahm noch einmal den Kampf auf gegen die weltliche Vorherrschaft des Papstes, doch die Machtbefugnisse, die sich die Kurie im Laufe einiger Jahrhunderte angemaßt hatte, waren mittlerweile so gefestigt, dass man kaum mehr erwarten konnte als ein kurzes Auflodern der alten kaiserlichen Herrlichkeit. Die Zeit, in der die Kaiser noch dauerhaft über die Kirche herrschen konnten, war endgültig vorüber, und im Einvernehmen mit dem Papst zu herrschen – das war undenkbar.

Doch jetzt schien die Situation günstig. Das Papsttum war angeschlagen und hatte mit Aufständen in Rom zu kämpfen, und der neue deutsche König Friedrich I., auch Barbarossa genannt nach seinem rötlich schimmernden Bart, das war endlich wieder ein Herrscher von Format. Als glühender Verehrer Karls des Großen strebte er wie dieser nach der Vormachtstellung gegenüber der römischen Kirche. Auch die Vorstellung vom Gottesstaat auf Erden unter der Führung des Kaisers wurde noch einmal lebendig, und so war es auch Friedrich Barbarossa, der die Heiligsprechung Karls des Großen betrieb. Aber die neue Blüte des Reiches währte nur ein halbes Jahr.

Wenn die weltlichen Mächte hinter dem neuen König und gegen die Mächte der Kirche wussten, sicherte sich Friedrich schnell Rückhalt. Er verlangte von ihnen Gehorsam und verhängte, wo es nötig schien, strenge Strafen. Er verstand es, loyale Männer zu ihm hochgesonnenen und ihm treuen zu machen. Er zog die bewegliche Habe verstorbener Kirchenfürsten ein, kurz, er fing an, mit der hohen Geistlichkeit wieder zu verfahren wie mit einem königlichen Werkzeug.

1153 kam zu Konstanz ein Vertrag zwischen König und Papst zustande. Beide versprachen sich Hilfe gegen ihre Feinde und Papst Eugen III. stellte Friedrich die Kaiserkrone in Aussicht. Ein Jahr später war es dann soweit. Friedrich überquerte mit einer bescheidenen Streitmacht von 1800 Dritteln die Alpen. Hadrian IV., der in der Zwischenzeit Papst geworden war, war in arger Bedrängnis. Die römischen Bürger hatten in Erinnerung an das antike römische Imperium einen Senat erwählt, der dem Papst die Alleinherrschaft in der heiligen Stadt streitig machte. Dazu kam, dass in Rom und in der Lombardei ein gewisser Arnold von Brescia das Volk mit heißen, aufreizenden Reden gegen den Papst aufwiegelte. „Wahre Frömmigkeit verbiete jeden Besitz, die Kirche müsse sich daher aller Güter enteignen“, predigte er auf offener Straße. Auch wandte er sich gegen die herrschende Praxis der Inquisition, die ohne ordentliche Gerichtsverhandlung und ohne die Möglichkeit einer Verteidigung die Angeklagten auf den Scheiterhaufen schickte.

Bereits auf dem Weg nach Rom nahm Friedrich Barbarossa den Quertreiber gefangen und überstellte ihn dem Papst, der ihn alsbald hinrichten ließ. Doch Papst Hadrian IV. verlangte von dem deutschen König einen noch viel schmerzlicheren Dienst. Barbarossa musste die Aufgabe eines Stallmeisters übernehmen und dem Papst den Steigbügel halten. Das tat er erst nach heftigem Widerstreben und dann auch nur, weil ihn die älteren Ritter in seiner Begleitung davon überzeugen konnten, dass dasselbe bereits unter dem letzten Kaiser geschehen war. Barbarossa hielt dem Papste den Steigbügel, aber er hielt ihn auf der rechten Seite, auf welcher der Schinder zu Pferde steigt, und antwortete auf die Bemerkung Hadrians darüber: „Ich war nie Stallknecht, Eure Heiligkeit werden verzeihen.“ Ja, der Kaisertitel war mittlerweile mit großer Demütigung verbunden.

Nach der Krönung zu Kaiser Barbarossa ritt wieder ab, obwohl die Römer erneut den Aufstand probten. Der Papst musste sich allein helfen. War das eine kleine Rache für eine große Demütigung? Aber 1800 deutsche Panzerreiter – das war nicht genug, um in Rom nachhaltig die Ruhe wiederherzustellen. Zwar waren die Ritter von furchterregendem Aussehen, mittlerweile trugen sogar die Pferde Kettenpanzer, doch viel mehr als eine bewaffnete Demonstration war es wohl nicht.

Unter Kaiser Friedrich Barbarossas Herrschaft gedieh jetzt das Deutsche Reich prächtig wie lange nicht mehr. Um es zu seinem früheren Glanz zu erwecken, griff Friedrich auf alte Bestimmungen und Gebräuche zurück, die in Vergessenheit geraten waren oder die durch die veränderten Verhältnisse nicht mehr ausgeübt wurden. Doch von seinem Traum, ein Weltreich zu errichten nach dem Vorbild Karls des Großen, davon war er entfernt.

Der Zwist zwischen Kaiser und Papst entzündete sich drei Jahre später erneut, als auf einem prunkvollen Reichstag Barbarossas zwei päpstliche Legaten erschienen und einen Beschwerdebrief des kirchlichen Herren überbrachten. Neben allerlei Vorwürfen fand sich darin der Hinweis, dass die kaiserliche Würde ein Lehen der päpstlichen Oberhoheit sei. Es kam zum Tumult bei der deutschen Gefolgschaft des Kaisers, wobei ein Legat fragte: „Von wem hat er dann das Kaisertum, wenn nicht vom Herrn Papst?“ Diese erneute päpstliche Demütigung saß tief.

Im folgenden Jahr überschritt ein kaiserliches Heer von mehr als 10.000 Mann die Alpen. Brescia ergab sich, Mailand wurde gezwungen, die Tore zu öffnen. Die päpstliche Macht hatte sich zunehmend auf die Städte Oberitaliens gestützt. Jetzt mussten sie sämtliche Reichsgüter, die sie sich im Laufe der Zeit angeeignet hatten, zurückgeben und nur das wurde ihnen zugestanden, für dessen einwandfreien Erwerb sie den urkundlichen Nachweis erbringen konnten. Über dieses durchstreiften kaiserliche Boten die päpstlichen Gebiete und tasteten sie nach alten Rechten der Krone ab.

Gerade zu diesem Zeitpunkt starb der Papst. Die Kardinäle spalteten sich in zwei Lager: für und gegen Barbarossa, und so wurden zwei Päpste gewählt. Die Kirchenfürsten aus Deutschland und der Lombardei wählten Papst Viktor IV., die übrigen erhoben Alexander III. zum Papst, eben jenen Legaten, der auf Barbarossas Reichstag das demütigende Schreiben des Papstes überbracht hatte. Die jetzt folgende Auseinandersetzung zwischen Alexander III. und dem Kaiser dauerte fast 20 Jahre. Papst Alexander flüchtete nach Frankreich und versuchte, eine internationale Allianz gegen den Kaiser auf die Beine zu stellen. Barbarossa machte Mailand dem Erdboden gleich. Alexander III. kehrte nach Rom zurück, der Kaiser erschien mit seinem Heer in der heiligen Stadt und setzte seinen Gegenpapst auf den Thron. Alexander III. floh erneut.

Da raffte das kaiserliche Heer eine tückische Seuche hinweg. Jetzt war es Barbarossa, der auf Schleichwegen mit dem kümmerlichen Rest seiner Mannschaft Richtung Heimat floh, denn in den norditalienischen Städten brauchte er sich, so geschwächt, nicht blicken zu lassen. Die hatten sich nämlich in der Zwischenzeit zum Veroneser Bund zusammengeschlossen, um das kaiserliche Joch abzuschütteln. Barbarossa hatte eine Weile genug von Italien. Erst sieben Jahre später überquerte er erneut mit 8000 Rittern die Alpen. Der Veroneser Städtebund handelte mit dem Kaiser einen Frieden aus.

Barbarossa schickte den größten Teil seines Heeres nach Hause, in der Überzeugung, die Herrschaft in Oberitalien gefestigt zu haben. Die Städte dachten aber nicht daran, die Abmachungen zu halten, jetzt, wo das kaiserliche Militärmacht so geschwächt war. Es kam zum Kampf, der Kaiser erlitt eine böse Schlappe gegen die überlegenen Mailänder, die sich für die Zerstörung der Stadt rächen wollten. Jetzt blieb Barbarossa nichts anderes übrig, als mit Papst Alexander III. Frieden zu schließen. Als sich die beiden 1177 in Venedig trafen und der Kaiser des Papstes Fuß küsste, da soll nach Auskunft der kirchlichen Schreiber Papst Alexander den Fuß auf des Kaisers Nacken gesetzt haben, mit den Worten: „Auf Schlangen und Ottern mögest du gehen und treten, auf junge Löwen und Drachen.“ Des Kaisers Schreiber überlieferten die Worte Barbarossas: „Nicht dir gilt es, sondern Petrus.“ Der Papst soll darauf geantwortet haben: „Mir und Petrus.“

Wie es scheint, wollte sich Barbarossa mit seiner Niederlage noch nicht abfinden. Er heiratete seinen Sohn mit der Thronerbin der in Süditalien herrschenden Normannen und verlieh ihm bei der Hochzeit den Titel Caesar. Jetzt war er in der Lage, den Papst in die Zange zu nehmen. Mit dem Besitz Süditaliens mag er noch manch andere Hoffnung verknüpft haben, vielleicht wollte er teilhaben an den lukrativen Unternehmungen im Morgenland. Nur so scheint es verständlich, dass er als 60-Jähriger mit 20.000 Mann zu einem Kreuzzug ins Heilige Land aufbrach. Er sollte nicht wiederkommen. In Kleinasien erfocht er noch einen letzten Sieg und ertrank dann in den Fluten des Sal.

Eine Ära ging zu Ende, endgültig: die Ära der großen europäischen Kaiser. Es wird keinen Herrscher mehr geben, der sich mit Karl dem Großen oder Otto dem Großen vergleichen könnte. Der Sieg des Papsttums zeichnete sich ab. Wohl begehrte noch der eine oder andere König oder Kaiser dagegen auf, doch das Blatt begann sich unwiderbringlich zu wenden.

Bonifatius VIII., der kam 1294 auf den päpstlichen Stuhl. In seiner Bulle heißt es: „Wir erklären, sagen, bestimmen und entscheiden hiermit, dass alle menschliche Kreatur dem Papst unterworfen sei und dass man nicht selig werden könne, ohne dies zu glauben.“ Papst Bonifatius VIII. stiftete den gläubigen Christen das Jubeljahr. Das antike Rom feierte den Anfang eines neuen Jahrhunderts durch große Festlichkeiten. Auch die Juden hatten ihr Jubel- oder Versöhnungsjahr. Dadurch war der Papst auf den Gedanken gekommen, solche Jubeljahre auch in der Christenheit einzuführen. Wer in dem Jubeljahr nach Rom pilgerte und hier sein Scherflein auf dem Altar niederlegte, der erhielt vollkommenen Ablass für alle Sünden, die er in seinem Leben begangen hatte, und war wieder unschuldig wie ein neugeborenes Kind, oder noch unschuldiger, denn in diesem steckt doch nach der Kirchenlehre bereits die Erbsünde, die erst durch die Taufe gelöscht wird.

Von allen Seiten strömten die Sünder nach Rom. Im Jahre 1300 waren es rund 200.000. Der Gewinn, den sowohl die Römer als auch die Papstkirche davon hatten, war unermesslich. Was von den reichen Leuten an Gold und Silber geopfert wurde, hat die päpstliche Schatzkammer wohlweislich verschwiegen. Allein an Kupfergeld kamen in diesem goldenen Jahre 50.000 Goldgulden zusammen. Noch einer ungefähren Schätzung belief sich der ganze Ertrag des Jubeljahres auf 15 Millionen. Für die damalige Zeit war das eine ganz außerordentliche, eine unerhörte Summe. Die unerwartet reiche Ernte machte den Päpsten natürlich Lust zu einer baligen Wiederholung. 100 Jahre sind gar zu lang, und so hatte Papst Clemens VI. die beispiellose Güte zu bestimmen, dass das nächste Jubeljahr bereits in 50 Jahren gefeiert wurde, denn ihm war ein ehrwürdiger mit zwei Schlüsseln, also wahrscheinlich St. Peter, erschienen, der ihm mit drohender Geberde zugerufen hatte: „Öffne die Pforte!“ Und da musste er natürlich gehorchen.

In der Jubelbulle befahl der Papst den Engeln des Himmels auch diejenigen, die auf der Reise nach Rom gestorben sind, vom Fegefeuer zu erlösen und in die Freuden des Paradieses einzuführen. Am Altar von St. Paul lösten sich Tag und Nacht zwei Priester mit Kropiersäckchen in der Hand ab, die unaufhörlich das geopferte Geld einstrichen und fast der Last ihrer Arbeit erlagen. Das Gedränge in der Kirche war so groß, dass viele der Gläubigen erdrückt wurden. Die Zahl der Wallfahrer gibt man auf eine Million und einige hunderttausende an, und den Ertrag dieser Jubelernte auf mehr als 22 Millionen.

Zum Andenken an die Lebensjahre Jesu verkürzte Papst Urban VI. die Zeit zwischen den Jubelzeiten auf 50 Jahre, damit er selbst im Jahr 1 noch in den Genuss desselben käme, und wegen der Kürze des Menschenlebens wurde der Abstand in späterer Zeit auf 25 Jahre verkürzt. Bonifatius IX. wurde 1389 Papst. Er berechnete, dass viele Christen nicht nach Rom kämen, weil die Reise zu viel kostete und weil sie vielleicht auch wegen ihrer Geschäfte nicht abkömmlich wären. Diesen schickte er die Gnade ins Haus, indem er Leute aussandte, denen er die Macht beilegte, für den dritten Teil der Reisekosten nach Rom vollgültigen Ablass zu erteilen. Trotz dieses Entlastungsangebots ließen es sich die Fremden nicht nehmen, nach wie vor in die heilige Stadt zu strömen, und in dem Jubeljahr unter Nikolaus V., der von 1447 bis 1445 regierte, konnte die Tiberbrücke die Menge der Menschen nicht tragen, sie brach zusammen, 200 Gläubige verloren dabei ihr Leben.

Unterdessen gestaltete sich für die weltlichen Herrscher das Regieren immer schwieriger. Da war nicht nur der Papst in Rom, der die Oberherrschaft über die ganze Welt beanspruchte. Nein, auch im Bürgertum der Städte war eine neue Kraft herangewachsen, die allmählich das alte Lehenssystem Stück für Stück ablöste. Vorreiter waren die Städte der Lombardei, als sie sich zum Veroneser Bund zusammenschlossen und Kaiser Barbarossa erfolgreich getrotzt hatten. Der Geschichtsschreiber Otto von Freising berichtete von ihnen: „Denn sie lieben die Freiheit so sehr, dass sie sich jedem Übergriff der Gewalt entziehen und sich lieber von Konsuln als von Herrschern regieren lassen. Da es bekanntlich bei ihnen drei Stände gibt, nämlich Kapitäne, Valvasoren und Bürger, werden, um keinen Hochmut aufkommen zu lassen, diese Konsuln nicht aus einem, sondern aus allen Ständen gewählt, und damit sie sich nicht zur Herrschsucht verleiten lassen, werden sie jedes Jahr ausgetauscht. So kommt es, dass das Land fast vollständig unter Stadtstaat aufgeteilt ist, und dass man ferner kaum einen Edlen oder Großen von noch so großem Ehrgeiz findet, der sich nicht dieser Herrschaft der Städte beugte. Damit sie nicht der Mittel entraten, auch die Nachbarn zu unterdrücken, halten sie es nicht für unter ihrer Würde, junge Leute der unteren Stände und auch Handwerker, die irgendein verachtetes mechanisches Gewerbe betreiben, zum Rittergürtel und zu höheren Würden zuzulassen. So so kommt es, dass sie an Reichtum und Macht die übrigen Städte der Welt übertreffen.“

Aber es sollte nicht lange dauern, bis überall in Europa das Beispiel der Italiener Schule machte. „Stadtluft macht frei“ – das war ein Ausspruch jener Tage, der auf die ländliche Bevölkerung der Umgebung eine große Anziehungskraft ausübte. Jeder grundherrschaftlich abhängige Bauer konnte in die Stadt ziehen und war nach Ablauf einer Frist von 366 Tagen frei. Er konnte nicht mehr von seinem früheren Herren zurückgefordert werden. Als freier Bürger genoss er den Schutz der Stadt und konnte einer selbständigen beruflichen Tätigkeit nachgehen. Er konnte Handel treiben oder sich als Handwerker sein Brot verdienen. Mit den alten Marktrechten, die die Städte meist besaßen, war auch die Aufsicht über Maße und Gewichte verbunden. Münz- und Zollrechte kamen hinzu und die Wehrhoheit. Manche Stadt konnte sich sogar das Recht der Hochgerichtsbarkeit erkämpfen.

In Deutschland folgte der große Rheinische Städtebund dem italienischen Beispiel. Mainz, Worms und Oppenheim schworen sich Beistand bei jeder Bedrohung von außen. Der schweizerischen Eidgenossenschaft der drei Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden traten auch Luzern, Zürich und Bern bei. Bis heute hat ihr Bund überdauert.

Eine neue Zeit war angebrochen. Die Kreuzzüge hatten die Grenzen des mittelalterlichen Europas gesprengt. Das Heilige Land musste man zwar wieder an die Sarazenen abtreten, doch der Zuwachs an Kenntnissen aller Art aus der arabischen Welt war unbestreitbar und der Handel mit weit entfernten Ländern des Orients brachte vielen Städten großen Wohlstand. Doch mit den hochgeschätzten Waren aus dem fernen Osten kam auch der Schwarze Tod.

Matteo Villani, Chronist im italienischen Florenz, berichtete 1346: „In diesem Jahr begann sich im Osten, in China und Nordindien und weiteren Gebieten, unter den Menschen jeden Alters und Geschlechts eine Seuche auszubreiten. Man fing an, Blut zu spucken, und der eine starb sofort, der andere nach zwei oder drei Tagen. Die Krankheit kam in Schüben und erfasste ein Volk nach dem anderen und innerhalb eines Jahres ein Drittel des Erdteils, der Asien heißt. Zuletzt erreichte sie die Völker am Schwarzen Meer.“

Unruhe begann sich in Genua auszubreiten, denn Genua hatte auf der Halbinsel Krimm im Schwarzen Meer eine Handelsniederlassung: Kaffa. Kaffa wurde gerade von den Tataren belagert, doch erreichten immer wieder Schiffe den Hafen, und vielleicht konnte man sich mit den Tataren noch einigen, oder sie wurden der Belagerung müde. Ein junger Notar aus Piacenza weilte eben zu der Zeit in Kaffa, Gabriele de’ Mussis. Nach seiner glücklichen Heimkehr berichtete er: „Zu diesem Zeitpunkt befiel die Seuche die Tataren. Ihr ganzes Heer geriet in Panik und täglich starben Tausende. Den Eingeschlossenen erschien es, als ob Rachepfeile vom Himmel flögen, um den Übermut der Feinde zu zügeln. Als die nunmehr vom Kampf und der Seuche geschwächten Tataren bestürzt und völlig verblüfft zur Kenntnis nehmen mussten, dass ihre Zahl immer kleiner wurde und erkannten, dass sie ohne irgendeine Hoffnung auf Rettung dem Tod ausgeliefert waren, banden sie die Leichen auf Wurfmaschinen und ließen sie in die Stadt Kaffa hineinkatapultieren, damit dort alle an der erträglichen Seuche zugrunde gehen sollten. Man sah, wie sich die Leichen, die sie auf diese Weise hineingeworfen hatten, zu Bergen türmten. Die Christen konnten sie nämlich weder wegschaffen noch vor ihnen fliehen. Eine Rettung schien nur dadurch möglich, dass man die herabstürzenden Leichen, soweit es möglich war, in den Fluten des Meeres versenkte. Bald war jedoch die ganze Luft verseucht und ebenso das Wasser durch die krankmachende Fäulnis vergiftet. Es breitete sich ein solcher Gestank aus, dass von Tausenden nur noch einer in der Lage war, das Heer zu verlassen und die Flucht zu wagen. So gelangte man aus der erwähnten Stadt Kaffa mit einigen Schiffen, welche von zwar noch lebenden, aber bereits mit der Seuche infizierten Seeleuten gesteuert wurden, nach Genua, mit anderen nach Venedig, mit wieder anderen in weitere Regionen der Christenheit.“

Es klingt unglaublich. Kaum gingen die Matrosen irgendwo an Land, die krankmachenden Ausdünstungen begleiteten sie ja, und kamen dort mit den Menschen in Berührung, starben diese, so kam die Pest nach Europa. Die Hafenstadt Genua war eine der größten Städte des Kontinents, doch jetzt hielt der Schwarze Tod reiche Ernte. Bald konnte die Stadtregierung keine rechtsbindenden Beschlüsse mehr fassen, da die meisten Ratsmitglieder wie der Seuche zum Opfer gefallen waren. Nach den Berichten de’ Mussis überlebte nur einer von sieben. Viele Genuesen flohen und brachten die Pest ins Hinterland.

Unaufhaltsam fraß sich die verheerende Seuche durch Europa. Venedig berichtete Lorenzo de’ Monaci: „Gleich zu Beginn raffte die Pest innerhalb weniger Tage führende Persönlichkeiten, Richter und Beamte hinweg, die man in den Großen Rat gewählt hatte, danach auch diejenigen, welche deren Platz eingenommen hatten. Im Monat Mai nahm sie so sehr zu und wurde der Art ansteckend, dass Plätze, Höfe, Grabstätten und Friedhöfe von Leichen überquollen. Viele wurden an öffentlichen Wegen begraben, einige unter dem Boden ihrer Häuser. Unzählige starben, ohne dass jemand dabei war, und ihre Leichen stanken aus den verlassenen Häusern. Keine natürliche Flamme könnte fettige Dinge, die sich nahe beieinander befinden, so umzingeln oder verbrennen wie diese Pest. Alles verdarb und befiel, was in ihrer Nähe war. Keiner, der sich bei einem Sterbenden aufhielt, konnte dem Tod entkommen. Hauch-te nämlich jemand sein Leben aus, wurde alles von einem unentrinnbaren, tödlichen Ansteckungsstoff erfüllt. So überließen sich Eltern, Kinder, Geschwister, Nachbarn und Freunde gegenseitig ihrem Schicksal. Die Ärzte besuchten keine Patienten mehr, sondern ergriffen die Flucht.“

Ein Handelsschiff, das in Genua abgewiesen wurde, ging in Marseille vor Anker. Jetzt kam die Pest auch über Frankreich. Die Medizinische Fakultät in Paris erstellte ein Gutachten über die Seuche: „Wir, die Mitglieder des Kollegiums zu Paris, liegen hiermit nach reiflicher Überlegung und gründlicher Diskussion über die vorherrschende tödliche Pest, sowie nach Erforschung der Meinung unserer alten Lehrer, eine klare Analyse dieser Seuche nach den Regeln der Astrologie und Naturwissenschaften vor. Wir erklären Folgendes: Man weiß, dass in Indien und den Ländern am Großen Meer die Gestirne, welche mit den Sonnenstrahlen und der Hitze des Himmelsfeuers kämpfen, ihren Einfluss besonders auf das Meer ausüben und heftig gegen seine Gewässer ankämpfen. Dabei entstehen Dämpfe, welche die Sonne verdunkeln und ihr Licht in Finsternis verwandeln. Diese Dämpfe bilden einen Kreislauf des Steigens und Fallens von 28 Tagen. Schließlich wirkten die Sonne und ihr Feuer so stark auf das Meer ein, dass sie eine große Menge davon anziehen und in Dampf verwandeln, der sich in die Luft erhebt. Ist nun irgendwo das Wasser durch veränderte Fische verdorben, kann es durch die Sonnenwärme nicht mehr aufgelöst und weder in heilsamen Dampf noch Hagel, Schnee oder Reif verwandelt werden, sondern die Dünste verbreiten sich in der Luft und hüllen manche Gegenden mit Wolken ein. So geschah es in Arabien, Teilen Indiens, in den Ebenen und Tälern Mazedoniens, in Albanien, Ungarn, Sizilien und Sardinien, wo kein Mensch am Leben blieb. Wir glauben, dass die Gestirne sich mit Hilfe der Natur darum bemühen, durch ihre himmlische Macht das Menschengeschlecht zu erhalten und von seinem Leid zu befreien. Sie werden mit Hilfe der Sonne durch die Kraft ihres Feuers die dichten Wolken innerhalb von 10 Tagen bis zum 17. Juli durchbrechen. Der Nebel wird sich dann in einen giftigen Regen verwandeln, nachdem die Luft wieder rein wird. Sobald Donner und Hagel ankündigen, muss jeder Mann mit Niederschlägen rechnen und den Kontakt mit der Luft während des Regens vermeiden. Danach soll man große Feuer aus Weinreben, Lorbeerzweigen oder anderem noch grünen Holz anzünden, ferner viel Weihrauch und Kamille auf öffentlichen Plätzen und zu Hause verbrennen. Niemand soll die Felder betreten, bevor sie völlig trocken geworden sind. Drei Tage soll man auch wenig Nahrung zu sich nehmen und sich vor der Kühle des Morgens, des Abends und der Nacht hüten.“

Als klar wurde, dass die ärztlichen Prognosen nicht zutrafen, begann man andere mögliche Ursachen ins Auge zu fassen. Fremde wurden mit großem Argwohn betrachtet und in Narbonne erklärte ein Richter, dass man Männer mit verdächtigem Pulver festgenommen habe, die zum Teil freiwillig, zum Teil unter der Giftanschläge gestanden hätten. Sie seien vermutlich von Engländern für ihre Schandtaten bezahlt und deshalb mit Zangen gezwickt, zerstückelt und schließlich verbrannt worden.

Es musste eine Ursache geben für diese Seuche, die das ganze Menschengeschlecht dahinraffen drohte. Manche glaubten zu bemerken, dass junge und schöne Menschen bevorzugt Opfer der Pest wurden. Charles de Vinaigrio, der Leibarzt des Papstes, hatte wieder eine andere Theorie: „In Avignon kamen zunächst die Spanier um, weil sie schmutzig waren und viel Fleisch aßen, was sehr viel Blut erzeugt, das, wenn es in großer Menge vorhanden ist, leicht in Fäulnis übergeht. Dann, weil sie unmoralisch lebten und weil sie aus bereits verseuchten Gebieten nach Avignon kamen, angesteckt wurden. Schließlich auch die Juden, weil auch sie in unhygienischen Verhältnissen lebten und sich ebenfalls in einer anderen Region aufgehalten hatten, wo.“

Aufgrund der Besonderheit und des Klimas der Gegend eine tödliche Seuche grassierte. Aus diesem Grund starben auch solche, die durch körperliche Arbeit geschwächt waren, etwa die Bauern. Bei ihrer Arbeit atmen sie nämlich notwendigerweise viel verseuchte Luft ein. Sie erkranken also, weil sie Tag und Nacht unter freiem Himmel der Luft ausgesetzt sind, die sie wie sie durch die Atmung aufnehmen.

Weitere Gründe, weshalb zu Epidemiezeiten die meisten Menschen erkranken und sterben, sind die Angst und all die Eindrücke, die durch häufiges Glockenläuten, die Totengesänge und Leichenkarren hervorgerufen werden. Man nimmt wahr, wie jeder Mann vom Tod heimgesucht wird. In vielen Städten wurden jetzt die Glocken nicht mehr geläutet und Trauerzüge durch die Stadt wurden verboten.

Papst Clemens VI. mied den Kontakt zur Außenwelt. Niemand hatte Zutritt zu seinen Gemächern. Ununterbrochen ließ er große Feuer unterhalten. Er gab die Anweisung, Pestleichen zu sezieren, um der Krankheit auf die Spur zu kommen. Man fand das, was man suchte: verfaulte Körpersäfte, Fäulnis der inneren Organe, hervorgerufen durch einen Überschuss des feucht-warmen Blutes.

"Das ist da die einzig mögliche Therapie." Die Diagnosen waren alle zweifellos sehr gehört, doch waren sie lächerlich. Man wusste damals nicht, dass Ratten und Flöhe die Krankheit trugen, und beides gab es all in Mengen von den Kranken. Tödlicher Durchbruch, vermutlich dann, wenn die Erde befällt. Das nicht beweisen. So versuchten sich die wenigen Ärzte, die nicht vor der Seuche geflohen waren, durch Pestmasken zu schützen. In das schnabelförmige Behältnis von Nase und Mund steckte man Leinenstreifen, die in Essig oder anderen Essenzen getränkt waren. Aber es gab kein Mittel gegen die Pest. Alles, was man versuchte, war vergebens.

Die Pest war die Züchtigung Gottes und Buße zu tun schien das einzige Mittel. Und hatte nicht Papst Clemens VI. zur Wallfahrt nach Rom aufgerufen, zum zweiten Jubeljahr in der Geschichte der Christenheit, lange bevor irgendjemand von der Seuche ahnen konnte? Das war ein Fingerzeig Gottes. Und so strömten die Gläubigen im Pestjahr 1350 in Scharen nach Rom, beteten und leisteten ihre Buße und brachten die Seuche auch in die Gegenden, die bis dahin verschont geblieben waren.

Doch vielen war eine Wallfahrt nicht genug. Es schienen sich die Prophezeiungen der Apokalypse zu erfüllen. Das Ende der Welt war nahe. Während die einen ihr Vermögen verprassten, um dem Leben noch so viel wie möglich abzugewinnen, fanden sich die Bußfertigen zu Prozessionen zusammen. Sie wollten dem Leiden Christi nacheifern und sich geißeln, wie dieser gegeißelt wurde. Sie zogen von Stadt zu Stadt und brachten auch oft die Pest mit sich.

Jeder trug Geißeln, die an ihm herunterhingen, und sie sangen ihr Lied: "Diese Bittfahrt ist zu erhaben. Christus ging selbst nach Jerusalem und trug sein Kreuz in der Hand. Nun helfe uns der Heiland." Sie hatten zwei oder drei Vorsänger, denen sie antworteten, und kamen sie in Kirchen, verschlossen sie diese. Sie legten ihre Gewänder bis auf das Unterkleid ab, so dass sie von den Länden bis zu den Knöcheln nur noch Leinen trugen. Während der Prozession umschritten sie in zweier Reihen Kirche und Kirchhof und sangen, und jeder Teilnehmer schlug sich mit seinen Geißeln hoch bis zu den Achseln, so dass das Blut über die Knöchel floss. Und man trug Kreuze, Kerzen und Fahnen voraus, und sie sangen während der Prozession: "Tretet her, wer büßen will, so entkommen wir der heißen Hölle. Luzifer ist ein böser Gesell, wen er greifen kann, den stürzt er ins Elend."

Jede Geißel war eine Art Stock, von welchem drei Stränge mit großen Knoten vorne herabhingen. Mitten durch die Knoten liefen von beiden Seiten sich kreuzende, eisernadel-scharfe Stacheln, die in der Länge eines Weizenkorns oder etwas mehr aus dem Knoten ragten. Mit solchen Geißeln schlugen sie sich auf den entblößten Oberkörper, so dass dieser blau verfärbt und entstellt anschwoll und das Blut nach unten lief und die benachbarten Wände der Kirche, worin sie sich geißelten, bespritzte. Zuweilen trieben sie sich die eisernen Stacheln so tief ins Fleisch, dass man sie erst nach wiederholten Versuchen herausziehen konnte. Eine Bußfahrt dauerte 33einhalb Tage und entsprach damit den Lebensjahren Christi. Bis zu 100.000 Gläubige sollen an einigen dieser kollektiven Rasereien teilgenommen haben, und es ging dabei nicht immer friedlich zu.

Der Einzug der Geißler in der Reichsstadt Frankfurt dokumentierte der Chronist Kaspar Kamens im Jahre 1349. Als die Sekte der Flagellanten scharenweise unser Deutschland, seine Städte und Orte durchschwärmte, kam eine sehr große Zahl von ihnen auch nach Frankfurt. Als sie hier sahen, wie die Juden in den besten Vierteln wohnten, waren sie – ich wage nicht zu sagen, ob zurecht – so empört, dass sie die Schmach unseres Herrn rächen, die Waffen nehmen und kämpfen wollten. Es entwickelte sich ein Getümmel, wobei man die Juden niedermetzelte. Vergeblich setzten sich die Bürger für die Unversehrtheit und Sicherheit der Juden ein. Die Geißler stürzten in deren Häuser, griffen sie an, und die Juden, die zu den Waffen eilten, wurden niedergemacht. Die Sturmglocke läutete, und die Bürgerschaft verteidigte sie. Dank deren Stärke und Mutes wurden den Juden – nicht ohne erhebliches Blutvergießen, die meisten waren dem Schwert zum Opfer gefallen – ihre Ruhe zurückgegeben.

Doch als ob die Ausschreitungen gegen sie mit Wissen oder gar nach dem Willen der Stadtväter und Bürger geschehen wäre, begannen diese, sich äußerst argwöhnisch zu verhalten und sannen nicht nur gegen einige, sondern gegen alle Bürger auf Rache. Die Juden waren ein verfehmtes Volk. Bereits auf dem Vierten Laterankonzil im Jahre 1215 waren sie vom damaligen Papst Innozenz III. für ihren Mord an Christus zur ewigen Sklaverei verdammt worden. Seither musste jeder Jude ab seinem siebten Lebensjahr als Kennzeichen den spitzen Juden-Hut tragen. Viele Berufe waren ihnen verwehrt, und so verdiente sich so mancher aus ihrer Mitte seinen Lebensunterhalt als Geldverleih, ein Gewerbe, das den Christen untersagt war. Missgunst, Neid und Argwohn begleitete sie daher ständig.

Als man jetzt nach Schuldigen suchte für die schreckliche Seuche, da waren sie die ersten Opfer. Der Konstanzer Domherr Heinrich von Dienhofen berichtete: "In diesem Jahr verbrannte und tötete man die Juden vom Johannesfest bis Heiligen in ganz Burgund mit Ausnahme der Stadt Avignon, die der Papst erworben hatte, bis hin nach Solothurn, wo man sie ebenfalls umbrachte, weil man ihnen die tödliche Seuche, die in diesem und im folgenden Jahr wütete, in die Schuhe schob." Man erzählte sich und hörte ja, sie gestanden es selbst, dass sie, wie auch den Aufzeichnungen des folgenden Jahres zu entnehmen ist, die Brunnen vergiftet hätten.

Drei Jahre wütete die erste Pestwelle in Europa, doch damit war die Seuche noch nicht überstanden. Mailand wurde erst 10 Jahre später erfasst, und 1370 sowie 1380 flammte die Pest erneut auf. Danach war nichts mehr wie früher. Rund ein Drittel der europäischen Bevölkerung war dahin gerafft.

Aus Florenz berichtete der Chronist Matteo Villani: "Da die Leute nur noch wenige waren und im Überfluss Grund und Boden erbten, vergaßen sie die Vergangenheit, als ob sie nie vorhanden gewesen wäre. Das niedrige Volk wollte nicht mehr in den alten Berufen arbeiten, da Männer und Frauen vom Überfluss überwältigt wurden, den man in allen Bereichen vorfand. Man verlangte auch nach teuren und köstlichen Speisen. Wenn geheiratet wurde, kleideten sich die Kinder und Frauen niedrigen Standes in all die schönen und teuren Gewänder der Vornehmen, die umgekommen waren. Die Händler hatten durch die Seuche stark an Bedeutung verloren, denn wer wollte schon in diesen Zeiten Handel treiben, wo jeder Fremde argwöhnisch betrachtet wurde, aus Angst, ob er nicht die Pest einschleppe oder die Brunnen vergiften wolle."

Aber es wird nicht lange dauern, bis die großen und mächtigen Handelshäuser gegründet werden. Hans Fucker, der Stammvater der berühmten Kaufmannsfamilie, war eben dabei, sich in Augsburg als Weber niederzulassen. Die entvölkerten Städte vergaben nämlich nach jeder Pestwelle Zuzugsrechte, um die Sterbeziffern auszugleichen, denn viele Häuser standen leer und drohten zu verfallen. "Handwerk hat goldenen Boden", nach den grauenhaften Jahrzehnten war das jetzt die Devise in den Städten.

Es brach die Herrschaft der Zünfte an. Schuhmacher, Bäcker, Fleischer, Steinmetze und Schmiede dominierten die Ratsversammlungen. Das waren die Bürger des neuen Mittelstandes. An ihrem Wirken erkennt man am deutlichsten den Anbruch einer neuen Zeit.

Johannes Gutenberg wurde um das Jahr 1400 geboren. Seine Erfindung des Buchdrucks muss eine Revolution gewesen sein. Plötzlich waren Bücher und damit Informationen für breite Schichten der Bevölkerung erschwinglich. Viele große und kleine Erfindungen verändern jetzt das Leben. Auf den Kirchtürmen sieht man immer häufiger große Uhren, und man beginnt, Arbeitszeit nicht mehr in Tagen, sondern in Stunden zu messen. Das ist der neue Lebensrhythmus.

Doch der gilt noch nicht für alle. Das Mittelalter lässt sich nicht in allen Bereichen so leicht abschütteln. Es gibt sie immer noch, die Ritter. Doch jetzt, im 15. Jahrhundert, werden sie zunehmend zum Anachronismus. Einst als Panzerreiter gegen die Horden der Ungarn zu Ruhm und Ansehen gelangt, prägten sie schnell das mittelalterliche Leben und wurden bald zum niederen Adel erhoben. Prächtige Ritterturniere, höfischer Minnesang und Ritterehre sind untrennbar mit dem Mittelalter verbunden. Doch jetzt geht ihre Zeit zu Ende.

Bereits während der Kreuzzüge wurde die Rüstung immer schwerer. Die leichten Kettenhemden waren allmählich durch Eisenrüstungen, den Plattenpanzer, ersetzt worden, um sich vor indischen Pfeilen besser schützen zu können. Daraufhin erfanden die Engländer den Langbogen, aus bestem elastischen Eibenholz gefertigt. Mit dem unteren Ende wurde der Bogen in den Boden gestemmt. Nur die kräftigsten Männer vermochten ihn mit der ganzen Kraft ihrer Muskeln zu spannen. Die Pfeile trafen noch auf 200 m Entfernung ihr Ziel und ihre Kraft durchschlug sogar den Plattenpanzer. Von den edlen Rittern wurde die Bogenwaffe natürlich verschmäht. Das war etwas fürs Fußvolk.

Doch das Fußvolk, diese Bauernkrieger, die machten den Rittern allmählich schwer zu schaffen. Sie kämpften keinen ehrlichen, ritterlichen Kampf nach Regeln. Sie kämpften, um zu siegen, und da war ihnen jedes Mittel recht. Die Ehre war ihnen einerlei. Mit langen Spießen stellten sie sich in geschlossenem Verband auf. Ritt man dagegen an, dann gruben sich die Spieße tief in die Pferdeleiber und sofort waren sie mit ihren schrecklichen Hellebarden über dem gestürzten Reiter und schlugen ihm grausame Wunden. Der kam meist gar nicht mehr dazu, sein Schwert zu benutzen. Ein verwundeter Ritter, der am Boden lag, hatte keine ritterliche Schonung zu erwarten. Die Bürgerheere und Bauernkrieger wollten kein Lösegeld von den Adligen Verwandten erpressen. Sie drehten den Ritter, der sich in seiner Rüstung kaum bewegen konnte, einfach auf den Bauch und stachen mit ihren Spießen in das ungeschützte Sitzfleisch, bis der Ritter ins Gras biss. Die Rüstung, die war kostbar, den nackten Körper ließ man liegen.

Nein, es war nicht mehr die Zeit der Ritter und der Ritterspiele. Die jetzt anbrach. Während auf der einen Seite Genies wie Leonardo da Vinci die Türen einer neuen Zeit aufstoßen, Impulse setzen in der Architektur, in Technik, Astronomie, in Physik und Anatomie, und nicht zu vergessen in der Malerei, verschanzen sich auf der anderen Seite die ewig Gestrigen hinter Glaubenspostulaten. Und Hexen waren für sie, das Mittelalter ist noch lange nicht zu Ende. Ihre Scheiterhaufen werden bis ins 17. und 18. Jahrhundert hineinbrennen.

Im Dezember 1484 veröffentlichte Papst Innozenz VIII. eine päpstliche Bulle, die als Hexenbulle in die Geschichte einging. "Nicht ohne schmerzliche Sorge ist uns kürzlich zur Erkenntnis gelangt, dass in einigen Teilen Norddeutschlands sowie in den Provinzen, Gemeinden und in den Diözesen Mainz, Köln, Trier, Salzburg und Bremen viele Personen beiderlei Geschlechts, uneingedenk ihres eigenen Heils und vom katholischen Glauben abweichend, sich mit Teufeln und teuflischen Wesen selbst entehrt haben und durch ihre Beschwörungen, Zauber, Zauberformeln und abscheuliche Zaubereien die Nachkommen der Frauen und die Jungtiere zugrunde richten, die Früchte der Erde, die Trauben an den Weinstöcken und das Obst an den Bäumen, ja sogar Männer, Frauen und Tiere, auch Weinberge, Obstgärten, Wiesen und Weiden, Roggen, Weizen und andere Getreide der Erde verfluchen und vernichten. Diese teuflischen Wesen plagen und quälen aus dem Männer und Frauen, Herdentiere sowie Vieh aller Art mit Schmerzen und Krankheit innerlich und äußerlich. Sie hindern die Männer zu zeugen und die Frauen zu empfangen, weshalb weder Männer mit ihren Frauen noch Frauen mit ihren Männern den Geschlechtsakt ausführen können. Darüber hinaus entsagen sie dem Glauben, den sie durch das Sakrament der Taufe erhielten, und scheuen sich nicht, angestiftet vom Feind der menschlichen Rasse, die abscheulichsten Greuel und Exzesse zum Schaden der menschlichen Seele zu verüben, wobei sie die göttliche Majestät beleidigen und die Ursache von Ärgernissen und gefährliche Beispiele für viele sind."

Es gab schon vorher päpstliche Manifeste gegen Zauberei und Hexentum. Auch wurden schon vor dieser Zeit Hexen verbrannt, aber die Dominikaner, die mit der Inquisition betraut waren, machten keine große Sache daraus. Es geschah eher beiläufig und stillschweigend. Das sollte sich jetzt ändern. Angestiftet durch die Bulle des Papstes, erschienen zwei eifrig hexengläubige Dominikanermönche beim Heiligen Vater: Heinrich Institoris und Jakob Sprenger. Beide konnten auf eine langjährige Erfahrung in Sachen Hexenverfolgung zurückblicken und erwirkten von Papst Innozenz VIII. einen Erlass, der ihnen die alleinige Zuständigkeit in Sachen Hexen zusprach. Mit dieser Vollmacht durften sie gegen Verdächtige nach eigenem Gutdünken vorgehen.

Was für eine großangelegte Hexenjagd fehlte, das war eine Anleitung für das praktische Vorgehen, wenn man einen Verdächtigen gefunden hatte. Also verfassten sie ein Handbuch für den Hexenjäger, den Hexenhammer. Papst Innozenz VIII. war sehr angetan von dem Engagement der beiden Mönche, denn mit diesem Handwerkszeug war es möglich, alles auszurotten, was nicht bibelgläubig oder papsttreu war. Ketzer und Hexen wurden jetzt in einen Topf geworfen, und der Begriff Ketzer neu definiert. Der Glaube an Hexen war jetzt eng mit dem christlichen Glauben verbunden, und so war ab sofort jeder ein Ketzer, der nicht an Hexen glaubte.

Auf auf! Auf der einen Seite konnte man damit die letzten Reste von nichtchristlichem Aberglauben beseitigen. Auf der anderen Seite hatte man jetzt ein nützliches Instrument zur Hand gegen das neue Denken, das überall im Gottesstaat des Papstes um sich griff. Da gab es allerdings Menschen, die der Vernunft einen Wert beimaßen, wiewohl jeder wissen sollte, dass Vernunft der Häresie gleich kommt, da sie dem Glauben im Wege steht, und der Glaube ist jetzt per päpstlicher Bulle Hexenglaube. Dank der neuen Buchdruckkunst wurde das Buch ein Bestseller. Bis 1669 erlebte es 29 Auflagen und wurde in mehrere Sprachen übersetzt.

"Der Richter beginne den Prozess durch eine allgemeine Vorladung in der Weise wie folgt, indem er sie an den Türen der Kirche oder des Rathauses anheftet: Da wir mit allen unseren Neigungen erstreben und aus vollem Herzen ersehnen, dass das uns anvertraute christliche Volk in der Einheit und Klarheit des katholischen Glaubens eifrig gepflegt und von aller verderblichen ketzerischen Verkehrtheit ferngehalten werde, befehlen wir unter der Strafe der Exkommunikation, innerhalb der zwölf zunächst zu rechnenden Tage möge uns enthüllen, wenn jemand weiß, gesehen oder gehört hat, dass irgendeine Person als Ketzerin oder Hexe übel beleumundet oder verdächtig sei, und dass sie im Besonderen so etwas betreibe, was zur Schädigung der Menschen, der Haustiere oder der Feldfrüchte auszuschlagen vermag. Wenn jemand unseren vorgenannten Ermahnungen und Befehlen nicht gehorcht, mit der Wirkung, dass er das Vorausgeschickte innerhalb des veranschlagten Termins nicht enthüllt, wisse er, dass er mit dem Dolche der Exkommunikation durchbohrt sei."

Es war jetzt des Bürgers Pflicht, jeden zu denunzieren, dem man misstraute, anderenfalls traf einen der Bannfluch des Papstes. Wer so in die Mühlen der Inquisition geriet, der hatte keine Aussicht zu überleben. Ebenso wie Ketzer gegen Ketzer zum Zeugnis zugelassen wird, so auch Hexer gegen Hexer, jedoch immer nur gegen und nicht für. Auch Gattin, Söhne und Angehörige gegen und nicht für, und zwar deshalb, weil deren Zeugnis zum Beweise wirksamer ist. Wer aber für einen Verdächtigen Zeugnis ablegte, war automatisch auch verdächtig und geriet damit in die Fänge der Inquisition. Und einmal erfasst, gab es kein Entrinnen.

"Was schließlich der Richter tun muss, ergibt sich klar: nämlich, dass, wie es die allgemeine Gerichtspflege verlangt, zur Strafe des Blutes keine Angeklagte verurteilt wird, wenn sie nicht durch eigenes Geständnis überführt wird, wiewohl sie für offen in ketzerischer Verkehrtheit ertappt gehalten wird und von einer solchen angezeigt ist. Jetzt auch die Rede, so wird sie dann auf jeden Fall zur Erlangung eines Geständnisses den peinlichen Fragen und Foltern ausgesetzt."

Und damit die Frage klar sei, möge ein Fall angenommen werden, der sich zu Speier zutrug und zu vieler Leute Kenntnis gelangt ist: Als ein gewisser ehrenwerter Mann an einer gewissen Frau vorüberging und er auf ihren Wink nicht in den Verkauf einer verkäuflichen Sache hatte willigen wollen, rief sie unwillig hinter ihm her: "In kurzem wirst du wünschen, zugesagt zu haben." Und so oder mit ähnlichem Sinne ist die gebräuchliche Art der Hexen zu sprechen. Da wandte er unwillig über sie und nicht mit Unrecht das Gesicht nach hinten, um sie anzusehen, in welcher Absicht sie die Worte ausgestoßen habe, und siehe, er ward plötzlich von einer Behexung betroffen, indem sein Gesicht sich in schauderhafter Entstellung schräg bis zu den Ohren ausdehnte, und er konnte es nicht zurückziehen, sondern blieb lange Zeit in dieser Entstellung.

Es gibt vier Arten, den Angeklagten zu überführen: Entweder nämlich durch das Recht, wie z.B. Folterwerkzeuge und Zeugen, oder durch Evidenz der Tat, oder durch Auslegung des Rechtes, z.B. dass der Angeklagte öfters vorgeladen worden sei, oder durch heftigen Verdacht. Das war jetzt der Gottesstaat auf Erden unter der Alleinherrschaft des Papstes.

"Zu viel 100.000. Gute Nacht, herzliebste Tochter! Unschuldig bin ich gemartert und muss sterben. Man hat mir den Daumenstock angelegt, bis das das Blut herausquoll, danach achtmal auf die Folter. Herzlieb Kind, dieses Schreiben halt verborgen. Gute Nacht, ich sehe dich nimmer mehr."

Während ganz Europa hell aufleuchtete im Schein der Scheiterhaufen, sonnten sich die Päpste im Glanz ihrer gottgleichen Allmacht. War das tatsächlich Gottes Staat auf Erden, auf dem Thron der Papst als der Allmächtige, und um ihn herum die hellodernden Fegefeuer der Sünder? Nein, es war eher ein letztes Aufbäumen der mittelalterlichen Geisteshaltung gegen die neu anbrechende Zeit.

Von Italien gehen die neuen Impulse aus. Die Familie der Medici, durch Bankgeschäfte reich geworden, beherrscht Florenz. Cosimo de' Medici stiftet die Platonische Akademie an, der sich bald Künstler und Denker der neuen Zeit versammeln. Hier ist die dogmatische Geisteshaltung des Mittelalters bereits überwunden. Der Mensch in seinem Wesen wird Mittelpunkt der Betrachtung. Eifrig werden die großen Werke der griechischen Antike gelesen und diskutiert: Plato, Sokrates, Pythagoras.

In der Architektur schafft sich das neue Denken Ausdruck, und auch hier ist es Cosimo de' Medici, der großzügig Aufträge vergibt. Brunelleschi und Michelozzo schaffen die gewaltige Domkuppel und den Palazzo Medici. Lorenzo de' Medici, er wird auch der Prächtige genannt, tritt in die Fußstapfen seines Großvaters Cosimo und führt Florenz in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts zu einer Blüte, die ihresgleichen sucht. Er tritt für eine Politik des Gleichgewichts unter den italienischen Stadtstaaten ein. Selbst ein begabter Dichter, sammelt er führende Humanisten um sich und fördert eifrig die Kunst. Der junge Florentiner Michelangelo Buonarroti gehört zu seinen Schützlingen und gilt als aufstrebendes Bildhauer- und Malertalent. Er wird sich auch als Baumeister einen Namen machen beim Bau von St. Peter in Rom.

Renaissance wird dieser Aufbruch in die Neuzeit genannt. Überall ist er zu spüren, nicht nur in Florenz. In Granada wirbt ein junger Mann aus Genua für seine Pläne, einen neuen Seeweg nach Indien zu entdecken. Er glaubt an die Kugelgestalt der Erde und will nach Westen segeln. Königin Isabella von Kastilien schenkt ihm Gehör und unterstützt das tollkühne Unternehmen. Er wird Amerika entdecken: Christoph Kolumbus.

Auch nördlich der Alpen ist die Aufbruchstimmung allmählich zu spüren. Der Gelehrte Erasmus von Rotterdam genießt in breiten Kreisen bereits großes Ansehen. In seinem "Handbuch des christlichen Streiters" setzt er sich für ein freies, vernunftgemäßes Christentum ein, das den sittlichen Gehalt des Neuen Testaments betont. Er entwickelt einen Plan zur künftigen Vermeidung von Kriegen. Alle christlichen Staaten sollten einen umfassenden Bund bilden. Jedes Land solle ein genau bestimmtes Gebiet zugesichert erhalten. Keine Vergrößerungen, keine Sonderabkommen oder überalterte Ansprüche sollten gelten.

Renaissance und Humanismus regen sich überall als Boten einer neuen Zeit. Der Horizont der Menschen weitet sich, und bald werden die Erkenntnisse der neuen Wissenschaften von der Natur der Dinge die Glaubensdogmen ablösen.

Unwiderruflich. In Rom begann im Jahre 1506 der Neubau des Petersdoms. Die Hofhaltung der Päpste konnte sich inzwischen mit der der altrömischen Kaiser messen. Bald traten finanzielle Engpässe auf. Papst Leo X. wusste sich zu helfen. Der Heilige Vater erließ eine Bulle, worin allen, welche durch Geldbeträge den Bau der Peterskirche befördern würden, Ablass verkündigt wurde. Die ganze christliche Erde wurde nun in verschiedene Bezirke eingeteilt und Reisende des großen römischen Handelshauses dorthin geschickt, unter dem Titel päpstlicher Legaten oder Kommissarien.

Die Ablassbriefe, welche diese Reisenden des Stadthalters Gottes verkauften, lauteten wie folgt: "Im Namen unseres Allerheiligsten Vaters, des Stellvertreters Jesu Christi, spreche ich dich zuerst von aller Kirchenzensur los, die du verschuldet haben könntest. Hiernächst auch von allen Taten und Verbrechen, die du bisher begangen, so groß und schwer dieselben auch sein mögen, auch von denen, welche sonst allein der Papst vergeben kann. Ich erlasse dir vollkommen alle Strafen, die du um dieser Sünden willen billig im Fegefeuer erleiden solltest. Ich mache dich wieder der Kirchensakramente und der Gemeinschaft der Gläubigen teilhaftig und setze dich von neuem in den reinen und unschuldigen Zustand zurück, worin du gleich nach der Taufe warst, so dass, wenn du stirbst, die Pforten der Hölle, wodurch man zur Qual und Strafe einzieht, verschlossen sein sollen, damit du geraden Weges in das Paradies gelangen mögest."

In der päpstlichen Kanzleitaxe war der Preis festgesetzt, für welchen die allerscheußlichsten Sünden vergeben wurden: Eltern- und Geschwistermord, Blutschande, Kindermord, Fruchtabtreibung, Ehebruch, Art die unnatürlichste Wollust, Meineid – kurz, alles, was man nur Sünde oder Verbrechen heißt, fand hier seinen Preis. "Dergleichen Gnaden können Arme nicht teilhaftig werden, denn sie haben kein Geld, also müssen sie des Trostes entbehren", so heißt es am Ende der heiligen Preisliste. Für die Bezahlung von 2 Dukaten war es Geistlichen erlaubt, Hurerei, Ehebruch, Blutschande und Sodomie, also Unzucht mit Tieren, zu treiben.

Leo X. fand es vorteilhaft, den Ablass in einigen Bezirken an große Unternehmen für bestimmte Summen zu verpachten. Die Generalpächter hatten wieder ihre Unterpächter. Ein flächendeckendes Netz von Geldkanälen überzog bald die christliche Welt, und alle Kanäle führten nach Rom.

Einer der besten Ablassvertreter war wohl der Dominikanermönch Johann Tetzel aus Pirna. Er führte einen eisernen, mit dem Wappen des Papstes verzierten Kasten mit sich herum, zog von Markt zu Markt und sang: "So wie das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt." Überall versammelte er eine große Menge um sich. Er rühmte von sich, dass er durch den Ablass mehr Seelen aus der Hölle errettet habe, als von dem Apostel Petrus durch die Predigt des Evangeliums Heiden bekehrt worden seien. Er könnte nicht allein begangene Sünden vergeben, sondern auch solche, die man erst begehen wollte, und die Kraft seines Ablasses sei so groß, dass es keine Sünde gebe, welche durch denselben nicht gesühnt werden könne.

"Seht doch, der Himmel steht euch überall offen! Wollt ihr jetzt nicht hineingehen? Wann werdet ihr denn hineinkommen? Oh, ihr unsinnigen und verstockten Menschen, die ihr fast den wilden Tieren gleich seid und die große Verschwendung und Ausgießung der päpstlichen Gnade nicht zu würdigen versteht! Seht so viel Seelen könnt ihr aus dem Fegefeuer erlösen! Oh, ihr hartnäckigen und saumseligen, ihr könnt mit zwölf Groschen euren Vater aus dem Fegefeuer reißen und seid doch so undankbar, dass ihr euren Eltern in so großer Not nicht beisteht! Ich will am Jüngsten Gericht die Schuld davon nicht auf mich nehmen."

An dem Händlerwesen der römischen Kirche entzündete sich heftige Kritik. Am 31. Oktober 1517 war sie für die Wittenberger Bürger nicht zu übersehen. Sie hing groß an der Türe ihrer Schlosskirche. Martin Luther, der Doktor der Theologie und Lehrer für Bibelerklärung in Wittenberg, hatte sie dort angebracht, um zu einer öffentlichen Diskussion darüber aufzufordern. Seine 95 Thesen über den Ablass führten zu einem heftigen Streit mit Johann Tetzel. Im Verlauf der Auseinandersetzung geriet Luther mehr und mehr in Opposition zur römischen Kirche. Auf der Leipziger Disputation 1519 bestritt er schließlich die Unfehlbarkeit der Konzilien und behauptete, die Entstehung des Papsttums habe lediglich menschlich-geschichtliche Ursachen.

Es folgte die päpstliche Bannandrohungsbulle. Luther verbrannte sie öffentlich. Das war sein endgültiger Bruch mit der römischen Kirche und der Beginn der Reformation. Die Reformation beendet das Mittelalter, und die römische Kirche wird nie mehr uneingeschränkte Macht besitzen. In der Zeit der Renaissance und des Humanismus beginnt das Abendland die Fesseln des Mittelalters endgültig abzustreifen.