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Kein Öl, kein Gas: Die Energiekrisen der 1970er

MrWissen2go Geschichte | Terra X10:25

Transcription

Dieses Video hier entsteht im Herbst des Jahres 2022. Viele Deutsche haben Angst, dass sie im Winter frieren müssen, dass die Preise für Energie ins Unbezahlbare steigen. Eine ähnliche Sorge, wie sie viele Menschen im Jahr 2022 haben, hatten auch schon die Deutschen im Jahr 1973 und 1979. Denn schon damals gab es Energiekrisen, weil Erdöl-Lieferungen ausblieben. Wie diese Ereignisse zusammenhängen, wie sie sich gleichen oder auch unterscheiden, und vor allem, was wir heute aus den früheren Krisen lernen können, das erfahrt ihr in diesem Video.

1973. Der damalige Bundeskanzler Willy Brandt stimmt die Westdeutschen durch eine Regierungserklärung auf schwere Zeiten ein. Er sagt: „Überall muss Energie gespart werden. Wichtiger als die Sicherung privaten Komforts ist die Sicherung von Arbeitsplätzen.“ Zitat: Brandts Regierung legt im Bundestag das sogenannte Energiesicherungsgesetz vor. Das Ziel dieses Gesetzes ist es, die Deckung des lebenswichtigen Bedarfs an Energie zu sichern, und zwar auch dann, wenn die Energieversorgung unmittelbar gefährdet oder gestört ist. Und die Energieversorgung ist damals unmittelbar gefährdet.

Zu Beginn der 1970er-Jahre ist Erdöl die wichtigste Energiequelle für die Bundesrepublik Deutschland. Die Industrienation deckt 55 Prozent ihres Energiebedarfs mit Rohöl, das aus dem Ausland, vor allem aus den arabischen Ländern, importiert wird. Aber die liefern nicht mehr. Grund ist der Konflikt im Nahen Osten, der sich damals dramatisch verschärft. Ganz vereinfacht gesagt: Ägypten und Syrien greifen mit der Unterstützung anderer arabischer Staaten im Oktober 1973 Israel an. Die westlichen Staaten unterstützen Israel mit Waffen und Geld. Um jetzt diese Unterstützung zu stoppen, fahren die arabischen Erdölstaaten ihre Erdölproduktion immer weiter herunter und liefern weniger Öl in den Westen. Einige Länder bekommen gar kein Öl mehr. Deutschland und andere Länder erhalten deutlich weniger. Und wenn eine Sache knapp wird, dann steigen meistens die Preise. Und genau das passiert Ende des Jahres 1973. Für die Menschen bedeutet das: Heizöl wird teuer und die Preise an den Tankstellen gehen in die Höhe. Und dann haben wir ja wie gesagt Herbst. Der Winter naht und die Energiesituation spitzt sich zu. Die deutschen Ölvorräte reichen gerade mal für ein halbes Jahr. Und so verordnet die Bundesregierung dem Volk einen rigiden Sparkurs. Vor allem startet die Regierung eine Kampagne zum Energiesparen. In Werbespots werden die Deutschen gefragt: „Müssen Sie eigentlich so lange duschen?“ „Das ist ja Energieverschwendung!“ Das alles kommt euch vielleicht bekannt vor. Energiesparen wird zum großen Thema. Auch Behörden sollen die Temperaturen in den Büros reduzieren. Die Beleuchtung wird eingeschränkt. Und auch hier: Kennt ihr sicher. Und Deutschland besorgt sich jetzt auch mehr Öl aus anderen Quellen, zum Beispiel aus der Sowjetunion. Das Ziel ist: Die Regierung soll die Abhängigkeit von den Golfstaaten überwinden. Auch, um sich nicht erpressbar zu machen. Nicht in erster Linie, das muss man auch dazusagen, aus Nachhaltigkeitsidealen. Die Regierung will daher unter anderem die Offshore-Ölförderung in der Nordsee ankurbeln, mehr Kohle einsetzen, Müll energetisch verwerten, also aus Müllverbrennung Energie gewinnen, und strategische Reserven anlegen.

Die Folgen der Krise sind trotz aller Gegenmaßnahmen ernst. Die teure Energie lässt die Industrieproduktion sinken. Die Wirtschaft schrumpft. Aus 273.000 Arbeitslosen im Jahr 1973 werden in den kommenden zwei Jahren mehr als eine Million. Fast eine halbe Million Gastarbeiter verlässt die Bundesrepublik. Die Inflation steigt auf sieben Prozent. Weil die Deutschen aber immer noch zu viel Energie, vor allem zu viel Treibstoff verbrauchen, verordnet die Regierung eine Maßnahme, die den Ernst der Lage klar machen soll: ein Fahrverbot für Autos an vier Sonntagen im November und Dezember. Nur die Polizei, Krankenwagen, Blumenhändler, Journalisten und Taxifahrer sind davon ausgenommen. An anderen Tagen gilt ein Tempolimit von 100 km/h auf Autobahnen und 80 auf Landstraßen. Man fürchtet damals tatsächlich gewaltsame Proteste. Aber die Westdeutschen nehmen die Sache recht gelassen. Sie gehen auf den leeren Autobahnen spazieren. Das Bild, das bis heute für die Ölkrise steht, das sind die leeren Autobahnen. Sonntagsfahrverbote gibt es auch in den Niederlanden, in Belgien, Griechenland, in der Schweiz, Luxemburg, Dänemark und auch Italien. Aber diese Maßnahmen sind nur begrenzt und von kurzer Dauer. Schon Anfang 1974 wird das Fahrverbot in Deutschland aufgehoben, und im März 1974 das Tempolimit. Grund für die Entspannung ist: Dank diplomatischer Verhandlungen liefern die Erdölstaaten wieder mehr.

Die DDR trifft es übrigens zunächst nicht so hart: Die Deutsche Demokratische Republik bezieht günstiges Öl aus der Sowjetunion. Und in den kommunistischen Ländern funktioniert die Staatswirtschaft anders. Dort hat man Fünfjahrespläne, und die schreiben auch Preise und Liefermengen für fünf Jahre fest. Deshalb wirkt sich die Krise dort erst einmal nicht aus. Aber mit Verspätung trifft es die DDR dann doch. Denn erstens braucht die Sowjetunion Geld, weshalb die sozialistischen Länder in den kommenden Jahren mehr zahlen müssen. Und gleichzeitig verkauft die Sowjetunion mehr Öl und Gas an westliche Länder, vor allem an die Bundesrepublik. Die sozialistischen Länder bekommen deshalb weniger Energie. Die Sowjetunion bekommt mehr Devisen. Das ist für sie deutlich attraktiver.

Einige Jahre später, genauer 1979. Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt erklärt vor dem Bundestag: „Den Bemühungen, Energie einzusparen, gebührt Vorrang.“ Wie bitte? Ja, tatsächlich bekommt man den Eindruck, die Geschichte wiederholt sich. Auch 1979 erschüttert eine Energiekrise, eine zweite Ölkrise, die Bundesrepublik Deutschland. Und auch die wird durch außenpolitische Ereignisse ausgelöst: Zu Beginn des Jahres 1979 wird das Schah-Regime im Iran gestürzt, und auch dazu gibt es ein Video hier auf diesem Kanal, das mehr dazu erklärt, findet ihr oben auf dem „i“ verlinkt. Und im Zuge dieses Regimewechsels wird die Ölproduktion eingestellt. 1980 verschärfen dann weitere Krisen die Lage, zum Beispiel der Krieg der Sowjetunion in Afghanistan oder der Golfkrieg zwischen dem Irak und dem Iran. Und wieder wird Öl auf dem Weltmarkt knapp und die Preise steigen. Westliche Politiker und Medien schalten sofort in den Alarmmodus um, und die Verbraucher kaufen wie wild alles, was sie bekommen können. Bundeskanzler Helmut Schmidt gibt sich nach außen gelassen und will den Bürgern weder kalte Wohnungen noch langsames Fahren auferlegen. Aber intern lässt der Kanzler Pläne für den Notfall ausarbeiten. Er erwartet eine weltwirtschaftliche Krise. Und wieder kommt das Energiesicherungsgesetz zum Einsatz. Konkret versucht die Bundesregierung erneut zu sparen. Große Investitionen gehen in Maßnahmen, die künftig Energieverschwendung vermeiden sollen. 800.000 Wohnungen bekommen eine moderne Wärmedämmung. Blockheizkraftwerke verbessern die Wärmeversorgung. Haushaltsgeräte müssen sparsamer werden, per Gesetz. Der öffentliche Personennahverkehr soll ausgebaut werden. Außerdem führt man die Sommerzeit ein, die es ja bis heute gibt. Die Idee ist: Das Tageslicht wird besser ausgenutzt und Strom gespart. Spoiler: Es klappt nicht. Interessant finde ich übrigens, dass die DDR der Bundesrepublik dabei zuvorkommt: Während in der damaligen westdeutschen Hauptstadt Bonn noch diskutiert wird, beschließt man in Ostberlin die Sommerzeit. Und jetzt muss der Westen mitmachen, denn unterschiedliche Zeiten in den beiden deutschen Staaten, die direkt nebeneinander liegen, das wäre kompletter Blödsinn. Komplett richtig ist der Versuch, die Abhängigkeit vom Erdöl weiter zu reduzieren. Kanzler Schmidt erklärt, dass man in den kommenden drei Jahrzehnten den Umgang Deutschlands mit Energie komplett umkrempeln müsse. Das bedeutet: mehr Erdgas, mehr Atomkraft, mehr erneuerbare Energien. Kommt euch vielleicht irgendwie bekannt vor.

Die Ölkrise 1979 trifft Westdeutschland hart. Alles wird teurer. Die Arbeitslosenquote steigt in den kommenden Jahren so hoch wie nach dem Zweiten Weltkrieg noch nie, auf etwa 1,8 Millionen Arbeitslose. Die Wirtschaft schrumpft. Auch die DDR wird diesmal stark getroffen. Die Sowjetunion kürzt ihre Öllieferungen. Das schadet der DDR doppelt, denn die verarbeitet russisches Erdöl und verkauft es zum Teil an den Westen weiter. Und jetzt fällt diese Einnahmequelle aus und die DDR geht regelrecht pleite. Nur ein Milliardenkredit, der 1983 aus der Bundesrepublik kommt, sichert ihr vorerst das Überleben.

2022. Der amtierende Wirtschaftsminister Robert Habeck bittet die Deutschen, so viel Energie wie möglich einzusparen. Er spricht von einer nationalen Kraftanstrengung und sagt: „Ja, wieder eine Energiekrise.“ Diesmal geht es vor allem ums Gas. Denn Deutschland bezieht mittlerweile sehr viel Erdgas aus Russland. Aber von dort kommt fast nichts mehr an. Am 24. Februar überfällt Russland die Ukraine. Die westlichen Staaten reagieren, indem sie den Ukrainern Waffen liefern und Sanktionen gegen Russland erlassen. Russland reduziert daraufhin nach und nach die Energielieferungen in den Westen. Die Bundesregierung und der Bundestag passen das Energiesicherungsgesetz an die modernen Verhältnisse an. Die allerwichtigste Maßnahme ist wiederum das Energiesparen. Außerdem wird viel Geld ausgegeben, um die Folgen der hohen Preise und des Gasmangels auszugleichen.

Haben wir aus der Vergangenheit von den beiden früheren Energiekrisen gelernt? Das kann man jetzt noch nicht beurteilen. Aber wir können schon sehen, was sich verändert hat. Wärmedämmung, Energieeffizienz-Standards für elektrische Geräte, effizientere Motoren - das sind alles grundsätzlich positive Maßnahmen. Manchmal erreichen sie dennoch auf längere Sicht nicht das gewünschte Ergebnis. Ein Beispiel: Gedämmte Wohnungen sind super, aber das bedeutet, dass man zum gleichen Preis mehr Wohnraum beheizen kann. Deshalb sind die Wohnungen in der Folge größer geworden. Oder nehmen wir die Autos, ganz ähnlich: Die Motoren werden effizienter, aber die Autos sind immer größer und zahlreicher. Die Umweltbilanz im Verkehr insgesamt wird also nicht besser. Wichtig ist, das Bewusstsein zu verändern. Und seit 1973 hat sich das Umweltbewusstsein schon sehr entwickelt. Später ist dann dazugekommen, dass wir auch das Klima schützen müssen. Nur aus dem Bewusstsein müssen dann Maßnahmen werden, würde ich sagen. Die Energieversorgung umzustellen, das ist eine Aufgabe, die man nicht schnell schaffen kann. Aber sie ist in den vergangenen Jahrzehnten immer in den Hintergrund geraten. Gerade der Ausbau von erneuerbaren Energien hat doch viel zu lange gedauert. Was nötig gewesen wäre - das hat man im Grunde schon Mitte der 1970er Jahre gewusst.

Was denkt ihr denn? Wie sollten wir die aktuelle Krise handhaben? Auch im Vergleich zu früher? Was sollten wir da lernen? Schreibt das gerne unten in die Kommentare. Und hier neben mir findet ihr noch ein Video über die Geschichte der Beziehungen zwischen Deutschland und Russland, und darunter ein Video über sechs große Wirtschaftskrisen der Geschichte von „Terra X“. Danke fürs Zuschauen und bis zum nächsten Mal.