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Transgender-Kinder | WDR Doku

WDR Doku44:13

Transcription

Musik: Asaf Avidan „The Reckoning“

One day, baby, we’ll be old, oh baby, we’ll be old. And think of all the stories that we could have told. One day, baby, we’ll be old, oh baby, we’ll be old. And think of all the stories that we could have told.

Untertitel: WDR mediagroup digital GmbH im Auftrag des WDR

Ich bin als Junge auf die Welt gekommen. Und ich wollte eigentlich schon immer ein Mädchen sein. Als Junge hab ich nie wirklich richtig gelebt. Ich sehe mich im Spiegel und sehe, dass es richtig ist. Transgender-Kinder. Jungen, die als Mädchen leben. Mädchen, die als Junge leben. Ich werde kein richtiger Mann, wenn ich keine Hormone nehme und keine OPs mache. Ich möchte einen Penis und den hab ich nun mal leider nicht. Eine radikale Veränderung. Für die Kinder und Jugendlichen und für die Eltern. Der Verlust war der, dass ich meinen Jungen verloren habe, den ich quasi 12 Jahre groß gezogen hab als Jungen. Das Geschlecht wechseln. Abwägen, welche Folgen die Eingriffe für den eigenen Körper haben. Es ist nicht der Körper, den ich mir gewünscht hätte, aber es ist nicht der falsche Körper. Und er wird auch nie der falsche Körper sein. Ich kann ihn so anpassen, dass er mir gefällt. Transgender-Kinder und ihr langer Weg zu einer selbstbestimmten Identität. Ein Alltag zwischen Normalität und Ausnahmezustand. Wie erleben die Kinder und Jugendlichen diese Zeit?

Musik

Ich bin Sophia. Ich bin 8 Jahre. Ich kletter gern, turnen gehen. Und ich schwimm gern. Doch Sophia ist anders als andere Mädchen. Sie hat ein Geheimnis. Ich wollte schon immer ein Mädchen sein. Schon seit ich ganz klein bin. Ich war immer schon ein Mädchen. Schon mit 4 Jahren ist sich Sophia ganz sicher. Sie ist ein Mädchen. Ihre Haare sollen wachsen. Die Jungs-Klamotten will sie nicht mehr anziehen. Und das Zimmer muss rosa gestrichen werden. Die Haare werden immer länger. Ich hab am Anfang gedacht, ist halt so, ist eine Phase. Kinder probieren aus, und wir lassen sie einfach. Weil es ist ein Kind, und sie soll spielen wie jedes andere Kind auch. Und nicht der Norm entsprechen, Jungs nur mit Autos, Mädchen nur mit Puppen. Wir haben sie einfach gelassen am Anfang. Ich erklär mir das so, dass Sophia, wenn sie gespielt oder sich angezogen hat, sich nicht wohl gefühlt hat in ihrem Körper. Und so gemerkt hat, dass es nicht richtig ist. Geboren wurden Sophia als Philipp. Sie hat 3 Brüder und Mama und Papa. Eine Familie aus einem kleinen Dorf in Norddeutschland. Sophia ist noch im Kindergarten, als sie zu ihren Eltern sagt, dass sie ab jetzt nicht mehr Philipp heißt, sondern Sophia. So wie die Prinzessin aus ihrer Lieblingsserie. Das war so eine kleine Prinzessin mit braunen Haaren. Die hat dann mit Vögeln gespielt. Die hatte ein wunderschönes Leben. Da guckt sie mich an und sagt freudestrahlend: Ich heiße Sophia. Ab da war das von einem auf den anderen Tag klar, sie heißt Sophia, da war auch nichts anderes. Wir hatten zwischendurch noch mal angedacht, vielleicht doch… Nein, es war Sophia. Sie hat sich für diesen Namen entschieden, das wäre so. Bei mir war eher das im Vordergrund, dass ich lange getrauert habe. Dass es auch schon früh anfing. Weil umso mehr Philipp sich damals verändert hat, umso mehr Sophia geworden ist, wurde Sophia halt glücklicher. Aber ich hab ein Stück weit mein Kind verloren. Für mich war das ganz schwierig, ganz hart, damit zurechtzukommen. Mit dieser Veränderung. Sophia ist ein Transgender-Kind. Ihr biologisches Geschlecht lehnt sie ab. Sie fühlt sich nicht als Junge, sondern als Mädchen. Ärzte sprechen bei Kindern und Jugendlichen statt von Transsexualität von einer Transidentität. Schließlich gehe es nicht um eine sexuelle Orientierung, sondern um die Identität.

Musik

Ich bin Klara, 15 Jahre alt. Ich lebe seit meinem 13 Lebensjahr als Mädchen. Davor habe ich 12 Jahre als Junge gelebt. Ich habe angefangen, mich für Mädchen-Klamotten zu interessieren und ich habe Mädchen-Klamotten anprobiert. Ich habe gemerkt, dass ich es schön finde, lange Haare zu haben. Ich sehe mich im Spiegel und sehe, dass es richtig ist. Und… wenn ich mich sehe, dass ich Dinge machen kann, die ich vorher als Junge nicht konnte, dann bereitet mir das Spaß. Ich kann mich so zeigen, wie ich bin. Ich fühle mich so wohl in meinem Körper, wie ich jetzt bin. Ihre alten Kinderfotos schaut Klara nur noch selten an. Die Person, die sie dort sieht, habe nur noch wenig mit ihr zu tun. Der Junge auf den Fotos heißt Justin, ihr altes Ich. Ich sehe diese Bilder vor mir und wie ich mal war. Jetzt bin ich ein komplett anderer Mensch. Diese Person ist wie ausgelöscht, sozusagen, die gibt es nicht mehr. Klar, es sind Erinnerungen von mir. Aber sie existiert einfach nicht mehr. Von ihrer Zeit als Justin redet Klara heute nur noch in der 3. Person. Ja. Er hat sich versucht, als Junge zu identifizieren, aber es hat sich für ihn falsch angefühlt. Und es war für ihn sozusagen ein Muss oder ein Drang, ein Junge zu sein, weil er es noch nicht kannte, anders zu sein oder trans zu sein. Ja. Anders sein, trans sein. Das behält Klara zunächst für sich. Bis sie ihren ganzen Mut zusammennimmt und sich mit 12 Jahren bei ihren Eltern outet. Teilweise fällt es mir jetzt noch schwer. Wenn ich alte Fotos sehe, kommen mir die Tränen. Weil es natürlich eine Zeit davor gab. Die kannst du nicht auslöschen. – Richtig. Und wenn sie dann sagt, Mama, nimm die ganzen Fotos weg. Das und dies weg. Ich kann sie einerseits verstehen, aber ich hab auch gesagt, du musst uns auch verstehen, weil es gab ja ein Leben vor Klara. Und das ist für sie sehr schwierig. Von Justin zu Klara, von er auf sie. Mehr als nur ein anderes Wort. Als Vater konnte ich alles mit Justin damals machen, was man so mit seinem Jungen macht. Ob das Schwimmen ist oder Angeln. Oder Camping. Alles das. Das findet heute nicht mehr statt. Aber ist schon schwierig. Auch jetzt noch ein bisschen schwierig, ständig Klara zu sagen. Aber man gewöhnt sich, die Zeit heilt alle Wunden. Es wird schon irgendwie weitergehen. Aber es ist nicht einfach für mich, bin ich ganz ehrlich.

Musik

Ich bin Alexander. Ich bin 14 Jahre alt. Ich lebe jetzt seit 2 Jahren als Junge und habe vorher 12 Jahre lang als Mädchen gelebt. Mein Mädchenname war Anna. Und das hat sich sehr… Es hat sich einfach falsch angefühlt, dass ich so genannt wurde. Weil das überhaupt nicht zu mir gepasst hat. Und die anderen haben es nicht verstanden. Sie konnten es nicht verstehen, weil sie es nicht wussten. Dass er anders ist, hat Alexander früh gemerkt. Schon als Kind gibt er sich Jungs-Namen. Für ihn ist das mehr als nur Spiel. Doch als die Pubertät beginnt, bricht für ihn eine Welt zusammen. Also, der Tag war der, an dem ich meine… die Frauenprobleme bekam, ähm… Ich hatte so sehr geweint, ich habe geweint. Ich habe gefleht, dass mir das nicht passiert. Ich hab nicht gewusst, warum mir das passiert. Weil ich dachte, ich bin doch ein Junge, was wollt ihr von mir? Auf all seine Fragen bekommt Alexander zunächst keine Antwort. Es folgen Depressionen, Zusammenbrüche. Er geht nicht mehr zur Schule. Ich hab mich einfach so hilflos und allein gefühlt, dass ich überhaupt nicht mehr klarkam oder klarkommen wollte. Ich hab nicht zusammenbekommen, dass ich mich fühle wie ein Junge, aber in dem anderen Körper noch stecke. Mein jetziger Körper ist eine Hülle. Ich kann nicht ein ganzes Leben lang in einer Hülle leben. Das wäre so ekelhaft einfach. Ich bin einfach so nicht. Und ich will auch gar nicht so sein. Sein Körper weiblich, seine Identität männlich. Alexander hat sich entschieden, nun auch körperlich zum Mann zu werden. Heute ist der 1. Tag, an dem er männliche Hormone nehmen darf. Ein Testosteron-Gel, das über die Haut aufgenommen wird, soll ihm endlich die Pubertät eines Jungen ermöglichen. Ich freue mich am meisten auf den Stimmbruch und auf mehr Körperbehaarung. Und einfach generell darauf, dass ich männlicher werde. Das ist für mich auch einfach in mir selbst, dass sich was verändert, sowohl äußerlich als auch innerlich. Und sich alles mehr zum Guten wendet.

Ich bin Fynn und ich bin eigentlich ein ganz normaler Junge, der das nur nicht immer wusste. Ich würde sagen, ich hab fast 14 Jahre lang als Mädchen gelebt, bevor ich rausgefunden habe, dass ich vielleicht gar kein Mädchen bin. Ich hab dann in den Spiegel geguckt. Da war ein halbwegs hübsches junges Mädchen, aber es hat überhaupt nicht sich richtig angefühlt. Ich hab dann immer gedacht, eigentlich sollte ich mit diesem Körper zufrieden sein, aber ich war es nie. Fynn hat gerade sein Abitur gemacht. Seit 3 Jahren nimmt er männliche Hormone. Aber was typisch männlich ist, das definiert er für sich selbst. Geschlechterklischees interessieren ihn nicht. Ich hab vorher schon gern genäht, auch bevor ich mich geoutet hab. Jetzt das aufzugeben, nur weil ich auf einmal als Junge lebe, ist irgendwie komisch. Ich bin ja noch derselbe Mensch. Man wird ja keine neue Person, das geht gar nicht. Insofern finde ich es komisch, wenn Leute ihre Hobbys aufgeben. Nur weil sie jetzt in einem anderen Geschlecht leben. Es gibt genug Mädchen, die Fußball spielen, warum soll es keinen Jungen geben, der näht? Die Hormone waren für ihn der 1. Schritt Richtung männlicher Körper. Jetzt ist er volljährig und darf nun auch durch Operationen das ändern, was ihn stört. Und das ist vor allem seine weibliche Brust. Es ist etwas, das ganz klar und oft mit Weiblichkeit in Verbindung gebracht wird. Leute, die einen nicht zuordnen können, schauen einem verwirrt ins Gesicht. Dann schauen sie am Körper runter, ob sie eine Brust finden können, um rauszufinden, was für ein Geschlecht man hat. Und das ist ätzend. Fynn hat sich für eine Mastektomie entschieden, eine Brustamputation, bei der die weibliche Brustdrüsen entfernt werden. Noch wartet er darauf, dass die Krankenkasse die Kosten übernimmt. Erst dann kann er einen OP-Termin machen. Ich mochte meine Brust noch nie, ich wollte nie eine haben. Deshalb will ich sie loswerden. Der einzige Grund, warum ich meine Brust zurzeit akzeptieren kann, ist, dass ich weiß, dass ich sie nicht für immer haben werde.

Veränderung. Bei der 8-jährigen Sophia sind das erst mal die ganz alltäglichen Dinge. Spielsachen, Haare, Klamotten. Das Schwierigste, was ich damals hatte, war, wo sie das 1. Mal ein Kleid anhatte, so ein blaues. Da waren wir einkaufen und dass die Leute gucken. Es ging mir nicht darum, dass sie jetzt in Kleidern rumlief. Es ging mir eher um die Blicke von den anderen Leuten. Was denken die Nachbarn? Was die Freunde und die Verwandten? Fragen, die vor allem die Eltern am Anfang beschäftigt haben. Für Sophia sind andere Dinge wichtig. Ich hatte vorher einen anderen Namen, der fängt mit „P“ an, aber den möchte ich nicht sagen. Ich möchte, dass niemand den Namen sagt. Weil der mich aggressiv macht. Das Familienleben hat Sophia durcheinandergewirbelt. Nicht nur ihr alter Name ist tabu, auch die alten Fotos, auf denen sie noch wie ein Junge aussieht. Also, alles, was an ihrem alten Ich, an die Person Philipp erinnert, musste entfernt werden aus dem Haus. Wenn sie schon bei dem Namen aggressiv wird, kann man sich vorstellen, wie sie wird, wenn sie so ein Foto sieht. Sophias Eltern haben lange nach professioneller Hilfe und Unterstützung gesucht. Gefunden haben sie sie an der Uniklinik Münster, bei einer Elternsprechstunde für Transgender-Kinder. Dass Sophia schon so früh ihr biologisches Geschlecht ablehnt, für Psychotherapeutin Birgit Möller nichts Ungewöhnliches. Es geht darum, dass sie sich als Mädchen erlebt. Oder Sophia auch eindeutig sagt, ich bin ein Mädchen. Ich möchte nicht ein Mädchen sein, sondern ich bin ein Mädchen. Es gibt eben auch in jungen Jahren Kinder, die das klar für sich benennen können. Weil es um ein Gefühl geht, um ein ganz tiefes existenzielles Gefühl der Geschlechtszugehörigkeit, der Geschlechtsidentität. Das spüren die Kinder. Hast du mal erlebt, dass manche dich vielleicht gehänselt haben in der Schule? In der Schule haben mich in der 1. und 2. Klasse welche geärgert. Ja. – Mhm. Was haben die gemacht, wie haben die dich geärgert oder gehänselt? Die haben meinen alten Jungs-Namen gesagt. Der Psychotherapeutin geht es vor allem darum, Sophia zu begleiten und sie nicht in eine bestimmte Rolle zu drängen. Spielerisch versucht sie herauszufinden, was die 8-Jährige bewegt. Was sie ärgert und was sie bedrückt. Was wärst du für ein Tier… – Ein starker Adler. Der stärkste der Welt. – Ja. Der schnellste… – Der schnellste auch. – Und der stärkste. Und ich halt viel aus. Wär das auch etwas, was du dir wünschen würdest? – Ja. Ich glaube, dass wie ein Kind sich fühlt, ist immer richtig. Da gibt’s kein richtig und kein falsch in dem Sinne. Sich als Mädchen erleben, aber körperlich ein Junge sein. Ein Widerspruch, der für Sophia nur schwer zu akzeptieren ist. Bei Sophia ist es so, dass sie darüber nicht sprechen möchte. Was ganz verständlich ist vor dem Hintergrund, dass dieses Geschlechtsteil nicht zu ihr passt in ihrem Erleben. Deswegen fällt es ihr auch so schwer, darüber zu sprechen. Für viele ist das mit großer Ablehnung, wenn die älter werden, mit Ekel, Abscheu verbunden. Über etwas zu sprechen, was so negativ besetzt ist, fällt manchen sehr schwer. Trotz aller Unterstützung, hier kommen auch Sophias Eltern an ihre Grenzen. Es gibt Momente, da sagt sie, sie möchte den P nicht mehr haben. Also, sie spricht es auch nicht komplett aus. Sondern sie sagt immer nur P. Oder „das Teil da unten“. Damit sie das ab und zu ausblenden kann, hat Sophia eine Augenbinde in ihrem Zimmer. Ich benutze die Augenbinde zum Duschen oder Anziehen, weil ich mich nicht sehen möchte, untenrum, meinen P. Irgendwann kommt die Pubertät. Wenn sie jetzt schon so vehement ihren Körper ablehnt, macht man sich schon Sorgen, was ist in den nächsten Jahren? Wenn der Körper sich verändert, wie reagiert sie dann?

Musik

Also, ich bin ja noch nicht ganz ein Mädchen. Deswegen wünsche ich mir, dass ich ganz ein Mädchen bin. Dass ich keinen Bart kriege, dass ich nicht so eine Stimme kriege wie ein Mann. Und unten mein P weg. Es gibt so Zaubermedizin. Wenn man die nimmt, ja… dann wird man anders, so wie ein Mädchen.

Musik

Als Mädchen leben und zu einer Frau werden. Für Klara hat dieser Prozess schon begonnen. Der 1. Schritt, verhindern, dass sie die Pubertät eines Jungen erleben muss. Ich hab mir ständig einen Druck gesetzt, ich hab auch zu meiner Mutter gesagt, Mama, ich brauch unbedingt Hormon-Blocker. Irgendwas muss mit der Pubertät passieren, dass sie gestoppt wird, weil so kann das nicht weitergehen. Mit 13 beginnt Klara „Hormon-Blocker“ zu nehmen. Die unterdrücken zunächst die Pubertät und wirken wie ein Pausenknopf. Seit ein paar Monaten nimmt Klara zusätzlich Östrogene. Die gegengeschlechtlichen Hormone sollen sie auch körperlich zu einer Frau machen. Also, wenn ich mich zum Mann entwickeln würde, wäre es ja das komplette Gegenteil als das, was ich sein möchte. Das Ziel ist es ja, dass ich so weiblich wie möglich aussehe. Und sich mein Körper durch die weiblichen Hormone so anpasst. In Hamburg haben Klara und ihre Eltern medizinische Hilfe gefunden. Fast 300 km entfernt von ihrem Zuhause. Hier besuchen sie regelmäßig einen Hormonspezialisten. So, Klara, dann setz dich doch hier einmal hin. Dann wollen wir einmal sehen, was die Hormone in den letzten Monaten für Veränderungen mit sich gebracht haben. (Klara) Hauptsächlich die Brust. Dass meine Taille schmaler geworden ist. Meine Beine sind auch dünner geworden. Sodass ich in alte Hosen reingepasst habe. Seit 15 Jahren behandelt Achim Wüsthof Transgender-Jugendliche. Mit der gegengeschlechtlichen Hormontherapie beginnt er meistens, wenn die Jugendlichen 14 Jahre alt sind. Voraussetzung ist die Stellungnahme eines Psychotherapeuten, der die Behandlung befürwortet. Die Veränderungen, die mit dem Körper geschehen, sind unumkehrbar. Wenn jemand einmal einen Stimmbruch durch Testosterongabe erfahren hat, wird das das ganze Leben lang bleiben. Genauso wie auch eine Brustentwicklung. Die kann nur unter Umständen durch eine Operation wieder rückgängig gemacht werden. Die gegengeschlechtlichen Hormone sind ein massiver Eingriff in die körperliche Entwicklung von Jugendlichen. Und nicht unumstritten. Denn kann sich ein Teenager wirklich sicher sein, dass er im anderen, im gefühlten Geschlecht leben will? Die Sicherheit ist nie 100%. Aber aus meiner Sicht ist das Risiko einer Fehlentscheidung geringer als das Risiko des Nichtstun. Die ungewollte Pubertät ist eine Qual für diese Jugendlichen. Und man muss sie letztlich davor bewahren, dass durch diese Qual dieser Leidensdruck so zunimmt, dass sie sich unter Umständen etwas selber antun.

Der Gedanke aufzugeben, sich hängen zu lassen, den bekämpft Alexander. Er hat sich neue Ziele gesetzt und will nun auch äußerlich seinem Idealbild eines Mannes näherkommen. Ich möchte auf jeden Fall Muskeln haben. Breitere Schultern, sodass zumindest der Oberkörper erst mal ein bisschen männlicher wirkt. So von den Muskeln her. Dass er vor 2 Jahren noch Anna hieß, im Fitnessstudio merkt es niemand. Und dass Alexander danach in die Männer-Umkleidekabine geht, für ihn selbstverständlich. Seit 3 Monaten nimmt er jetzt männliche Hormone. Die ersten Veränderungen sind schon sichtbar. Auf jeden Fall bekomme ich ein bisschen Bart. Vor allem über der Oberlippe. Und halt auch an den Seiten. Und auch ein bisschen am Kinn. Also, ich denke, man merkt auch ein bisschen was an der Stimme. Eine bisschen tiefere Stimme, denke ich mal. Das ist auf jeden Fall cool, weil sich halt was verändert. Und manchmal ist es ein bisschen merkwürdig, weil man vor einiger Zeit gar nicht gedacht hätte, dass das überhaupt so passieren wird, dass das so schnell geht. Es hat viel Überwindung und Zeit gekostet, bis er auch zu seiner Mutter sagen konnte, ich bin Alexander. Lange wusste sie nicht, was mit ihm los ist. Warum er sich immer weiter zurückzog. Sein Coming-out, dieses Fotoalbum, nur mit Bildern seines neuen Ichs. Er wusste, dass ich traurig sein werde, weil ich habe mir immer ein kleines Mädchen gewünscht. Und ich wollte der halt so Kleidchen anziehen. Und Hello Kitty und pink und Glitzer. Und hab dann relativ schnell gemerkt, dass ich da bei Alex nicht so weit mit kam, bis er ungefähr 3 war. Und dann fiel… sein Geschmack eher so in den Bereich „Wilde Kerle“ und Fußball und Totenköpfe und Piraten und… Ja. Vielleicht, hab ich auch schon drüber nachgedacht, hab ich das einmal zu oft gesagt, dass ich immer ein Mädchen haben wollte. Vielleicht hat er sich das deshalb nicht früher getraut, mir zu sagen, dass er jetzt Alexander ist. Seinen Vater sieht Alexander nur noch selten. Seine Eltern haben sich kurz nach seiner Geburt getrennt. Meine Mutter ist so ziemlich die wichtigste und einzigste Stütze bei dem Prozess. Ich hätte niemand anderen, der mich irgendwie unterstützt. Das heißt, ich bin auf diese Hilfe angewiesen. Weil alleine würde ich das gar nicht, jedenfalls nicht so gut, hinbekommen, alles. Darf ich mal anfassen? Oh ja. Merkt man. Mhm. Und? Fühlt du dich gut damit? Mhm. – Ja? Nein sagen zu der Hormonbehandlung, diese Alternative hat es für seine Mutter nie gegeben. Das wäre ja eine Qual gewesen, wenn ich darauf bestanden hätte, dass er erst mit 18, wenn er selbst entscheiden kann, diese Schritte geht. Ich hätte ihn quasi dazu verdammt, sich noch weiter körperlich als Frau zu entwickeln. Die Verantwortung der Eltern, das Glück der eigenen Kinder. Gemeinsam die richtigen Entscheidungen treffen, ein ständiger Balanceakt. Auch für Fynns Eltern. Manchmal hätte man sich gewünscht, dass es so ein normales Teenageralter ist. Weil dieser Aufwand so riesig ist, den wir da betreiben mussten für verschiedene Dinge. Dann dieses Schreiben und Hin- und Herfahren und Termine machen. Das war schon lästig. Dann hätte ich lieber manchmal die Türen geknallt oder so. Oder wild geschrien oder so was. Aber das war halt nicht. Es war einfach richtig Arbeit, den Fynn so zu unterstützen, wie er es gebraucht hat. Anträge, Gutachten, Psychologentermine. Immer wieder muss sich Fynn bei anderen erklären. Damit er seinen Namen offiziell ändern darf. Damit er männliche Hormone bekommt. Damit die Krankenkasse die Brust-OP bezahlt. Es gibt viele Leute, die schaffen es nicht zu sehen, dass das Geschlecht nicht unbedingt von den Genitalien abhängt. Und erst recht nicht davon, was auf der Geburtsurkunde steht. Es gibt viel zu viele Leute, denen ich das erklären muss. Weil sie nicht wissen, dass es was anderes geben könnte. Und ich habe keine Lust mehr, mich immer erklären zu müssen. Auch in den Augen der anderen will Fynn als junger Mann wahrgenommen werden. Das Mädchen, das er mal war, soll nur auf den alten Fotos existieren. Die Brust-OP steht kurz bevor. Der nächste große Schritt für Fynn, damit er sein männliches Empfinden noch stärker sichtbar machen kann. Okay, so wird es sein. Bin ich ein bisschen aufgeregt, ehrlich gesagt. Ich glaube, du bist mehr aufgeregt als ich. – Ja. Ich freue mich für dich. Ich freue mich auch, aber ich bin nicht so aufgeregt, aufgeregt. Dazu ist es noch zu lang hin. Ich will es einfach haben, so jetzt. Eigentlich lieber gestern. Aber wie viel Veränderung muss überhaupt sein, um ein glückliches Leben zu führen? Fynns Mutter unterstützt die Brust-OP. Ist aber auch erleichtert, dass ihr Sohn im Moment nicht mehr verändern lassen will. Wir sind uns beide einig, dass es mein Körper ist und dass ich damit glücklich sein muss. Das führt meistens zum gleichen Ergebnis. Der wird ja erwachsener, immer erwachsener werden. Und es ist sein Leben, er bestimmt es selbst mit allen Folgen. Ich kann nicht für alle Konsequenzen, die das hat, geradestehen. Und das ist das, was ich ihm immer gesagt habe. Wenn dich das jetzt glücklich macht und du dir jetzt sicher bist, dann gehe ich jetzt mit dir diesen Weg. (Vater) Er wollte als Mann weiterleben. Dann ist das jetzt sein Weg. Das hatte ich nie angezweifelt, dass das vielleicht nicht richtig sein könnte. Insofern… Klar haben wir uns Sorgen gemacht, was die Hormone und die OP, was das körperlich für Konsequenzen hat. Aber es gibt auch dazu keine großen Alternativen. – Genau. Dann Augen zu und durch.

Eine ganz normale Kindheit? Fast undenkbar. Schon bei der Einschulung musste für Sophia eine große Entscheidung getroffen werden. Sie wollte als Mädchen zur Schule gehen und durfte. Super. Wer hat denn alles richtig gehabt? Für Sophia selber gibt es keinen Zweifel. Sie äußert gar nichts anderes, das ist auch keine Diskussion für sie, oder Diskussionsgrundlage. Sie ist Sophia. Und bei den Kolleginnen ist es genauso. Wir sehen sie als Mädchen. Sophia ist das 1. Transgender-Kind an dieser Grundschule. Kurz nach der Einschulung reden die Lehrer mit ihren Mitschülern. Sie erklären, dass Sophia in einem Jungs-Körper stecke, aber eigentlich gern Mädchen-Sachen mache und ein Mädchen sei. Danach ist das Thema erledigt. Guck mal, ich hab 31 schon. – Boah. Mädchen oder Junge? Für Sophias Mitschüler ist sie das, was sie sein will. Beim Sportunterricht darf Sophia in die Mädchenumkleide. Schwieriger wird es nur beim Schwimmen. Dort hat sie eine Einzelkabine und muss alleine duschen. Das ist rechtlich auch eine schwierige Frage. Können wir ein Kind, das vom Körper her ein Junge ist, zu den Mädchen zum Umziehen schicken? Dürfen wir das? Und auf der anderen Seite, moralisch gesehen, ist es, denke ich, auch schwierig, Sophia zu sagen, du bist im Körper eines Jungen, und du musst dich bei den Jungs umziehen. Dieses Dilemma hatten wir. Sportunterricht, Toiletten, der Name auf dem Zeugnis. Für Transgender-Kinder müssen Schulen immer wieder Ausnahmen finden. Sonderregeln und manchmal extra viel Aufmerksamkeit, das spüren auch Sophias Brüder. Vor allem ihr ältester Bruder Maximilian. Er ist 12 Jahre alt. Dass ich mal einen Bruder hatte und jetzt eine Schwester, das war das Schwierigste. Weil ich wusste auch gar nicht, dass es so was gibt. Dieses Trans. Das war, wo sie 4 oder 4, 5, glaube ich… 4, 5 oder 6, glaube ich eher. Ja, da fing das ja an. Da hab ich das noch nicht so gut verstanden. Jetzt verstehe ich auch noch nicht alles, aber so ein paar Sachen mehr. Das ging auch alles sehr schnell. Sophias Eltern sagen, die 8-Jährige gibt das Tempo vor. Und sie mussten lernen, auf Sophia zu hören. Ich bin sicher, dass Sophia den richtigen Weg geht. Und dass sie ein Mädchen ist. Ich bin stolz, dass sie dieses Geheimnis mit uns geteilt hat, dass sie uns das anvertraut hat. Dass sie so selbstbewusst ist, dass zu zeigen, dass sie sich nicht unterkriegen lässt.

Selbstbewusstsein, das fängt bei Klara schon mit Äußerlichkeiten an. Vor ein paar Jahren hat sie sich noch heimlich Mädchen-Klamotten gekauft. Heute hat sie den ganzen Kleiderschrank voll davon. Ich probiere mich auch gerne neu aus. Ich achte darauf, dass ich auch Brust zeigen kann. Das ist ja das, worauf ich stolz bin. Und ich möchte auch zeigen, dass ich welche habe. Und dass ich auch mit der Zeit Hüften bekomme und meine Taille schmaler wird. Das versuche ich, zu betonen. Aber das ist nicht immer leicht. Wenn sie rausgeht, spürt sie die Blicke der anderen. Es kostet einfach immer wieder Überwindung und Mut, sich so den Menschen zu präsentieren. Man weiß, dass man angeguckt wird. Und dass die Leute eventuell auch negativ reagieren könnten. Anders sein, das bedeutet auch immer, angreifbar sein. Klara merkt das vor allem auf dem Schulhof. Wie war es denn in der Schule heute? Geht. Wieso? – Keine Ahnung, wieder dumme Kommentare. Aber Klara will nicht, dass sich ihre Eltern einmischen. Das würde es nur schlimmer machen. Ein Stück Hilfslosigkeit am Mittagstisch. Was sie erzählt, was sie durchmachen musste, auch körperliche Gewalt, das geht mit Schubsen los oder Schlagen, dann das Verbale mit diesen komischen Ausdrücken wie Schwuchtel. Das geht schon richtig rein, das tut richtig weh. Und man kann nichts machen. Jetzt mittlerweile versucht sie immer, stärker zu sein. Aber es gibt auch Phasen, wo sie noch am Weinen ist: Mama, warum kann ich nicht endlich so akzeptiert werden, wie ich bin? Für mich ist das das Schlimmste. Die meiste Zeit verbringt Klara in ihrem Zimmer. Und wenn ihre beste Freundin Luisa da ist, fühlt es sich fast an wie ein ganz normales Teenager-Leben.

Musik

Ich habe schon Respekt vor ihrem Selbstbewusstsein. So generell, wie sie damit umgeht. Wenn zum Beispiel in der Schule was sagen, ignoriert sie es auch meistens. Ich könnte das nicht. Früher war es so, ich hatte Angst davor, wie die Menschen reagieren würden. Wie sie mich behandeln würden. Aber ich habe mir einfach gesagt: Okay, Klara, diese Zeit wird schwer. Aber diese Zeit wird auch irgendwann vorbeigehen, wenn du weißt, wie du damit umzugehen hast.

Schulglocke

Mobbing, blöde Sprüche, Beleidigungen in sozialen Netzwerken. Auch Alexander hat das immer wieder erlebt. Noch in der 6. Klasse hatte er 64 Fehltage, weil er nicht mehr zur Schule gehen wollte. Also, hier findet es überhaupt nicht als Thema statt. Man hat definitiv das Gefühl, weder die Lehrer noch die Schüler befassen sich in irgendeiner Art und Weise sowohl mit dem Thema Transsexualität als auch mit dem Thema Homosexualität. Dann fühlt man sich hier an dieser Schule schlicht und ergreifend verloren. Aber Alexander will sich nicht länger zu Hause verstecken. Vor einem Jahr, in der 7. Klasse, wagt er den Schritt vor seine Mitschüler. Ich hatte so was von Schiss. Aber mir war klar, dass das nötig ist, dass vor der ganzen Klasse zu sagen, vor dieser Gruppe. Und auch vor Leuten, die ich nicht ganz so toll finde. Nur durch das Outing ging es mir dann auch mit der Zeit immer besser. Und ich kam auch von diesen Depressionen wieder weg. Weil es war einfach befreiend, es war enorm befreiend, es tat gut. Und es war endlich raus. Unterstützung auf seinem Weg bekommt Alexander seit über 2 Jahren an der Uniklinik in Hamburg. Hier gibt es eine Spezialambulanz für Transgender-Kinder- und Jugendliche. So, dann komm doch bitte hinein. Ich habe Alex kennengelernt, da war er in einem ziemlich festgefahrenen inneren Zustand. Konnte wenig seinen Wünschen nachgehen, hatte wenig Beziehungen, wenig Außenaktivitäten und war sehr unglücklich und auch stark depressiv. Zu sich selbst stehen, herausfinden, welche Möglichkeiten er als Transgender-Junge hat. Das hat Alexander in den Gesprächen mit seiner Psychotherapeutin gelernt. Also, das Erste ist, ich fühle mich generell besser, wohler. Ich habe nicht mehr so oft das Gefühl, total deprimiert zu sein. Und ich habe wieder Spaß am Leben. Und das ist eigentlich was Gutes. Ankommen, sich akzeptieren, auch körperlich. Fynn kommt diesem Ziel einen großen Schritt näher. Der vielleicht wichtigste Tag seines jungen Lebens. Seine weibliche Brust soll entfernt werden. Eine Klinik in Düsseldorf hat sich auf Eingriffe wie diese spezialisiert. Hallo, guten Tag. Gut angekommen? – Ja. Perfekt. – Mit einem Navi ist es einfach. Morgen wird der Eingriff sein. Natürlich in Narkose. Der Eingriff dauert etwa 1,5 h. Wir werden hier entsprechend vorgehen mit einem Schnitt in der Unterbrustfalte. Wir werden die Brustdrüse entfernen. Auch Haut entfernen, damit der Aspekt hinterher schön flach ist. Wie Sie sich das hoffentlich vorstellen. (Fynn) Ja, schon.

Musik

Ich würde mir einfach nur wünschen, dass Menschen aufhören, sich so viele Gedanken darum zu machen, was für ein Geschlecht Fremde haben. (lacht) Das kam plötzlich. (er seufzt) So, Großer. Freust du dich? – Ja. Das wird gut. Klar wird das gut.

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Fynn sagt, er mache die Operation vor allem für sich selbst. Aber er hofft, dass er dann auch von den anderen als junger Mann angesehen wird. Eindeutig, ohne Fragezeichen. (Fynn) Für mich ist es eine Art Abschluss, weil ich nicht vorhabe, noch weitere Dinge zu ändern, erst mal, an mir selbst. Also, ich bin vorher und nach der OP genauso männlich. Aber ich bin danach wahrscheinlich glücklicher mit meinem eigenen Körper.

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Kurz nach der Operation. Fynn muss jetzt 6 Wochen einen Kompressionsverband tragen. Dann will er endlich ohne T-Shirt ins Wasser springen. Es ist schon flacher als vorher. Ja.

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Ich bin wirklich glücklich. Also, noch glücklicher, als ich erwartet hätte. Glück und ein Stück Normalität. Am Ende wollen alle Familien das Gleiche. Egal, ob die Kinder Transgender sind oder nicht.

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